896
Bearbeitungen
Admin (Diskussion | Beiträge) K (Gespenster: Beispiel Napoleon am Anfang, Reihenfolge) |
Admin (Diskussion | Beiträge) K (Gespenster: Die Kultur erweitert, Im Alltag) |
||
| Zeile 67: | Zeile 67: | ||
* '''Gespenster:''' Man denke an Napoleon. Man sieht die Uniform, den Hut und die Hand, die vorne in die Jacke geschoben ist. Man ist ihm nie begegnet, aber man sieht ihn. Oder man denke an Julius Cäsar. Das sind Gespenster. Man muss es nicht glauben, man kann es selbst nachprüfen. Es sind keine Gespenster aus dem Film, die frei herumlaufen und anderen erscheinen. Es ist eine einfache Beschreibung der alltäglichen Erfahrung. Ein Gespenst ist eine schemenhafte Figur, die man vor dem geistigen Auge sieht. Das sind bekannte Personen, oft Verstorbene, aber auch Menschen, denen man nie begegnet ist, wie Napoleon. Bei manchen geht es um etwas, wo man eine Rechnung offen hat oder was man klären muss. Man sieht sie vermehrt in ruhigen Momenten, oft nachts vor dem Schlafengehen, und sie kommen immer wieder, auch wenn man sie vertreiben will. Man begegnet ihnen, redet und streitet mit ihnen. | * '''Gespenster:''' Man denke an Napoleon. Man sieht die Uniform, den Hut und die Hand, die vorne in die Jacke geschoben ist. Man ist ihm nie begegnet, aber man sieht ihn. Oder man denke an Julius Cäsar. Das sind Gespenster. Man muss es nicht glauben, man kann es selbst nachprüfen. Es sind keine Gespenster aus dem Film, die frei herumlaufen und anderen erscheinen. Es ist eine einfache Beschreibung der alltäglichen Erfahrung. Ein Gespenst ist eine schemenhafte Figur, die man vor dem geistigen Auge sieht. Das sind bekannte Personen, oft Verstorbene, aber auch Menschen, denen man nie begegnet ist, wie Napoleon. Bei manchen geht es um etwas, wo man eine Rechnung offen hat oder was man klären muss. Man sieht sie vermehrt in ruhigen Momenten, oft nachts vor dem Schlafengehen, und sie kommen immer wieder, auch wenn man sie vertreiben will. Man begegnet ihnen, redet und streitet mit ihnen. | ||
:'''Der Ansatz.''' Beschrieben wird die subjektive Erfahrung ohne Filter. Das Subjektive wird als real gesetzt. Ob es physikalisch wirkt, ist eine zweite Frage, die man danach noch stellen kann. Damit wird nicht gesagt, dass Gespenster materielle Gegenstände bewegen. Beschrieben wird nur das Phänomen. Vieles sieht man nicht, weil es für irreal gehalten wird. Man hat die Erfahrung von Gespenstern, redet und argumentiert mit ihnen, nennt es aber nicht Gespenster, sondern Vorstellung. Was man erlebt, ist aber keine Vorstellung, sondern die Begegnung mit Gespenstern. Das ist nicht wahnhaft und nicht ungewöhnlich, sondern völlig normal und alltäglich. Jeder Mensch kennt es und tut es: der Umgang mit Gespenstern. | :'''Der Ansatz.''' Beschrieben wird die subjektive Erfahrung ohne Filter. Das Subjektive wird als real gesetzt. Ob es physikalisch wirkt, ist eine zweite Frage, die man danach noch stellen kann. Damit wird nicht gesagt, dass Gespenster materielle Gegenstände bewegen. Beschrieben wird nur das Phänomen. Vieles sieht man nicht, weil es für irreal gehalten wird. Man hat die Erfahrung von Gespenstern, redet und argumentiert mit ihnen, nennt es aber nicht Gespenster, sondern Vorstellung. Was man erlebt, ist aber keine Vorstellung, sondern die Begegnung mit Gespenstern. Das ist nicht wahnhaft und nicht ungewöhnlich, sondern völlig normal und alltäglich. Jeder Mensch kennt es und tut es: der Umgang mit Gespenstern. | ||
:'''Die Kultur.''' Der Mensch geht einen großen Teil seiner Zeit mit Gespenstern um, und die ganze Kultur beruht darauf. Die | :'''Die Kultur.''' Der Mensch geht einen großen Teil seiner Zeit mit Gespenstern um, und die ganze Kultur beruht darauf. Ein Roman wie ''Stürmische Höhen'' (''Wuthering Heights'', Emily Brontë, 1847) beschreibt seine Figuren mit Aussehen, Namen, Charakter, Handeln, Reden und Dialogen. Das ist ein großer Aufwand, und er dient nur dazu, im Leser eine schemenhafte Geisterwelt zu erwecken, die er sieht und miterlebt. Bei manchen Büchern weinen die Leser, sind wütend, verblüfft, erstaunt. Die Dämonen reagieren darauf, als wäre es real, wenn es gut gemacht ist. Beim Lesen simuliert das Gehirn die Geschichte: Wo eine Figur nach etwas greift, wird das Areal für Greifbewegungen aktiv (Speer u. a. 2009). Kultur wurde ursprünglich durch Geschichten überliefert, mündlich, im Mythos, und der beruht auf Geisterwelten, die man erfährt, wenn auch nur durch Phantasie. Die ganze Vergangenheit ist eine Erfindung, die darauf beruht. Die Geschichte erzählt künstliche Gespenster-Welten, in denen Cäsar und Napoleon als Schemen auftreten. Die Lehre handelt zu einem großen Teil von Gespenster-Geschichten. | ||
:'''Im Alltag.''' Ein Mentor hat einem einen Handgriff beigebracht. Wenn man ihn wieder tut, sieht man, wie er neben einem steht, und hört seine Worte, auch den Klang seiner Stimme. Es ist nur so schemenhaft, dass leicht übersehen wird, was da passiert. Solche inneren Beziehungen zu Verstorbenen gelten als typischer Teil der Trauer (Klass, Silverman und Nickman 1996). | |||
:'''Das Wort.''' Gespenst hieß althochdeutsch ''gispensti'', „Anlockung, Verführung, Eingebung“, zu ''spanan'', „locken, reizen“ (Pfeifer). Es ist eigentlich das, was einen wegzieht. | :'''Das Wort.''' Gespenst hieß althochdeutsch ''gispensti'', „Anlockung, Verführung, Eingebung“, zu ''spanan'', „locken, reizen“ (Pfeifer). Es ist eigentlich das, was einen wegzieht. | ||
:'''Alltäglich.''' Fast die Hälfte von 293 Hinterbliebenen sah oder spürte den toten Partner (Rees 1971). 37 % von 4.972 Befragten hatten beim Einschlafen Halluzinationen (Ohayon u. a. 1996). 46 von 50 Romanautoren erleben ihre Figuren als eigenwillig handelnd (Taylor u. a. 2003). | :'''Alltäglich.''' Fast die Hälfte von 293 Hinterbliebenen sah oder spürte den toten Partner (Rees 1971). 37 % von 4.972 Befragten hatten beim Einschlafen Halluzinationen (Ohayon u. a. 1996). 46 von 50 Romanautoren erleben ihre Figuren als eigenwillig handelnd (Taylor u. a. 2003). | ||