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Schizophrenie ist nicht etwas, dass man hat, sondern etwas, dass einem angetan wird. | Schizophrenie ist nicht etwas, dass man hat, sondern etwas, dass einem angetan wird. | ||
== DER NARZIST == | |||
Der Bruder der Hexe. Beide leben von den anderen, weil sie keine eigene Kraft haben. Die Hexe greift in die anderen hinein und steuert sie. Der Narzist zieht die anderen zu sich heran und lässt sich von ihnen spiegeln. Die Richtung ist verschieden, die Wurzel ist dieselbe. Jeder kann jederzeit den Weg des anderen gehen: Der Narzist, dem die Bewunderung verweigert wird, wird zur Hexe. | |||
=== Hunger === | |||
Im Mittelpunkt stehen. Bewundert werden. Im Blick der anderen sich selbst sehen. | |||
=== Trigger === | |||
Fremdes Licht: jemand anderes wird gelobt, erzählt eine gute Geschichte, hat Erfolg. Kritik. Und schlimmer als Kritik: übersehen werden. | |||
=== Wahrnehmung === | |||
Die anderen sind Publikum und Spiegel. Ein Raum ohne Zuschauer ist leer. Was die anderen erleben, zählt nur, wenn es ihn betrifft. | |||
=== Aura === | |||
Er saugt die Luft aus dem Raum. Jedes Gespräch dreht sich nach einer Weile zu ihm. Die anderen werden still und hören zu, und wer lange neben ihm lebt, verlernt, dass er selbst etwas zu sagen hat. | |||
Das Bild steht schon bei Ovid. Narziss verliebt sich in sein Spiegelbild im Wasser. Neben ihm steht die Nymphe Echo, die nur die letzten Worte der anderen wiederholen kann, bis von ihr nichts bleibt als die Stimme. Echo ist der Zombie neben dem Narzisten. | |||
=== Griff === | |||
'''Gesprächsentführung.''' Jemand erzählt von seiner Reise, und der Narzist sagt: „Ja, ich war damals in …“ Der Soziologe Charles Derber nennt das Gesprächsnarzissmus. Eine Antwort gibt das Gespräch dem Sprecher zurück, die andere zieht es zu sich. Einer sagt: „Ich habe Hunger.“ Der andere: „Ich habe gerade gegessen.“ | |||
'''Aneignung.''' Fremde Ideen werden nach kurzer Zeit zu eigenen. „Das habe ich doch schon immer gesagt.“ | |||
'''Erhöhen und Fallenlassen.''' Zuerst wird der Bewunderer selbst erhöht, denn ein wertvoller Spiegel macht wertvoll. Sobald er widerspricht oder weniger glänzt, wird er fallengelassen. | |||
'''Abwertung des Konkurrenten.''' Hier geht er den Weg der Hexe: Wer fremdes Licht hat, wird kleingemacht. | |||
'''Die große Lüge.''' Er vergrößert sich mit Geschichten, die niemand prüfen kann. Das Widerlegen kostet ein Vielfaches der Kraft, die das Behaupten gekostet hat (Brandolinis Gesetz). | |||
=== Am Hof des Narzisten === | |||
Wo der Narzist herrscht, sammelt er Loyale um sich. Am Anfang sind es die Besten. Nach dem ersten Widerspruch sind es Versager, die man nicht schnell genug loswerden konnte. Donald Trump hat dieses Muster öffentlich vorgeführt. Rex Tillerson war bei der Ernennung zum Außenminister „eine ausgezeichnete Wahl“, niemand sei besser vorbereitet. Nach der Entlassung war er „dumm wie ein Stein“ und „stinkfaul“, und man habe ihn nicht schnell genug loswerden können. Später nannte er seinen Justizminister Bill Barr „schwach und erbärmlich“ und seinen Verteidigungsminister Mark Esper „inkompetent“. Dazu der Anspruch, in allem der Beste zu sein: Er wisse mehr über den IS als die Generäle. Wer an diesem Hof bleibt, lernt schnell, dass nur noch das Echo erlaubt ist. | |||
=== Sprüche === | |||
''„Ohne mich läuft hier gar nichts.“'' | |||
'''Unentbehrlichkeit.''' Die anderen werden zu Statisten in seiner Geschichte. Wer widerspricht, beweist nur, dass er die Lage nicht überblickt. | |||
''„Ja, das kenne ich, ich hatte damals …“'' | |||
'''Gesprächsentführung.''' Das Erlebnis des anderen ist nur der Anlass für die eigene Geschichte. Der andere sitzt danach still da und weiß nicht, wo sein Gespräch geblieben ist. | |||
''„Das war eigentlich meine Idee.“'' | |||
'''Aneignung.''' Fremde Leistung wird umgeschrieben. Wer es richtigstellt, wirkt kleinlich. | |||
''„Du bist doch nur neidisch.“'' | |||
'''Kränkungsumkehr.''' Die Kritik wird zum Beweis seiner Größe. Wie beim Fluch der Hexe ist das System geschlossen: Jeder Einwand bestätigt ihn. | |||
''„Nach allem, was ich für dich getan habe.“'' | |||
'''Das Schuldbuch.''' Jede Gabe war eine Investition in Bewunderung. Wird sie nicht zurückgezahlt, wird die Rechnung präsentiert. | |||
=== Wut === | |||
Wird der Narzist gekränkt, kommt eine Wut, die in keinem Verhältnis zum Anlass steht. Ein Witz über ihn, ein übergangenes Lob genügt. Heinz Kohut hat sie „narzisstische Wut“ genannt: Sie richtet sich nicht gegen eine Tat, sondern gegen den, der den Spiegel zerbrochen hat. In diesem Augenblick wird der Narzist zur Hexe. | |||
=== Abgrenzung zur Eitelkeit === | |||
Der Eitle will gesehen werden wie ein Pfau, aber er lässt die anderen neben sich stehen. Der Narzist erträgt kein fremdes Licht. Der Eitle freut sich über Applaus. Der Narzist braucht ihn, und er braucht auch, dass die anderen keinen bekommen. | |||
=== Bannung === | |||
Aushungern: kein Publikum sein. Nicht bewundern, aber auch nicht angreifen, denn der Angriff ruft die Wut und damit die Hexe. Langweilig werden wie ein grauer Stein, an dem sich nichts spiegelt. | |||
=== Herkunft === | |||
Wie die Hexe wurde der Narzist zuerst selbst behext. Alice Miller beschreibt in ''Das Drama des begabten Kindes'' Kinder, die Spiegel für ihre Eltern sein mussten. Sie lernten, die Wünsche der Eltern zu erfüllen, und verloren dabei das eigene Gefühl. Aus manchen dieser Kinder werden Narzisten: Jetzt suchen sie selbst den Spiegel, den sie nie hatten. | |||
=== Ein Wesen, zwei Wege === | |||
Back und Kollegen (2013) beschreiben den Narzissmus als einen Kern mit zwei Wegen. Der eine ist die Bewunderung: glänzen, sich in den Vordergrund stellen. Der andere ist die Rivalität: andere abwerten und angreifen. Beide dienen demselben Ziel, das eigene grandiose Selbst zu halten, und treten bei denselben Menschen gemeinsam auf. Das ist das Brüderpaar: der Narzist auf dem Weg der Bewunderung, die Hexe auf dem Weg der Rivalität. | |||
=== Musen === | |||
* Ovid, ''Metamorphosen'', Buch III: Narziss und Echo. | |||
* Heinz Kohut, ''The Analysis of the Self'' (1971), deutsch ''Narzißmus'' (1973); „Thoughts on Narcissism and Narcissistic Rage“, ''Psychoanalytic Study of the Child'' 27 (1972), S. 360–400. | |||
* Alice Miller, ''Das Drama des begabten Kindes'' (1979). | |||
* Charles Derber, ''The Pursuit of Attention: Power and Ego in Everyday Life''. | |||
* Alberto Brandolini (2013): Das Widerlegen von Unsinn kostet rund zehnmal so viel Kraft wie seine Erzeugung. | |||
* Back, Küfner, Dufner, Gerlach, Rauthmann, Denissen: „Narcissistic Admiration and Rivalry: Disentangling the Bright and Dark Sides of Narcissism“, ''Journal of Personality and Social Psychology'' 105(6) (2013), S. 1013–1037. | |||