Wesen 2: Raubtier – Vampir: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Wesen 1: Raubtier – Wüterich]] · '''Raubtier – Vampir''' · [[Wesen 3: Beutetier]] · [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust]] · [[Wesen 5: Noch ohne Ort]]
[[Wesen 1: Raubtier – Wüterich]] · '''Raubtier – Vampir''' · [[Wesen 3: Beutetier]] · [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust]] · [[Wesen 5: Noch ohne Ort]]


''Herkunft der Angaben:'' „Bild 2023“ = [[Stammbaum]] der menschlichen Seele im Wiki; „Erste Fassung“ = Stammbaum des alten Wikis. Die früher unsicheren Linien Balz → Eifersucht, Sammler → Eifersucht und Staun → Verehrung sind von Daniel bestätigt (4.10.2026). Namen der ersten Fassung an die Namen im Bild angeglichen: Dämonen = HOMO, Werwolf = Wüterich, Piesack = Piesacker, Messy = Messi.
* Die Wesen sind in starker Ausprägung beschrieben; die meisten sind in allen Menschen vorhanden oder abrufbar (siehe [[Grundlagen]]).


== Vampir ==
== Vampir ==
* Steckbrief: [[Vampir]]
* Steckbrief: [[Vampir]]
* Bild 2023: von Raubtier · zu Kobold, Piesacker, Hass, Gewißheit, Sieg
* Stammbaum: von Raubtier · zu Kobold, Piesacker, Gewissheit, Sieg, Folterer
* Erste Fassung: von Raubtier · zu Kobold, Folterer, Gewißheit, Sieg, Hass
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  
:'''Grausamkeit und Verinnerlichung.''' Die Grausamkeit stammt vom Vampir. Nietzsche hat beschrieben, wie sie sich durch das, was man Zivilisation nennt, nach innen wendet und zum schlechten Gewissen wird: „Alle Instinkte, welche sich nicht nach aussen entladen, wenden sich nach innen“. Er nennt das die „Verinnerlichung des Menschen“ (''Zur Genealogie der Moral'', 1887, zweite Abhandlung, Abschnitt 16). Ursprünglich sind es Raubtierinstinkte, die sich nicht mehr ausleben können. Die Grausamkeit, die draußen keinen Gegner mehr findet, sucht sich ein neues Opfer, und das ist man selbst. Die Zähne des Gewissens beißen auch ohne Angriff; die Sprache sagt „Gewissensbiss“. Das ist etwas anderes als die [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Scham|Scham]], die vom Wüterich stammt: Sie ist eine Reaktion auf einen Angriff und braucht den Stärkeren, der beschämt.
:'''Grausamkeit und Verinnerlichung.''' Die Grausamkeit stammt vom Vampir. Nietzsche hat beschrieben, wie sie sich durch das, was man Zivilisation nennt, nach innen wendet und zum schlechten Gewissen wird: „Alle Instinkte, welche sich nicht nach aussen entladen, wenden sich nach innen“. Er nennt das die „Verinnerlichung des Menschen“ (''Zur Genealogie der Moral'', 1887, zweite Abhandlung, Abschnitt 16). Ursprünglich sind es Raubtierinstinkte, die sich nicht mehr ausleben können. Die Grausamkeit, die draußen keinen Gegner mehr findet, sucht sich ein neues Opfer, und das ist man selbst. Die Zähne des Gewissens beißen auch ohne Angriff; die Sprache sagt „Gewissensbiss“. Das ist etwas anderes als die [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Scham|Scham]], die vom Wüterich stammt: Sie ist eine Reaktion auf einen Angriff und braucht den Stärkeren, der beschämt.
:'''Die Katze mit der Maus.''' In der Natur sind Raubtiere meist nicht grausam, sondern töten schnell. Aber es gibt die Katze, die mit der Maus spielt. Der Verhaltensforscher Paul Leyhausen hat Katzen jahrzehntelang beobachtet: Eine hungrige Katze tötet schnell. Je satter sie ist, desto länger spielt sie. Das Spiel ist nicht nötig, um zu fressen. Die Jagd hat sich vom Hunger gelöst und läuft um ihrer selbst willen. Das Raubtier will die Beute, der Vampir will die Macht über sie.
:'''Die Katze mit der Maus.''' In der Natur sind Raubtiere meist nicht grausam, sondern töten schnell. Aber es gibt die Katze, die mit der Maus spielt. Der Verhaltensforscher Paul Leyhausen hat Katzen jahrzehntelang beobachtet: Eine hungrige Katze tötet schnell. Je satter sie ist, desto länger spielt sie. Das Spiel ist nicht nötig, um zu fressen. Die Jagd hat sich vom Hunger gelöst und läuft um ihrer selbst willen. Das Raubtier will die Beute, der Vampir will die Macht über sie.
:'''Die guten Linien.''' Man muss aber auch sehen, wie viele gute Linien vom Vampir stammen. Im Bild 2023 stammt von ihm der [[Kobold]] mit seiner ganzen Familie aus Witz, Übermut, Schabernack und Freude, und der Sieg, von dem Dank, Jubel, Stolz, Mut und der Held abstammen, vom Held die Gelassenheit und vom Dank die Verehrung. Der [[#Dank|Dank]], der Gegendämon des [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Groll|Grolls]], kommt also vom Vampir, der Groll dagegen über den Ärger vom Wüterich. Der Gegenspieler kommt nicht aus einer anderen Welt, sondern aus einem anderen Zweig desselben Raubtiers.
:'''Die guten Linien.''' Man muss aber auch sehen, wie viele gute Linien vom Vampir stammen. Von ihm stammt der [[Kobold]] mit seiner ganzen Familie aus Witz, Übermut, Schabernack und Freude, und der Sieg, von dem Dank, Jubel, Stolz, Mut und der Held abstammen, vom Held die Gelassenheit und vom Dank die Verehrung. Der [[#Dank|Dank]], der Gegendämon des [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Groll|Grolls]], kommt also vom Vampir, der Groll dagegen über den Ärger vom Wüterich. Der Gegenspieler kommt nicht aus einer anderen Welt, sondern aus einem anderen Zweig desselben Raubtiers.


== Kobold ==
== Kobold ==
* Steckbrief: [[Kobold]]
* Steckbrief: [[Kobold]]
* Bild 2023: von Vampir · zu Spötter
* Stammbaum: von Vampir · zu Spötter
* Erste Fassung: von Vampir · zu Spötter
* Namen der Familie: Narr, Mumpitz, Keck, Frecher, Unsinn, Übermut, Faxen, Albern, Parodie, Munter, Unfug, Witz, Freude, Schabernack, Schelm
* Namen der Familie (erste Fassung): Narr, Mumpitz, Keck, Frecher, Unsinn, Übermut, Faxen, Albern, Parodie, Munter, Unfug, Witz, Freude, Schabernack, Schelm
* Gegendämon: Der Kobold ist der Gegendämon des Demagogen und des Diktators. Siehe unten.
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  
<poem>
Der Urwitz ist
Jemand stolpert und fällt
Aber statt die Beute reißen
Lacht man und zeigt die Zähne
Das ist eine Übersprung Handlung
</poem>
:Siehe auch die Analyse im Steckbrief [[Kobold]]: Zähnefletschen als Zeichen der Freundlichkeit, „Du bist von meiner Art.“
:'''Warum vom Vampir.''' Der Kobold ist ein Kind des Vampirs, weil er dessen Zähne behält. Der Vampir spielt mit der Beute, wie die Katze mit der Maus. Der Kobold spielt auch, aber das Spiel hat kein Opfer. Das Lachen zeigt die Zähne und beißt nicht zu.
:'''Die Zähne.''' Das Lächeln zeigt die Zähne. Bei den Affen gibt es das stumme Zähneblecken, das als Ursprung des menschlichen Lächelns gilt. Es zeigt Freundlichkeit und Beschwichtigung (Jan van Hooff, 1972). Mit den Zähnen zeigt man auch, was man hat: Gesunde Zähne gelten als Zeichen von Gesundheit und machen attraktiv. Das hellste Weiß ist dabei nicht das attraktivste (Naini und Kollegen 2009). Wenn ein wertvoller Mensch einen anlächelt und einem Aufmerksamkeit gibt, fühlt man sich gut. Ein Mensch ohne Zähne, der einen anlächelt, löst dagegen Widerwillen und Ekel aus.
:'''Warum er den Diktator trifft.''' Der Diktator ist kein eigenes Wesen, sondern ein Gemisch. Oft stammt er vom Wüterich und vom Narzissten, mit Grandiosität, Auserwähltheit und Wahn, und manchmal ist er auch kühl und berechnend. Allen gemeinsam ist der Ernst, den sie für sich verlangen. Wer lacht, nimmt ihm diesen Ernst.
:'''Der Feind der Diktatoren.''' „Deshalb bannen Diktatoren Humor / Den Kobold“. Ein Lacher im Saal, und die Welt, die der Demagoge erzeugt hat, bricht zusammen. Die Rüstungsarbeiterin Marianne Elise Kürchner aus Berlin wurde 1943 vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und hingerichtet, weil sie einen Witz erzählt hatte: Hitler und Göring stehen auf dem Berliner Funkturm, und Göring schlägt Hitler vor zu springen, damit die Berliner wieder lachen. Rudolph Herzog beschreibt den Fall in seinem Buch über den Humor im Dritten Reich, ''Heil Hitler, das Schwein ist tot!'' (2006).
:'''Pater Müller.''' Auch der katholische Priester Joseph Müller wurde 1944 hingerichtet, weil er einen Witz erzählt hatte. Ein sterbender Soldat will sehen, wofür er stirbt, und man stellt ihm Bilder von Hitler und Göring ans Bett. Er sagt: „Jetzt kann ich sterben wie Jesus Christus.“ Der Volksgerichtshof wertete das als Vergleich mit den beiden Verbrechern, die neben Jesus gekreuzigt wurden.
:'''Der Chor.''' In einem Film über eine Sekte rufen alle in der Gruppe im Chor „Bombardier mit Liebe“. Zwei Spione, die einen Freund befreien wollen, rufen stattdessen „Bumms mit Liebe“. Ein einziger Ausrutscher zeigt, wie dünn das Ritual ist, das alle im Takt hält. Sobald einer lacht, fehlt dem Chor der Ernst.
:'''Der Name der Rose.''' Umberto Eco hat diesen Gegensatz zum Stoff eines Romans gemacht (1980). In einer Klosterbibliothek sterben Mönche, weil sie ein verbotenes Buch lesen: das zweite Buch der Poetik des Aristoteles, über die Komödie. Der blinde Jorge von Burgos hat die Seiten vergiftet. Er fürchtet das Lachen, denn es nehme dem Menschen die Furcht, und ohne Furcht gebe es keinen Glauben. Der Kobold stellt die Autorität in Frage, die der Kirche wie die des Aristoteles. Das Buch gab es wirklich: Aristoteles hat eine Abhandlung über die Komödie geschrieben, sie ist verloren. Sein Inhalt im Roman ist erfunden.


== Piesacker ==
== Piesacker ==
* Bild 2023: von Vampir · zu Häme, Hexe/Psychopath
* Stammbaum: von Vampir, Folterer · zu Häme, Hexe/Psychopath, Troll, Lästerer, Schlimm, Demütiger, Neck, Nörgler
* Erste Fassung: von Folterer · zu Hexe/Psychopath, Lästerer, Schlimm, Demütiger, Häme, Neck
* Spruch: „Na, schon wieder alles falsch gemacht?“ „Das kannst du doch nicht.“ „Hab dich nicht so.“
* Beschreibung:  
* Hunger: Dem anderen Leid zufügen und spüren, dass man Macht über ihn hat.
* Trigger: Ein Mensch, der sich nicht wehrt und nicht zurückbeißt.
* Mimik: Ein breites Lächeln im Gesicht, wie bei der Bescherung zu Weihnachten.
* Haltung: offen.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Piesacker quält andere, in kleinen Dosen und immer wieder.
:'''Die Lust am Quälen.''' Kinder quälen ja manchmal kleine Tiere. Und der Piesacker hat dabei ein breites Lächeln im Gesicht wie bei der Bescherung zu Weihnachten. Er hat wirklich Freude und eine starke Lust am Quälen.
:'''Nicht so skrupellos wie der Folterer.''' Der Piesacker ist nicht so skrupellos wie der [[#Folterer|Folterer]], der zu extremen Taten bereit ist.
:'''Die kleine Grausamkeit.''' Die Oma, die eine diebische Freude daran hat, dem Kind eiskaltes Wasser über die Schulter zu kippen. Es ist die kleine Grausamkeit, die noch als harmlos hingestellt werden kann.
:'''Mobbing.''' Mobbing passt auch.
:Von mir: '''Warum es Lust macht.''' Buckels, Jones und Paulhus (2013, ''Psychological Science'' 24(11), 2201–2209) zeigen, dass sich „Alltagssadismus“ von Psychopathie, Narzissmus und Machiavellismus unterscheiden lässt: Sadisten meldeten sich in einem Versuch öfter freiwillig, Käfer zu töten, und nur Sadisten waren bereit, Arbeit zu leisten, um einem Unschuldigen wehzutun. Die Grausamkeit ist dort die Belohnung selbst und nicht Mittel zu etwas anderem. Das stützt die starke Lust. Eine Erklärung, warum das so ist, gibt der Abstract nicht. Meine Lesart ohne Beleg: Der Vampir will die Macht über die Beute, und der Piesacker spürt sie körperlich, wenn der andere leidet. Das passt zur Katze mit der Maus beim [[#Vampir|Vampir]].
:Von mir: '''Wo es unbemerkt auftritt.''' Der beste Beleg ist das Necken. Keltner, Capps, Kring, Young und Heerey (2001, ''Psychological Bulletin'' 127(2), 229–248) definieren es als spielerische Provokation, die freundlich oder feindlich ausgehen kann; es ist häufiger und feindseliger, wenn es von Höhergestellten, Vertrauten und Männern ausgeht (nach dem Abstract). Das ist die harmlos hingestellte Grausamkeit. Pinker, Nowak und Lee (2008), die beim [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Drohender|Drohenden]] stehen, erklären, warum das möglich ist: Die Unschärfe schützt den Sprecher, der sagen kann, es sei nur Spaß gewesen. Alltagsbeispiele ohne Quelle: das Kind, das vor Gästen vorgeführt wird, der Geschwisterstreich, der Kollege mit dem „nur Spaß“ nach jedem Fehler, das Kitzeln, das in Quälerei übergeht.
:Von mir: '''Der Name.''' Nach dem Etymologischen Wörterbuch des Deutschen (DWDS) bedeutet ''piesacken'' „plagen, quälen, schlagen, stoßen“. Es ist wohl von niederdeutsch ''pesek'' abgeleitet, dem Ochsenziemer, also einer Peitsche. Wörtlich ist piesacken also: mit dem Ochsenziemer strafen.
:Von mir: '''Der Unterschied zum Folterer.''' Das ist meine Ableitung aus dem Stammbaum, nicht belegt. Der Folterer ist die Quelle, und der Piesacker führt die kleine, dauernde Form fort. Der Folterer quält hart, der Piesacker quält in Dosen, die der andere kaum benennen kann.
:Von mir: '''Belege.''' Olweus beschreibt Mobbing in der Schule als negative Handlungen, denen jemand wiederholt und über längere Zeit ausgesetzt ist, mit einem Machtgefälle zwischen Täter und Opfer, das die Gegenwehr erschwert (nach einem Übersichtsartikel, ''Bullying and the Abuse of Power'', PMC; das Original habe ich nicht gelesen). Das passt zum Trigger: Der Piesacker sucht den, der sich nicht wehren kann.
:Von mir: '''Beispiele.''' Der Mitschüler, der ein Kind jeden Tag wegen Kleinigkeiten verspottet. Der Kollege, der bei jedem Fehler einen Kommentar macht. Die Katze, die mit der Maus spielt, steht schon beim [[#Vampir|Vampir]]. Auch der Chef, der seine Mitarbeiter in Dosen quält, kann ein Piesacker sein.


== Folterer ==
== Folterer ==
* Erste Fassung: von Vampir · zu Piesacker
* Stammbaum: von Vampir · zu Piesacker
* Beschreibung:  
* Hunger: Macht über den anderen durch dessen Schmerz und Angst.
* Trigger: Ein Mensch, der ausgeliefert ist, etwa abhängig, isoliert oder wehrlos.
* Spruch: offen.
* Mimik: offen.
* Haltung: offen.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Folterer ist zu extremen Taten bereit.
:'''Die Lust.''' Allerdings muss man sagen, dass dieser Typus Lust daran hat und dass es während der gesamten Geschichte üblich ist.
:'''Kommentar.''' Das ist verabscheuungswürdig und gehört gebannt.
:Von mir: '''Der Anlass.''' Der Prozess vor dem Landgericht Braunschweig begann am 27. Oktober 2026 (NDR, ''Zeit''/dpa, ''Stern''; Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig). Die Staatsanwaltschaft wirft vier Angeklagten vor, eine heute 32-jährige Frau über viereinhalb Jahre misshandelt und gequält zu haben, mit Baseballschläger, Bunsenbrenner, Zangen, Hammer und Nägeln. Nach ihrer Darstellung „ergötzten sie sich zugleich am Leid, der Angst und den Schmerzen des Opfers“. Das sind Vorwürfe. Ein Urteil gibt es nicht, es gilt die Unschuldsvermutung. Der Fall passt zum Trigger: Die Frau war nach einer Trennung obdachlos, abhängig und isoliert. Ich habe die Berichte nur im Aufriss gelesen.
:Von mir: '''Die Geschichte.''' Nach dem Deutschlandfunk war die Folter über Jahrhunderte ein zentraler Bestandteil des Strafprozesses. Friedrich II. von Preußen schaffte sie am 3. Juni 1740 weitgehend ab (NDR, WDR; nach den Auszügen). Dass sie nur „weitgehend“ abgeschafft wurde, steht in der Zeit-Quelle: Der König wollte, dass die Angeklagten weiter Angst vor ihr haben. Die Lust daran belegen Buckels, Jones und Paulhus (2013, nach dem Abstract) beim [[#Piesacker|Piesacker]]; dort steht auch, dass nur Sadisten arbeiteten, um einen Unschuldigen zu verletzen.


== Lästerer ==
== Lästerer ==
* Erste Fassung: von Piesacker, Nase rümpfen · zu Empörung
* Stammbaum: von Piesacker, Nase rümpfen · zu Empörung
* Beschreibung:  
* Hunger: Besser sein als andere, Geltung. Dazu Piesack und Bosheit.
* Trigger: Jemand erfüllt Maßstäbe oder Regeln nicht. Er hat etwas Dummes oder Ungerechtes getan, gibt verliehene Bücher nicht zurück, macht Schulden. Der Lästerer muss unter dem Fehlverhalten nicht selbst leiden. Manchmal braucht es keinen Trigger. Er nutzt jede Gelegenheit.
* Bannung: Bei sich selbst durch Einsicht, oder weil man erlebt hat, wie es ist, wenn über einen gelästert wird. Bei anderen durch eine wütende oder vernünftige Ansprache oder durch Ausschluss aus der Gruppe. Das wirkt nicht immer. Der Lästerer aus akutem Anlass wird nicht gebannt, wenn der Anlass berechtigt ist, denn das wird allgemein akzeptiert.
* Beschreibung: Er redet schlecht über Abwesende. Kaum hat einer den Raum verlassen, wird über ihn hergezogen. Das ist weit verbreitet, und es ist unehrenhaft, denn der Abwesende kann sich nicht verteidigen.
:'''Zwei Arten.''' Der Lästerer aus akutem Anlass will aufgestauten Ärger abreagieren. Der Lästerer aus Passion macht es als Freizeitbeschäftigung und fühlt sich gut dabei. Manche lästern stundenlang über dies und jenen, für sie ist das Unterhaltung, und sie suchen sich Themen. Ob der Ärger durch das Abreagieren wirklich weniger wird, ist fraglich: Bushman ließ 2002 Versuchspersonen Dampf ablassen, danach waren sie aggressiver als zuvor.
:'''Der Vorwand.''' Beim Lästerer aus Passion ist die Verletzung von Regeln nur ein Vorwand und nicht das eigentliche Motiv. Verwandt ist die Projektion der [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Hexe/Psychopath|Hexe]]: Wer sich selbst schuldig fühlt, leitet die Schuld in Empörung über andere um (Rothschild und Keefer 2017).
:'''Das Gefühl.''' Die Augen werden verdreht, der Mund zusammengekniffen, der Kopf geschüttelt, man lacht den anderen aus.
:'''Es tut weh.''' Es geht darum, besser zu sein als andere. Das sieht man daran, dass es wehtut und beschämt, wenn über einen selbst gelästert wird.
:'''Bei Theophrast.''' Κακολογία: „Backbiting is a disposition to vilify others.“ Auf die Frage „Wer ist der und der?“ beginnt er bei der Herkunft: Der Vater sei ursprünglich ein Sklave gewesen, die Mutter eine Thrakerin, „edles Blut!“, und der Mann selbst ein Galgenstrick. Wenn andere über jemanden herziehen, steigt er ein: „Ich hasse ihn mehr als alle.“ Wenn einer aufsteht und geht, redet er sofort über den Abwesenden, auch über dessen Verwandte. Er lästert über die eigenen Verwandten und Freunde, sogar über Tote, und nennt es Offenheit, Demokratie und Freiheit. Nichts macht ihm mehr Freude.
:'''Besser dastehen.''' Benjamin Franklin sagt in der Fußnote der Theophrast-Ausgabe, Lästern gebe die Genugtuung, „sich besser darzustellen als andere, oder andere nicht besser als uns selbst“. Die Psychologie nennt das sozialen Vergleich (Wert & Salovey 2004).
:'''Die Verbindung.''' Lästern über Dritte verbindet, weil es vertraulich ist. Wer einem anderen Schlechtes über einen Dritten sagt, gibt ihm etwas in die Hand, das er weitererzählen könnte. Wer es annimmt und schweigt, bestätigt das Vertrauen. Bosson, Johnson, Niederhoffer und Swann fanden 2006, dass zwei Menschen sich vertrauter werden, wenn sie eine negative Haltung zu einem Dritten teilen, als wenn sie eine positive teilen. Der Abwesende steht außen, die beiden Anwesenden stehen innen ([[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Stammesbruder|Stammesbruder]]).
:'''Die gute Form.''' Wenn jemand betrügt, zu warnen ist nützlich. Feinberg, Willer, Stellar und Keltner zeigten 2012, dass die Weitergabe solcher Reputationsinformation die Gruppe schützt und den Weitergebenden beruhigt (die Herzfrequenz sinkt). Der Lästerer hat dafür keinen Anlass und keinen Nutzen: Er lästert über Verwandte, Freunde und Tote, und er hat Freude daran. Das ist die Entgleisung.
:'''Die Beute.''' Der Lästerer stammt vom Piesacker, dem die Beute wichtig ist. Der Abwesende ist die Beute, die sich nicht wehren kann und nicht zurückbeißt. Das Nase rümpfen (Ekel) gibt den moralischen Ton.


== Schlimm ==
== Schlimm ==
* Erste Fassung: von Piesacker · zu –
* Stammbaum: von Piesacker · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Demütiger ==
== Demütiger ==
* Erste Fassung: von Piesacker · zu –
* Stammbaum: von Piesacker, [[#Hexe/Psychopath|Hexe/Psychopath]] · zu –
* Beschreibung:  
* Spruch: „Du Versager.“ „Du wirst es nie zu etwas bringen.“ „Du taugst nichts.“ „Du kannst das nicht.“ „Du Schlampe.“
* Hunger: Den anderen klein machen und ihm das Gefühl geben, weniger wert zu sein.
* Trigger: Ein Mensch, der sich nicht wehren kann, etwa ein Kind, ein Untergebener oder ein Abhängiger, oft vor Zuschauern.
* Mimik: offen.
* Haltung: Von oben herab.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Demütiger macht den anderen klein, bis der sich selbst für schlecht hält.
:'''Der Fluch.''' Der Demütiger scheint auch von der Hexe abzustammen, wenn er einen Fluch ausspricht. (Siehe [[Hexe#BEHEXUNG III - der Fluch|Der Fluch]].)
:Von mir: '''Der Täter der Scham.''' Das ist meine Ableitung aus dem Eintrag zur [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Scham|Scham]]: Dort sagt der Vater zur Tochter „Du Schlampe“. Der Demütiger ist der Angreifer, die Scham ist die Reaktion des Wehrlosen, und die [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Schmach|Schmach]] ist die Wut darüber. Der Piesacker will das Leid, der Demütiger nimmt den Wert. Das habe ich nicht belegt.
:Von mir: '''Belege.''' Hartling und Luchetta (1999, ''Journal of Primary Prevention'') beschreiben Demütigung als Erfahrung von Spott, Herabsetzung und Entwürdigung und messen sie in einem Fragebogen, dem Humiliation Inventory (nach dem Abstract). Biderman (1957) nennt Demütigung als eine der acht Methoden der Zwangsüberzeugung, die auch beim [[#Höriger|Hörigen]] stehen.
:Von mir: '''Beispiele.''' Der Vater, der seine Tochter vor anderen beschimpft. Der Lehrer, der einen Schüler vor der Klasse vorführt. Die öffentliche Degradierung beim Fall Dreyfus, die schon bei der [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Verachtung|Verachtung]] steht.


== Neck ==
== Neck ==
* Erste Fassung: von Piesacker · zu –
* Stammbaum: von Piesacker · zu –
* Beschreibung:  
* Spruch: „Na, du bist ja ganz rot geworden!“ „War nur Spaß!“
* Hunger: Aufmerksamkeit und eine echte Reaktion des anderen.
* Trigger: Etwas Auffälliges am anderen, etwa ein Fehler, eine Eigenart, Verlegenheit oder Verliebtheit.
* Mimik: Schelmisches Grinsen.
* Haltung: offen.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Neck ist freundlich. Da ist zwar eine Spur Piesacker, aber eigentlich will er nur Aufmerksamkeit und den anderen zu einer Reaktion provozieren, aber nur, um eine echte Reaktion zu sehen.
:'''Freundlich gesinnt.''' Freundschaftlich. Ein schlechter Scherz. Das kippt nicht.
:'''„War nur Spaß“.''' Wenn der Neck das sagt, ist das eine Entschuldigung und keine Verschleierung der bösen Absicht. Wenn es missverstanden wird, tut es ihm ehrlich leid und ist ihm peinlich.
:Von mir: '''Beleg.''' Keltner, Capps, Kring, Young und Heerey (2001, ''Psychological Bulletin'' 127(2), 229–248) definieren Necken als spielerische Provokation, bei der eine Person etwas am anderen kommentiert (nach dem Abstract; den Volltext habe ich nicht gelesen). Der Neck steht auf der freundlichen Seite, der [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Piesacker|Piesacker]] auf der feindlichen.
:Von mir: '''Beispiele.''' Zwei Verliebte, die sich aufziehen. Geschwister, die sich Spitznamen geben. Der Kollege, der den anderen mit dem verschütteten Kaffee aufzieht und sich entschuldigt, als der es nicht lustig findet.
 
== Nörgler ==
* Stammbaum: von [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Piesacker|Piesacker]], [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Öde|Öde]] · zu –
* Spruch: „Ja, aber …“ „Das hat doch einen Haken.“ „Typisch.“ „Das war ja klar.“
* Hunger: Den Haken am Guten finden, die Laune der anderen verderben.
* Trigger: Etwas Gutes, das gelingt, die Freude oder der Erfolg eines anderen.
* Mimik: Die Mundwinkel sind nach unten gezogen. Die Augen rollen. Ein halbes, schiefes Lächeln, denn es macht ihm Spaß.
* Haltung: Der Kopf wiegt hin und her. Die Arme sind verschränkt. Ein langes Ausatmen vor dem Aber.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Nörgler findet an jedem Guten den Haken. Er ist dabei nicht primär wütend, er hat seinen Spaß daran. Es ist trotzdem toxisch und verdirbt anderen die Laune, und gerade darin liegt seine Lust. Es gibt auch die Variante ohne Publikum, aber da ist das Publikum gedacht.
 
Bei Theophrast heißt er Μεμψιμοιρία, „Tadel am eigenen Los“: „Thanklessness is an improper criticism of what one receives.“ Er findet einen Geldbeutel auf der Straße und sagt: „But I never found a treasure!“ Seine Geliebte küsst ihn, und er fragt: „I wonder if you really do love me so in your heart.“ Er schimpft auf Zeus, nicht weil es regnet, sondern weil es nicht früher geregnet hat. Er gewinnt seinen Prozess einstimmig und beschimpft seinen Anwalt.
 
'''Fehler suchen.''' Er meckert auch über Fehler. Das ist in Ordnung, wenn man dabei eine Kritik anbringt und das Problem konstruktiv beheben will. Aber er sucht danach, um nörgeln zu können, oft den ganzen Tag oder immer wieder über dasselbe.
 
== Mecker ==
* Stammbaum: von [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Ärger|Ärger]], [[#Moralist|Moralist]] · zu [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Fehlerfürchter|Fehlerfürchter]]
* Spruch: „Das macht man nicht.“ „Wenn das jeder täte!“ „Vorschrift ist Vorschrift.“ „Wo hat der den Führerschein her, aus der Lostrommel?“
* Hunger: Ärgernisse, über die er sich beschweren kann.
* Trigger: Ein Fehler, eine Belästigung, Rücksichtslosigkeit oder etwas, das nicht so funktioniert, wie es sollte.
* Mimik: Die Brauen sind gesenkt und zusammengezogen, die Stirn gefurcht, das Gesicht gerötet. Der Mund ist geöffnet, die Mundwinkel zeigen nach unten. Er hat schlechte Laune.
* Haltung: Der Kopf ruckt vor, eine Hand wird erhoben oder schlägt kurz durch die Luft, die Stimme ist laut und kurz. Dann ist es vorbei.
* Bannung: Der [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Beschwichtiger|Beschwichtiger]] bannt ihn, auch Freude und Verständnis, eher wenn sie von einer anderen Person kommen.
* Beschreibung: Der Mecker hat Regeln, eigene oder erlernte, und ärgert sich, wenn jemand dagegen verstößt.
 
'''Der Mecker.''' Er meckert für sich oder für andere, auch wenn niemand zuhört. Er ist aggressiv, aber nicht gehässig, denn gehässig wäre hinterlistig. Er greift offen an und nicht heimlich oder böswillig. Der Anlass ist keine Gefahr, sondern eine verletzte Erwartung. Der Fußgänger steht am Zebrastreifen und geht nicht. Jemand drängelt sich in der Schlange vor. Eine Gruppe steht links auf der Rolltreppe. Jemand telefoniert im Ruhebereich der Bahn, mäht den Rasen in der Ruhezeit oder fährt mit dem Rad auf dem Gehweg.
 
'''Im Straßenverkehr.''' Dort kennt jeder den Mecker. Der Fahrer fährt zu dicht auf, schneidet beim Überholen oder blinkt erst, wenn man schon neben ihm ist, und man weiß nicht, ob er einen gesehen hat. Bei echter Gefahr reagieren zuerst Angst und Wüterich. Danach kommt der Mecker und klagt die Regel ein: „Wo hat der den Führerschein her?“ Die Verkehrsforschung nennt ähnliche Auslöser für Ärger: Drängeln, Nicht-Ausweichen trotz Lücke und die erzwungene Langsamkeit (Maag u. a. 2003, nach Hafen, Bundesanstalt für Straßenwesen).
 
'''Wozu es gut ist.''' Menschen bestrafen Regelbrecher auch auf eigene Kosten, und der unmittelbare Antrieb sind negative Gefühle gegenüber den Brechern (Fehr und Gächter, ''Nature'' 2002). Wo bestraft werden kann, blüht die Zusammenarbeit, wo nicht, bricht sie zusammen. Der Mecker ist die harmloseste Form: Die Strafe ist nur das Wort. Sein Urbild ist Wagners Beckmesser, der Merker der „Meistersinger von Nürnberg“. Er kreidet pedantisch Regelverstöße an, die mit dem Gesang nichts zu tun haben, und bei ihm gerät die Regel über die Sache. Das Wort ''Beckmesser'' steht bis heute für beflissene und engstirnige Regelgläubigkeit. Walter Jens hat ihn gegen die Verächter verteidigt: „Der Stadtschreiber hat auf der Bühne zu bleiben, er wird noch gebraucht!“ Verwandt ist Shakespeares Malvolio in „Was ihr wollt“, der ebenfalls an der Regel hängt und dafür verspottet wird. Das Murren des Volkes Israel gegen Mose in der Wüste (2. Mose 16) ist wohl der älteste Beleg für den Mecker, der nicht nur Regeln hat, sondern auch Erwartungen an die Führung.
 
Von mir: '''Das Ärgergesicht.''' Die Mimik des Ärgers ist angeboren und kulturübergreifend, auch blind geborene Kinder zeigen sie. Typisch sind gesenkte, zusammengezogene Brauen, angespannte Lider, schmale Lippen und ein vorgeschobenes Kinn. Sell, Cosmides und Tooby (2014) deuten sie als Drohgebärde, denn jedes dieser Merkmale lässt den Träger stärker wirken. Beim Mecker kommen der offene Mund zum Schimpfen und die herabgezogenen Mundwinkel der schlechten Laune hinzu.
 
'''Was er anrichtet.''' Der Mecker hat eine dunkle Seite, wenn er als Chef oder Elternteil auftritt. Wer täglich für jede Kleinigkeit gemeckert bekommt, lernt, dass jeder Fehler einen Angreifer anzieht. Das ist der Weg zum [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Fehlerfürchter|Fehlerfürchter]]: Die Scham braucht den Angreifer, und der Mecker liefert ihn jeden Tag. Das Ergebnis sind Mitarbeiter, die keine Entscheidung treffen, ohne vorher zu fragen, und beim Kind gilt dasselbe. Wer nichts entscheidet, kann nichts falsch machen, und wer nach Vorschrift handelt, wird zum [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Formal|Formal]]. Die Forschung stützt das in Teilen: Teams lernen nur, wenn man sich ohne Angst vor Folgen etwas zutrauen darf (Edmondson 1999), und die Angst vor dem Versagen wird von den Eltern an die Kinder weitergegeben (Elliot und Thrash 2004).
 
'''Der Name.''' ''Meckern'' war zuerst der Laut der Ziege, abgeleitet von mittelhochdeutsch ''mecke'', „Ziegenbock“. Im 17. Jahrhundert wurde daraus das kurze, helle Lachen, im 18. Jahrhundert das Nörgeln und Kritisieren (Pfeifer). Der Kobold lacht, der Mecker ärgert sich, und beide haben dasselbe Wort. Derselbe Anlass kann den einen oder den anderen zünden.
 
Von mir: '''Zwei Eltern.''' Im Mecker laufen zwei Dämonen zusammen. Der [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Ärger|Ärger]] lässt Dampf ab, wenn eine Regel verletzt wird. Der [[#Moralist|Moralist]] will sich überlegen fühlen, weil er die Regel einhält und die anderen nicht.
 
'''Die Regel.''' Die anderen kennen die Regel oder sollten sie kennen. Das lernt man in der Fahrschule.
 
:'''Die Eigendynamik.''' Der Mecker reagiert nicht nur auf Ärgernisse. Einmal aktiviert, sucht er selbstständig nach neuen Anlässen. Er besitzt damit eine Art Eigendynamik. Der ursprüngliche Auslöser ist längst verschwunden, aber der emotionale Zustand bleibt aktiv und beeinflusst, worauf die Aufmerksamkeit gerichtet wird.
:'''Der Gewohnheitsmecker.''' Ein Autofahrer fährt zu dicht auf. Der Mecker wird aktiviert. Anschließend bemerkt er auch den Fahrer, der nicht blinkt, den anderen, der die Spur blockiert, und den nächsten, der zu langsam anfährt. Jeder neue Anlass verlängert seine Aktivität. Das Bemerkenswerte: Er muss sich nicht bewusst entscheiden, nach Fehlern zu suchen. Die Suche läuft automatisch.
:'''Was die Psychologie dazu kennt.''' Hier passen mehrere gut untersuchte Mechanismen zusammen:
::* Aufmerksamkeitsbias: Der aktuelle emotionale Zustand beeinflusst, welche Informationen bevorzugt wahrgenommen werden.
::* Stimmungskongruente Wahrnehmung: Wer verärgert ist, bemerkt leichter Dinge, die zu seinem Ärger passen.
::* Rumination: Das wiederholte gedankliche Beschäftigen mit Ärger hält die Emotion aufrecht.
::* Gewohnheitsbildung: Häufig wiederholte Reaktionen können zunehmend automatisch ablaufen.
::* Selbstverstärkung: Ärger lenkt die Aufmerksamkeit auf weitere Ärgernisse, die wiederum neuen Ärger auslösen.
:'''Die Frage nach dem Motiv.''' Der Mecker muss sich nicht unbedingt über das Meckern freuen. Möglicherweise ist seine eigentliche Funktion, die Umgebung auf Störungen zu überwachen. Er hat ursprünglich eine sinnvolle Aufgabe: Missstände erkennen. Aber einmal aktiviert, arbeitet er weiter, obwohl seine Aufgabe längst erledigt ist. Das wäre eine wichtige Unterscheidung zum Geltungssüchtigen, der sich durch Kritik überlegen fühlen möchte, oder zum Gerechtigkeitssinn, der ein Unrecht beseitigen will. Der Gewohnheitsmecker dagegen produziert fortlaufend neue Beschwerden, ohne dass daraus eine Handlung oder Verbesserung folgen muss.
:'''Mecker und Verbitterter.''' Es kann auch sein, dass man meckert, weil man verbittert ist, als Ersatz für die Enttäuschung. Das ist keine Abstammung, sondern Politik.
:'''Die Belohnung.''' Der Mecker ist ein eigenständiges, sich selbst erhaltendes Programm, dessen Belohnung das Gefühl der Überlegenheit ist. Dabei muss man zwischen dem Mecker und dem Menschen unterscheiden, in dem er aktiv ist.
::* Der Mecker findet Fehler, wertet andere ab und fühlt sich dadurch überlegen.
::* Der Mensch bekommt schlechte Laune, weil seine Wahrnehmung ständig auf Ärgernisse gerichtet wird.
::* Der Mecker braucht kein Publikum. Seine Belohnung entsteht bereits durch sein eigenes Urteil.
::* Eine Verbesserung ist nicht sein Ziel. Würden alle Missstände verschwinden, wäre seine Beschäftigung beendet.
:Das erklärt auch, warum der Mecker nicht aufhört, sobald der ursprüngliche Anlass verschwunden ist. Er sucht weiter, weil jeder neue Fehler seine Überlegenheit erneut bestätigt.
:'''Der innere Monolog.'''
::* „Was für ein Idiot!“
::* „Kann denn keiner mehr richtig fahren?“
::* „Das sieht doch ein Blinder!“
::* „Bin ich denn der Einzige, der noch mitdenkt?“
::* „Lauter unfähige Leute!“
:Das Gemeinsame ist nicht einfach Ärger, sondern die implizite Botschaft: Ich erkenne, was die anderen falsch machen. Ich bin ihnen überlegen.
:'''Psychologische Einordnung.''' Dazu passt der Begriff abwärtsgerichteter sozialer Vergleich (downward social comparison): Man wertet sich selbst auf, indem man andere als schlechter oder unfähiger beurteilt. Auch selbstwertdienliche Verzerrungen passen dazu: Die eigenen Fähigkeiten werden günstiger beurteilt als die fremden. Dieses Modell beschreibt aber nicht nur eine Denkverzerrung, sondern einen sich selbst stabilisierenden emotionalen Akteur. Und dabei entsteht ein bemerkenswerter Interessenkonflikt: Was dem Mecker nützt, schadet dem Menschen. Der Mecker gewinnt Überlegenheit, während der Mensch seine gute Laune verliert. Das wäre auch ein schönes Beispiel für die These, dass ein stabiler emotionaler Typus eigene Ziele verfolgen kann, die nicht mit dem Wohlbefinden des gesamten Menschen übereinstimmen müssen.
 
== Quengler ==
* Stammbaum: von [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Trotz|Trotz]] · zu –
* Spruch: „Ich will aber!“ „Warum denn nicht?“ „Bitte, bitte, bitte!“ „Nur dieses eine Mal!“ „Du hast es doch versprochen!“ „Alle anderen dürfen das auch!“ „Immer muss ich warten!“ „Nie bekomme ich, was ich will!“ „Du hörst mir überhaupt nicht zu!“ „Na guuut, dann eben nicht!“ „Ist ja klar, dass ich wieder leer ausgehe.“ „Jetzt sei doch nicht so!“ „Jetzt stell dich doch nicht so an.“ „Das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt.“ „Warum kannst du mir nicht einfach den Gefallen tun?“ „Mir hilft ja sowieso keiner.“ „Immer muss ich alles alleine machen.“ „Wenn ich dir wichtig wäre, würdest du das tun.“ „Ist schon gut. Ich komme schon irgendwie zurecht.“ „Na, vielen Dank auch.“ „Schon gut, ich habe verstanden.“ „Mach doch, was du willst.“ „Ich sage lieber gar nichts mehr.“ „Hast du es dir inzwischen anders überlegt?“ „Und warum geht es jetzt nicht?“ „Ich verstehe immer noch nicht, was dagegen spricht.“ „Wir können doch noch mal darüber reden.“
* Hunger: Zuwendung, Bedürfnisbefriedigung oder die Durchsetzung des eigenen Willens.
* Trigger: Ein unerfüllter Wunsch, eine Verweigerung, eine Wartezeit oder das Gefühl, nicht genügend beachtet zu werden.
* Mimik: Das Gesicht ist gezogen, die Unterlippe vorgeschoben, der Blick bittend und gequält.
* Haltung: Die Stimme ist gedehnt und weinerlich. Die Hand zupft am Ärmel. Der Körper wippt von einem Fuß auf den anderen.
* Bannung: Nicht das Quengeln belohnen, sondern sachliches Bitten und Verhandeln.
* Beschreibung: Der Quengler versucht, seinen Willen durch anhaltendes Beklagen, Fordern und Wiederholen durchzusetzen.
:'''Der Quengler.''' Er will nicht unbedingt überzeugen. Er will erreichen, dass der andere irgendwann nachgibt, damit das Quengeln aufhört.
:'''Das Revier.''' Er betrachtet das, was er haben will, als seinen Besitz. Es steht ihm zu. Es gehört ihm. Und dieses Revier verteidigt er.
:Von mir: '''Besitz von klein auf.''' Kleinkinder beanspruchen ab etwa 18 bis 24 Monaten Dinge mit „Mein!“ und erleben das als unveräußerlich (Rochat 2011). Beim Einkaufen bittet die große Mehrheit der Kinder um etwas, etwa alle vier Minuten. Die Eltern lehnen etwa drei Viertel der Bitten ab, und weniger als ein Fünftel gibt nach (University of South Australia 2019).
:'''Handlungsweise.''' Der Quengler macht sein unerfülltes Bedürfnis zum Problem seiner Umgebung. Er wiederholt seine Forderung, beklagt sich, jammert, bettelt oder steigert seine Unzufriedenheit, bis andere reagieren. Dabei muss er nicht aggressiv werden. Seine Methode ist vielmehr die Zermürbung durch Beharrlichkeit.
:'''Seine Methoden.'''
::* '''1. Die Wiederholung.''' Er stellt dieselbe Forderung immer wieder, auch wenn sie längst beantwortet wurde.
::* '''2. Die Ermüdung.''' Er hält so lange durch, bis der andere keine Lust mehr auf die Auseinandersetzung hat.
::* '''3. Die Mitleidsfalle.''' Er stellt sein Leiden in den Vordergrund, damit der andere sich verantwortlich fühlt.
::* '''4. Der Vorwurf.''' Er unterstellt mangelnde Liebe, Fürsorge oder Gerechtigkeit.
::* '''5. Die Steigerung.''' Wenn leises Bitten nicht funktioniert, wird er lauter, kläglicher oder dramatischer.
::* '''6. Das beleidigte Schweigen.''' Er zieht sich demonstrativ zurück und zeigt seine Unzufriedenheit, bis der andere auf ihn zukommt.
:'''Was er fühlt.''' Zunächst Unzufriedenheit, Ungeduld oder Enttäuschung. Wenn seine Forderung nicht erfüllt wird, können sich Frustration und das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, verstärken. Gibt der andere schließlich nach, empfindet er Erleichterung und Befriedigung.
:'''Der psychologische Mechanismus.''' Hier gibt es einen besonders gut untersuchten Lernmechanismus: negative Verstärkung. Ein Kind quengelt, weil es Süßigkeiten möchte. Die Mutter sagt nein. Das Kind quengelt weiter. Schließlich gibt die Mutter nach. Jetzt lernen beide etwas:
::* Das Kind lernt: Hartnäckiges Quengeln funktioniert.
::* Die Mutter lernt: Nachgeben beendet das unangenehme Quengeln.
:Dadurch wird das Verhalten auf beiden Seiten verstärkt. Gerald Patterson beschrieb solche wechselseitigen Zwangsprozesse in Familien als coercive family process. Interessant ist auch die intermittierende Verstärkung: Wenn das Quengeln nur gelegentlich zum Erfolg führt, kann das Verhalten besonders hartnäckig werden.
:'''Abgrenzung.''' Der Quengler unterscheidet sich vom [[#Troll|Troll]] durch sein Ziel. Der Troll möchte eine emotionale Reaktion hervorrufen und genießt sie. Der Quengler möchte etwas bekommen. Die unangenehme emotionale Reaktion des anderen ist für ihn ein Mittel zum Zweck. Vom [[#Nörgler|Nörgler]] unterscheidet er sich ebenfalls: Der Nörgler findet ständig etwas auszusetzen, während der Quengler vor allem einen unerfüllten Wunsch verfolgt.
:'''Wie man ihn bannt.''' Eine Forderung kann berechtigt sein. Aber ihre Berechtigung sollte nicht davon abhängen, wie lange oder unangenehm jemand quengelt.
:'''Das Muster.''' Der Quengler macht seine Unzufriedenheit ansteckend, bis andere bereit sind, sie auf eigene Kosten zu beseitigen. Dabei kann aus einer ursprünglich spontanen Reaktion ein erlerntes und schließlich gewohnheitsmäßiges Verhaltensmuster werden.
:'''Der erwachsene Quengler.''' Erwachsene quengeln ebenfalls, und zwar nicht selten. Allerdings ist das Verhalten bei ihnen oft subtiler als bei Kindern. Der grundlegende Mechanismus bleibt derselbe: Der Quengler macht seine Unzufriedenheit so lange zum Problem anderer, bis diese nachgeben.
:'''Typische Formen bei Erwachsenen.'''
::* '''1. Der fordernde Quengler.''' Er möchte etwas haben und akzeptiert ein Nein nicht.
::* '''2. Der leidende Quengler.''' Er setzt auf Mitleid und schlechtes Gewissen.
::* '''3. Der beleidigte Quengler.''' Er zeigt demonstrativ seine Unzufriedenheit, ohne seine Forderung offen auszusprechen.
::* '''4. Der hartnäckige Quengler.''' Er bringt dieselbe Forderung immer wieder vor, auch nachdem sie abgelehnt wurde.
:'''Alltagsbeispiele.''' Bei Erwachsenen erkennt man Quengeln am besten an konkreten Alltagssituationen. Und es ist nicht immer eine offene Forderung. Oft ist es ein anhaltendes, klägliches Drängen, das den anderen mürbe macht.
::* '''1. Der quengelnde Partner.''' Ein Mann möchte, dass seine Frau mit ihm ausgeht. Sie ist müde. „Ach komm, wir machen doch sonst nie was.“ „Immer bist du müde.“ „Ich hatte mich so darauf gefreut.“ „Na toll. Dann sitzen wir eben wieder zu Hause.“ Eine halbe Stunde später: „Wir könnten doch wenigstens kurz hingehen.“ Er akzeptiert die Entscheidung nicht. Stattdessen hält er seine Enttäuschung so lange aufrecht, bis sie nachgibt.
::* '''2. Der quengelnde Kunde.''' Ein Kunde will einen Preisnachlass, den der Verkäufer nicht geben darf. „Da lässt sich doch bestimmt was machen.“ „Jetzt fragen Sie doch wenigstens mal Ihren Chef.“ „Bei der Konkurrenz bekomme ich das billiger.“ „Aber ein kleines bisschen können Sie doch runtergehen.“ Er verlässt das Geschäft nicht, sondern wiederholt seine Bitte in immer neuen Varianten.
::* '''3. Der quengelnde Mitarbeiter.''' Ein Mitarbeiter möchte am Freitag früher gehen. Sein Chef lehnt ab. „Aber ich habe doch letzte Woche auch länger gemacht.“ „Die anderen dürfen doch auch.“ „Es sind doch nur zwei Stunden.“ „Muss ich denn wirklich bis zum Schluss bleiben?“ Bei jeder Gelegenheit bringt er das Thema erneut zur Sprache.
::* '''4. Der quengelnde Kranke.''' Jemand hat eine Erkältung und möchte ständig umsorgt werden. „Mir geht's so schlecht.“ „Kannst du mir noch einen Tee bringen?“ „Jetzt ist mir wieder kalt.“ „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie elend ich mich fühle.“ „Du kümmerst dich überhaupt nicht um mich.“ Dabei ist nicht die Krankheit das Quengeln, sondern das wiederholte Einfordern von Zuwendung, gegebenenfalls über das tatsächlich benötigte Maß hinaus.
::* '''5. Der quengelnde Rentner.''' Ein älterer Mensch erwartet Besuch von seinen erwachsenen Kindern. „Du meldest dich ja überhaupt nicht mehr.“ „Früher hattest du mehr Zeit für mich.“ „Ich sitze hier den ganzen Tag allein.“ „Wenn ich erst mal nicht mehr da bin, wirst du es bereuen.“ Hier wird aus dem Wunsch nach Kontakt ein dauernder emotionaler Druck.
:'''Der Mann im Bus.''' Ein Mann stieg vorne in den Bus ein. Er hatte aber kein Geld. Der hat einfach gequengelt, dass er nach Hause muss. Der Busfahrer hat dem erklärt, dass er bezahlen oder aussteigen muss. Das ging fünf Minuten so. Schließlich hat jemand für ihn bezahlt.
:'''Was ist sein eigentliches Motiv?''' Bei Kindern ist Quengeln oft unmittelbarer Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses. Beim erwachsenen Quengler kann es sich dagegen um eine fest eingeübte Strategie zur Einflussnahme handeln. Er hat gelernt, dass Beharrlichkeit, Jammern und demonstrative Unzufriedenheit wirksamer sein können als Argumente. Dabei muss er nicht bewusst manipulieren. Das Verhalten kann längst automatisiert sein.
:'''Eine wichtige Besonderheit.''' Der erwachsene Quengler kann sogar Freude daran entwickeln, seinen Willen durchzusetzen. Dann ist nicht mehr nur die Erfüllung seines ursprünglichen Wunsches befriedigend, sondern auch die Erfahrung: „Ich habe ihn so lange bearbeitet, bis er nachgegeben hat.“ Damit bekommt das Quengeln ein Eigenleben.
:'''Abgrenzung zum Mecker.''' Der Mecker sucht Anlässe, sich über etwas zu ärgern. Seine Belohnung kann bereits das Meckern selbst sein. Der Quengler dagegen sucht zunächst die Erfüllung eines Wunsches. Er will eine Reaktion oder ein Zugeständnis erzwingen.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Ein Kind quengelt auf einem Laternenumzug die ganze Zeit: „Ich will aber Tütensuppe haben.“ Die Forderung ist unerfüllbar, und das spielt keine Rolle, denn dem Quengler geht es um das Nerven selbst. Wer zuhört, kann nicht weggehen und nichts tun. Irgendwann zündet der [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Wüterich|Wüterich]], auch bei einem friedlichen Menschen. Ein anderes Kind schlägt dem Quengler mit voller Wucht die Laterne über. Der Quengler ruft den Wüterich herbei.
:Von mir: '''Mit Eifersucht.''' Der Quengler arbeitet gelegentlich mit der [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Eifersucht|Eifersucht]] zusammen. Ein Kind klimpert auf dem Klavier, solange Besuch da ist, und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich, sodass kein Gespräch möglich ist. Beide treten zusammen oder getrennt auf, die Übergänge sind fließend. Ein eigenes Wesen wäre es erst, wenn der Bund stabil wird, wie bei der Flechte aus Pilz und Alge.


== Hexe/Psychopath ==
== Hexe/Psychopath ==
* Steckbrief: [[Hexe]]
* Steckbrief: [[Hexe]]
* Bild 2023: von Piesacker, Täuscher · zu Zweifler, Zombie
* Stammbaum: von Piesacker, Täuscher · zu Zweifler, Zombie, Moralist, Höriger, Demütiger
* Erste Fassung: von Piesacker · zu Moralist, Zombie
* Varianten: [[#Hexe/Psychopath|Egozentriker]] (mit Schwätzer, Dozent und Nehmer)
* Auch: Narzist (eingeordnet 8.10.2026). Verschiedene Ausprägungen eines Wesens: Die Hexe legt die Betonung auf die Behexung von anderen, der Narzist mehr auf: Ich muss im Mittelpunkt stehen.
* Auch: Narzist. Verschiedene Ausprägungen eines Wesens: Die Hexe legt die Betonung auf die Behexung von anderen, der Narzist mehr auf: Ich muss im Mittelpunkt stehen.
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  
:'''Die Luft aus dem Raum.''' Wer immer im Mittelpunkt stehen muss, saugt die Luft aus dem Raum. Niemand sonst hat Spielzeit. Was die anderen tun, hat keine Bedeutung. So entstehen um die Hexe herum [[Wesen 3: Beutetier#Zombie|Zombies]]; im Steckbrief des Zombies heißt es: „will Andere zu Zombies machen“.
:'''Die Luft aus dem Raum.''' Wer immer im Mittelpunkt stehen muss, saugt die Luft aus dem Raum. Niemand sonst hat Spielzeit. Was die anderen tun, hat keine Bedeutung. So entstehen um die Hexe herum [[Wesen 3: Beutetier#Zombie|Zombies]]; im Steckbrief des Zombies heißt es: „will Andere zu Zombies machen“.
:'''Variante: der Egozentriker.''' Nicht jeder Narzist ist toxisch wie die Hexe. Manche wollen niemanden klein machen, sie denken nur an sich. Ich, ich, ich. Er behext nicht und manipuliert nicht. Den Schaden der anderen sucht er nicht, er nimmt ihn in Kauf.
:'''Der Schwätzer''' ist eine Form des Egozentrikers. Er redet, und er redet von sich. Selbst hört er nicht lange zu. Erzählt der andere etwas, wartet er nur auf die Lücke, um wieder von sich anzufangen. Redet man dagegen und erzählt selbst eine Geschichte, hört er trotzdem nicht auf. Im Restaurant kommt niemand sonst zu Wort. Sagt man ihm, dass er zu viel redet, hält er eine Viertelstunde Rede darüber, wie recht man hat. Bei Theophrast heißt er Ἀδολεσχία: „Garrulity is incessant heedless talk.“ Er setzt sich neben einen Fremden und erzählt von seiner Frau, von seinem Traum letzte Nacht, von seinem Abendessen, vom Weizenpreis und von seinem Bauchweh: „unless you refuse to listen, he never stops.“
:Charles Derber nennt das „conversational narcissism“. Erzählt jemand, er sei krank gewesen, kann man fragen: „Wie geht es dir jetzt?“ Oder man sagt: „Ich war letztes Jahr auch krank, das war schlimm, ich …“ Der Schwätzer antwortet fast immer auf die zweite Art. Von sich zu erzählen, ist eine Lust. Menschen verwenden ein Drittel ihres Redens darauf, von sich zu berichten (Diana Tamir und Jason Mitchell 2012). Beim Schwätzer ist es fast alles. Er nimmt den ganzen Raum ein. Mitja Back und Kollegen unterscheiden beim Narzissmus die Bewunderung (sich in Szene setzen) von der Rivalität (andere abwerten); beides kommt getrennt vor. Der Schwätzer hat die Bewunderung ohne die Rivalität.
:'''Sprüche.''' Bei Theophrast gibt es einen zweiten Redner, den Vielredner (Λαλιά). Kaum macht man den Mund auf, fällt er einem ins Wort: „Don't forget what you were about to say“ – „That reminds me“ – „But, as I omitted to mention“ – „What an admirable thing talk is!“ Sagt man, man gehe nach Hause, begleitet er einen bis vor die Tür. Beim Essen sagt er, Schweigen sei ihm zu anstrengend. Am Ende rächen sich seine Kinder, wenn sie schlafen wollen: „Papa, tell us something, in order that sleep may come.“
:'''Der Dozent''' ist eine weitere Form des Egozentrikers. Er hält Vorträge über Themen, die ihn packen. Der Inhalt hat oft Hand und Fuß. Was fehlt, ist die Frage, ob der andere das überhaupt hören will. Er bemerkt die Zeichen nicht: das Gähnen, den Blick aufs Handy, Antworten, die immer kürzer werden. Anders als der Schwätzer redet er nicht, um die Bühne zu haben. Das Thema hat ihn, und er will es weitergeben. Deshalb wirkt er oft freundlicher und ist gerade deshalb schwer zu bremsen.
:'''Sprüche.''' „You grasp the idea at once“ – „I was watching this long time to see whether you would come to the same conclusion as myself.“ So belehrt bei Theophrast der Vielredner: Er weiß schon alles, und wenn der andere etwas sagt, hat er nur gewartet, ob der auf dasselbe kommt.
:'''Der Nehmer''' ist die stille Form. Er braucht die anderen nicht, um sich darzustellen. Aber er gibt nicht ab, er erwidert keine Gefallen, er denkt nur an seinen Vorteil. Schädigt er andere dabei, ist das ein Nebeneffekt, nicht das Ziel. Darin unterscheidet er sich von der Hexe, für die der Schaden der anderen die Nahrung ist. Und vom [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Schmarotzer|Schmarotzer]], der von den anderen lebt; der Nehmer kommt ohne sie aus, er gibt nur nichts zurück. Adam Grant teilt die Menschen bei der Arbeit in Geber, Tauscher und Nehmer (''Give and Take'', 2013). Der Nehmer hat auch etwas vom [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Sammler|Sammler]]: nicht hergeben, was man hat, und das gilt bei ihm auch für Gefallen.
:'''Über Generationen weitergegeben.''' Im Steckbrief der Hexe steht: „Hexen haben keine eigene Macht und sind daher herrschssüchtig in anderen zu wohnen.“ Und: „Sie wurden zuerst nämlich auch selbst behext.“ Die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg schrieb 1975 den Aufsatz „Ghosts in the Nursery“, „Gespenster im Kinderzimmer“: Eltern spielen mit ihren Babys die eigene Kindheit nach, ohne es zu merken. Die Gespenster sind die eigenen Eltern, die mit am Bett stehen. Alice Miller beschreibt in ''Das Drama des begabten Kindes'' (1979) ein Kind, das spürt, was die Mutter braucht, und sich danach richtet. Es wird ein gutes, angepasstes Kind und verliert dabei sich selbst.
:'''Über Generationen weitergegeben.''' Im Steckbrief der Hexe steht: „Hexen haben keine eigene Macht und sind daher herrschssüchtig in anderen zu wohnen.“ Und: „Sie wurden zuerst nämlich auch selbst behext.“ Die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg schrieb 1975 den Aufsatz „Ghosts in the Nursery“, „Gespenster im Kinderzimmer“: Eltern spielen mit ihren Babys die eigene Kindheit nach, ohne es zu merken. Die Gespenster sind die eigenen Eltern, die mit am Bett stehen. Alice Miller beschreibt in ''Das Drama des begabten Kindes'' (1979) ein Kind, das spürt, was die Mutter braucht, und sich danach richtet. Es wird ein gutes, angepasstes Kind und verliert dabei sich selbst.
:'''Die Lügen.''' Trump: Wie der die Leute manipuliert, du kommst gegen die Lügen gar nicht mehr an. Die ''Washington Post'' hat in seiner ersten Amtszeit über 30.000 falsche oder irreführende Behauptungen gezählt. Der Programmierer Alberto Brandolini hat 2013 die Regel aufgestellt: Um Unsinn zu widerlegen, braucht man eine Größenordnung mehr Kraft, als ihn in die Welt zu setzen. Wer jede Lüge widerlegen will, ist schon behext; er kämpft auf dem Feld, das die Hexe ausgesucht hat.
:'''Die Lügen.''' Trump: Wie der die Leute manipuliert, du kommst gegen die Lügen gar nicht mehr an. Die ''Washington Post'' hat in seiner ersten Amtszeit über 30.000 falsche oder irreführende Behauptungen gezählt. Der Programmierer Alberto Brandolini hat 2013 die Regel aufgestellt: Um Unsinn zu widerlegen, braucht man eine Größenordnung mehr Kraft, als ihn in die Welt zu setzen. Wer jede Lüge widerlegen will, ist schon behext; er kämpft auf dem Feld, das die Hexe ausgesucht hat.
:'''Projektion.''' Ein Trick der Hexe ist, den Gegnern vorzuwerfen, was sie selbst tut. Trump nennt die Presse „Fake News“. 2015 sagte er über Einwanderer aus Mexiko: „They're rapists“; 2023 befand ihn ein Geschworenengericht in New York in einem Zivilprozess für schuldig, die Journalistin E. Jean Carroll sexuell missbraucht zu haben. Wer zuerst „Lügner!“ ruft, macht aus dem Lügner den Ankläger. Die Psychologin Jennifer Freyd nennt das DARVO: leugnen, angreifen, Opfer und Täter vertauschen (''Deny, Attack, Reverse Victim and Offender'').
:'''Projektion.''' Ein Trick der Hexe ist, den Gegnern vorzuwerfen, was sie selbst tut. Trump nennt die Presse „Fake News“. 2015 sagte er über Einwanderer aus Mexiko: „They're rapists“; 2023 befand ihn ein Geschworenengericht in New York in einem Zivilprozess für schuldig, die Journalistin E. Jean Carroll sexuell missbraucht zu haben. Wer zuerst „Lügner!“ ruft, macht aus dem Lügner den Ankläger. Die Psychologin Jennifer Freyd nennt das DARVO: leugnen, angreifen, Opfer und Täter vertauschen (''Deny, Attack, Reverse Victim and Offender'').
:'''Der Psychopath.''' Beim Psychopathen fehlt das Mitgefühl. Es wird nicht unterdrückt, es ist nicht da, jedenfalls nicht für Menschen außerhalb der Gruppe.
:'''Der Diktator.''' Der Diktator ist kein eigenes Wesen, sondern ein Gemisch. Oft stammt er vom [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich|Wüterich]] und vom Narzissten: Hitler war ein Choleriker. Die Wut kommt bei ihm aus dem Groll über jahrelange Demütigung, im Elternhaus, wie oft gesagt wird, und später im Leben. Mit der Macht kann der Groll tätig werden, und der [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Wüterich|Zaum]], der andere hält, fällt weg, weil niemand mehr straft. Dazu kommen Grandiosität, Auserwähltsein und Wahn, ein tiefes Misstrauen bis zur Paranoia, und bei manchen die kalte Berechnung des Psychopathen. Die Forschung findet dasselbe Muster, ohne es einem einzelnen Wesen zuzuordnen. Dean Haycock beschreibt bei Hitler, Stalin, Mao und Saddam Hussein „malignen Narzissmus“ mit Paranoia, fehlendem Gewissen und Sadismus (''Tyrannical Minds'', 2019). Amber Nai und Emre Toros fanden 2020 bei Politikern mit autokratischen Zügen deutlich höhere Werte in Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus als bei anderen. Henry Murray beschrieb Hitler 1943 für den US-Geheimdienst als jemanden, der Kränkungen nachträgt und sich rächt. Ferndiagnosen sind umstritten, deshalb beschreiben wir ein Muster und stellen keine Diagnose.
:'''Der äußere Feind.''' Der Diktator braucht einen äußeren Feind, aus zwei Gründen: um die Gruppe zu vereinen und um Wut und negative Gefühle auszuleben. Dafür sorgt der [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Stammesbruder|Stammesbruder]]. Er entscheidet, wer dazugehört, und wer draußen steht, wird ohne Mitgefühl behandelt. In Diktaturen gelten für diese Menschen andere Regeln.
:'''Der Gegendämon.''' Gegen den Ernst des Diktators hilft das Lachen des [[#Kobold|Kobolds]].
:'''Der Oligarch.''' Wie der Diktator ist der Oligarch kein eigenes Wesen, sondern ein Gemisch. Theophrast nennt ihn eine „Liebe zur Macht, die fest am eigenen Vorteil klebt“ (Ὀλιγαρχία). In der Versammlung fordert er, dass einer volle Gewalt bekommt, und kennt von Homer nur den einen Vers: „Vielherrschaft ist nicht gut, einer sei Herrscher“ (Ilias II 204). Darin stecken mehrere Wesen. Die Verachtung der Menge kommt von der [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Arroganz|Arroganz]]: Er klagt über das undankbare Volk, die Demagogen und den Lärm der Masse, und wenn ein nackter, hungriger Landstreicher neben ihm sitzt, beschwert er sich über die Zumutung. Die Verlustangst kommt vom Knauser: Er hadert mit den Steuern für Feste und Flotte. Dazu kommt die Eitelkeit, mit Mantel, Frisur und gepflegten Nägeln. Er redet so zu Fremden und zu Bürgern „seiner Art und Partei“, und das ist der [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Stammesbruder|Stammesbruder]]: Wer dazugehört, zählt, die anderen sind Masse.


== Moralist ==
== Moralist ==
* Erste Fassung: von Hexe/Psychopath, Pedant, Prediger, Büßer · zu –
* Stammbaum: von Hexe/Psychopath, Pedant, Prediger · zu –
* Beschreibung:  
* Hunger: Im Recht sein und besser sein als der andere, durch den Maßstab. Andere nach ihm beurteilen und zurechtweisen.
* Trigger: Der Regelverstoß eines anderen. Eine Gelegenheit, ihn vor Dritten ins Unrecht zu setzen. Ein Konkurrent.
* Bannung: offen.
* Mimik: Die Augenbrauen sind leicht gehoben, die Lippen schmal, der Blick geht von oben herab. Dazu kommt das Kopfschütteln.
* Haltung: Aufrecht, die Arme verschränkt. Der Zeigefinger ist erhoben.
* Beschreibung:
:'''Sprüche.''' Das sind Sätze, die jeder kennt:
:* Das tut man nicht!
:* Schäm dich!
:* Wie kann man nur!
:* Was sollen die Leute denken?
:* Ich will ja nichts sagen, aber …
:'''Vom Prediger und vom Pedanten unterschieden.''' Der Prediger verkündet die Regel für alle. Der Pedant korrigiert Kleinigkeiten. Der Moralist urteilt über Menschen: Er teilt in gut und schlecht ein und weist Schuld zu.
:'''Moral als Waffe.''' Von der Hexe hat er die Wirkung auf andere: Er macht ein schlechtes Gewissen, und er setzt jemanden vor den anderen ins Unrecht, ohne selbst die Hand zu heben. Darum holt sich der [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Krieger|Krieger]] ihn als Werkzeug.


== Täuscher ==
== Täuscher ==
* Bild 2023: von – · zu Hexe/Psychopath, Täuscherfisch
* Stammbaum: von – · zu Hexe/Psychopath, Troll, Prahler
* Beschreibung:  
* Varianten: [[Stammbaum#Verschmelzung und Abfolge|Feigling]]
 
* Beschreibung: Er spielt vor, was er doch fähig sei, und es ist nur heiße Luft. Ein Lehrling tut so, als könne er alles, und kann es nicht. Bei Politikern ist der Täuscher auch beliebt; sie lügen zwanghaft, aus Gewohnheit. Vermutlich, um nicht kritisiert zu werden, und aus Minderwertigkeitsgefühl: Wer keine Lücke zugeben darf, weil jede Lücke eine Kritik wäre, füllt sie mit Luft.
== Täuscherfisch ==
:'''Der falsche Putzerfisch.''' Im Korallenriff gibt es den echten Putzerfisch, einen kleinen, blau-schwarz gestreiften Lippfisch. Große Fische, sogar Raubfische, kommen zu seiner Putzerstation, halten still, spreizen die Kiemen und öffnen das Maul, und er frisst ihnen die Parasiten ab. Der Säbelzahnschleimfisch sieht fast genauso aus, mit derselben Farbe, denselben Streifen und demselben Schwimmtanz. Der große Fisch kommt, hält still und vertraut. Statt zu putzen, beißt der Täuscher ihm ein Stück aus Flosse oder Haut und flieht. Er lebt von dem Vertrauen, das einem anderen gehört.
* Bild 2023: von Täuscher, Streber · zu –
:'''Das Aufblasen.''' Auch bei Tieren gibt es die heiße Luft: Der Kugelfisch pumpt sich auf, die Kröte bläht sich vor der Schlange, die Katze macht einen Buckel und sträubt das Fell. Man wirkt größer, als man ist.
* Beschreibung:
:'''Hochstapler.''' Der Schuster Wilhelm Voigt kaufte sich 1906 eine gebrauchte Hauptmannsuniform beim Trödler, stellte sich vor eine Gruppe Soldaten und besetzte mit ihnen das Rathaus von Köpenick. Niemand fragte nach; die Uniform genügte. Der Postbote Gert Postel arbeitete in den 1990er Jahren ohne Studium als Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik in Sachsen. Die Psychiatrie kennt das zwanghafte Lügen als „Pseudologia phantastica“; der Arzt Anton Delbrück beschrieb sie 1891 an Patienten, die ihre Lügen halb selbst glaubten.
:'''Heiße Luft im Alltag.''' Der Psychologe Delroy Paulhus legte Leuten Listen mit Fachbegriffen vor und fragte, welche sie kennen. Darunter waren erfundene Begriffe, die es nicht gibt. Viele kreuzten sie trotzdem an. Er nannte das ''Overclaiming'': Man behauptet Wissen, das man nicht hat, und merkt es oft selbst nicht.
:'''Das Gegenbild''' ist der [[#Streber|Streber]]: Beide spüren denselben Stachel, die Kritik. Der Täuscher bläst sich auf, der Streber setzt sich hin und lernt.


== Ehrgeiz ==
== Ehrgeiz ==
* Bild 2023: von – · zu Streber
* Stammbaum: von [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Geltung|Geltung]], [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Schmach|Schmach]], [[#Sieg|Sieg]] · zu Streber
* Beschreibung:  
* Spruch: „Ich will da hin.“ „Ich will nach oben.“ „Ich will der Beste sein.“ „Das schaffe ich auch.“
 
* Hunger: Aufstieg: mehr Erfolg, mehr Macht, ein höherer Rang.
== Wuff Wuff (betteln um Anerkennung) ==
* Trigger: Eine Stufe, die man erreichen kann: die Beförderung, der Titel, der Erfolg eines anderen, der gleich alt ist.
* Bild 2023: von – · zu Streber
* Mimik: Ein wacher, fester Blick, das Kinn leicht vorgeschoben.
* Beschreibung:  
* Haltung: Vorgebeugt, zielgerichtet, schnell.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Ehrgeiz will nach oben.
:Von mir: '''Der Name.''' Geiz hieß ursprünglich Gier. Ehrgeiz ist also die Gier nach Ehre, nach Rang, nach Erfolg.
:Von mir: '''Erfolg und Macht.''' Der Ehrgeizige misst sich an dem, was er erreicht, nicht an dem, was andere von ihm halten. Das unterscheidet ihn vom [[#Streber|Streber]], der Anerkennung für sein Können will. Wer Macht hat, kann mehr durchsetzen und wird weniger kommandiert.
:Von mir: '''Die Motive.''' Es gibt nicht den einen Ursprung. Mal ist es die Geltung („Ich will gesehen werden“), mal die Schmach („Denen zeige ich es“), mal der Sieg („Ich will noch einen“). Daneben stehen der [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Neid|Neid]] (der andere wurde befördert), die [[Wesen 3: Beutetier#Angst|Angst]] vor Not und das Vorbild, dem man nacheifern will. Meist wirken mehrere zugleich.
:Von mir: '''Beispiele.''' Die Praktikantin, die Abteilungsleiterin werden will. Der Sportler, der morgens vor allen anderen trainiert. Der Politiker, der schon im Studium die nächste Wahl plant.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Wird das Ziel wichtiger als alles andere, gehen die Karrieristen über Kollegen hinweg. Der Ehrgeiz kann dann Lüge und Intrige in Kauf nehmen, und der [[#Täuscher|Täuscher]] ist nicht weit.


== Streber ==
== Streber ==
* Bild 2023: von Ehrgeiz, Wuff Wuff (betteln um Anerkennung) · zu Täuscherfisch
* Stammbaum: von Ehrgeiz, Wuff Wuff (betteln um Anerkennung), Perfektionist · zu –
* Beschreibung:  
* Der Streber misst an Geltung und Anerkennung, der Ehrgeiz an Erfolg und Macht.
* Trigger: Kritik.
* Hunger: Anerkennung, verdient durch Können.
* Beschreibung: Der Streber will nicht täuschen. Seine Antwort auf Kritik ist echter Fleiß, und dadurch erhält er Anerkennung. Die halbe Zivilisation baut auf ihm.
:Anders Ericsson hat 1993 an der Berliner Musikhochschule untersucht, was die besten Geiger von den guten unterscheidet. Es war nicht das Talent, sondern das Üben, allein und gezielt, an genau dem, was man noch nicht kann. Die Besten hatten mit zwanzig Jahren rund 10.000 Stunden geübt, die Schwächeren viel weniger.
:Das Handwerk hat den Streber zur Einrichtung gemacht: Lehrjahre, Gesellenjahre, das Meisterstück. Anerkennung gibt es nur für das, was man wirklich kann.
:Thomas Edison wird der Satz zugeschrieben: „Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.“
:'''Das Gegenbild''' ist der [[#Täuscher|Täuscher]]. Beide spüren denselben Stachel, die Kritik, das „Du kannst das nicht“. Der Täuscher bläst sich auf, der Streber setzt sich hin und lernt.
:'''Die Silbermedaille.''' Der Streber misst an seinem eigenen Anspruch, und der ist ganz oben. Victoria Medvec, Scott Madey und Thomas Gilovich werteten 1995 die Gesichter von Olympia-Medaillengewinnern aus: Die Bronze-Gewinner sahen glücklicher aus als die Silber-Gewinner. Der Dritte vergleicht sich mit dem Vierten, der leer ausgeht; der Zweite mit dem Ersten, gegen den er knapp verloren hat.


== Hass ==
== Gewissheit ==
* Bild 2023: von Vampir · zu –
* Stammbaum: von Vampir · zu –
* Erste Fassung: von Vampir · zu –
* Spruch: „Ich weiß es.“ „Da bin ich sicher.“ „Das steht fest.“ „Darauf kannst du dich verlassen.“
* Beschreibung:  
* Hunger: Ein Urteil, das feststeht, ohne weiter zweifeln zu müssen.
 
* Gegendämon: [[Wesen 3: Beutetier#Zweifler|Zweifler]]. Wo die Gewissheit herrscht, ist der Zweifel still.
== Gewißheit ==
* Trigger: Der Zweifel tritt beiseite: eine klare Wahrnehmung, eine Wiederholung, die Zustimmung der Gruppe, ein Erfolg, der das Urteil bestätigt.
* Bild 2023: von Vampir · zu –
* Mimik: Pure Konzentration.
* Erste Fassung: von Vampir · zu –
* Haltung: Majestätisch, fest stehend, ruhige Hände.
* Beschreibung:  
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Was Gewissheit ist: Das ist der Vampir.
:'''Wie sonst beschreiben.''' Wie soll man es sonst beschreiben? Entschlossenheit? Bestimmtheit? Ohne Zweifel? Das alles ist noch vor Publikum.
:'''Der Mechanismus.''' Man hat Gewissheit über etwas, weil man sich vergewissert hat und keine Gründe dagegen sprechen. Da scheint Gewissheit von Gründen abzuhängen. Aber der Mechanismus ist in Wahrheit ein anderer. Die Gründe treten beiseite, der Zweifel. Und dann zeigt sich der Vampir. Und diese Gewissheit ist ohne Gründe. Das ist ja das Kennzeichen, dass die Gründe schweigen. Da sind auch keine anderen, denen man etwas erklären muss.
:'''Pure Konzentration.''' Majestätisch. Imperator Rex. Jahrtausende alt. Und es ist auch [[#Feierlich|feierlich]].
:'''Die Musik.''' Bei Musik spielt das: Dawn, zum Teil auch Bathory.
:'''Es dauert an.''' Dieses Gefühl dauert länger an. Das ist auch das, was die Überzeugung und die Kraft gibt, Ziele länger zu verfolgen.
:'''Der Vampir im Alltag.''' Gewissheit ist das, wo sich der Vampir unerkannt im Alltag zeigt. Der ist nämlich so gründlich gebannt worden, dass man ihm sonst selten begegnet.
:Von mir: '''Der Jäger.''' Die Katze schleicht an den Vogel heran und weiß plötzlich: jetzt. Das kann ein Augenblick sein, aber auch eine lange Jagd, bei der das Ziel nie in Zweifel gerät.
:Von mir: '''Burton.''' Robert Burton beschreibt 2008 in ''On Being Certain'', dass das Gefühl der Gewissheit im Körper entsteht, unabhängig davon, ob die Gründe stimmen. Das passt zu „Die Gründe schweigen“. Deshalb können Menschen im Recht und im Irrtum dasselbe feste Gefühl haben.
:Von mir: '''Bathory.''' Die Band Bathory trägt den Namen der ungarischen Gräfin Elisabeth Báthory, um die sich die Legende von der Blutgräfin rankt, also einer Vampirgestalt.
:Von mir: '''Atmung.''' Ruhig und tief, mit langem Ausatmen, wie bei jemandem, der nichts mehr abwägen muss.
:Von mir: '''Beispiele.''' Die Autofahrerin, die ihre Strecke seit Jahren kennt. Die Mutter, die beim ersten Blick weiß, dass ihr Kind lügt. Der Schüler, der die Rechenaufgabe zum dritten Mal gleich gelöst hat.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Die Gewissheit ist angenehm und will bleiben. Wer sie einmal hat, sucht Bestätigung und weicht dem Gegenbeispiel aus. Daraus wird der Dogmatiker, der keine Frage mehr zulässt.


== Sieg ==
== Sieg ==
* Bild 2023: von Vampir · zu Dank, Jubel, Stolz, Triumph, Mut, Held
* Stammbaum: von Vampir · zu Jubel, Stolz, Triumph, Mut, Held, [[#Ehrgeiz|Ehrgeiz]]
* Erste Fassung: von Vampir · zu Jubel, Stolz, Dank, Triumph, Held
* Spruch: „Ich habe gewonnen!“ „Ich bin der Größte!“ „Ja!“ „Geschafft!“
* Beschreibung:  
* Hunger: Das Ziel zu erreichen, den Gegner zu besiegen und das Hochgefühl des Gewinnens zu spüren.
* Trigger: Ein Kampf, ein Wettbewerb oder eine Aufgabe, die gelingt: das Tor, der Knockout, das Gerät, das läuft.
* Gegendämon: [[Wesen 3: Beutetier#Angst|Angst]]. Im Sieg gibt es keine Angst und kein Bedauern.
* Mimik: Strahlendes Gesicht, offener Mund, Siegesschrei.
* Haltung: Die Arme gehen nach oben, die Brust ist weit, der Körper streckt sich.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Sieg ist das Hochgefühl des Gewinnens und kann ohne Gegner auskommen.
:'''Der Sieg.''' Denk an einen Boxkampf. Da kämpfen Krieger. Wenn einer gewinnt, reißt er die Arme nach oben, jubelt und triumphiert. Er macht Sprüche. Hochgefühl. Da ist Euphorie. Da ist nichts Negatives mehr. Kein Bedauern. Keine Angst. Das ist der Sieg.
:'''Auch ohne Gegner.''' Das kann auch passieren, wenn man Erfolg hat. Dazu muss man keinen menschlichen Gegner besiegen. Wer ein neues Gerät zum Laufen gebracht hat, jubelt und hüpft durch die Halle.
:'''Sprüche.''' Cassius Clay, der spätere Muhammad Ali, schrie nach dem Sieg über Sonny Liston 1964 in die Presse: „I am the greatest! I shook up the world!“ (Boxing Insider, Express-News)
:'''Im Tierreich.''' Das gibt es im Tierreich auch. Nach einem Kampf klopft sich der Sieger auf die Brust. Seine Haltung nimmt mehr Platz ein. Ausrufe. Und danach wird das Revier größer. Denn darum geht es dabei doch eigentlich: Sein Revier zu verteidigen oder zu vergrößern.
:Von mir: '''Die Haltung.''' Jessica Tracy und David Matsumoto fanden 2008 bei Judokämpfern, dass Sieger die Arme heben und die Brust weiten, auch wenn sie von Geburt an blind sind. Die Siegerhaltung ist also kein Abschauen. Der Vampir ist das Wesen des Reviers (siehe [[#Vampir|Vampir]]), und der Sieg ist sein Hochgefühl.
:Von mir: '''Der Siegereffekt.''' Wer gewinnt, gewinnt danach leichter. Bei Tieren ist das gut beschrieben: Der Sieger kämpft kühner, der Verlierer weicht aus. Beim Menschen steigt nach einem Sieg der Testosteronspiegel, und das Selbstvertrauen wächst (Allan Mazur und Alan Booth, 1998).
:Von mir: '''Was daraus wird.''' Aus dem Sieg gehen mehrere Wesen hervor, je nachdem, was man daraus macht: der laute [[#Jubel|Jubel]], der still zufriedene [[#Stolz|Stolz]], der zeigende [[#Triumph|Triumph]], der [[#Mut|Mut]], der es wieder wagt, und der [[#Ehrgeiz|Ehrgeiz]], der mehr will.
:Von mir: '''Beispiele.''' Der Boxer nach dem Knockout. Das Kind, das zum ersten Mal ohne Hilfe Fahrrad fährt. Die Schachspielerin, die nach vier Stunden das Matt setzt.
:Von mir: '''Atmung.''' Ein tiefer Atemzug, die Brust weitet sich, dann oft ein Schrei oder ein Lachen.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Der Sieg macht süchtig nach dem Sieg. Wer nur noch gewinnen will, sucht Gegner, die er schlagen kann, und kann Niederlagen nicht mehr ertragen.


== Dank ==
== Dank ==
* Bild 2023: von Sieg · zu Verehrung/Bewunderung
* Stammbaum: von HOMO · zu Verehrung/Bewunderung
* Erste Fassung: von Sieg · zu Verehrung/Bewunderung
* Hunger: keiner. Er stellt sich ein, wenn ein Hunger gestillt wird. Aber er drängt zum Zurückgeben.
* Gegendämon zum [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Groll|Groll]]: Wer dankbar an jemanden denkt, kann ihm in diesem Moment nicht grollen.
* Trigger: eine unerwartete Wohltat. Aber auch Essen, Sex, Musik, Erfolg, die Sonne. Manchmal ganz ohne Anlass. Und die Begnadigung.
* Beschreibung:  
* Gegendämon: [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Groll|Groll]]. Wer dankbar an jemanden denkt, kann ihm in diesem Moment nicht grollen.
* Bannung: Bedrohung, Angst und die Forderung nach Dank verhindern ihn. Er lässt sich nicht befehlen. Er kann sich einstellen, muss aber nicht.
* Beschreibung: Die Dankbarkeit stellt sich meist bei einer unerwarteten Wohltat ein und richtet sich auf den Geber. Aber nicht immer. Sie kommt auch nach anderen Befriedigungen, nach einem guten Essen, nach Musik, nach einem Erfolg, und auch [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Sunny|Sunny]], der nur in der Sonne liegt, kann dankbar sein. Sie ist ein Zeichen von Gesundheit, Vitalität und Glück. Das gute Gefühl schafft eine Erinnerung, damit man das Gesunde wiederholt. Das Wesen wächst, wenn man es regelmäßig füttert. Dank ist urtümlich, ein Elternteil ist nicht zu finden. Aus Dank kann Verehrung werden. Man ist seinem Idol dankbar: „Er hat meinem Leben einen Sinn gegeben.“
 
'''Zwei Arten.''' Robert Emmons und Michael McCullough verlangten für Dankbarkeit einen Geber, von dem das Gute kommt. Nathaniel Lambert, Steven Graham und Frank Fincham fragten 2009 gewöhnliche Menschen und fanden zwei Arten: die Dankbarkeit für eine Wohltat und eine allgemeine Dankbarkeit ohne Geber. Bernard Weiner, Daniel Russell und David Lerman fragten 1979 Studenten, warum sie eine Prüfung bestanden hatten. Wer es der Hilfe anderer zuschrieb, war dankbar. Wer es sich selbst zuschrieb, war eher stolz.
 
'''Die Erinnerung.''' Essen, Sex und Musik laufen über dieselben Belohnungsbahnen. Adiel Mallik, Mona Lisa Chanda und Daniel Levitin blockierten 2017 die körpereigenen Opioide, und die Musik bewegte weniger: „music uses the same reward pathways as food, drug and sexual pleasure.“ Philip Watkins und Kollegen fanden 2004: Dankbare Menschen erinnern sich häufiger an die guten Ereignisse ihres Lebens. In den Versuchen von Emmons und McCullough (2003) schrieben Teilnehmer jede Woche auf, wofür sie dankbar waren. Danach waren sie dankbarer und zufriedener, hatten weniger Beschwerden und trieben mehr Sport. Eine Meta-Analyse über 145 Arbeiten mit fast 25.000 Teilnehmern (PNAS 2025) bestätigt die Wirkung des Fütterns, wenn auch schwach, und am stärksten bei denen, die wenig Dankbarkeit mitbringen.
 
'''Der Zusammenhalt.''' Das Gefühl wurde verwendet, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Gegenseitige Hilfe gibt es bei allen Tieren, die in Gruppen leben. Aber erst wo Tiere einander einzeln erkennen, merken sie sich den Geber. Vampirfledermäuse würgen Blut für hungrige Nachbarn hervor. Gerald Carter und Gerald Wilkinson zeigten 2013: Wer früher etwas bekommen hat, gibt später, und das zählt 8,5-mal mehr als die Verwandtschaft. Frans de Waal zeigte 1997 bei Schimpansen: Wer einen anderen in den zwei Stunden davor gelaust hatte, bekam von ihm öfter Futter ab. Wer nicht gelaust hatte, wurde abgewehrt. Ohne Dankbarkeit bekäme der Geber nichts zurück. Adam Grant und Francesca Gino ließen 2010 Versuchspersonen ein Bewerbungsschreiben korrigieren und baten sie danach um ein zweites. Stand in der Bitte „Thank you so much! I am really grateful.“, half nicht ein Drittel, sondern zwei Drittel. Wer dankbar ist, hilft seinem Wohltäter auch, wenn es ihn etwas kostet, und hilft sogar Fremden mehr (Monica Bartlett und David DeSteno 2006). Ohne Dankbarkeit gäbe es nur den Handel Zug um Zug. Mit ihr kann man jetzt helfen und später zurückbekommen, ohne dass jemand Buch führt. Der [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Schmarotzer|Schmarotzer]] nimmt und gibt nicht. Er ist der Mensch ohne Dankbarkeit.
 
'''Die Forderung.''' Geforderter Dank ist kein Dank mehr, sondern eine Schuld. Philip Watkins und Kollegen zeigten 2006: Je deutlicher ein Geber zu verstehen gibt, dass er etwas zurück erwartet, desto mehr fühlt sich der Beschenkte verschuldet, desto weniger ist er dankbar und desto seltener hilft er dem Geber danach.
 
'''Die Begnadigung.''' Die Begnadigung erzeugt echte Dankbarkeit, auch wenn einen der Täter verschont. Das ist völlig absurd, aber so ist es. Karl Halvor Teigen zeigte 1997: Dankbarkeit entsteht aus dem Vergleich mit dem, was hätte geschehen können. Je schlimmer das Erwartete, desto größer der Dank. Der Psychiater Frank Ochberg spricht bei Geiseln von einer „primitive gratitude for the gift of life“. Das nutzt die [[Hexe]] beim [[#Höriger|Hörigen]]: Wer ständig Strafe erwartet, empfindet schon das Ausbleiben der Strafe als Geschenk.


== Achtung ==
== Achtung ==
* Bild 2023: von – · zu Verehrung/Bewunderung
* Stammbaum: von Raubtier, Staun · zu Verehrung/Bewunderung
* Beschreibung:  
* Beschreibung:
Geachtet wird die Stärke. Man achtet in anderen die Eigenschaften, die einem selbst wichtig sind. Achtung bekommt man nicht geschenkt, man muss sie wert sein. Wer falsch ist, kann nicht geachtet werden.
 
Kriterien der Hochachtung können sein: Jemand haut einen intellektuell vom Sockel. Intensive Präsenz in den Augen, da ist jemand wirklich da (siehe [[Vampir#Blick|Blick]]): Das Raubtier sucht das Raubtier. Aufrichtigkeit. Der Wille zur Perfektion (siehe [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Perfektionist|Perfektionist]]). Konzentriertes Streben.
 
Die Achtung steht am Anfang einer Linie: Achtung → Verehrung → Ehrfurcht → Fan. Am Ende steht der [[#Stalker|Stalker]], der die Souveränität dessen, den er verehrt, nicht mehr achtet.


== Verehrung/Bewunderung ==
== Verehrung/Bewunderung ==
* Bild 2023: von Staun, Dank, Achtung · zu Ehrfurcht, Eifersucht, Liebe
* Stammbaum: von Staun, Dank, Achtung · zu Ehrfurcht, Eifersucht, Liebe, Aphrodite
* Erste Fassung: von Dank · zu Venus
* Beschreibung: Verehrung ist, einen Menschen zu bewundern, der Eigenschaften in großem Maß hat, die man selbst wertschätzt. Das kann Intelligenz sein, Fähigkeit oder Ausdauer. Man bewundert auch Tugend, nicht nur Können. Was man bewundert, ist bei jedem anders, und mancher wird von der Intelligenz eines anderen eingeschüchtert. In der Nähe eines solchen Menschen fühlt man sich gut, hat ein Hochgefühl und hält ihn für etwas Besonderes.
* Beschreibung:  
:'''Was man will.''' Man will für den Verehrten etwas tun, auch ohne Tauschhandel. Etwas Nichtmaterielles will man aber doch: Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Kontakt.
:'''Wozu es gut ist.''' Bewunderung zieht zum Vorbild hin. Man sucht die Nähe, schaut hin, lernt und ahmt nach. Das erfüllt einen Zweck: Man eifert dem Vorbild nach, und dadurch wird das Können der Gruppe entwickelt. Man erzählt anderen von dem Bewunderten und stärkt so seinen Ruf.
:'''Bewunderung und Neid.''' Wirkt Verbesserung erreichbar, kann aus Bewunderung ein gutartiger Neid werden, der nach oben zieht (van de Ven und Kollegen 2011). Wirkt sie unerreichbar, bleibt es bei der Bewunderung, ohne dass sie antreibt.
:'''Die Schönheit.''' Die Bewunderung von Schönheit und Anmut ist ein eigenes Wesen, [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Aphrodite|Aphrodite]].
:'''Was daraus wird.''' Aus der Verehrung gehen die [[#Ehrfurcht|Ehrfurcht]], die [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Liebe|Liebe]] und die [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Eifersucht|Eifersucht]] hervor, und über die Ehrfurcht der [[#Fan|Fan]]. Die Entgleisung ist der [[#Stalker|Stalker]], der die Souveränität dessen, den er verehrt, nicht mehr achtet.


== Ehrfurcht ==
== Ehrfurcht ==
* Bild 2023: von Verehrung/Bewunderung · zu –
* Stammbaum: von Verehrung/Bewunderung · zu Fan
* Erste Fassung: von Staun · zu Fan
* Spruch: „Das ist ein großer Mensch.“ „Für den tue ich es.“ „So jemanden trifft man selten.“
* Beschreibung:  
* Hunger: Dem Größeren zu dienen.
* Trigger: Ein Mensch mit besonderen Qualitäten, der aufrichtig ist und über einem steht.
* Mimik: Offene Augen, ruhiges Gesicht.
* Haltung: Aufrecht, die Schultern sinken nicht, auch als stolze Persönlichkeit.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Die Person steht über einem. Das ist wahr. Das denkt man. Aber man fühlt sich nicht kleiner. Das ist erhebend.
:'''Positiv und sinngebend.''' Die Ehrfurcht ist etwas Positives und gibt einem Sinn. Man fühlt sich gut dabei.
:'''Dienen.''' Man will für die Person etwas tun. Ihr dienen, auch als stolze Persönlichkeit.
:'''Charisma.''' Das ist der Grund, weshalb charismatische Gestalten Anhänger haben, die begeistert für die Person oder die Sache etwas tun. Man sieht da besondere Qualitäten.
:'''Aufrichtigkeit.''' Aufrichtigkeit ist Voraussetzung.
:'''Wenn es anders ist.''' Bei Anhängern von Diktatoren oder Politikern mag das anders sein. Da werden dann Charakterfehler mit der Größe entschuldigt.
:Von mir: '''Ehre und Furcht.''' Das Wort enthält beides. Bei der Ehrfurcht vor einem Menschen ist von der Furcht kaum etwas zu spüren, es bleibt die Ehre.
:Von mir: '''Von der Verehrung.''' Die Verehrung kommt dem Bewunderten nah. Die Ehrfurcht sieht in ihm schon etwas Höheres, dem man dient, und der Verehrte steigt vom Vorbild zum Anführer.
:Von mir: '''Das Charisma.''' Max Weber hat das Charisma als außergewöhnliche Eigenschaft beschrieben, aus der die Gefolgschaft entsteht. Die Hingabe der Anhänger ist freiwillig. Das unterscheidet sie vom [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Vasall|Vasallen]], der der Macht folgt.
:Von mir: '''Vor der Größe.''' Ehrfurcht gibt es auch vor Dingen. Rudolf Otto beschrieb 1917 in ''Das Heilige'' das Gefühl vor dem Göttlichen als zugleich erschreckend und anziehend, „mysterium tremendum et fascinans“. Vor einem Gebirge oder einem Sternenhimmel fühlt man sich klein, aber nicht schlecht: Die Forschung zum Staunen (Bai und Kollegen 2017) beschreibt, dass die Aufmerksamkeit vom eigenen Ich wegrückt und man sich verbunden fühlt. Die Ehrfurcht vor einem Menschen erhebt: Jonathan Haidt beschreibt bei der Bewunderung Energie, Freude und den Antrieb, selbst höher zu leben.
:Von mir: '''Zum Fan.''' Wenn der Ehrfürchtige den Menschen dauernd so sieht, wird aus der Ehrfurcht der [[#Fan|Fan]]: Er hält den Verehrten für göttlich und macht ihn zum Idol.


== Fan ==
== Fan ==
* Erste Fassung: von Ehrfurcht · zu –
* Stammbaum: von Ehrfurcht · zu Stalker, Höriger
* Beschreibung:  
* Hunger: Verehrung.
* Entgleisung: der [[#Stalker|Stalker]].
* Beschreibung:
Der Fan verehrt einen Menschen selbst, nicht dessen Macht. Darin unterscheidet er sich vom [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Vasall|Vasallen]], der nur folgt, solange die Macht da ist. Der Hörige vergöttert sein Idol, und das ist im Grunde der Fan.
 
Der Fan glaubt, einen ganz besonderen Menschen gefunden zu haben. Seine Ansprüche werden nicht nur erfüllt, sondern übertroffen. Dann steigt der Verehrte auf, von der Achtung zur Verehrung bis zur Ehrfurcht: aus dem König wird ein Gott. Stendhal nannte das 1822 die Kristallisation: Ein kahler Zweig, in einen Stollen des Salzbergwerks bei Salzburg geworfen, ist nach Monaten über und über mit Kristallen bedeckt.
 
Der Fan hält den Verehrten für göttlich und sammelt darum Fanartikel. Es geht ihm nicht ums Sammeln, sondern um Verehrung, und das macht ihn glücklich. Die Psychologen George Newman, Gil Diesendruck und Paul Bloom fanden 2011: Was Dinge von Berühmten wertvoll macht, ist vor allem der Glaube, dass in ihnen etwas vom früheren Besitzer steckt. Je mehr der Berühmte einen Gegenstand berührt hatte, desto lieber wollten ihn die Leute kaufen.
:'''Die Lisztomanie.''' Der Rausch um den Pianisten Franz Liszt begann 1841 in Berlin; Heinrich Heine prägte das Wort 1844. Frauen wollten Locken seines Haars. Riss ihm eine Klaviersaite, wollten Verehrerinnen sie haben, um ein Armband daraus zu machen. Manche trugen Glasfläschchen bei sich, in die sie seinen Kaffeesatz gossen. Eine Hofdame hob einen Zigarrenstummel auf, den er auf die Straße geworfen hatte, ließ ihn in ein Medaillon fassen, umgeben von seinem Monogramm „F.L.“ in Diamanten, und trug ihn mit sich herum.
 
Der Fan ist nicht gezwungen. Das unterscheidet ihn von der [[Wesen 3: Beutetier#Sucht|Sucht]]: Das Idol macht ihn tatsächlich glücklich, ein Blick oder eine Stimme genügt. Oft ist das Bild dessen, was ihn glücklich macht, schon vorher da, wie ein [[Die Entstehung der Seele#Die Phantasie|Suchbild]]. Dann begegnet ihm ein Mensch, in dem dieses Bild sein Äußerstes findet. Das kann bis zur Besessenheit gehen. Auch dann ist er noch nicht der [[#Stalker|Stalker]]: Die Besessenheit bleibt in ihm, die Gedanken kreisen um den Verehrten, aber er lässt ihn frei. Der Stalker greift nach dem anderen.
:'''Die Stufen.''' Die Psychologen Lynn McCutcheon, Rense Lange und James Houran haben 2002 eine Skala für die Verehrung von Berühmten entwickelt, mit drei Stufen: Unterhaltung und Geselligkeit (man verfolgt Neuigkeiten und redet mit anderen darüber), intensiv-persönlich (man fühlt sich dem Star tief verbunden, hält ihn etwa für einen Seelenverwandten und denkt zwanghaft an ihn), und grenzwertig-pathologisch (bis zur Bereitschaft, für den Star etwas Ungesetzliches zu tun). Die hohen Stufen sehen sie als riskant an.
 
Das ist ähnlich wie verliebt sein (siehe [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Liebe|Liebe]]). Aber der Fan kann einen Menschen auch wegen ganz anderer Eigenschaften verehren: den Sänger wegen seiner Stimme, die Sportskanone wegen ihrer Leistung. Und er kann einen Menschen des eigenen Geschlechts verehren, ohne jede erotische Seite.
 
'''Sprüche:'''
* ''„I would die for him.“'' → Hingabe bis zum Äußersten. Gesagt von einem Fan nach einem Auftritt von Justin Bieber; ihre Freundin hatte vorher schon „Literally anything“ gesagt, und sie musste noch einen draufsetzen (Sydney Morning Herald, 2015).
* ''„Mother!“'' → Rufe der Fans bei Beyoncés Renaissance-Tour 2023. Sie heißt auch „Queen Bey“.
* ''„Today I had the chance to meet my great idol.“'' → Céline Dept nach dem Treffen mit Cristiano Ronaldo, 2026: Er habe ihr die Kraft gegeben, an sich zu glauben und nie aufzugeben.
* ''„She got me through my breakups.“'' → Ein Fan von Taylor Swift.
* ''„The first time I saw him he changed my life. … He captured my heart.“'' → Das Leben geteilt in ein Vorher und ein Nachher. Cheryl Skogen, 66, aus Los Angeles bei der Kerzenwache vor Graceland 2012 (AP). Sie hatte Elvis zum ersten Mal in der Ed-Sullivan-Show gesehen.
* ''„I felt the spirit of Elvis there, as if he was alive.“'' → Der Tote lebt weiter wie ein Heiliger. Sergio Galleguillo aus Argentinien nach dem Gang an Elvis' Grab, 2012 (AP).
* ''„If you were sad or happy or whatever, he was such a big part of your life.“'' → Der Begleiter in allen Lagen. Christine Jeffords, Vorschullehrerin aus Wisconsin, 2013 (AP).
Die Sprache der Fans ist religiöse Sprache: Mutter, Königin, der Geist des Toten, der Pilgerort. Vor Graceland, dem Haus von Elvis Presley, bauen die Fans jedes Jahr bei der Kerzenwache zu seinem Todestag Schreine mit Kerzen und Bildern auf der Straße. Ein Fan aus Chile: „It's hard to believe that I'm here on the street where he walked, the street corners where he stood, the restaurants where he ate.“ Die Zeitung ''Commercial Appeal'' überschrieb ihren Bericht über die Kerzenwache 2026: „Elvis fans say ‚thank you' to the King“.
 
Er kann toxisch sein, muss es aber nicht. Er kann den Verehrten auch fördern, über jedes gewöhnliche Maß hinaus, und ihm seine Hochachtung sagen. Der echte Fan achtet die Souveränität dessen, den er verehrt.
 
== Stalker ==
* Stammbaum: von Fan, [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Eifersucht|Eifersucht]] · zu –
* Gegenspieler: die Achtung vor der Souveränität des anderen.
* Beschreibung:
Der Stalker will sein Idol ganz für sich haben. Er ist eifersüchtig. Er achtet nicht die Souveränität dessen, den er verehrt. Er ist die Entgleisung des [[#Fan|Fans]]: Die Verehrung wird dominant und schaltet die Achtung aus.
:'''Rebecca Schaeffer.''' Die amerikanische Schauspielerin wurde 1989 von Robert John Bardo erschossen, einem besessenen Fan, der sie verfolgt hatte. Danach erließ Kalifornien 1990 das erste Gesetz gegen Stalking in den USA.
:'''Monica Seles''' wurde am 30. April 1993 in Hamburg während eines Spiels mit einem Messer in den Rücken gestochen. Der Täter war ein besessener Fan ihrer Rivalin Steffi Graf. Laut Polizei wollte er Seles so schwer verletzen, dass sie nicht mehr spielen konnte und Graf wieder die Nummer eins würde. Hier richtet sich die Eifersucht nicht gegen das Idol, sondern gegen den Rivalen des Idols: Neben ihm darf keiner stehen.
 
== Höriger ==
* Stammbaum: von Fan, Hexe/Psychopath · zu –
* Verwandt: [[#Stalker|Stalker]], [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Eifersucht|Eifersucht]]
* Beschreibung:
Der Hörige ist ein behexter [[#Fan|Fan]]. Im Mittelalter waren Hörige unfreie Bauern, die zum Land eines Herrn gehörten; in „hörig“ stecken „gehören“ und „gehorchen“.
 
Am Anfang ist es eine Romanze, vom dominanten Teil entweder echt oder gezielt eingesetzt (siehe [[#Hexe/Psychopath|Hexe]]). Dann kann auch Eifersucht dazukommen. Es geschieht langsam. Wie kocht man einen Frosch? Langsam. (Das ist ein Gleichnis; echte Frösche springen heraus, bevor das Wasser heiß wird.) Typisch ist der Wechsel von Demütigung und Reue. Auch die sozialen Verbindungen werden verboten, denn sie wären ein Ausweg.
 
Das Opfer flieht nicht, weil es innen das Wechselbad spiegelt. Es entschuldigt und verteidigt den Täter. Er ist ja auch wunderbar.
:'''Die Forschung.''' Lenore Walker beschrieb 1979 den Kreislauf aus Spannungsaufbau, Ausbruch und Versöhnung, in der sich der Täter entschuldigt, Geschenke macht und Besserung verspricht. Die Frau kehrt nach Walker nicht zurück, weil sie die Gewalt vermisst, sondern weil sie noch glaubt, es besser machen zu können. Donald Dutton und Susan Painter zeigten 1981: Ein Machtgefälle und der Wechsel von Grausamkeit und Zuwendung erzeugen eine besonders feste Bindung. Das Opfer übernimmt mit der Zeit das Bild, das der Täter von ihm hat, und kehrt oft zurück. Wer jemanden von Freunden und Familie abschneidet, nimmt ihm den Ausweg.
Dazu kommt die Mystifizierung durch die [[Hexe]]. Das Opfer übernimmt die Wertung und Deutung des Täters: „Ich wurde zu Recht bestraft.“ „Ich darf nicht so ungeschickt sein.“ „Ich muss besser putzen.“ Am Ende steht die globale Zuschreibung: Es liegt nicht mehr an dem, was ich tue, sondern an dem, was ich bin. Ronnie Janoff-Bulman unterschied 1979 diese beiden Arten der Selbstbeschuldigung. Die erste betrifft das Verhalten und lässt die Hoffnung, es beim nächsten Mal zu vermeiden. Die zweite betrifft den Charakter, und das Opfer hält sich selbst für schuldig, so zu sein.
 
Im Film ''Gaslight'' (1944) bringt der Ehemann (Charles Boyer) seine Frau (Ingrid Bergman) dazu, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln: Das Gaslicht flackert, und er sagt, sie bilde es sich ein. Von dem Film hat das Wort „Gaslighting“ seinen Namen.
 
Die Sängerin FKA twigs schilderte 2021 im Fernsehen ihre Beziehung mit dem Schauspieler Shia LaBeouf. Er bestritt die Vorwürfe, 2025 endete ihre Klage mit einem Vergleich. Am Anfang sprang er über den Zaun und legte Blumen, Gedichte und Bücher vor ihre Tür: „I thought it was very romantic.“ Dann das Wechselbad: „Putting me on a pedestal, telling me that I was amazing, over-the-top displays of affection, just to knock me off the pedestal, to tell me that I was worthless.“ Und die Mystifizierung: „he would push me and then he would say, ‚You fell.' And I would get really confused. And, and I think, I would think, ‚Maybe I did.'“ Als sie im Interview weint, entschuldigt sie sich. Auf die Frage, warum sie nicht gegangen ist: „it's because it was that bad I couldn't leave.“
 
Tina Turner über Ike Turner: „sometimes after he beat me up, I'd end up feeling sorry for him“ und „I'm sitting here all bruised and torn and I'm feeling sorry for him.“
'''Die Methoden.''' Der Soziologe Albert Biderman befragte US-Piloten, die in koreanischer Gefangenschaft falsche Geständnisse abgelegt hatten, und stellte 1957 acht Methoden zusammen: Isolation, Monopolisierung der Wahrnehmung, Demütigung, Erschöpfung, Drohungen, gelegentliche Gunst, Allmacht zeigen und banale Forderungen erzwingen. Amnesty International nannte sie 1973 die „universal tools of torture and coercion“. Dieselben Methoden finden sich in der Beziehung zum Hörigen. FKA twigs musste ihm etwa 20 Berührungen und Küsse am Tag geben: „he would say that I didn't kiss him enough.“ Auf der Autobahn drohte er, das Auto gegen eine Wand zu fahren, wenn sie ihn verlässt. Evan Stark, der den Begriff „Coercive Control“ prägte, nennt als wichtigstes Mittel die Regelung des Alltags: „how women dress, cook, clean, socialize, care for their children, or perform sexually.“ Der Täter stellt die Regeln auf, das Opfer macht sie zu seinem eigenen Maßstab. Sally Challen war rund 40 Jahre verheiratet. Ihr Mann kontrollierte das Geld und bestimmte, mit wem sie befreundet war. Ohne ihn durfte sie nicht ausgehen. 2010 erschlug sie ihn. 2019 hob das Berufungsgericht die Verurteilung wegen Mordes auf, ihre Anwälte hatten mit der Kontrolle durch ihren Mann argumentiert. Sie wurde wegen Totschlags verurteilt und kam frei. Der Täter muss das nicht planen. Es ist ein Muster.
'''Die Sprüche.''' Im Film ''Gaslight'' sagt Gregory zu Paula: „You know, you are inclined to lose things.“ Sie: „I am? I didn't realize that.“ Später: „Are you becoming suspicious as well as absent-minded, Paula?“ und „It hurts me when you're ill and fanciful.“ Einladungen sagt er ab, sie sei krank. Am Ende sagt Paula selbst: „I'm always losing things and hiding things and I can never find them“.
 
Emma Davey lernte Ashley Southgate 2015 kennen. Nach einer Woche sagte er, dass er sie liebt, nach einem Monat sprach er von Heirat und Kindern: „I thought I'd found my soulmate“. Dann: „Why do you need to see your family so much? Do you need to see your friends?“ Er kaufte ihr neue Kleider, weil sie die alten mit anderen getragen hatte: „You're like my dolly.“ In jedem Zimmer hing eine Kamera: „Where are you? I can't see you on camera.“ Als er sie hinauswarf: „Here you go... you haven't even got money for a loaf of bread.“ Danach: „he is telling me he is sorry and he will change, and he loves me - and I'm back on cloud nine.“ Er gestand und wurde 2022 verurteilt.
 
Eine andere Frau erzählte der BBC, ihr Partner habe sie „worthless person“ genannt und gesagt, „nobody else would ever want to go out with me“: „He had worn me down so much that I believed him.“ Und: „he put a noose around my neck and then as the weeks went by he slowly, slowly, slowly tightened the noose“.


== Jubel ==
== Jubel ==
* Bild 2023: von Sieg · zu –
* Stammbaum: von Sieg · zu Feierlich
* Erste Fassung: von Sieg · zu Feierlich
* Spruch: „Jaaa!“ „Geschafft!“ „Yes!“ „Tor!“
* Beschreibung:  
* Hunger: Das Hochgefühl herauslassen, sofort und mit dem ganzen Körper.
* Trigger: Das Ziel ist erreicht, plötzlich und eindeutig: das Tor, die bestandene Prüfung, der Gewinn.
* Mimik: Ein weit offener Mund, Lachen oder Schrei, strahlende Augen.
* Haltung: Die Arme hoch, die Fäuste geballt, Hüpfen, Umarmungen.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Jubel ist der Ausbruch des Hochgefühls beim Erfolg.
:Von mir: '''Spontan und ansteckend.''' Der Jubel überlegt nicht. Er kommt im Moment des Erfolgs, und wer daneben steht, ist sofort mit dabei. Beim Tor springen die Zuschauer im Stadion gleichzeitig auf und umarmen auch Fremde.
:Von mir: '''Atmung.''' Der Jubel atmet tief ein und lässt die Luft als Schrei oder Lachen heraus. Danach ist die Atmung schnell und gelöst, ganz anders als beim Schreck, der den Atem anhält.
:Von mir: '''Jubel, Triumph, Feierlich.''' Der Jubel braucht keinen Gegner und keine Zuschauer: Wer allein den Gipfel erreicht, ruft „Ja!“ in die Berge. Der [[#Triumph|Triumph]] zeigt den Sieg dem Besiegten. Das [[#Feierlich|Feierliche]] macht daraus ein geordnetes Fest. Der Jubel steht davor und ist kurz.
:Von mir: '''Beispiele.''' Das Kind, das beim Geschenk hüpft. Die Schülerin, die ihr Zeugnis sieht. Die Läuferin, die im Ziel die Arme hochreißt.


== Stolz ==
== Stolz ==
* Bild 2023: von Sieg · zu –
* Stammbaum: von Sieg · zu Rückgrat
* Erste Fassung: von Sieg · zu Rückrat
* Spruch: „Das habe ich mir selbst erarbeitet.“ „Ich lasse mich nicht herabwürdigen.“ „Ich habe meinen Stolz.“ „Lieber verzichte ich darauf.“ „Das habe ich nicht nötig.“ „Ich lasse mir von dem nichts sagen.“ „Wenn ich etwas mache, dann richtig.“
* Beschreibung:  
* Hunger: Selbstachtung, Würde und die Bestätigung des eigenen Wertes. Beim überheblichen Stolzen kommt der Wunsch nach Überlegenheit hinzu.
* Trigger: Eine Leistung oder das Erreichte. Eine Situation, in der sein Selbstwert berührt wird. Das kann eine Herausforderung sein, bei der er seine Fähigkeiten beweisen möchte, oder eine Kränkung, bei der er sich herabgesetzt fühlt. Besonders empfindlich reagiert der Stolze darauf, wenn seine Leistungen missachtet oder seine Fähigkeiten angezweifelt werden.
* Mimik: Ein kleines Lächeln.
* Haltung: Kopf erhoben, Brust geweitet, ehrlich ohne Falschheit.
* Beschreibung: Der Stolz ist eine Haltung.
:'''Die Haltung.''' Das ist eine Haltung. Kopf erhoben. Brust geweitet. Ehrlich ohne Falschheit.
:'''Worauf.''' Man ist stolz auf eine Leistung oder auf das Erreichte. Und man ist mit sich im Reinen.
:'''Der Moment.''' Aber eigentlich zeigt es sich in dem Moment, weil alles gut ist.
:'''Anders als Arroganz.''' Man hat eine hohe Meinung von sich selbst. Anders als Arroganz macht man andere nicht kleiner.
:'''Zwei Varianten.''' Es gibt zwei Varianten von Stolz. Eine ist nicht arrogant. Eine tut sich mit [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Arroganz|Arroganz]] zusammen.
:'''Dankbar.''' Man ist dankbar und ist auch anderen wohlgesonnen. Glück. Fülle. Sonnenschein.
:'''Nicht feindlich.''' Dazu muss man nicht feindlich sein. Nicht auf andere herabblicken.
:'''Atmung.''' Viele Dämonen haben auch mit der Atmung zu tun. Der Stolz hat eine ruhige, gleichmäßige und tiefe Atmung. Während etwa der [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Büßer|Büßer]] das Gegenteil ist und eine flache und unglückliche Atmung hat mit seiner gebeugten Haltung.
:'''Der Stolze.''' Der Stolze will sich selbst achten können. Er misst seinen eigenen Wert an seinen Leistungen, Fähigkeiten, Überzeugungen oder seiner Herkunft. Sein Stolz entsteht aus der Vorstellung: „Ich bin jemand, und das lasse ich mir nicht nehmen.“
:'''Ursprung und Motiv.''' Stolz entsteht, wenn ein Mensch etwas an sich selbst als wertvoll empfindet und diesen Wert bewahren möchte. Das kann eine selbst erbrachte Leistung sein, eine überwundene Schwierigkeit, eine besondere Fähigkeit oder die Zugehörigkeit zu einer angesehenen Gemeinschaft. Der entscheidende Unterschied zur Eitelkeit: Der Stolze braucht nicht unbedingt Bewunderung. Er braucht einen Grund, sich selbst zu achten. Allerdings gibt es zwei sehr unterschiedliche Ausprägungen.
::* Leistungsstolz: „Ich habe etwas Schwieriges geschafft.“ Er motiviert zu Anstrengung, Ausdauer und hohen Ansprüchen.
::* Überheblichkeitsstolz: „Ich bin mehr wert als andere.“ Er verlangt Rang, Vorrang und Unterordnung.
:In der Psychologie entspricht das ungefähr der Unterscheidung zwischen authentic pride und hubristic pride (Tracy und Robins).
:'''Handlungsweise.''' Der Stolze will seinen Ansprüchen gerecht werden. Er kann außerordentlich gewissenhaft, ausdauernd und zuverlässig sein. Lieber nimmt er Schwierigkeiten auf sich, als sich selbst zu enttäuschen. Doch Stolz kann auch zur Falle werden. Er weigert sich, um Hilfe zu bitten, obwohl er sie braucht. Er gesteht einen Fehler nicht ein, weil er darin eine Erniedrigung sieht. Er lässt sich lieber schaden, als nachzugeben. Sein eigener Anspruch wird zu seinem Gefängnis.
:'''Was er fühlt.''' Wenn er seinen Ansprüchen gerecht wird, empfindet er Befriedigung, Stärke und Selbstachtung. Wird sein Stolz verletzt, kann er Scham, Wut, Trotz oder Verachtung empfinden. Besonders interessant ist, dass er selbst ein berechtigtes Zugeständnis als Niederlage erleben kann.
:'''Seine Schwäche.''' Der Stolze kann seinen eigenen Wert nicht immer von seiner Stellung oder seinen Leistungen trennen. Dann wird jeder Fehler zur Kränkung und jede Kritik zum Angriff auf seine Person. Er kann sogar etwas zerstören, das ihm wichtig ist, nur um seinen Stolz nicht aufgeben zu müssen.
:'''Wie man ihn beeinflusst.''' Den Stolzen öffentlich zu demütigen, ist meistens kontraproduktiv. Er wird versuchen, seine Würde zu verteidigen, selbst wenn ihm das schadet. Er ist eher erreichbar, wenn er einen Fehler korrigieren kann, ohne seine gesamte Selbstachtung zu verlieren. Man kann außerdem an seinen eigenen Anspruch appellieren: „Gerade weil du so viel Wert auf deine Arbeit legst, solltest du diesen Fehler korrigieren.“
:'''Stolz und Eitelkeit.''' Stolz und Eitelkeit können sich sogar widersprechen. Der Eitle möchte bewundert werden und passt sich dafür möglicherweise seinem Publikum an. Der Stolze kann gerade die Bewunderung ablehnen, wenn er sich dafür verbiegen müsste. Der Eitle fragt: „Was denken die anderen über mich?“ Der Stolze fragt: „Was würde ich über mich selbst denken?“ Das macht den Stolz zu einem besonders interessanten Wesen: Er kann sowohl eine Quelle großer Charakterstärke als auch eine Ursache verhängnisvoller Unnachgiebigkeit sein.
:Von mir: '''Belege.''' Tracy und Robins (2004, ''Psychological Science'' 15(3), 194–197) fanden in drei Experimenten einen erkennbaren Ausdruck des Stolzes: kleines Lächeln, Kopf leicht zurückgelegt, sichtbar geweitete Haltung, Arme über dem Kopf oder Hände in den Hüften (nach dem Abstract). Das deckt sich mit „Kopf erhoben, Brust geweitet“. Dieselben Autoren (2007, ''Journal of Personality and Social Psychology'' 92(3), 506–525) unterscheiden zwei Seiten des Stolzes, authentisch und hybrid („hubristic“), mit verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen (nach dem Abstract).
:Von mir: '''Beispiele.''' Der Handwerker, der nach der Abnahme vor seinem fertigen Werk steht. Die Mutter bei der Abschlussfeier ihres Kindes. Die Mannschaft nach dem Pokalgewinn.


== Rückrat ==
== Rückgrat ==
* Erste Fassung: von Stolz · zu –
* Stammbaum: von Stolz · zu –
* Beschreibung:  
* Spruch: „Das tue ich nicht.“ „Dazu stehe ich.“ „Da mache ich nicht mit.“ „Ich sage, was ich denke.“
* Hunger: Bei sich bleiben, auch unter Druck, und sich nicht verbiegen.
* Trigger: Druck, etwas Unrechtes zu tun, zu schweigen oder nachzugeben, durch einen Befehl, den Chef oder die Gruppe.
* Mimik: Ein ruhiger, gerader Blick.
* Haltung: Aufrecht, die Schultern zurück, die Füße fest.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Das Rückgrat bleibt bei dem, was er für richtig hält, auch wenn es ihn etwas kostet.
:Von mir: '''Der Name.''' Das Wort ist körperlich gemeint. Wer Rückgrat hat, steht aufrecht. Wer keines hat, knickt ein, bückt sich und buckelt. Der [[#Stolz|Stolz]] ist die Haltung, das Rückgrat ist das Tun gegen Widerstand: Der Stolze fragt „Was würde ich über mich selbst denken?“, und das Rückgrat handelt danach.
:Von mir: '''Beispiele.''' Der Angestellte, der sich weigert, eine Rechnung zu fälschen, obwohl der Chef es verlangt. Der Schüler, der nicht mitlacht, wenn einer gemobbt wird. Der Zeuge, der trotz Drohung aussagt. In allen drei Fällen kostet es etwas, und das Rückgrat zahlt.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Wird der eigene Anspruch zum Gefängnis, wird aus dem Rückgrat Sturheit: Es gibt auch dann nicht nach, wenn es im Unrecht ist. Das ist der Teil des Stolzes, der sich weigert, um Hilfe zu bitten oder einen Fehler zuzugeben.


== Triumph ==
== Triumph ==
* Bild 2023: von Sieg · zu –
* Stammbaum: von Sieg · zu [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Amok|Amok]], [[#Feierlich|Feierlich]]
* Erste Fassung: von Sieg · zu –
* Spruch: „Wer lacht jetzt?“ „Hab ich's dir nicht gesagt?“ „Da hast du's!“ „Gewonnen!“
* Ergänzt 2026: zu [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Amok|Amok]] (das Hochgefühl der Geltung).
* Hunger: Den Sieg auskosten und dem Besiegten zeigen, wer gewonnen hat.
* Beschreibung:
* Trigger: Der Sieg über jemanden, der einen kleingemacht, angezweifelt oder abgeschrieben hat, besonders vor Zuschauern.
* Mimik: Ein breites, strahlendes Siegerlächeln.
* Haltung: Die Arme oder eine Faust nach oben, die Brust weit, der Blick auf den Besiegten.
* Bannung: offen.
* Zum Amok bringt er das Hochgefühl der Geltung.
* Beschreibung: Der Triumph ist der Sieg, der dem Besiegten gezeigt wird.
:'''Wozu er da ist.''' Es geht vor allem um zwei Dinge. Erstens: die eigene Überlegenheit zur Schau stellen. Zweitens: den Gegner demütigen und vor einem weiteren Kampf abschrecken. Auch andere Gegner abschrecken. Aus diesem Grund macht der so eine Show daraus.
:Von mir: '''Sieg und Triumph.''' Der [[#Sieg|Sieg]] ist das Hochgefühl des Gewinnens und kann ohne Gegner auskommen: Wer ein Gerät zum Laufen bringt, jubelt und hüpft. Der Triumph braucht den Besiegten und meist Zuschauer. Der Stürmer, der nach dem Tor vor die Kurve der gegnerischen Fans rennt, triumphiert. Der [[#Stolz|Stolz]] ist still und mit sich im Reinen, der Triumph ist laut und zeigt.
:Von mir: '''Rang, Belohnung, Gruppe, Preis.''' Der Triumph klärt den Rang, sodass es weniger Kämpfe braucht. Das Hochgefühl belohnt, sodass man den nächsten Kampf wieder will. Ein gemeinsamer Sieg verbindet die eigene Seite, wie der Torjubel im Stadion. Der Preis: Wer den Gegner [[#Demütiger|demütigt]], macht sich einen Feind, der auf Rache sinnt. Deshalb zeigen manche Sieger Großmut und helfen dem Gegner auf. Auch das ist eine Show, nur für andere Zuschauer.
:'''Die Show aus Begeisterung.''' Bei Käfigkämpfen, etwa der Frauen im Fliegengewicht, zeigen die Siegerinnen Triumph. Sie hüpfen, machen Gesten, zeigen die Faust und steigen auf den Zaun. Das ist eindeutig eine Show, aber aus Begeisterung, nicht gespielt. Trotzdem ist es üblich, dass die Kontrahentinnen sich umarmen, so sehr die eine die andere auch brutal abgelascht hat. Da ist Achtung, und der Zweck ist in diesem Fall nicht die Demütigung, sondern das Feiern der eigenen Überlegenheit.
:'''Festlich.''' Triumph hat etwas Festliches. Die Triumphzüge bei den Römern waren ein Fest.
:Von mir: '''Der Triumphzug.''' Der Name kommt aus dem alten Rom: Der siegreiche Feldherr zog mit seinen Truppen, der Beute und den Gefangenen durch die Stadt. Der Sieg wurde der Stadt und den Besiegten vorgeführt.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Der Triumph macht übermütig. Wer nur noch gewinnt, hält sich für unverwundbar und unterschätzt die nächste Gefahr. Wird er ein Dauerzustand, trägt er die Geltung bis zum Größenwahn weiter, und das ist der Anteil, der in den [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Amok|Amok]] eingeht.


== Mut ==
== Mut ==
* Bild 2023: von Sieg · zu –
* Stammbaum: von Sieg, [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Wüterich|Wüterich]] · zu –
* Beschreibung:  
* Spruch: „Ich mach das.“ „Los jetzt!“ „Einer muss es tun.“ „Das schaffe ich.“
* Hunger: Es tun, obwohl die Angst da ist, weil das Ziel wichtiger ist als die Gefahr.
* Trigger: Eine Gefahr oder Hürde, vor der andere zögern: der Sprung ins kalte Wasser, ein Mensch in Not, ein schwieriges Gespräch.
* Gegendämon: [[Wesen 3: Beutetier#Angst|Angst]]. Wer mutig ist, hat in diesem Moment die Angst überstimmt.
* Mimik: Ein fester Blick, die Kiefer zusammengebissen.
* Haltung: Aufrecht, ein Schritt nach vorn, die Schultern gestrafft.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Mut handelt trotz der Angst.
:'''Vom Sieg.''' Es kommt vom Sieg. Der glaubt nämlich, es zu schaffen, und stellt sich das vor, weil er eine Erinnerung an Erfolge hat. Wer immer scheitert, wird mutlos.
:'''Die Motive.''' Es kann verschiedene Motive haben, für die man Mut aufbringt.
:Von mir: '''Angst ist dabei.''' Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Wer keine Angst hat, braucht keinen Mut. Der Mut ist da, wenn die [[Wesen 3: Beutetier#Angst|Angst]] spricht und er trotzdem handelt.
:Von mir: '''Die Wut im Mut.''' Beim Mutigen steckt oft Angriffsenergie mit drin. Wer sich über eine Ungerechtigkeit ärgert, traut sich plötzlich, dem Chef zu widersprechen. Lerner und Keltner (2001, ''Journal of Personality and Social Psychology'' 81(1), 146–159) fanden, dass Ärger risikofreudiger und optimistischer macht, Angst dagegen vorsichtiger. Auch „sich Mut antrinken“ und der „Mut der Verzweiflung“ gehen in diese Richtung.
:Von mir: '''Wofür man Mut aufbringt.''' Das Ziel, das wichtiger ist als die Gefahr, kommt aus wechselnden Quellen: aus der Fürsorge, wenn jemand ein Kind aus dem Wasser holt, aus dem Gerechtigkeitssinn, wenn jemand dazwischengeht, oder aus dem Ehrgeiz, wenn jemand sich etwas Schwieriges vornimmt. Deshalb steht keine dieser Quellen als fester Elternteil im Stammbaum.
:Von mir: '''Atmung.''' Vor dem Sprung atmet der Mutige tief ein, hält die Luft kurz und geht los. Das ist das Gegenteil der Angst, die den Atem flach macht und anhält.
:Von mir: '''Abgrenzung.''' Der Mut tut es einmal, wenn es darauf ankommt. Das [[#Rückgrat|Rückgrat]] bleibt dabei, auch wenn es dauert. Der [[#Held|Held]] wird danach als Held gesehen, der Mut selbst macht noch kein Aufhebens.
:Von mir: '''Beispiele.''' Das Kind, das zum ersten Mal vom Zehnmeterbrett springt. Der Ersthelfer, der am Unfallwagen die Tür aufreißt. Die Frau, die in der Besprechung die Frage stellt, die alle denken.


== Held ==
== Held ==
* Bild 2023: von Sieg · zu Gelassen
* Stammbaum: von Sieg · zu Gelassen
* Erste Fassung: von Sieg · zu Gelassen
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Gelassen ==
== Gelassen ==
* Bild 2023: von Held, Beschwichtiger · zu –
* Stammbaum: von Held, Beschwichtiger · zu Egal, Weitfeld-Umblick, Bestätiger
* Erste Fassung: von Held · zu Egal, Weitfeld-Umblick, Beschwichtiger, Tröster, Bestätiger
* Spruch: „Das wird schon.“ „Alles gut.“ „Immer mit der Ruhe.“ „Kühlen Kopf bewahren.“
* Beschreibung:  
* Hunger: Ruhe im eigenen Inneren, auch wenn es draußen unruhig ist.
 
* Trigger: Ein Problem oder ein Konflikt, der Aufregung auslösen könnte und den man trotzdem aushält: Stress, Kritik, eine Unsicherheit, ein Provokateur.
== Beschwichtiger ==
* Gegendämon: [[Wesen 3: Beutetier#Angst|Angst]], [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Wüterich|Wüterich]]. Wer gelassen ist, lässt sich nicht jagen und nicht reizen.
* Bild 2023: von – · zu Gelassen
* Mimik: Entspanntes Gesicht, glatte Stirn, ein leises Lächeln.
* Erste Fassung: von Gelassen · zu –
* Haltung: Aufrecht und entspannt. Reaktionen ruhig und besonnen.
* Beschreibung:  
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Gelassene handelt durchaus. Er ist dabei oft auch effektiver, weil er einen kühlen Kopf bewahrt.
:'''Probleme und Konflikte.''' Gelassenheit ist gerade wichtig, wenn es Probleme und Konflikte gibt.
:'''Zuversicht.''' Zuversicht.
:'''Der Held.''' Der Held ist hier im Sinne der Edda gemeint: Jemand, der sein Revier sicher hat und es verteidigen kann. Er ruht in sich. Erst das Christentum hat daraus jemanden gemacht, der sich selbstlos für andere aufopfert. In der Edda sind das bewährte Krieger mit Rang.
:'''Der Beschwichtiger.''' Der Beschwichtiger ist dabei, weil Widrigkeiten nicht gleich zur Aufregung führen.
:'''Ruhe und Entschlossenheit.''' Die Gelassenheit lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie handelt aber trotzdem entschlossen. Das ist kein Widerspruch. Der Gelassene will sich konzentrieren.
:Von mir: '''Das Wort.''' Meister Eckhart prägte im 14. Jahrhundert das Wort „gelâzenheit“ für das Sichlassen und Loslassen. Heidegger griff es 1959 auf. Die Stoiker, Epiktet und Seneca, übten dasselbe als Haltung, nur dass sie es Gleichmut nannten: nicht festhalten, was man nicht in der Hand hat.
:Von mir: '''Kühler Kopf.''' Die Aufregung engt den Blick ein und treibt zu schnellen Reaktionen. Wer ruhig bleibt, sieht die Lage und die Möglichkeiten und handelt überlegt. Das hat nichts mit Zurückhaltung zu tun: Die Gelassenheit packt an, nur ohne Hast.
:Von mir: '''Der Unterschied zum Egal.''' Der Gelassene sieht, was los ist, und handelt, auch für andere. Das unterscheidet ihn vom [[#Egal|Egal]], der sich nur für seine eigenen Belange einsetzt.
:Von mir: '''Resignation.''' Die Resignation hat die Schultern gesenkt: Sie hat aufgegeben. Die Gelassenheit steht aufrecht und rechnet mit einem guten Ausgang. Aufgegeben und gelassen unterscheiden sich in der Zuversicht.
:Von mir: '''Atmung.''' Ruhig und tief, mit langem Ausatmen. Der Körper bleibt locker, auch wenn der Kopf Gefahr meldet.
:Von mir: '''Beispiele.''' Der Pilot, der bei einer Turbulenz weiterspricht. Die Mutter, die beim Trotzanfall ihres Kindes ruhig bleibt. Der Torwart vor dem Elfmeter.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Die Gelassenheit wird zur Gleichgültigkeit, wenn sie nichts mehr anrührt. Dann bleibt man ruhig, weil man nichts mehr fühlt, und nimmt keine Gefahr mehr ernst.


== Egal ==
== Egal ==
* Erste Fassung: von Gelassen · zu –
* Stammbaum: von Gelassen · zu –
* Beschreibung:  
* Spruch: „Dafür bin ich nicht zuständig.“ „Ist mir egal.“ „Das ist nicht mein Problem.“ „Mach du das.“ „Ich habe zu tun.“
* Hunger: Die eigenen Interessen ungestört zu verfolgen.
* Trigger: Fremde Ansprüche und Pflichten.
* Gegendämon: [[#Empörung|Empörung]]. Der Empörte nimmt jede Regel ernst, dem Egalen ist keine etwas wert.
* Mimik: Gelassenes Gesicht, ein Schulterzucken.
* Haltung: Entspannt, halb abgewandt.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Egal ist auch gelassen. Er hat aber keine Ambitionen, sich für etwas zu engagieren.
:'''Fremde Ansprüche.''' Der will fremde Ansprüche ignorieren. Der drückt sich vor Pflichten.
:'''Die eigenen Interessen.''' Seine eigenen Interessen verfolgt der aber. Und seine Gleichgültigkeit ist ein Mittel dazu, nur seine Belange ernst zu nehmen.
:'''Resignation.''' Etwas anderes ist Resignation. Da war der Wille, etwas zu erreichen. Aber der ist so oft gescheitert, dass er sich auf die Egal-Position zurückzieht. Glücklich ist der nicht damit. Aber er denkt: Man kann sowieso nichts bewirken. Auch für seine Interessen.
:Von mir: '''Von der Gelassenheit.''' Beide sind ruhig. Der Gelassene handelt entschlossen und engagiert sich für die Sache oder die anderen. Der Egale engagiert sich nur für sich.
:Von mir: '''Beispiele.''' Der Kollege, der bei jeder Zusatzaufgabe sagt „nicht meine Abteilung“, aber pünktlich zu seinem Verein geht. Der Mitbewohner, der den Abwasch stehen lässt. Das Kind, das auf die Bitte, den Tisch zu decken, „ist mir egal“ sagt und weiterspielt.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Das Egal kann ein Schutz vor Überforderung sein: Nicht alles muss man tragen. Es kippt, wenn andere dauernd tragen müssen, was er sich spart. Dann ist er der Trittbrettfahrer, und die Gruppe wird ihn nicht mehr lange dulden.


== Weitfeld-Umblick ==
== Weitfeld-Umblick ==
* Erste Fassung: von Gelassen · zu –
* Stammbaum: von Gelassen · zu –
* Beschreibung:  
* Spruch: Meist keiner. Ein leises „Schön hier.“ oder „Mal nichts tun.“
* Hunger: Erholung. Energie tanken und ruhig werden.
* Trigger: Wenn gerade nichts ansteht: eine Aussicht, ein freier Moment, der Urlaub.
* Mimik: Weicher Blick, entspanntes Gesicht.
* Haltung: Stehend, aufrecht und entspannt, der Blick geht in die Weite.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Man steht da und überblickt die Gegend. Man hat keine Verpflichtung. Stille. Man ist entspannt. Meditativ.
:'''Erholung.''' Das ist Erholung. Es passiert, wenn gerade nichts ansteht. Man tankt dabei Energie und wird ruhig.
:'''Der Alltag.''' Man ist ja im Alltag ständig aktiv. Irgendwas am Klären oder Nachdenken.
:'''Der Urlaub.''' Das hört sich trivial an. Aber Menschen planen und geben viel Geld aus, um im Urlaub diesen Zustand zu erreichen.
:'''Die Tretmühle.''' Wir sind auch immerfort in der Tretmühle von Wortgedanken. Da schweigt das einmal. Und man fühlt und nimmt die Umgebung wahr.
:'''Der Kontakt zum Leib.''' Das ist auch wichtig, weil man den Kontakt zum Fühlen und Wahrnehmen verliert. Durch Gründe, Argumente, Pflichten. Mit diesem Ruhepunkt wird die Verbindung zum Leib und Dasein wieder hergestellt.
:'''Entspannung.''' Man nennt das auch Entspannung.
:'''Nach Enttäuschung und Scheitern.''' Und das kann auch nötig sein nach einer Enttäuschung oder nach Scheitern. Neue Kräfte tanken.
:'''Methoden.''' Da gibt es ja auch Methoden dafür: Meditation, Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training.
:Von mir: '''Von der Gelassenheit.''' Die Gelassenheit bleibt ruhig, auch wenn es etwas zu tun gibt. Der Weitfeld-Umblick braucht eine Lage, in der nichts ansteht. Er ist die Gelassenheit im Ruhezustand.
:Von mir: '''Die Natur.''' Rachel und Stephen Kaplan beschrieben 1989 in ''The Experience of Nature'', dass der Anblick von Landschaft die Aufmerksamkeit erholt, die im Alltag dauernd angespannt ist. Roger Ulrich fand 1984, dass Patienten mit Blick auf Bäume nach einer Operation schneller entlassen wurden als solche mit Blick auf eine Mauer.
:Von mir: '''Die Methoden.''' Die Progressive Muskelentspannung hat Edmund Jacobson in den 1920er Jahren entwickelt: Man spannt Muskelgruppen an und lässt sie wieder los. Das Autogene Training hat der Arzt Johannes Heinrich Schultz 1932 vorgestellt: Man sagt sich in Gedanken Formeln wie „Mein Arm ist schwer und warm“. Beide führen den Körper in diesen Zustand, wenn er von selbst nicht kommt.
:Von mir: '''Atmung.''' Ruhig und tief, mit langem Ausatmen.
:Von mir: '''Beispiele.''' Der Wanderer auf dem Gipfel. Der Mensch am Strand. Der Landwirt, der abends am Zaun der Weide steht. Wer am Fenster steht und in den Regen schaut.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Der Zustand lässt sich nicht erzwingen und nicht erledigen. Wer ihn als Aufgabe sieht („jetzt entspanne ich mich“), bringt die Wortgedanken zurück. Im Alltag kommt er oft zu kurz, weil immer etwas ansteht.
 
== Bestätiger ==
* Stammbaum: von Gelassen · zu –
* Spruch: „Das ist der richtige Weg.“ „Das machst du gut.“ „Weiter so.“
* Hunger: Bei dem Beschluss zu bleiben und die Handlung zu Ende zu führen.
* Trigger: Zweifel, die sich während der Handlung melden, und eine längere Handlung, die Geduld braucht.
* Gegendämon: [[Wesen 3: Beutetier#Zweifler|Zweifler]]
* Mimik: Ein inneres Nicken, ruhiges Gesicht.
* Haltung: Gleichmäßig, stetig, die Bewegungen ohne Zögern.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Bestätiger spricht zu dir während der Handlung: Das ist der richtige Weg. Das machst du gut. Weiter so.
:'''Die Abstimmung.''' Uns wurde erzählt, dass man sich vernünftige Gründe abwägt. Dann rational eine Entscheidung trifft. Und dann das tut, weil es vernünftig ist. Das ist Bullshit. In Wirklichkeit passiert etwas anderes. Es ist eine Abstimmung zwischen Dämonen, welche Wege es gibt. Und jeder hat seine Interessen. Und oft ergreift auch einfach einer die Macht oder überlistet die anderen.
:'''Während der Handlung.''' Aber wenn man bei der Handlung ist, melden die anderen Zweifel an. Der Bestätiger spricht zu dir während der Handlung.
:'''Bekräftigen.''' Es werden nicht nochmal die Gründe erwogen. Es wird der Weg und der Beschluss nochmal bekräftigt. Während der Tat. Deshalb bleibst du dabei.
:'''Das Restaurant.''' Natürlich handelt auch der getriggerte Dämon während der Tat. Der Hunger und Schmaus ist im Restaurant. Aber der Bestätiger sagt dir, du bist auf dem richtigen Weg, während du zum Restaurant fährst.
:'''Ohne Bestätiger.''' Ohne Bestätiger wären wir wankelmütig. Das braucht es, um längere Handlungen durchzuführen.
:'''Die Prüfung.''' Man setzt sich hin, um für die Prüfung zu lernen, um den Erfolg zu haben. Aber die Geduld, dabei zu bleiben, kommt vom Bestätiger.
:Von mir: '''Nach dem Beschluss.''' Das Rubikon-Modell von Heinz Heckhausen und Peter Gollwitzer (1980er Jahre) unterscheidet das Abwägen vor dem Beschluss und das Umsetzen danach. Nach dem Beschluss ist man auf die Ausführung eingestellt und nimmt Gründe für den gewählten Weg stärker wahr als Gründe dagegen.
:Von mir: '''Beispiele.''' Die Läuferin im Marathon, die bei Kilometer 30 hört: „Du schaffst das.“ Der Bergsteiger, der trotz müder Beine weitergeht. Die Schülerin oder der Schüler, die am Abend bei der Aufgabe bleiben, obwohl der Fernseher lockt.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Der Bestätiger prüft den Weg nicht. Ist der Weg falsch, hält er trotzdem daran fest, und der [[Wesen 3: Beutetier#Zweifler|Zweifler]] hätte recht. Wer nur noch den Bestätiger hört, macht weiter, weil er schon so viel investiert hat.
 
== Empörung ==
* Stammbaum: von Lästerer · zu –
* Spruch: „Das geht gar nicht!“ „Wie kann man nur!“ „Unerhört!“ „Das muss man sich mal vorstellen!“
* Hunger: Das eigene Recht und die Regel bestätigt zu sehen, öffentlich, vor anderen.
* Trigger: Ein Regelverstoß, den andere sehen: das Vordrängeln, die laute Musik im Zug, der Hundehaufen auf dem Gehweg, die Nachricht über einen Skandal.
* Gegendämon: [[#Gelassen|Gelassen]]
* Mimik: Zusammengezogene Brauen, offener Mund, Kopfschütteln.
* Haltung: Brust vorgestreckt, der Blick sucht Zeugen, die Hände gehen zum Gegenstand der Empörung hin.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Die Empörung ist die Wut über einen Verstoß, der andere trifft oder die Regel selbst. Sie schaut zu und urteilt.
:Von mir: '''Vom Lästerer.''' Der Lästerer redet schlecht über Abwesende, und die Empörung nimmt ihm die Rolle ab: Sie redet laut über das Verhalten, und die Zuhörer sollen zustimmen. Beide brauchen Publikum, die Empörung hat dazu das gute Gewissen. Sie fühlt sich im Recht, deshalb darf sie alles sagen.
:Von mir: '''Wut und Empörung.''' Die [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Wüterich|Wut]] richtet sich auf den, der einem selbst etwas getan hat. Die Empörung richtet sich auf den, der gegen eine Regel verstoßen hat, auch wenn er einem nichts getan hat. Wer im Zug laut telefoniert, schadet dem Empörten kaum, und er ist trotzdem empört.
:Von mir: '''Die Gemeinschaft.''' Empörung sucht die Zustimmung. „Das ist doch unmöglich, oder?“ ist eine Frage, die eine Antwort braucht. Wer sie bekommt, fühlt sich bestätigt, und die Gruppe hat sich dabei wieder ihrer Regeln versichert. Das ist ihr Nutzen: Die Empörung hält Regeln am Leben, die niemand durchsetzen kann, weil keiner zuständig ist.
:Von mir: '''Körper.''' Die Wut steigt in Gesicht und Hals, die Atmung wird flach und schnell, die Stimme steigt. Dazu gehört der Ekel: Die Empörung verzieht den Mund und rümpft die Nase, als sei das Verhalten etwas Verdorbenes.
:Von mir: '''Online.''' Im Internet bekommt die Empörung ihr Publikum rund um die Uhr. Ein Satz, ein Foto, ein Ausschnitt genügt, und tausende urteilen, ohne die Sache zu kennen. Die Empörung ist billig, weil sie nichts kostet, und lohnend, weil sie Zustimmung bringt.
:Von mir: '''Ohne Zeugen.''' Die Empörung braucht ein Publikum, aber es kann gedacht sein. Wer allein im Auto sitzt und über den Fahrer vor sich schimpft, hat keinen Zuhörer. Er spricht zu dem Fahrer, der ihn nicht hört, oder zu einem Richter im Kopf, der ihm recht gibt. Der Unterschied zum [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Ärger|Ärger]]: Der Ärger sagt „der hält mich auf“, die Empörung sagt „so fährt man nicht“. Wer die Regel in sich hat, ärgert sich nicht nur, er empört sich.
:Von mir: '''Überlegenheit.''' Wer sich empört, stellt sich über den, der gegen die Regel verstoßen hat. „Ich würde das nie tun“ steckt in jedem „Wie kann man nur“. Darin liegt ein Gewinn: Man ist im Recht, man ist besser, und das fühlt sich gut an, auch wenn man sich dabei ärgert. Darum kann die Empörung mit Ärger und Unlust zusammengehen und trotzdem etwas Angenehmes haben.
:Von mir: '''Wo es kippt.''' Die Empörung kann Unrecht sichtbar machen, das sonst keiner anspricht. Sie kippt, wenn sie zum Dauerzustand wird. Dann sucht sie nach Anlässen, wird zur Gewohnheit und zur Lust, und der Anlass wird austauschbar.
 
== Perfektionist ==
* Stammbaum: von – · zu Streber
* Varianten: [[Stammbaum#Verschmelzung und Abfolge|Misstrauischer]]
* Woher der Perfektionist stammt, ist offen. Nicht zu verwechseln mit dem [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Fehlerfürchter|Fehlerfürchter]].
* Hunger: Vortrefflichkeit.
* Beschreibung: Der Perfektionist ordnet Gegenstände rechtwinklig an, ohne Drang nach Anerkennung. Er stammt aus dem Streben nach Vortrefflichkeit, und das auch nicht wegen Geltung: Dadurch kann man Grenzen überschreiten und Neues schaffen. Er ist ein Teil des Strebers, nicht umgekehrt. Der Perfektionismus ist ihm nicht unangenehm. Schwierig wird es, weil andere nicht dieselben strengen Maßstäbe haben; darum schreibt er seine Maßstäbe auf, damit andere auf seinem Niveau arbeiten können.
:Die Beatles nahmen für ''A Day in the Life'' (1967) ein Orchester von rund 40 Musikern auf, das vom tiefsten zum höchsten Ton aufstieg, jeder in seinem eigenen Tempo. Am Ende schlugen sie auf mehreren Klavieren gleichzeitig einen einzigen Akkord an und ließen ihn ausklingen, bis nichts mehr zu hören war. Niemand hatte das verlangt.
:Die Psychologie unterscheidet zwei Arten (Joachim Stoeber und Kathleen Otto, 2006): das perfektionistische Streben, das mit Erfolg, Kreativität und Zufriedenheit einhergeht, und die perfektionistische Sorge, die Angst vor Fehlern und vor dem Urteil der anderen. Das erste ist der Perfektionist, das zweite der Fehlerfürchter.


== Tröster ==
== Feierlich ==
* Erste Fassung: von Gelassen · zu –
* Stammbaum: von Jubel, [[#Triumph|Triumph]] · zu –
* Beschreibung:  
* Spruch: „Heute wird gefeiert!“ „Das muss gefeiert werden!“ „Auf das Wohl von …!“ „Prost!“
* Hunger: Ein erreichtes Ziel oder einen besonderen Tag gemeinsam feiern und eine Pause von den Pflichten machen.
* Trigger: Ein erreichtes Ziel oder ein Sieg, ein besonderes Datum oder Ereignis: Geburtstag, Hochzeit, Abschluss, Einweihung.
* Mimik: Ein offenes, strahlendes Lächeln.
* Haltung: Locker und ausgelassen, bei formalen Anlässen aufrecht und gemessen.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Der Feierliche feiert.
:'''Ein erreichtes Ziel.''' Man feiert ein erreichtes Ziel, einen Sieg, und macht daraus eine Show. Das ist eine Form von Triumph.
:'''Besondere Tage.''' Wobei ein besonderes Datum und Ereignis auch gefeiert wird: Geburtstag, Hochzeit.
:'''Ausgelassen.''' Und man darf ausgelassen sein und albern. Es ist eine Pause von den üblichen Pflichten.
:Von mir: '''Der formale Ernst.''' Das Feiern hat auch eine ernste Form: die Siegerehrung mit der Hymne, der Einzug des Brautpaares, die Überreichung eines Diploms. Das Hochgefühl ist dasselbe, aber es wird in Ordnung gefasst.
:Von mir: '''Beispiele für die Pause.''' Der Karneval, in dem die üblichen Rollen und Regeln ruhen. Die Geburtstagsfeier mit Spielen. Silvester um Mitternacht. Die Feier nach einer bestandenen Prüfung.
:Von mir: '''Wozu es da ist.''' Das Feiern hebt einen Moment aus dem Alltag heraus. Die Gruppe bestätigt sich dabei, und die Pause von den Pflichten macht Kraft für die nächsten frei.


== Bestätiger ==
== Troll ==
* Erste Fassung: von Gelassen · zu –
* Stammbaum: von Häme, Piesacker, Neid, Täuscher · zu –
* Beschreibung:  
* Varianten: Unverschämter
* Spruch: „Heul doch!“ „Getroffen, was?“ „War doch nur Spaß.“ „Ich habe doch nur eine Frage gestellt.“
* Hunger: die Freude am Ärger der anderen. Emotionale Reaktionen anderer, Aufmerksamkeit, das Gefühl, jemanden steuern zu können.
* Trigger: das Glück oder die Ruhe eines anderen, das einem das eigene Unglück zeigt. Ein Mensch, der sich ernsthaft engagiert, sich über etwas freut, eine Überzeugung vertritt oder erkennbar empfindlich reagiert.
* Mimik: Lippen geschlossen. Ein breites, übertriebenes Grinsen. Es macht ihm wirklich Spaß.
* Haltung: Kopf etwas nach unten, aber nicht traurig. Blick fixiert. Auch böswillig wie der [[#Piesacker|Piesacker]].
* Bannung: „Don't feed the troll“, füttere den Troll nicht (siehe [[Bannung#Aushungern|Bannung]]).
* Beschreibung: Was den Troll ausmacht, ist seine Methode. Statt in der Sache vorwärts zu kommen, bauscht er unwichtige Sachen auf, auf dass die anderen darauf einsteigen. Das englische Wort sagt es: „Trolling“ ist das Schleppangeln. Man zieht einen Köder hinter dem Boot her und wartet, bis einer anbeißt. Der Troll meint nicht, was er sagt; er tut ernst, fragt scheinbar unschuldig nach, spielt den Empörten. Judith Donath vom MIT hat das Trollen schon 1999 als Täuschungsspiel beschrieben, das von der vorgetäuschten Aufrichtigkeit lebt. Ohne Täuschung beißt keiner an.
:'''Vom Piesacker.''' Der Troll will andere dadurch ärgern und quälen. Das hat er vom [[#Piesacker|Piesacker]].
:'''Was ein Troll denkt.''' Die Journalistin Lindy West wurde jahrelang im Netz beschimpft. Ein Troll legte sogar ein Konto unter dem Namen ihres kurz zuvor gestorbenen Vaters an. Später meldete er sich bei ihr und entschuldigte sich, und 2015 sprach sie mit ihm in der Radiosendung ''This American Life''. Er sagte, er wisse selbst nicht genau, warum er es getan habe: „I think my anger towards you stems from your happiness with your own being. It offended me because it served to highlight my unhappiness with my own self.“ („Ich glaube, meine Wut auf dich kommt daher, dass du mit dir selbst glücklich bist. Das hat mich gekränkt, weil es mir zeigte, wie unglücklich ich mit mir selbst bin.“) Er erzählte, wie sehr er sich für seinen Körper schämte, und dass selbstbewusste Frauen ihn verunsichert hatten.
:Darin liegen zwei Schichten. Oben die Freude: Die Trolle selbst nennen ihren Lohn „lulz“, das Lachen über die Aufregung der anderen (Whitney Phillips, ''This Is Why We Can't Have Nice Things'', 2015). Erin Buckels, Paul Trapnell und Delroy Paulhus fanden 2014 den Sadismus als stärksten Zug der Trolle, die Freude daran, dass ein anderer leidet („Trolls just want to have fun“). Darunter der [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Neid|Neid]]: Das Glück des anderen zeigt einem das eigene Unglück.
:'''Ansteckung.''' Justin Cheng und Kollegen haben 2017 untersucht, ob gewöhnliche Menschen zu Trollen werden („Anyone Can Become a Troll“). Ein Teil der Versuchspersonen bekam schlechte Laune durch ein unlösbares Quiz, ein Teil sah am Anfang einer Diskussion schon Troll-Beiträge. Mit guter Laune und ohne Troll-Beiträge waren 35 Prozent der Beiträge trollig, mit schlechter Laune und Troll-Beiträgen 68 Prozent. In 16 Millionen Kommentaren auf CNN.com trollten die Leute am meisten spät nachts und montags. Die Gegenwart eines Dämons beschwört ihn in anderen herauf.
:'''Der Unverschämte.''' Eine Variante des Trolls ist der Unverschämte, bei Theophrast Βδελυρία: „Impudence is easy to define; it is conduct that is obtrusively offensive.“ Er beleidigt anständige Frauen im Vorübergehen und klatscht im Theater, wenn alle aufgehört haben. Wenn es still ist, steht er auf und übergibt sich, damit sich alle nach ihm umdrehen. Dem, der gerade einen Prozess verloren hat, gratuliert er beim Verlassen des Gerichts. Anders als der Troll legt er keinen Köder, er ist offen laut. Neben dem Ärger der anderen steckt die [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Geltung|Geltung]] dahinter: Wer laut ist, bekommt Aufmerksamkeit, auch wenn sie negativ ist. Das Netz belohnt es mit Likes und Reichweite (Brady u. a. 2021). Der berechnende Ragebait, das Jugendwort 2026, ist die kalte Taktik dazu, ohne den Dämon. Ob dahinter auch die Lust am Spektakel oder der Freiheitsbeweis steckt, ist offen.
:'''Der Troll – seine Köder und Methoden.''' Der Troll will andere zu einer emotionalen Reaktion verleiten. Er provoziert nicht unbedingt, weil er etwas erreichen oder eine Überzeugung durchsetzen möchte, sondern weil ihm die Reaktion des anderen Vergnügen bereitet. Sein eigentliches Produkt ist die Erregung seines Opfers. Dabei verwendet er wiederkehrende psychologische Tricks. Er sucht nach empfindlichen Stellen, erzeugt Widerspruch, Kränkung, Empörung oder Verunsicherung und beobachtet, was passiert.
:'''Belohnung.''' Der andere verliert seine Gelassenheit. Der Troll erlebt: „Ich kann bestimmen, wie du dich fühlst.“
:'''1. Die offene Provokation.''' Er sagt etwas Beleidigendes oder Absurdes, um eine unmittelbare Gegenreaktion auszulösen. Typische Sprüche:
::* „Du bist ja völlig bescheuert.“
::* „So dumm kann doch keiner sein.“
::* „Heul doch!“
::* „Getroffen, was?“
::Mechanismus: Angriff auf Selbstachtung und Geltung. Das Opfer soll sich verteidigen.
:'''2. Die absichtliche Verdrehung.''' Er interpretiert eine Aussage so falsch, dass der andere sich gezwungen fühlt, sie richtigzustellen. Typische Sprüche:
::* „Ach, du willst also allen verbieten, ihre Meinung zu sagen?“
::* „Du meinst also, alle anderen sind dumm?“
::* „Das hast du doch gerade selbst zugegeben.“
::Mechanismus: Er erzeugt einen Rechtfertigungszwang. Jede Korrektur liefert Material für eine weitere Verdrehung.
:'''3. Die gespielte Dummheit.''' Er stellt sich begriffsstutzig und verlangt immer neue Erklärungen. Typische Sprüche:
::* „Verstehe ich nicht.“
::* „Kannst du das noch einfacher erklären?“
::* „Aber warum?“
::* „Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.“
::Mechanismus: Er verbraucht Geduld und Arbeitszeit. Besonders wirksam bei Menschen, die gern erklären und helfen.
:'''4. Die scheinbar harmlose Frage.''' Er verpackt eine Unterstellung als Frage. Typische Sprüche:
::* „Warum bist du eigentlich so empfindlich?“
::* „Kann es sein, dass du ein Problem mit Frauen hast?“
::* „Warum musst du dich immer so wichtig machen?“
::* „Darf man das nicht mehr fragen?“
::Mechanismus: Die Frage enthält bereits eine negative Behauptung. Wer antwortet, gerät leicht in die Defensive.
:'''5. Die gezielte Herabsetzung.''' Er greift etwas an, das dem anderen besonders wichtig ist: seine Arbeit, seine Fähigkeiten, seine Familie oder seine Ideale. Typische Sprüche:
::* „Darauf bist du stolz?“
::* „Das kann doch jeder.“
::* „Du hältst dich wohl für etwas Besonderes.“
::* „Wen interessiert dein Hobby?“
::Mechanismus: Er versucht, Stolz, Scham oder Wut zu aktivieren.
:'''6. Die Verhöhnung der Reaktion.''' Sobald der andere ärgerlich wird, macht der Troll gerade diese Reaktion zum Gegenstand seines Spotts. Typische Sprüche:
::* „Jetzt reg dich doch nicht so auf!“
::* „War doch nur Spaß.“
::* „Da habe ich wohl einen Nerv getroffen.“
::* „Wie leicht du dich provozieren lässt!“
::Mechanismus: Eine doppelte Falle. Erst erzeugt er Ärger, anschließend erklärt er den Ärger zum Beweis für die Schwäche des anderen.
:'''7. Die Empörungsfalle.''' Er behauptet etwas, das den moralischen Überzeugungen des anderen grob widerspricht. Typische Sprüche:
::* „Die sind doch selbst schuld.“
::* „Was interessieren mich deren Probleme?“
::* „Wer schwach ist, hat eben Pech.“
::* „Man wird ja wohl noch die Wahrheit sagen dürfen.“
::Mechanismus: Er aktiviert den Gerechtigkeitssinn. Der andere fühlt sich verpflichtet, zu widersprechen.
:'''8. Die Beweislastfalle.''' Er stellt eine Behauptung auf, verlangt aber vom anderen, sie zu widerlegen. Typische Sprüche:
::* „Beweise mir doch das Gegenteil.“
::* „Du kannst nicht beweisen, dass es nicht stimmt.“
::* „Woher willst du das wissen?“
::* „Das behauptest du doch nur.“
::Mechanismus: Der Troll kann mit geringstem Aufwand immer neue Zweifel erzeugen, während der andere mühsam Argumente liefern muss.
:'''9. Das Verschieben der Spielregeln.''' Sobald ein Argument widerlegt ist, wechselt er das Thema oder stellt neue Anforderungen. Typische Sprüche:
::* „Darum geht es doch gar nicht.“
::* „Das war nicht meine Frage.“
::* „Und was ist mit diesem Fall?“
::* „Du hast den eigentlichen Punkt nicht verstanden.“
::Mechanismus: Der andere soll endlos einem Ziel hinterherlaufen, das ständig verschoben wird. In der Argumentationsforschung heißt das unter anderem Moving the Goalposts.
:'''10. Die Umkehrung von Täter und Opfer.''' Nach seiner Provokation stellt er sich als den Angegriffenen dar. Typische Sprüche:
::* „Du bist aber aggressiv.“
::* „Ich habe doch nur eine Frage gestellt.“
::* „Warum greifst du mich jetzt an?“
::* „Mit dir kann man ja nicht vernünftig reden.“
::Mechanismus: Der Provokateur beansprucht die moralisch überlegene Position. Der andere muss sich nun zusätzlich für seine Reaktion rechtfertigen.
:'''11. Das Nachäffen.''' Er imitiert die Worte, die Stimme oder die Ausdrucksweise des anderen. Typische Sprüche:
::* „Mimimi!“
::* „Ich bin ja sooo intelligent!“
::* „Oh, der Herr Experte hat gesprochen.“
::* „Bist du jetzt beleidigt?“
::Mechanismus: Er entwertet den anderen vor einem Publikum. Es geht nicht um ein Argument, sondern um öffentliche Demütigung.
:'''12. Die Wiederholung.''' Er wiederholt dieselbe Provokation, obwohl sie längst beantwortet wurde. Typische Sprüche:
::* „Ja, aber warum denn?“
::* „Du hast immer noch nicht geantwortet.“
::* „Also weißt du es nicht.“
::* „Ich frage noch mal.“
::Mechanismus: Ermüdung und Frustration. Er wartet darauf, dass der andere irgendwann die Beherrschung verliert.
:Von mir: '''Weitere Methoden.''' Dazu kommen Methoden, die in den bisherigen zwölf noch fehlen:
::* Von mir: '''Das Sealioning:''' Er fragt immer wieder nach Belegen, auch zu Dingen, die längst erklärt sind, und bleibt dabei höflich. Typische Sprüche: „Ich möchte doch nur diskutieren.“ „Kannst du das belegen?“ Mechanismus: Wer die Geduld verliert, steht als der Unvernünftige da.
::* Von mir: '''Das Gaslighting:''' Er stellt die Wahrnehmung des anderen in Frage. Typische Sprüche: „Du bist zu empfindlich.“ „Du übertreibst.“ „Das habe ich nie gesagt.“ „Das bildest du dir ein.“ Mechanismus: Der andere zweifelt an sich selbst und muss sich rechtfertigen.
::* Von mir: '''Das Einwerfen von Reizthemen:''' Er wirft ein Thema ein, das die Gruppe spaltet, etwa Religion oder Politik. Ein Beispiel aus Rennforen: „NASCAR ist so sehr Sport wie Cheerleading.“ Mechanismus: Alle steigen ein, und das eigentliche Gespräch ist beendet.
::* Von mir: '''Die Freiheitsfloskel:''' Er behauptet etwas und weist jede Bitte um Belege ab. Typische Sprüche: „Meinungsfreiheit!“ „Recherchier doch selbst.“ „Schlafschafe.“ Mechanismus: Wer widerspricht, gilt als bevormundend oder manipuliert.
::* Von mir: '''Der Anfänger:''' Er spielt den Ahnungslosen und gibt Neulingen schädliche Tipps, etwa „Lösch einfach System32.“ Mechanismus: Der Erfahrene erklärt, der Anfänger wird vorgeführt.
::* Von mir: '''Die Sorge:''' Er gibt Anteilnahme vor, um zu stören. Typischer Spruch: „Ich teile dein Ziel, aber nicht deine Mittel.“ Mechanismus: Er untergräbt die Gruppe von innen, indem er sich als Freund darstellt.
::* Von mir: '''Die Grammatikpolizei:''' Er geht nicht auf den Inhalt ein, sondern verlangt fehlerfreie Rechtschreibung. Das ist dem [[Wesen 3: Beutetier#Pedant|Pedanten]] ähnlich. Mechanismus: Der andere soll sich für Kleinigkeiten rechtfertigen, und das Argument bleibt unbeantwortet.
::* Von mir: '''Der Archivsucher:''' Er durchsucht alte Beiträge nach einem Widerspruch und hält ihn später vor. Mechanismus: Der andere ist nie sicher davor, dass etwas, das er früher gesagt hat, gegen ihn verwendet wird.
:'''Auf dem Kongress.''' Auf jedem Kongress gibt es welche, die die Diskussion stören. Man kommt nämlich zusammen, um über Forschung und Know-how zu reden. Aber da gibt es immer welche, die das stören und sich an kleinen Fehlern hochziehen. Entscheidend ist doch, dass sie das Ereignis stören, indem sie die Aufmerksamkeit auf Nebensächlichkeiten bündeln, auch die der anderen.
:'''Das gemeinsame Muster.'''
::* Köder: Kränkung, Unsinn, Unterstellung oder Tabubruch
::* Emotionale Aktivierung: Wut, Scham, Empörung, Angst oder Rechtfertigungsdrang
::* Reaktion des Opfers: Widerspruch, Verteidigung, Beschimpfung oder lange Erklärung
::* Belohnung des Trolls: Unterhaltung, Aufmerksamkeit, Überlegenheitsgefühl oder Kontrolle
::* Nächste Provokation
:'''Die psychologischen Grundlagen.''' Dazu gibt es einige interessante Forschungsansätze.
::* Positive soziale Verstärkung: Die emotionale Reaktion belohnt das provozierende Verhalten. Der Troll lernt, welche Reize funktionieren.
::* Schadenfreude: Das Unbehagen anderer kann selbst eine angenehme Emotion auslösen.
::* Alltagssadismus: Untersuchungen von Buckels, Trapnell und Paulhus (2014) fanden einen Zusammenhang zwischen Internet-Trolling und sadistischen Persönlichkeitseigenschaften. Das bedeutet nicht, dass jeder Troll ein Sadist ist.
::* Moralische Empörung: Moralisch aufgeladene Aussagen erzeugen besonders leicht Aufmerksamkeit und Reaktionen. Das macht sie zu attraktiven Ködern.
::* Online Disinhibition Effect: Suler (2004) beschrieb, wie Anonymität, Distanz und fehlende unmittelbare Konsequenzen enthemmtes Verhalten im Internet begünstigen können.
:'''Wie man ihn bannt.''' Der Troll braucht eine Reaktion, die er als Erfolg erlebt. Deshalb ist die wirksamste Gegenmaßnahme häufig, ihm diese Belohnung zu verweigern. Allerdings muss man unterscheiden: Ein echter Einwand, eine unbequeme Frage oder ein Missverständnis ist noch kein Trolling. Entscheidend ist das wiederkehrende Muster und die erkennbare Freude an der Provokation.
:Von mir: '''Nach dem Ignorieren.''' Wenn man ihn ignoriert, kann die Störung zunächst noch einmal zunehmen. Danach lässt sie nach. Das ist ein Zeichen, dass die Bannung wirkt.
:'''Nicht wütend.''' Der Troll ist nicht unbedingt wütend. Er will den anderen wütend machen. Damit unterscheidet er sich vom [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Wüterich|Wüterich]], der seinen eigenen Ärger auslebt, und vom [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Grober|Groben]], der sich durchsetzen oder einen Schwächeren erniedrigen will. Der Troll dagegen kann vollkommen vergnügt sein. Seine Bosheit ist ein Spiel. Und möglicherweise liegt genau darin sein wesentliches Motiv: Er genießt die Erfahrung, fremde Gefühle auslösen und steuern zu können.
:'''Echte Troll-Sprüche aus Reddit.''' Echte Beiträge aus einer Reddit-Diskussion, in der Nutzer ausdrücklich Sprüche sammeln, mit denen sie andere zur Weißglut bringen, ins Deutsche übersetzt. Quelle: [https://www.reddit.com/r/entp/comments/1rr0542/rage_bait_phrases/ Reddit – Rage bait phrases, März 2026]. Die Provokateure nennen hier selbst ihre Methoden.
{| class="wikitable"
! Originalspruch (übersetzt) !! Psychologischer Köder
|-
| „Was?“ – immer wieder wiederholen || Geduld erschöpfen
|-
| „Reden wir weiter, wenn du weniger emotional bist.“ || Den anderen als irrational darstellen
|-
| „Warum wirst du so emotional?“ || Ärger erzeugen und anschließend vorhalten
|-
| „Ja, das ergibt Sinn, wenn man nicht darüber nachdenkt.“ || Intelligenz herabsetzen
|-
| „Ich glaube dir, dass du das glaubst.“ || Überzeugung als Einbildung abwerten
|-
| „Klar doch, Kumpel.“ || Herablassende Zustimmung
|-
| „Ja, das dachte ich mir. Große Klappe, nichts dahinter.“ || Rückzug als Niederlage darstellen
|-
| „Interessante Schlussfolgerung. Schön, wie manche sich Märchen ausdenken.“ || Spott als intellektuelle Überlegenheit tarnen
|}
:Besonders auffällig: Mehrere dieser Sprüche sind überhaupt keine offenen Beleidigungen. Sie funktionieren gerade durch gespielte Gelassenheit und Überlegenheit. Der Troll will den anderen in die Rolle des Aufgeregten bringen, während er selbst scheinbar vernünftig bleibt.
:'''Weitere belegte Beispiele.''' In einer älteren Reddit-Diskussion sammelten Nutzer typische Internet-Troll-Sprüche für ein Rollenspiel. Das sind also ausdrücklich vorgeschlagene Troll-Sprüche, keine dokumentierten Angriffe auf reale Opfer. Quelle: [https://www.reddit.com/r/dndnext/comments/iwdws5/ Reddit – Internet troll taunts].
{| class="wikitable"
! Spruch !! Methode
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| „U Mad?“ – „Bist du sauer?“ || Die emotionale Reaktion verspotten
|-
| „Cry more snowflake“ – „Heul weiter, Schneeflocke“ || Empfindlichkeit als Schwäche darstellen
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| „Git gud!“ – „Werd erst mal besser!“ || Fähigkeiten herabsetzen
|-
| „My little brother could kick your ass“ || Status und Stärke angreifen
|-
| „Filthy casual!“ || Den anderen als unfähigen Anfänger abwerten
|}
:'''Andere Köder aus veröffentlichten Beispielsammlungen.''' Hier wird besonders deutlich, wie Troll-Sprüche gezielt auf unterschiedliche Emotionen zugeschnitten werden.
{| class="wikitable"
! Spruch !! Ausgelöster Impuls
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| „Roblox ist totaler Müll!“ || Lieblingsbeschäftigung verteidigen
|-
| „Die Jugend von heute kann gar nichts mehr.“ || Gruppenidentität verteidigen
|-
| „Alle Radfahrer sind rücksichtslos.“ || Ungerechte Verallgemeinerung korrigieren
|-
| „Italienisches Originalrezept!“ – unter Spaghetti mit Ketchup || Empörung über die Verletzung kultureller Regeln
|-
| „Eltern, die am Handy scrollen, versagen bei ihren Kindern.“ || Schuldgefühl und moralische Empörung
|}
:Diese Beispiele stammen aus Artikeln über Ragebait; sie sind nicht sämtlich als wörtliche Kommentare einzelner Troll-Accounts dokumentiert.
:'''Was sich daraus für den Troll-Typus ergibt.''' Die Methoden nach dem Gefühl geordnet, das der Troll auslösen will:
{| class="wikitable"
! Köder !! Angegriffenes Gefühl
|-
| Beleidigung || Stolz
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| Gespielte Dummheit || Ungeduld
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| Offensichtlicher Unsinn || Bedürfnis nach Richtigkeit
|-
| Ungerechte Behauptung || Gerechtigkeitssinn
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| Verächtlichmachung || Scham und Geltung
|-
| Angriff auf Überzeugungen || Identifikation und Zugehörigkeit
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| Gespielte Überlegenheit || Konkurrenz und Ehrgeiz
|-
| Herunterspielen der Reaktion || Wut und Ohnmacht
|}
:'''Gespielte Überlegenheit.''' Der interessanteste Befund ist die gespielte emotionale Überlegenheit. Der Troll muss gar nicht laut oder aggressiv sein. Er kann höflich, ruhig und scheinbar verständnisvoll auftreten. Gerade dadurch wird der andere manchmal besonders wütend. Das ergibt eine präzisere Beschreibung seines Wesens: Der Troll sucht nicht den Streit, um zu gewinnen. Er sucht die emotionale Reaktion, um sich daran zu erfreuen. Der Streit ist nur sein Werkzeug. Und anders als beim gewöhnlichen Streit ist für ihn sogar eine sachlich richtige Antwort des anderen ein Erfolg – solange er sich darüber aufregt.


[[Category:Daemon]]
[[Category:Daemon]]