Bannung

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Wie man einen Dämon bannt.

Man bannt auf verschiedene Weise. Im Wesentlichen, indem man den Dämon aushungert. Dem Trigger ausweicht. Oder statt mit Wut mit Humor oder Beschwichtigung reagieren, also eine Ersatzhandlung: die Verknüpfung zwischen Trigger und Reaktion durch eine andere Verknüpfung ersetzen.

Aushungern

Pawlows Hund bekam jedes Mal Futter, wenn eine Glocke läutete, bis ihm schon beim Läuten das Wasser im Maul zusammenlief. Dann läutete die Glocke immer wieder, ohne dass Futter kam. Nach und nach hörte der Speichel auf zu fließen.

Im Internet heißt es: „Don't feed the troll“, füttere den Troll nicht. Wer ihm keine Empörung als Futter gibt, dem verhungert er.

Dem Trigger ausweichen

Odysseus wusste, dass die Sirenen jeden Seemann mit ihrem Gesang ins Verderben locken. Er ließ seinen Männern Wachs in die Ohren stopfen und sich selbst an den Mast binden. Er hörte den Gesang, konnte ihm aber nicht folgen.

Wer trocken bleiben will, hat kein Bier im Kühlschrank.

Die Verknüpfung ersetzen

Statt mit Wut mit Humor oder Beschwichtigung reagieren. Die Verhaltenstherapie macht das gezielt: Wer Angst vor Spinnen hat, lernt zuerst, sich ganz zu entspannen. Dann sieht er ein Bild von einer Spinne, später eine Spinne in einem Glas, und bleibt dabei entspannt. Am Ende hängt an der Spinne die Ruhe statt der Angst.

Das ist der Gegendämon aus dem Steckbrief: Der Kobold lacht, und der Wüterich verliert seinen Boden.

Verhindern und unterbrechen

Ein Dämon hat Hunger und wird durch seine Nahrung aktiviert. Wird er durch ständige Unterbrechung daran gehindert, seine Nahrung zu essen und seine eigene Handlung auszuführen, bleibt er frustriert. So lässt sich jeder Dämon bannen. Beim Sex unterbrechen. Moralische Verbote. Oder man hält dem Schlemmer einen Kuchen hin und zieht ihn immer weg, wenn er zugreifen will. Dem vergeht der Appetit.

Das ist etwas anderes als Aushungern. Beim Aushungern kommt die Nahrung nicht mehr. Hier ist sie da und wird verwehrt. Das Ergebnis eines solchen Dämons ist zum Beispiel der Tolpatsch.

Gegendämonen

Überhaupt sind die guten Gefühle Gegenspieler der bösen, und umgekehrt auch: Freude, Ekstase, Dank und Geltung (Anerkennung) gegen Wut, Ärger und Verzweiflung. Der Groll wird durch die Dankbarkeit gebannt (siehe Groll).

Das lässt sich messen. Barbara Fredrickson und Robert Levenson zeigten 1998 Versuchspersonen einen Filmausschnitt, der Angst macht. Herz und Blutdruck gingen hoch. Danach sahen die einen einen heiteren Film, die anderen einen traurigen oder neutralen. Bei den Heiteren beruhigte sich das Herz am schnellsten.

Die Wirkrichtung. Es ist dieselbe Art Freude, aber die Wirkrichtung ist anders. Die Freude am Gemetzel ist kein Gegenspieler des Gemetzels, sie arbeitet für das Gemetzel. Nietzsche hat beschrieben, dass öffentliche Folterungen früher ein großes Fest waren: „Leiden-sehn tut wohl, Leiden-machen noch wohler“, und: „Ohne Grausamkeit kein Fest“. Man konnte sich „fürstliche Hochzeiten und Volksfeste grössten Stils“ nicht ohne Hinrichtungen und Folterungen denken (Zur Genealogie der Moral, 1887, zweite Abhandlung, Abschnitt 6). In den Südstaaten der USA sieht man auf den Fotos von Lynchmorden jede Menge glückliche Gesichter. Als im Mai 1916 in Waco, Texas, ein Schwarzer namens Jesse Washington gelyncht wurde, sahen Tausende zu, und die Fotos wurden als Postkarten verkauft. James Allen hat solche Postkarten gesammelt und im Jahr 2000 unter dem Titel Without Sanctuary herausgegeben.

Die Angst ist eine Ausnahme. Die Angst ist eine Gefahr und lässt sich nicht leicht bannen. Der Arzt Randolph Nesse nennt das das Rauchmelder-Prinzip: Ein Rauchmelder, der zehnmal grundlos piept, ist besser als einer, der einmal schweigt, wenn es brennt. Darum hat die Angst Vorrang. Der Psychologe Mark Bouton hat gezeigt, dass eine Angst, die durch Gewöhnung verschwunden scheint, in einer neuen Umgebung oder nach einiger Zeit wiederkommt. Sie war nicht gelöscht, nur überdeckt. Sie wartet.

Gefühle lassen sich nicht befehlen

Wenn man Gefühle fordert, dann funktioniert das gar nicht. Der Dämon will souverän sein. Auch Freundlichkeit: Ist sie gefordert, dann ist sie nicht echt.

„Sei doch mal spontan!“ Paul Watzlawick hat das als Paradox beschrieben: Wer der Aufforderung folgt, ist gerade nicht spontan. Mit „Freu dich doch!“, „Sei mir dankbar!“ oder „Liebe mich!“ ist es genauso. Was gefordert wird, kommt nicht. Und wenn es doch kommt, ist es entwertet, weil es auf Befehl kam.

Man sieht es sogar im Gesicht. Der Arzt Guillaume Duchenne bemerkte 1862: Beim echten Lächeln ziehen sich die Muskeln um die Augen zusammen, und die können die meisten Menschen nicht willentlich bewegen. Den Mund kann man befehlen, die Augen nicht. Darum erkennt man ein bestelltes Lächeln, auch ohne zu wissen, woran.

Die Soziologin Arlie Hochschild hat Flugbegleiterinnen untersucht, deren Freundlichkeit zum Beruf gehört (The Managed Heart, 1983). Wer jahrelang eine Freundlichkeit fühlen muss, die nicht da ist, brennt aus und verliert den Zugang zu den eigenen Gefühlen. Der Dämon lässt sich nicht einspannen.

Höflichkeit ist etwas anderes. Bitte und Danke sagen, die Tür aufhalten: Das ist eine Form. Sie behauptet kein Gefühl und verlangt keins. Darum ist sie ehrlich.

Für die Bannung heißt das: Einen Gegendämon kann man nicht herbeibefehlen. Man kann ihm nur den Boden bereiten. Ob er kommt, entscheidet er selbst.

Benennen

Den Dämon beim Namen nennen. Eine Behexung wirkt, solange man nicht sieht, was geschieht; im Steckbrief des Zombie heißt es: „Ihm fehlen die Banne“. Wer sagen kann „Das ist ein Double Bind, das ist die Hexe, und das hier ist der Zombie in mir“, steht nicht mehr ganz darin. Er schaut von außen auf die Karte. Mit dieser Landkarte kann man sich innerhalb der Seele bewegen.

Das Märchen kennt das: Rumpelstilzchen verliert seine Macht in dem Augenblick, in dem die Königin seinen Namen weiß.

Der Psychologe Matthew Lieberman hat 2007 Versuchspersonen Bilder von wütenden und ängstlichen Gesichtern gezeigt. Wenn sie das Gefühl dabei benennen sollten, „Wut“ oder „Angst“, wurde der Mandelkern ruhiger, die Stelle im Gehirn, die bei Bedrohung anspringt.

Benennen hilft nicht gegen jeden Dämon. Es bannt die Dämonen, die vom Verborgensein leben, wie die Behexung. Der Groll geht nicht weg, nur weil man ihn Groll nennt. Er versteckt sich nicht; er lebt vom Wiederholen. Auch Liebermans Befund ist nur eine kurze Beruhigung im Augenblick des Benennens, keine dauerhafte Befreiung.

Zur Vergangenheit erklären

Das ist nur menschlich. Wenn man etwas zur Vergangenheit erklärt, dann lässt man es hinter sich. „Das war einmal.“ Man zieht einen Schlussstrich, wie bei einem Umzug, wenn man die Tür der alten Wohnung zum letzten Mal zuschließt.

Das ist kein Unterdrücken. Der Psychologe Daniel Wegner bat Versuchspersonen, fünf Minuten lang nicht an einen weißen Bären zu denken. Jedes Mal, wenn er ihnen doch einfiel, sollten sie eine Glocke läuten. Sie läuteten ständig. Unterdrücken füttert den Dämon. Zur Vergangenheit erklären heißt nicht „Denk nicht daran“, sondern „Das ist vorbei“. Der Trigger darf kommen, aber er bekommt kein Futter mehr.

Prägung

Wird ein Trigger über eine Dauer regelmäßig ausgelöst, kommt es bei bestimmten Dämonen zu einer Prägung. Man kann auf vieles geprägt werden: auf einen Menschen, auf Musik, auf Orte. Eine Prägung ist immer schwer aufzulösen.

  • Achtung. Jemand korrigiert einen immer wieder, und jedes Mal hat er recht. Das Unerwartete verblüfft. Ist es etwas Edles, wie überragende Fähigkeiten, staunt man, und aus dem Staunen wird Achtung. Nach einem Monat ist die Hochachtung dauerhaft geprägt. Solange die Prägung noch läuft, lässt sie sich leicht auflösen, durch Eigenschaften, die man verachtet: „Dieser Mensch ist nicht der, für den ich ihn gehalten habe.“ Ist sie vollzogen, ist sie auch dann schwer aufzulösen. Eigenschaften, die man schätzt, festigen sie. Was man verachtet und was man schätzt, ist verschieden. Der eine verachtet Arroganz und Falschheit. Ein anderer ist von Arroganz beeindruckt und sieht in der Falschheit etwas Wertvolles, etwa Ehrgeiz.
  • Verliebtsein ist die Prägungsphase auf den zukünftigen Partner. Man hat ständig das Gesicht vor Augen (siehe Suchbild), und das ist mit Lust verbunden.
  • Negative Prägung geschieht sehr schnell: die Angst vor Spinnen, ein Unfall, erlebte Gewalt. John Garcia und Robert Koelling zeigten 1966: Wurde Ratten nach einem neuen Geschmack übel, mieden sie ihn nach einem einzigen Mal noch nach mehr als zwei Monaten. Die Furcht vor Spinnen und Schlangen wird nach Arne Öhman und Susan Mineka (2001) bevorzugt gelernt, wie von einem eigenen Modul für Furcht.
  • Musik und Orte. Musik aus der Jugend und dem frühen Erwachsenenalter weckt die meisten persönlich bedeutsamen Erinnerungen (Krumhansl und Zupnick 2013).

Konrad Lorenz hat die Prägung bei Graugänsen beschrieben: Das Küken folgt dem Ersten, was es nach dem Schlüpfen sieht. Dort geschieht sie in einem kurzen Zeitfenster der Kindheit. Beim Menschen geschieht sie ein Leben lang, in der Jugend aber viel stärker. Das ist biologisch begründet: In der Jugend wird gelernt und experimentiert, später ist der Charakter gefestigt, und der Geschmack ändert sich nicht mehr so leicht. Lieder sind noch Jahrzehnte später am beliebtesten bei Männern, die beim Erscheinen 14 waren (Stephens-Davidowitz 2018). Die Persönlichkeit selbst reift allerdings noch bis etwa 40 (Roberts, Walton, Viechtbauer 2006).

Der sichere Hafen

Bei schlechten mentalen Zuständen hilft es, bewährte einfache Tätigkeiten aus früheren Zeiten wieder auszuüben, zum Beispiel puzzeln, Karten spielen oder Comics lesen. Oft sind es Tätigkeiten aus der Kindheit. Das ist ein sicherer Hafen, von dem aus Motivation und höhere Ambitionen langsam wieder aufgebaut werden.

Das planmäßige Wiederaufnehmen von Tätigkeiten half bei Depression, in 16 Studien mit 780 Teilnehmern (Cuijpers u. a. 2007). Nostalgie stärkt Sinn und Verbundenheit, und die Kindheit ist ihr Kern (Sedikides u. a. 2015).

Die Sonne

In der Edda bannt die Sonne den Zwerg Alwis. Thor kämpft nicht mit ihm. Er hält ihn mit Fragen hin, bis der Tag anbricht und Alwis zu Stein wird (siehe Die alten Götter, Zwerg).