Bannung
Wie man einen Dämon bannt.
Man bannt auf verschiedene Weise. Im Wesentlichen, indem man den Dämon aushungert. Dem Trigger ausweicht. Oder statt mit Wut mit Humor oder Beschwichtigung reagieren, also eine Ersatzhandlung: die Verknüpfung zwischen Trigger und Reaktion durch eine andere Verknüpfung ersetzen.
Aushungern
Pawlows Hund bekam jedes Mal Futter, wenn eine Glocke läutete, bis ihm schon beim Läuten das Wasser im Maul zusammenlief. Dann läutete die Glocke immer wieder, ohne dass Futter kam. Nach und nach hörte der Speichel auf zu fließen.
Im Internet heißt es: „Don't feed the troll“, füttere den Troll nicht. Wer ihm keine Empörung als Futter gibt, dem verhungert er.
Dem Trigger ausweichen
Odysseus wusste, dass die Sirenen jeden Seemann mit ihrem Gesang ins Verderben locken. Er ließ seinen Männern Wachs in die Ohren stopfen und sich selbst an den Mast binden. Er hörte den Gesang, konnte ihm aber nicht folgen.
Wer trocken bleiben will, hat kein Bier im Kühlschrank.
Die Verknüpfung ersetzen
Statt mit Wut mit Humor oder Beschwichtigung reagieren. Die Verhaltenstherapie macht das gezielt: Wer Angst vor Spinnen hat, lernt zuerst, sich ganz zu entspannen. Dann sieht er ein Bild von einer Spinne, später eine Spinne in einem Glas, und bleibt dabei entspannt. Am Ende hängt an der Spinne die Ruhe statt der Angst.
Das ist der Gegendämon aus dem Steckbrief: Der Kobold lacht, und der Wüterich verliert seinen Boden.
Gegendämonen
Überhaupt sind die guten Gefühle Gegenspieler der bösen, und umgekehrt auch: Freude, Ekstase, Dank und Geltung (Anerkennung) gegen Wut, Ärger und Verzweiflung. Der Groll wird durch die Dankbarkeit gebannt (siehe Groll).
Das lässt sich messen. Barbara Fredrickson und Robert Levenson zeigten 1998 Versuchspersonen einen Filmausschnitt, der Angst macht. Herz und Blutdruck gingen hoch. Danach sahen die einen einen heiteren Film, die anderen einen traurigen oder neutralen. Bei den Heiteren beruhigte sich das Herz am schnellsten.
Die Wirkrichtung. Es ist dieselbe Art Freude, aber die Wirkrichtung ist anders. Die Freude am Gemetzel ist kein Gegenspieler des Gemetzels, sie arbeitet für das Gemetzel. Nietzsche hat beschrieben, dass öffentliche Folterungen früher ein großes Fest waren: „Leiden-sehn thut wohl, Leiden-machen noch wohler“, und: „Ohne Grausamkeit kein Fest“. Man konnte sich „fürstliche Hochzeiten und Volksfeste grössten Stils“ nicht ohne Hinrichtungen und Folterungen denken (Zur Genealogie der Moral, 1887, zweite Abhandlung, Abschnitt 6). In den Südstaaten der USA sieht man auf den Fotos von Lynchmorden jede Menge glückliche Gesichter. Als im Mai 1916 in Waco, Texas, ein Schwarzer namens Jesse Washington gelyncht wurde, sahen Tausende zu, und die Fotos wurden als Postkarten verkauft. James Allen hat solche Postkarten gesammelt und im Jahr 2000 unter dem Titel Without Sanctuary herausgegeben.
Die Angst ist eine Ausnahme. Die Angst ist eine Gefahr und lässt sich nicht leicht bannen. Der Arzt Randolph Nesse nennt das das Rauchmelder-Prinzip: Ein Rauchmelder, der zehnmal grundlos piept, ist besser als einer, der einmal schweigt, wenn es brennt. Darum hat die Angst Vorrang. Der Psychologe Mark Bouton hat gezeigt, dass eine Angst, die durch Gewöhnung verschwunden scheint, in einer neuen Umgebung oder nach einiger Zeit wiederkommt. Sie war nicht gelöscht, nur überdeckt. Sie wartet.
Gefühle lassen sich nicht befehlen
Wenn man Gefühle fordert, dann funktioniert das gar nicht. Der Dämon will souverän sein. Auch Freundlichkeit: Ist sie gefordert, dann ist sie nicht echt.
„Sei doch mal spontan!“ Paul Watzlawick hat das als Paradox beschrieben: Wer der Aufforderung folgt, ist gerade nicht spontan. Mit „Freu dich doch!“, „Sei mir dankbar!“ oder „Liebe mich!“ ist es genauso. Was gefordert wird, kommt nicht. Und wenn es doch kommt, ist es entwertet, weil es auf Befehl kam.
Man sieht es sogar im Gesicht. Der Arzt Guillaume Duchenne bemerkte 1862: Beim echten Lächeln ziehen sich die Muskeln um die Augen zusammen, und die können die meisten Menschen nicht willentlich bewegen. Den Mund kann man befehlen, die Augen nicht. Darum erkennt man ein bestelltes Lächeln, auch ohne zu wissen, woran.
Die Soziologin Arlie Hochschild hat Flugbegleiterinnen untersucht, deren Freundlichkeit zum Beruf gehört (The Managed Heart, 1983). Wer jahrelang eine Freundlichkeit fühlen muss, die nicht da ist, brennt aus und verliert den Zugang zu den eigenen Gefühlen. Der Dämon lässt sich nicht einspannen.
Höflichkeit ist etwas anderes. Bitte und Danke sagen, die Tür aufhalten: Das ist eine Form. Sie behauptet kein Gefühl und verlangt keins. Darum ist sie ehrlich.
Für die Bannung heißt das: Einen Gegendämon kann man nicht herbeibefehlen. Man kann ihm nur den Boden bereiten. Ob er kommt, entscheidet er selbst.
Zur Vergangenheit erklären
Das ist nur menschlich. Wenn man etwas zur Vergangenheit erklärt, dann lässt man es hinter sich. „Das war einmal.“ Man zieht einen Schlussstrich, wie bei einem Umzug, wenn man die Tür der alten Wohnung zum letzten Mal zuschließt.
Das ist kein Unterdrücken. Der Psychologe Daniel Wegner bat Versuchspersonen, fünf Minuten lang nicht an einen weißen Bären zu denken. Jedes Mal, wenn er ihnen doch einfiel, sollten sie eine Glocke läuten. Sie läuteten ständig. Unterdrücken füttert den Dämon. Zur Vergangenheit erklären heißt nicht „Denk nicht daran“, sondern „Das ist vorbei“. Der Trigger darf kommen, aber er bekommt kein Futter mehr.
Die Sonne
In der Edda bannt die Sonne den Zwerg Alwis. Thor kämpft nicht mit ihm. Er hält ihn mit Fragen hin, bis der Tag anbricht und Alwis zu Stein wird (siehe Die alten Götter, Zwerg).