Die Entstehung der Seele
Wie aus Tieren, die einander lesen, Wesen mit einer inneren Welt wurden. Und warum erst diese innere Welt Kunst, Kultur und Technik hervorgebracht hat.
Man hat nur etwas mitzuteilen, wenn etwas da ist, das man mitteilen kann. Die Grundlage dafür ist die Seele: eine innere Welt aus vielen verschiedenen Wesen. Erst durch die vielen Wesen entstand Kultur.
Die Schritte auf dieser Seite sind Fähigkeiten, die nebeneinander gewachsen sind. In welcher Reihenfolge, ist offen.
Den anderen lesen
Die Grundlage der Kommunikation ist, den anderen zu verstehen. Das geschieht auch heute noch zum größten Teil ohne Worte: Mimik, Haltung, Gesten.
Am Anfang waren die Urdämonen: das Raubtier, der Vampir, der Wüterich, aber auch die freundlichen. Für das Überleben ging es darum, den anderen zu lesen. Die Wut zu erkennen, bevor der Angriff kommt. Tiere können das auch: Der Hund sieht dem anderen an, ob er beißen wird.
Nachahmen und Ansteckung
Der Mensch hat verschiedene Wesen entwickelt und gelernt, sie zu lesen. Das funktioniert über Empathie: Man ahmt den anderen nach und errät so seine Motive, welcher Dämon in ihm spricht. Das geschieht vollautomatisch.
Darum sind die Stimmungen ansteckend. Dämon spricht, Dämon hört. Das ist der erste Satz der Dämonologie: „Die Gegenwart eines Dämon beschwört ihn in Anderen herauf.“
Sich selbst lesen: das Bewusstsein
Dann wird dieselbe Fähigkeit auf einen selbst angewandt, um sich selbst zu lesen. Was will ich? Welcher Dämon spricht gerade in mir? Man liest sich selbst, wie man einen anderen liest. Das ist der Ursprung des Bewusstseins.
Zuerst die anderen, dann man selbst: Diese Reihenfolge vertreten auch heutige Forscher. Der Philosoph Peter Carruthers (The Opacity of Mind, 2011) sagt, dass ein und dieselbe Fähigkeit für alles Wissen über Gedanken zuständig ist, über die eigenen wie über die der anderen. Wir haben keinen direkten Blick nach innen. Wir deuten uns selbst, wie wir einen Fremden deuten.
Gelesen werden und die Lüge
Später hat man bemerkt, dass die anderen einen selbst lesen. Und dann wurde die Lüge erfunden: eine Mimik und Haltung einnehmen, um den anderen zu täuschen.
Auch Affen tun das. Die Primatenforscher Richard Byrne und Andrew Whiten haben gesammelt, wie Paviane und andere Primaten ihre Artgenossen gezielt täuschen, etwa indem sie deren Aufmerksamkeit ablenken (Machiavellian Intelligence, 1988). Ihre These: Das Wettrüsten zwischen Täuschen und Durchschauen hat die Intelligenz der Primaten vorangetrieben. Siehe auch den Täuscher.
Der Laut
Vielleicht waren die Laute zuerst, als Ausdruck der Dämonen. Tiere machen das auch: Knurren, Winseln, Fauchen.
Darwin vermutete in Die Abstammung des Menschen (1871), dass unsere Vorfahren zuerst gesungen haben, bevor sie sprachen. Im Werben, als Herausforderung an den Rivalen, aus Liebe, Eifersucht und Triumph. Die Bedeutung der Wörter kam erst später dazu. Musik und Sprache kämen dann aus derselben Wurzel: dem Laut, mit dem ein Dämon sich äußert.
Schon Affen geben ihren Lauten einen Inhalt. Grünmeerkatzen haben verschiedene Warnrufe für Leopard, Adler und Schlange. Spielt man ihnen die Rufe vom Band vor, ohne dass ein Räuber da ist, rennen sie beim Leopardenruf auf die Bäume, beim Adlerruf schauen sie nach oben, beim Schlangenruf nach unten (Seyfarth, Cheney und Marler 1980).
Die Phantasie
Ursprünglich war das Vorstellen von Bildern ein Werkzeug der Suche. Wer den ganzen Tag Pilze gesucht hat, sieht abends noch Pilze vor sich. Der Vogelforscher Luuk Tinbergen hat das bei Vögeln beobachtet und „Suchbild“ genannt (1960): Hat ein Vogel ein paar Beutetiere einer Art gefunden, sucht er weiter gezielt nach genau dieser Art. Dasselbe zeigt das Spiel Tetris: Wer es stundenlang gespielt hat, sieht beim Einschlafen fallende Steine (Stickgold u. a. 2000).
Der Mensch hat diese Fähigkeit kultiviert und trainiert. Er hat gelernt, sich Bilder vorzustellen, und damit Dämonen herbeigerufen. Oder umgekehrt: Die Dämonen haben sich das Bild ihrer Nahrung vorgestellt. Wer verliebt ist, hat ständig das Bild der Verehrten vor Augen.
Was damit erreicht wurde: Was vorher eine Reaktion auf einen Reiz war, erhielt jetzt Dauer. Siehe Grundlagen: der Anlass in der Phantasie.
Das Werk
Das Bild aus der Phantasie wird nach außen gestellt, und damit bekommt es eine zweite Dauer, außerhalb des Kopfes. Es kann den Dämon auch in anderen herbeirufen, die es ansehen.
Eines der ältesten Kunstwerke der Menschheit ist der Löwenmensch aus der Höhle Hohlenstein-Stadel auf der Schwäbischen Alb, rund 40.000 Jahre alt, aus Mammutelfenbein geschnitzt. Es ist kein Tier und kein Jäger, sondern ein Mischwesen: ein Mensch mit dem Kopf eines Löwen. Das erste Werk zeigt kein Ding der äußeren Welt, sondern ein Wesen der inneren Welt. Ein Raubtier in einem Menschen.
Aus derselben Zeit und derselben Gegend, aus der Höhle Hohle Fels, stammt eine Flöte, geschnitzt aus dem Flügelknochen eines Gänsegeiers, mit fünf Grifflöchern, über 35.000 Jahre alt (Conard u. a. 2009). Musik und das Bild des inneren Wesens stehen ganz am Anfang nebeneinander.
Dazu kommen gemeinsame Zeichen. Schrift war das noch nicht. Die Forscherin Genevieve von Petzinger hat in 367 Fundstellen der Eiszeit, von Nordspanien bis zum Ural, 32 geometrische Zeichen gefunden, die über rund 30.000 Jahre immer wiederkehren: Punkte, Linien, Gitter, Kreise und andere.
Kultur und Technik
Der Ursprung der Technologie ist die Kunst: sich ausdrücken durch Werke.
Steinwerkzeuge sind zwar viel älter. Die ältesten sind rund 3,3 Millionen Jahre alt (Lomekwi, Kenia), den Faustkeil gibt es seit rund 1,76 Millionen Jahren (Kokiselei, Kenia). Aber der Faustkeil hat sich über eine Million Jahre lang kaum verändert. Der Sprung kam erst mit der kulturellen Revolution vor etwa 50.000 bis 40.000 Jahren. Da kam alles auf einmal: Kunst, Musik, Schmuck, gemeinsame Zeichen, neue Werkzeuge, und von da an hat sich die Technik ständig verändert. Die Flut der Erfindungen begann, als es eine innere Welt gab, die sich ausdrücken wollte.