Wesen 4: Leib, Nest und Lust

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Sammlung der Wesen, die übrigen Wurzeln unter HOMO.

Wesen 1: Raubtier – Wüterich · Wesen 2: Raubtier – Vampir · Wesen 3: Beutetier · Leib, Nest und Lust · Wesen 5: Noch ohne Ort

  • Die Wesen sind in starker Ausprägung beschrieben; die meisten sind in allen Menschen vorhanden oder abrufbar (siehe Grundlagen).

Wuff Wuff (betteln um Anerkennung)

  • Stammbaum: von Geltung · zu Streber
  • Die bettelnde Form der Geltung.
  • Beschreibung:

HOMO

  • Stammbaum: von – · zu Odem, Durst, Sunny, Balz, Elter, Sammler, Putz, Urschlummer, Beutetier, Hunger/Schlemmer, Raubtier, Herde, Rammler, Elf
  • Beschreibung:

Odem

  • Stammbaum: von HOMO · zu –
  • Beschreibung:

Durst

  • Stammbaum: von HOMO · zu –
  • Beschreibung:

Sunny

  • Stammbaum: von HOMO · zu –
  • Beschreibung:

Hunger/Schlemmer

  • Stammbaum: von HOMO · zu Ekel, Schmauß, Schmatz, Schmack, Trank, Mijam
  • Entgleisung: die Gier (Völlerei), siehe Was kein eigenes Wesen ist.
  • Beschreibung:

Ekel

  • Steckbrief: Ekel
  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu Horror, Öde, Verachtung, Nase rümpfen
  • Beschreibung:

Öde

  • Stammbaum: von Ekel · zu Nörgler
  • Beschreibung:

Nase rümpfen

  • Stammbaum: von Ekel · zu Lästerer
  • Beschreibung:

Schmauß

  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
  • Beschreibung:

Schmatz

  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
  • Beschreibung:

Schmack

  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
  • Beschreibung:

Trank

  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
  • Beschreibung:

Mijam

  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu Venus
  • Beschreibung:

Balz

  • Stammbaum: von HOMO · zu Liebe, Eifersucht
  • Beschreibung:

Aphrodite

  • Stammbaum: von Verehrung/Bewunderung · zu –
  • Beschreibung: Aphrodite ist die Bewunderung der Schönheit und Anmut eines Menschen, ohne dass man den Akt beabsichtigt oder sich ihn ausmalt. Man fühlt sich in der Nähe dieses Menschen gut, hat ein Hochgefühl und hält ihn für etwas Besonderes. Schönheit stimuliert, und vielleicht gehört etwas Verliebtheit dazu. Man will für die Verehrte etwas tun, auch ohne Tauschhandel. Aber etwas Nichtmaterielles will man doch: Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Kontakt.
Getrennt vom Rammler. Die sexuelle Absicht ist davon getrennt, auch wenn sie oft folgt. Umgekehrt gibt es Männer, die jede nehmen, die die Reize hat, unabhängig vom Charakter der Frau, sobald die Gelegenheit da ist. Das ist der Rammler.
Hindernisse. Was die Verehrung verhindern kann, ist bei jedem anders, etwa Falschheit oder Einbildung. Wer sie beim anderen findet, kann ihn nicht mehr verehren.
Die Macht. Aphrodite ist mächtig und verbreitet. Die halbe Zivilisation hängt davon ab, von Mode und Kosmetik bis zu Kunst, Musik und Architektur, und es wird viel dafür getan, selbst bewundert zu werden oder Schönheit zu haben.

Liebe

  • Stammbaum: von Balz, Beschützer, Verehrung/Bewunderung · zu Venus
  • Beschreibung: Liebe ist, dass einem der andere wichtig ist und man ihn schützen will. Der Beschützer hat dabei eine ganz starke Rolle. Die Liebe kann eine sexuelle Komponente haben, aber die kann auch fehlen. Die Mutter liebt ihr Kind.
Liebe und Begehren. Begehren gibt es auch ohne Liebe, und Liebe auch ohne Begehren. Das eine kann dem anderen folgen oder ausbleiben. Begehren kann die Liebe verstärken. Wo beides zusammenkommt, ist es Venus.
Und die Bewunderung. Die Liebe hat auch von der Verehrung etwas, vom Staunen über den anderen. Die Bewunderung der Schönheit ist Aphrodite.

Eifersucht

  • Stammbaum: von Balz, Sammler, Zorn, Verehrung/Bewunderung, Revierverhalten/Gebiet, Elter · zu Stalker
  • Der Kern ist das Revierverhalten.
  • Trigger: der Rivale; der Blick des geliebten Menschen zu einem Dritten.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung:

Kern: Die Gefahr, eine Bindung zu verlieren, und zwar an einen Rivalen. Das ist Revierverhalten: Ein Rivale dringt in mein Revier ein, und das Revier ist hier eine Bindung.

Älter als Balz und Besitz:

  • Die Mutter spielt liebevoll mit einer lebensechten Puppe statt mit ihrem sechs Monate alten Baby. Das Baby wird unruhig und unglücklich, deutlich mehr, als wenn die Mutter nur in ein Buch schaut. Ein Säugling hat keine Balz und keinen Begriff von Besitz.
  • Der Besitzer streichelt einen Stoffhund, der bellt und mit dem Schwanz wedelt. Viele Hunde drängen sich dazwischen, manche schnappen nach dem Stoffhund.

Es gibt verschiedene Arten von Eifersucht, je nach Art der Bindung:

  • Zwischen Liebenden, von der Balz: der Nebenbuhler. Das Kleinlibellen-Männchen hält das Weibchen nach der Paarung mit seinen Zangen am Hals fest und fliegt mit ihr im Tandem, während sie die Eier ablegt.
  • Zwischen Geschwistern, vom Elter: Ein Baby kommt nach Hause, und das ältere Kind, zwei oder drei Jahre alt, will plötzlich wieder die Flasche und macht wieder ins Bett. Josef: Jakob liebt ihn mehr als die anderen Söhne und schenkt ihm einen bunten Rock. Die Brüder werfen ihn in eine Grube und verkaufen ihn. Es geht um die Gunst des Vaters.
  • Um Besitz, vom Sammler: „Er gehört mir.“ „Meine Frau.“ „Mein Schatz.“ Was man hat, gibt man nicht her.
  • Um einen Verehrten, von der Verehrung: Der Lieblingsschüler des Meisters wird von den anderen beneidet. Der Fan ist eifersüchtig auf die Freundin des Stars.
  • Der Ausbruch, vom Zorn: wenn der Rivale da ist.

Wertlosigkeit und Zurückweisung: Man hat auch ein Gefühl der Wertlosigkeit, der Zurückweisung, wenn der besondere Mensch einen anderen vorzieht. Der Rivale nimmt nicht nur den Menschen weg. Er sagt durch seine bloße Existenz: Du bist weniger wert als ich. Im Kopf kreist die Frage: „Was hat er, was ich nicht habe?“ Man vergleicht sich und verliert. Das liegt nahe bei Schmach und Scham.

Eifersucht und Neid: Eifersucht fürchtet zu verlieren, was man hat, an einen Rivalen. Neid will haben, was der andere hat. Das Gefühl der Wertlosigkeit entsteht im Vergleich mit dem Rivalen. Da treffen sich beide.

Das wird nicht bewertet. Eifersucht hat man in allen Kulturen gefunden, in denen man danach gesucht hat. Sie ist natürlich.

Venus

  • Stammbaum: von Liebe, Mijam, Rammler, Kuschel · zu –
  • Beschreibung: Venus ist die Liebe mit Begehren. Zur Liebe kommen der Rammler, das Begehren, der Kuschel mit der Lust an der Berührung und der Mijam mit der Lust am Genuss. Alle diese Teile gibt es auch einzeln. Begehren gibt es ohne Liebe, und Liebe ohne Begehren. Das eine kann dem anderen folgen oder ausbleiben. Begehren kann die Liebe verstärken. Venus ist der Fall, in dem alles zusammenkommt.
Die Abgrenzung. Aphrodite bewundert die Schönheit, ohne den Akt zu beabsichtigen. Der Rammler nimmt, was die Reize hat, ohne Rücksicht auf den Charakter. Venus verbindet die Liebe mit dem Begehren.

Rammler

Ekstase

  • Stammbaum: von Rammler · zu –
  • Beschreibung:

Elter

  • Stammbaum: von HOMO · zu Beschützer, Nestbau, Eifersucht, Beschwichtiger
  • Beschreibung:

Beschützer

  • Stammbaum: von Elter, Krieger · zu Liebe
  • Beschreibung:

Nestbau

  • Stammbaum: von Elter, Sammler · zu –
  • Beschreibung:

Beschwichtiger

  • Auch: Tröster
  • Stammbaum: von Elter · zu Gelassen
  • Hunger: Ruhe. Dass der Sturm sich legt, in einem selbst oder im anderen.
  • Trigger: Stress, Schmerz, Aufregung, die eigene oder die eines anderen.
  • Beschreibung:
Herkunft. Das Kind hat sich wehgetan. Die Mutter nimmt es auf den Arm und sagt: „Ist ja gut, ist gleich vorbei.“ Das wiederholt sich, bis das Kind diese Stimme selbst hat. Der Beschwichtiger ist der Tröster, der nach innen gewandert ist. Er spricht zu einem selbst, wie damals die Eltern gesprochen haben. Weil man ihn hat, kann man ihn auch anderen leihen: Er tröstet, besänftigt, entschärft einen Streit. Er wirkt in beide Richtungen.
Bei den Tieren. Wenn die Lage gespannt ist, gähnt der Hund, wendet den Kopf ab, schnüffelt am Boden oder leckt sich über die Nase. Die Hundetrainerin Turid Rugaas nennt das Beschwichtigungssignale. Schimpansen suchen nach einem Kampf den Kontakt: Die Gegner versöhnen sich mit einem Kuss, und ein Dritter umarmt den, der angegriffen wurde (de Waal und van Roosmalen 1979).
Sprüche. Die richtigen Sprüche sind wie ein Mantra und nehmen den Stress erst mal raus. Das muss man lernen und sich aneignen: Sich selbst in stressigen Momenten zu beruhigen.
  • Das ist ein lösbares Problem
  • Bleib cool
  • Morgen geht die Sonne auch noch auf
  • Es gibt Schlimmeres
  • Immer mit der Ruhe
  • Alles wird gut. Es wird alles gut.
  • Man muss das kosmisch sehen
  • Scheiß drauf
  • dumm gelaufen
  • Morgen lach` ich darüber
  • Immer schön der Reihe nach
  • Und wenn schon
  • Auch das geht vorbei
  • Irgend ne Scheiße hat man immer am Hacken
  • Eins nach dem Anderen
  • Erst mal schauen
  • Notfalls hole ich mir Hilfe
Wie die Sprüche wirken. Sie schaffen Abstand. Abstand in der Zeit: „Morgen lach` ich darüber“, „Auch das geht vorbei“. Abstand im Raum: „Man muss das kosmisch sehen“, „Es gibt Schlimmeres“. Sie zerlegen den Berg: „Eins nach dem Anderen“, „Erst mal schauen“. Oder sie lassen los: „Scheiß drauf“, „Und wenn schon“. Bei „dumm gelaufen“ ist der Kobold nicht weit. Der Psychologe Ethan Kross hat gezeigt, dass schon die Form des Selbstgesprächs zählt: Wer unter Stress mit sich spricht wie mit einem anderen, mit dem eigenen Namen oder mit „du“ statt „ich“, hat weniger Angst und grübelt danach weniger (Kross u. a. 2014).

Herde

  • Stammbaum: von HOMO · zu Stammesbruder
  • Trigger: Gefahr, und vor allem die Flucht der anderen. Wenn einer rennt, rennen alle.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung:

Die Herde ist die Wurzel und biologische Grundlage. Ohne diesen Instinkt gäbe es kein Stammesverhalten. Nietzsche nannte es den Herdentrieb.

Gleichheit schützt, Abweichung ist gefährlich:

  • Im Fischschwarm stößt niemand den Abweichler aus, das erledigt der Räuber. In einem Versuch wurden einige Fische farbig markiert. Die Raubfische schnappten bevorzugt die markierten, weil sie herausstachen. Darum suchen sich Fische Schwärme, in denen alle so aussehen wie sie selbst.
  • Hat eine Henne eine Wunde oder einen roten Fleck, hacken die anderen darauf ein, manchmal bis zum Tod. Geflügelhalter hängen darum rotes Licht in den Stall.
  • Am Eingang des Bienenstocks prüfen Wächterinnen den Geruch. Eine Biene mit fremdem Stockgeruch wird abgewehrt oder getötet. Reibt man eine Ameise mit dem Geruch eines fremden Nests ein, greifen ihre eigenen Schwestern sie an.
  • E. O. Wilson bestrich lebende Ameisen mit Ölsäure, dem Geruch toter Ameisen. Die Schwestern trugen die lebende, zappelnde Ameise auf den Abfallhaufen. Sie kam zurück und wurde wieder hinausgetragen, bis der Geruch verflogen war. Das Kennzeichen zählt mehr als das, was man sieht.
  • In Gombe brach 1966 Kinderlähmung aus. Jane Goodall beschrieb einen gelähmten Schimpansen, der sich nur noch schleppen konnte. Die anderen erschraken vor seiner fremden Bewegung, einige griffen ihn an, und sie wollten ihn nicht mehr lausen.

Glück in der Menge: Die Herde ist die Anpassung an die Masse. Das Schaf ist glücklich in der Herde von Gleichgesinnten. Nach einem Konzert sagen die Leute: „Da war richtig viel los. Das war toll.“ Das ist pure Biologie.

  • Émile Durkheim nannte es 1912 die kollektive Efferveszenz: Wenn eine Gemeinschaft zusammenkommt und gleichzeitig dasselbe denkt oder tut, wallt eine gemeinsame Energie auf, die den Einzelnen erregt und die Gruppe eint. Für Durkheim ist das die Wurzel der Religion: Die Energie der Versammlung geht auf ein Symbol oder einen Menschen über, und der wird heilig (siehe Fan).
  • Bronwyn Tarr, Jacques Launay, Emma Cohen und Robin Dunbar ließen 2015 Menschen gemeinsam tanzen. Gleichzeitige Bewegung und Anstrengung erhöhten jede für sich die Schmerzschwelle, ein Zeichen für ausgeschüttete Endorphine, und stärkten die Bindung an die Gruppe.
  • Beim Pilgerfest Magh Mela in Indien hatten sich Gesundheit und Wohlbefinden der Pilger nach dem Fest verbessert (Tewari u. a. 2012). Wer die Menge als Gemeinschaft Gleichgesinnter erlebte, hatte ein besseres Erlebnis.

Herde allein ist noch kein Stamm: Eine Gnuherde in der Serengeti zählt Hunderttausende Tiere. Keines kennt die anderen, kein Fremder wird ausgestoßen. Wer mitläuft, gehört dazu. Erst beim Wolfsrudel kennt jeder jeden, der Geruch ist das Kennzeichen, das Revier ist abgesteckt, und der fremde Wolf wird angegriffen. Im Yellowstone-Park ist der häufigste natürliche Tod eines Wolfs der Kampf mit einem fremden Rudel. Herde, dann Rudel und Revier, dann der Stammesbruder mit Zeichen, Fahnen und Lehre.

Nietzsche:

  • „Moralität ist Heerden-Instinct in dem Einzelnen.“ (Die fröhliche Wissenschaft, Aphorismus „Heerden-Instinct“)
  • „Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.“ (Also sprach Zarathustra, Vorrede)

Geltung

  • Stammbaum: von Raubtier · zu Wuff Wuff (betteln um Anerkennung), Eitelkeit, Prahler
  • Varianten: Gerüchtemacher
  • Hunger: etwas gelten, Bedeutung haben. Und wenn auch nur in einem Spezialgebiet oder vor bestimmten anderen.
  • Trigger: übergangen werden, nicht beachtet werden; der eigene Platz in der Gruppe ist in Gefahr.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Jeder Mensch möchte Bedeutung haben, etwas gelten. Es geht um die Rangordnung in der Gruppe. Ein Einzelgänger hat keinen Rang.
Die Hackordnung. Der Norweger Thorleif Schjelderup-Ebbe hat 1921 bei Hühnern die Hackordnung entdeckt: Jedes Huhn kennt seinen Platz, hackt die unter ihm und weicht denen über ihm aus.
Zwei Arten. Das Raubtier hat Geltung aus Stärke: Es hat Macht und Einfluss auf andere, auch gegen den Strom. Seinen Feinden erscheint es gefährlich. Die ihm folgen, tun es aus anderen Motiven, aus Achtung vor seinem Können und seiner Stärke. Das ist nicht der Gewaltherrscher, der gefürchtet und verachtet wird, sondern der vornehme Adlige. Überall gibt es Autoritäten, denen gefolgt wird wegen ihrer Entschlossenheit und ihres Könnens, in jeder Gruppe: im Sport, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Musik, in allem in Kultur und Zivilisation. Zwischen den Weltkriegen strömten junge Physiker zu Niels Bohr nach Kopenhagen; die Gelegenheit, mit ihm zu arbeiten, galt als Privileg. Leonard Bernstein sagte über den Dirigenten Carlos Kleiber: „I have just heard the greatest living conductor in the world“. Und Kleiber selbst sagte einmal zu seinem Konzertmeister, als das Orchester ganz darauf konzentriert war, ihm zu folgen: „Let me follow you.“ Bei Apple sagte der Entwickler Bud Tribble 1981 über Steve Jobs: „Steve has a reality distortion field.“ Andy Hertzfeld beschrieb es als „a confounding melange of a charismatic rhetorical style, an indomitable will, and an eagerness to bend any fact to fit the purpose at hand“ (eine verwirrende Mischung aus einem charismatischen Redestil, einem unbeugsamen Willen und der Bereitschaft, jede Tatsache passend zu biegen). Gerade die Souveränen versuchen oft, was als unmöglich gilt. Es gehört immer Entschlossenheit dazu: neue Reviere erobern, auch kulturell (siehe Revierverhalten). Der Antrieb ist nicht die Anpassung. Am 9. Oktober 1903 schrieb die New York Times, eine Flugmaschine, die wirklich fliegt, könne in ein bis zehn Millionen Jahren entstehen. Am selben Tag schrieb Orville Wright in sein Tagebuch: „We started assembly today.“ 69 Tage später flogen die Brüder Wright. John F. Kennedy sagte 1962 in Houston: „We choose to go to the moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard“; 1969 landeten Menschen auf dem Mond. Christo und Jeanne-Claude arbeiteten 24 Jahre daran, den Reichstag zu verhüllen, und trafen dafür 352 Abgeordnete; 1995 war er verhüllt. Ob ein Versuch gelingt oder scheitert, sagt nichts über die Haltung. Hinterher ist man immer schlauer: Wer den Ausgang kennt, hält ihn für viel wahrscheinlicher, als er es vorher getan hätte, und merkt es nicht (Fischhoff 1975). Max Weber nannte diese Herrschaft charismatisch: Sie beruht „auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person“. Nietzsche: „Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Thier muss wieder heraus, muss wieder in die Wildniss zurück“ (Genealogie der Moral I 11; siehe Kanalisieren statt ausrotten). Auch der Herdenmensch will Geltung haben, aber sie wird ihm durch die Zustimmung anderer gegeben: Preise und Auszeichnungen. Das ist die Eitelkeit. Wer wenig Souveränität hat, holt sich Rang und Geltung von jemandem, dessen Meinung wichtig ist: Wuff Wuff, die Eitelkeit, der Poser. Napoleon sagte 1802 zur Gründung der Ehrenlegion: „C'est avec des hochets que l'on mène les hommes.“ (Mit Rasseln lenkt man die Menschen.) Beides ist nicht eindeutig getrennt, sondern gemischt: Der französische Adel gab Unsummen für Kleider aus, und die Krone ist ein Symbol der Macht. Es gibt starke Persönlichkeiten, die die Auszeichnung haben wollen, und andere, die sie souverän ablehnen. Der Mathematiker Grigori Perelman lehnte 2006 die Fields-Medaille ab: „I'm not interested in money or fame; I don't want to be on display like an animal in a zoo.“ La Rochefoucauld: „L'orgueil se dédommage toujours, et ne perd rien, lors même qu'il renonce à la vanité.“ (Der Stolz entschädigt sich immer und verliert nichts, selbst wenn er auf die Eitelkeit verzichtet.)
Geliehene Geltung. Die Herde tut etwas anderes. Der Herdenmensch erhält seine Geltung von jemandem, der Ansehen, Macht und Geltung hat. Das kann auch eine Institution oder eine Lehre sein. Es ist eine Unterordnung: der Diener im Haus des Adels, die Nonne im Schoß der Kirche. Der Diener würde es ablehnen, neureichem Pöbel zu dienen. Der Psychologe Robert Cialdini nannte das 1976 „basking in reflected glory“, sich im zurückgeworfenen Glanz sonnen: Nach einem Sieg ihrer Footballmannschaft trugen mehr Studenten Kleidung mit dem Namen ihrer Universität, und sie sagten „We won“. Nach einer Niederlage hieß es „They lost“. Das ist die flüchtige Form, nahe beim Vasallen. Der Diener dagegen bleibt. Die Grenzen sind fließend.
Ein Grundbedürfnis. Cameron Anderson, John Hildreth und Laura Howland haben 2015 die Forschung zur Frage gesammelt, ob das Streben nach Status ein Grundbedürfnis ist. Ihr Ergebnis: ja, in allen Kulturen, bei Männern wie Frauen. Wer seinen Rang verliert, leidet darunter, auch wenn sich sonst nichts ändert. Und es zählt der Rang vor den Menschen, die einem wichtig sind, nicht vor allen. Der Philosoph William James schrieb schon 1890 sinngemäß: Eine teuflischere Strafe ließe sich nicht ausdenken, als dass man unter Menschen losgelassen würde und von allen völlig unbemerkt bliebe. Das ist der Zombie, von der anderen Seite gesehen.
Keine Eitelkeit. „Eitel“ hieß im älteren Deutsch „leer, nichtig“; man sagt noch „eitel Sonnenschein“, nichts als Sonnenschein. Die Eitelkeit will bewundert werden für die Oberfläche, sie ist die leere Form der Geltung. Die Geltung will etwas zählen für das, was man ist oder kann: der Handwerker, dessen Urteil auf der Baustelle gilt; der Briefmarkensammler, den die anderen Sammler fragen. „Wuff Wuff (betteln um Anerkennung)“ ist ihre bettelnde Form.
Die Geltung wirkt auch in anderen Wesen: im Hochgefühl des Amokläufers, im Streber, bei den Gegendämonen.

Sammler

  • Stammbaum: von HOMO · zu Nestbau, Messi, Eifersucht, Knauser
  • Varianten: Nehmer
  • Mimik: keine. Der Sammler ist ein leiser Dämon, man sieht ihm nichts an.
  • Griff: aufsammeln.
  • Entgleisung: der Messi. Die Brüder Collyer in New York wurden 1947 tot in ihrem Haus gefunden, unter mehr als hundert Tonnen Zeitungen, Klavieren und Gerümpel. Einer lag unter einem Stapel begraben, den er selbst als Falle gegen Einbrecher gebaut hatte. Der andere, blind und gelähmt, verhungerte danach.
  • Entgleisung: auch die Gier (Habgier), siehe Was kein eigenes Wesen ist.
  • Trigger: Knappheit und die Lücke (siehe Beschreibung).
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung:

Hunger: haben, Vorrat, Vollständigkeit. Nicht hergeben, was man hat.

Trigger: Knappheit und die Lücke. Das leere Regal im Supermarkt. Der Winter, der kommt. Das eine Sammelbild, das im Album noch fehlt.

Kennzeichen:

  • Das Eichhörnchen vergräbt im Herbst Nüsse. Der Hamster stopft sich die Backen voll. Daher sagen wir „hamstern“.
  • Am Anfang der Pandemie räumten die Leute das Klopapier aus den Regalen.
  • Kinder stopfen sich die Hosentaschen mit Steinen und Kastanien voll. Niemand hat ihnen das beigebracht.
  • Man gibt Leuten eine Kaffeetasse und fragt, für wie viel sie die Tasse verkaufen würden. Sie verlangen etwa das Doppelte von dem, was andere für dieselbe Tasse zahlen wollen. Was man hat, gibt man nicht her. Hier sitzt die Verbindung zur Eifersucht.
  • Der Laubenvogel sammelt blaue Dinge, Federn, Beeren, Flaschendeckel, und legt sie vor seine Laube, um ein Weibchen anzulocken. Dort sind Sammler und Balz eins.
  • Entgleisung: der Messi. Die Wohnung ist bis zur Decke voll, nur schmale Gänge bleiben frei, und er kann nichts wegwerfen. Krankhaftes Horten ist seit 2013 eine eigene Diagnose.

Biologisch angelegt:

  • Eibl-Eibesfeldt zog Eichhörnchen ohne Erde und ohne Nüsse auf. Als sie zum ersten Mal eine Nuss bekamen, kratzten sie auf dem nackten Boden ein Loch, das es nicht gab, legten die Nuss hinein, drückten sie mit der Schnauze fest und scharrten Erde darüber, die es nicht gab. Niemand hatte es ihnen gezeigt.
  • Beim Menschen ist die Neigung zum Horten zum Teil erblich. Das zeigen Zwillingsstudien.
  • Menschen mit einer Verletzung an einer bestimmten Stelle der Stirnhirnrinde fingen an, wertlosen Kram zu horten (Anderson, Damasio u. a., Brain, 2005). Der Sammler sitzt tiefer im Hirn, die Stirnhirnrinde hält ihn im Zaum. Fällt die Bremse weg, übernimmt er.

Herkunft: vom Vorrat, vom Horten von Nahrung.

  • Nicht vom Einsammeln: Der Sammler aus „Jäger und Sammler“ pflückt Beeren, nimmt sie mit und isst sie. Morgen geht er wieder los. Mehr haben als nötig und nicht hergeben, das fehlt.
  • Nicht vom Nestbau: Der Vogel sammelt Zweige, bis das Nest fertig ist, dann hört er auf. Der Sammler hört nicht auf. Im Stammbaum steht der Nestbau als Kind unter Sammler und Elter: der Sammler im Dienst der Brut.
  • Der Tannenhäher versteckt im Herbst Zehntausende Kiefernsamen an Tausenden Stellen und findet sie Monate später unter dem Schnee wieder. Viel mehr, als er im Winter fressen kann.
  • Aesop: Die Ameise schleppt den ganzen Sommer Körner, die Grille singt. Im Winter hungert die Grille.
  • Der Buschhäher versteckt Futter. Hat ihm ein anderer Häher dabei zugesehen, kommt er später zurück und versteckt alles neu. Das tun nur Häher, die selbst schon fremde Verstecke geplündert haben. Der Dieb kennt den Dieb. Da sitzen Eifersucht und Täuscher mit am Tisch.
  • Bienen sammeln Honig, Ameisen legen Kornkammern an, der Hamster trägt seine Vorräte in den Bau. Das gibt es lange vor dem Menschen.
  • Wer im Krieg gehungert hat, hebt sein Leben lang jedes Gummiband auf, und der Keller steht voller Einmachgläser.

Der Sammler sitzt nahe beim Schlemmer, beide kommen vom Hunger. Der Schlemmer isst jetzt. Der Sammler legt für später zurück. Er ist der Dämon, der an den Winter denkt.

Offen: Woher kommt die Vollständigkeit? Das fehlende Sammelbild, die 110 Messier-Objekte, alle 14 Achttausender. Der Vorrat erklärt das nicht. Ein Eichhörnchen will nicht alle Nusssorten haben. Ein späterer Zweig oder ein anderes Wesen?

Angelegt ist der Hunger, nicht der Gegenstand. Briefmarken, Kunst oder Bitcoins sammelt niemand von Natur aus. Die Kultur liefert das Material, der Dämon den Hunger.

Wo der Sammler wirkt:

  • Linné schickte seine Schüler in die ganze Welt, nach Amerika, Arabien, Japan, in die Südsee. Sie sollten Pflanzen sammeln und zurückbringen. Er nannte sie seine Apostel. Einige kamen nicht zurück. Aus dem Gesammelten wurde die Ordnung der Pflanzen und Tiere, mit der wir bis heute jedes Lebewesen benennen.
  • Die Wunderkammern: Fürsten und Gelehrte stellten Muscheln, Korallen, ausgestopfte Krokodile, Einhorn-Hörner und Missgeburten in Glasschränke. Daraus wurden die Museen. Das British Museum begann 1753 mit der Sammlung eines einzigen Mannes, Hans Sloane, rund 71.000 Stücke.
  • Darwin sammelte als Student in Cambridge Käfer. Einmal hatte er in jeder Hand einen seltenen Käfer und sah einen dritten. Er steckte einen in den Mund, um die Hand frei zu haben. Der Käfer spritzte ihm eine brennende Flüssigkeit auf die Zunge, Darwin spuckte ihn aus, und der dritte war weg. Später sammelte er fünf Jahre lang auf der Beagle: Finken, Fossilien, Schildkröten. Erst danach kam die Theorie.
  • Goethe hatte in Weimar eine Mineraliensammlung mit rund 18.000 Steinen.
  • Die Mondlandung: Die Astronauten der Apollo-Flüge sammelten mit Zangen und Schaufeln Steine und Staub, zusammen rund 380 Kilogramm. Das teuerste Steinesammeln der Geschichte.
  • Schmetterlinge: Nabokov, der Schriftsteller, zog mit dem Netz durch die Berge und sammelte Bläulinge. Er vermutete, dass sie in mehreren Wellen über die Beringstraße von Asien nach Amerika gekommen waren. Die Biologen nahmen ihn nicht ernst. 2011 bestätigte die Genetik seine Vermutung.
  • Der Messier-Marathon: Charles Messier jagte im 18. Jahrhundert Kometen. Ihn störten verschwommene Flecken am Himmel, die aussahen wie Kometen, aber keine waren. Damit er nicht wieder darauf hereinfiel, schrieb er sie auf: 110 Stück. Die Liste war Abfall seiner Kometenjagd. Heute ist sie die berühmteste Liste der Astronomie. Jedes Jahr im März, wenn alle 110 in einer Nacht zu sehen sind, sitzen Amateure die ganze Nacht in der Kälte und haken eins nach dem anderen ab. Sie lernen nichts Neues, alle Objekte sind seit 250 Jahren bekannt, und niemand schaut ihnen zu. Das ist weder Neugier noch Anerkennung. Das ist der Sammler allein.
  • Tycho und Kepler: Tycho Brahe hat über zwanzig Jahre lang jede Nacht die Stellung der Planeten gemessen, ohne Fernrohr, mit riesigen Messinstrumenten auf seiner Insel Ven. Ein Berg von Zahlen. Kepler bekam die Zahlen nach Tychos Tod und fand darin, dass die Planeten auf Ellipsen laufen. Tycho ist die Ameise, Kepler die Biene.
  • Die Rechnerinnen von Harvard: Um 1900 saßen Frauen an Tischen und gingen Hunderttausende Glasplatten mit Sternaufnahmen durch, Stern für Stern. Annie Jump Cannon sortierte von Hand rund 350.000 Sterne nach ihrem Licht. Henrietta Leavitt schrieb veränderliche Sterne auf und bemerkte: Je heller so ein Stern, desto langsamer blinkt er. Damit konnte man zum ersten Mal Entfernungen im Weltall messen, und Hubble zeigte damit, dass es andere Galaxien gibt. Erst die Sammlung, dann das Gesetz.
  • Heute: Der Satellit Gaia hat fast zwei Milliarden Sterne vermessen. Über 5.000 Planeten um andere Sterne sind bestätigt, jeder neue kommt auf die Liste.

Die Neugier will schnell zur Antwort. Zwanzig Jahre Nacht für Nacht messen, Hunderttausende Platten durchsehen, das hält sie nicht durch. Der Sammler hat Geduld, denn jedes einzelne neue Stück sättigt ihn schon.

Bacon hat das Bild dafür gefunden (Novum Organum, 1620). Die Ameise sammelt nur und frisst es auf. Die Spinne spinnt ihr Netz aus sich selbst heraus. Die Biene sammelt aus den Blüten und macht Honig daraus. Die Ameise ist der Sammler allein. Die Spinne ist der Zwerg, der aus dem Kopf Systeme spinnt. Die Biene ist der Sammler im Bund mit einem Dämon, der verarbeitet.

Der Sammler allein endet beim Messi: die Wohnung voll, aber keine Ordnung. Mit der Ordnung verbündet, wird er Linné. Mit der Neugier verbündet, wird er Darwin.

Der Hochmut gegen den Sammler: Dem Physiker Rutherford wird der Satz zugeschrieben: „Alle Wissenschaft ist entweder Physik oder Briefmarkensammeln.“ Dabei steht jede Physik auf gesammelten Messwerten.

Wie mächtig der Sammler ist:

  • Kunst: Der „Salvator Mundi“, Leonardo zugeschrieben, ging 2017 für 450 Millionen Dollar weg.
  • Autos: Der Musiker oder der Reiche mit dreißig teuren Autos in der Garage, die er nicht braucht. Jay Leno hat weit über hundert Autos in seinen Hallen. 2022 wurde ein Mercedes 300 SLR Uhlenhaut-Coupé für 135 Millionen Euro versteigert, das teuerste Auto der Welt.
  • Baseballkarten: Eine Mickey-Mantle-Karte von 1952 brachte 2022 12,6 Millionen Dollar. Ein Stück Pappe.
  • Briefmarken: Die British Guiana One-Cent Magenta, eine einzige Marke, wurde 2021 für rund 8 Millionen Dollar verkauft.
  • Pokémon: Der Werbespruch heißt „Schnapp sie dir alle!“. Das ist der Sammler wörtlich. Eine einzige Pikachu-Karte brachte 2022 über 5 Millionen Dollar.
  • Ein Bild, das es nicht gibt: 2021 wurde eine Bilddatei des Künstlers Beeple als NFT für 69 Millionen Dollar verkauft. Jeder kann sie kopieren, aber nur einer „hat“ sie.
  • Tulpen: 1637 kostete in Holland eine einzige Tulpenzwiebel der Sorte „Semper Augustus“ so viel wie ein Haus in Amsterdam.
  • Reliquien: Friedrich der Weise sammelte in Wittenberg über 19.000 Reliquien: Knochen von Heiligen, Dornen aus der Krone Christi, Milch der Maria. Ausgerechnet dort schlug Luther 1517 seine Thesen an.
  • Schuhe: Als Imelda Marcos aus dem Palast in Manila floh, fand man über tausend Paar Schuhe.
  • Gipfel: Reinhold Messner stand als Erster auf allen 14 Achttausendern. In Schottland haken Leute alle 282 Munros ab, die Berge über 3000 Fuß.
  • Vögel: Phoebe Snetsinger hat über 8.000 Vogelarten mit eigenen Augen gesehen. Angefangen hat sie, als sie eine Krebsdiagnose bekam, und sie reiste noch zwanzig Jahre weiter.
  • Saatgut: Im Eis von Spitzbergen liegt ein Tresor mit über einer Million Samenproben.
  • Elemente: Die Chemiker jagen das Periodensystem voll. Das Element 118, Oganesson, existiert jeweils nur Bruchteile einer Sekunde, und trotzdem hat es einen Namen und einen Platz in der Tabelle.
  • Nobelpreise: Marie Curie holte Polonium und Radium aus Tonnen von Pechblende und bekam 1911 den Nobelpreis. Für das Higgs-Teilchen gab es 2013 den Nobelpreis.
  • Jagdtrophäen: Hörner und Köpfe an der Wand. Hier treffen sich Jagdtrieb und Sammler.
  • Geld: Der Milliardär, der mehr hat, als er in zehn Leben ausgeben könnte, und weiter sammelt. Dagobert Duck badet in seinem Geldspeicher.

Die Baseballkarte, die Briefmarke, das NFT sind Millionen wert, weil andere Sammler sie haben wollen. Der Sammler macht den Wert selbst. Ohne ihn wäre die One-Cent Magenta ein Fetzen Papier.

Knauser

  • Stammbaum: von Sammler · zu –
  • Beschreibung: Der Sammler kommt und geht, im Herbst, vor dem Winter, vor dem leeren Regal. Beim Knauser ist er chronisch geworden. Jede Ausgabe tut weh. Er hebt überall Geld auf. Das ist ein bekannter Typus. Wenn Leute Mangel erlebt haben wie im Krieg, werden sie manchmal so.

Bei Theophrast heißt es: „Meanness is undue sparing of expense.“ Der Knauser zählt beim Essen, wie viele Becher jeder Gast trinkt. Zerbricht ein Diener einen Topf, zieht er ihm den Wert von der Verpflegung ab. Verliert seine Frau eine kleine Münze, rückt er Möbel, Betten und Schränke und sucht in den Ritzen der Dielen. Seiner Frau verbietet er, Salz oder einen Lampendocht auszuleihen. Seine Geldtruhe ist schimmlig, weil sie nie geöffnet wird. Er hat eine volle Truhe und spart trotzdem: Fülle bannt den Knauser nicht.

Geprägt vom Mangel. Ulrike Malmendier und Stefan Nagel untersuchten 2011 in ihrer Studie „Depression Babies“ Menschen, die schwere Wirtschaftskrisen erlebt haben. Wer selbst schlechte Zeiten erlebt hat, geht ein Leben lang weniger finanzielle Risiken ein und legt seltener Geld in Aktien an (siehe Prägung).

Der Test: Beim Festessen nimmt die Tochter seine Börse und sagt, sie bezahle mit seinem Geld für alle (siehe Der Test). Und er missbilligt den Verschwender.

Putz

  • Stammbaum: von HOMO, Elf · zu Puppe
  • Entgleisung: der Waschzwang. Menschen waschen sich die Hände, bis die Haut blutet, und fühlen sich danach immer noch schmutzig. Howard Hughes fasste am Ende Gegenstände nur noch mit Papiertüchern an und lebte abgeschottet in abgedunkelten Hotelzimmern.
  • Beschreibung:

Elf

  • Stammbaum: von HOMO · zu Kuschel, Putz
  • Namen der Familie: Fühl, Lausch, Schnupper, Kratz, Kitzel, Griff, Wurzel, Wohlig
  • Beschreibung:

Kuschel

  • Stammbaum: von Elf · zu Venus
  • Beschreibung: Kuscheln ist Berührung und Umarmung, und es geht dabei um Geborgenheit und Sicherheit. Zwei Wurzeln sind denkbar. Die eine ist das Lausen der Affen: Gegenseitiges Streicheln und Lausen hält bei Primaten die Bindungen, über Hautnerven und Endorphine (Robin Dunbar 2022). Die andere ist die Verbindung von Mutter und Kind. Harry Harlows Rhesusaffen klammerten sich in den 1950er-Jahren an die Stoffmutter, auch wenn nur die Drahtmutter Milch gab. Der Körperkontakt war wichtiger als das Füttern. Beides kann zusammenwirken.
Die erotische Seite. Berührungen sind auch erregend. Dann geht das Kuscheln ins Begehren über und führt zur Venus. Für den Menschen ist Sex ein Mittel zur Bindung geworden, heißt es oft, wichtig wegen der langen Kindheit. Das ist eine gängige, aber umstrittene These. Robert Quinlan (2008) sieht Paarbindungen als vielseitig, mit der Versorgung in der Stillzeit als am besten belegter Funktion, und prüft Sex als Bindungsmittel nicht.

Urschlummer

  • Stammbaum: von HOMO · zu Gähn, Murmel, Mümmel
  • Beschreibung:

Gähn

  • Stammbaum: von Urschlummer · zu –
  • Beschreibung:

Murmel

  • Stammbaum: von Urschlummer · zu –
  • Beschreibung:

Mümmel

  • Stammbaum: von Urschlummer · zu –
  • Beschreibung:

Neid

  • Stammbaum: von Revierverhalten/Gebiet · zu Troll
  • Es ist eine Form von Revierverhalten.
  • Trigger: Ein Rivale, der mir nah ist, bekommt oder kann, was in meinem eigenen Gebiet zählt. Beim Fremden und beim Unerreichbaren entsteht kein Neid, sondern Bewunderung.
  • Bannung: offen.
  • Entgleisung: der Neidkratzer. Jemand zieht mit dem Schlüssel eine lange Schramme in den Lack eines teuren Autos. Er hat nichts davon, außer dass der andere es auch nicht mehr hat.
  • Beschreibung:

Es ist eine Form von Revierverhalten. So wie Ziegen ihren Rivalen bei der Fütterung wegboxen: Am Futtertrog stoßen die ranghohen Tiere die anderen mit dem Kopf weg, auch wenn genug für alle da ist. Es geht nicht ums Sattwerden. Es geht darum, dass der andere nicht frisst.

Man neidet, was der andere hat oder bekommt. Auch wenn man Fähigkeiten neidet, geht es darum.

Hunger: haben, was der andere hat. Oder wenigstens, dass der andere es auch nicht hat.

Der Trigger genau: Es ist mehr zwischen Bekannten, zwischen Rivalen. Und dann beherrscht es die Gedanken und führt zu Missgunst und zu Taten, um den anderen zu schädigen. Der Psychologe Abraham Tesser hat gezeigt, dass zwei Dinge zusammenkommen müssen: Der andere ist mir nah, Freund, Kollege, Bruder, Nachbar. Und er ist besser auf einem Gebiet, das für mich selbst zählt. Ist mein Freund ein besserer Schachspieler und mir ist Schach egal, freue ich mich für ihn. Ist er ein besserer Elektriker und ich bin Elektriker, dann sticht es.

Die Tat: In Tessers Versuchen durfte einer dem anderen bei einem Ratespiel Hinweise geben, leichte oder schwere. Hieß es, das Spiel sei belanglos, bekamen Freunde leichtere Hinweise als Fremde. Hieß es, das Spiel messe die Intelligenz, bekamen Freunde schwerere Hinweise als Fremde. Man bremst den Freund aus, nicht den Fremden.

Der Promi ist etwas anderes: Wer weit weg und unerreichbar ist, an Reichtum, Ruhm oder Fähigkeit, den beneidet man nicht, man bewundert ihn. Das gehört zur Verehrung/Bewunderung und zum Fan.

Zwei Formen: Der böse Neid will den anderen herunterziehen. Der gutartige Neid will selbst hinauf: „Das will ich auch schaffen.“ Er richtet sich oft auf jemanden, der ein Stück weiter, aber noch erreichbar ist.

Unter Gleichen: Aristoteles schreibt in seiner Rhetorik, man beneide die, die einem nahe sind an Zeit, Ort, Alter und Ansehen, und zitiert dafür Hesiod, um 700 vor Christus: „Der Töpfer grollt dem Töpfer, der Bettler dem Bettler, der Sänger dem Sänger.“ Man beneidet nicht den König, sondern den Nachbarn. Beide stehen am selben Trog.

Bilder:

  • Schneewittchen: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Die Königin war die Schönste, bis der Spiegel eine andere nannte.
  • Zwei Kinder bekommen verschieden große Kuchenstücke: „Der hat aber mehr!“
  • Zwei Kapuzineraffen bekommen für dieselbe Aufgabe Gurke. Bekommt einer eine Weintraube, wirft der andere seine Gurke dem Forscher ins Gesicht.
  • Das Gesetz von Jante, aus einem Roman von Aksel Sandemose, 1933, in Skandinavien sprichwörtlich: „Du sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist.“

Sprüche:

  • „Warum der und nicht ich?“ → Der Vergleich. Der Anfang von allem.
  • „Der hat doch nur Glück gehabt.“ / „Der hat eben Beziehungen.“ → Den Erfolg kleinreden. Wenn es Glück war, hat er es nicht selbst geschafft, und ich bin nicht schlechter.
  • „So toll ist das auch nicht.“ → Saure Trauben. Aesops Fuchs springt nach den Trauben, kommt nicht dran und sagt im Weggehen: „Die sind mir ohnehin zu sauer.“
  • „Das hat der doch gar nicht verdient.“ → Die Maske der Gerechtigkeit. Der Neid verkleidet sich als Gerechtigkeitssinn.
  • „Der hält sich wohl für was Besseres.“ → Das Gesetz von Jante. Niemand darf herausragen.
  • „Schön für dich.“ / „Gönn ich dir.“, durch die Zähne gesagt → Das Heucheln. Der Glückwunsch, der keiner ist.
  • „Dem wird das Lachen schon noch vergehen.“ → Die Vorfreude auf den Fall.
  • „Hab ich doch gleich gesagt.“, wenn es dann schiefgeht → Die Schadenfreude.

Im Gehirn: Japanische Forscher ließen 2009 Versuchspersonen Geschichten über erfolgreiche Mitschüler lesen. Beim Neid war ein Bereich aktiv, der auch bei Schmerz arbeitet. Als dem Beneideten danach ein Unglück passierte, sprang ein Bereich an, der bei Belohnung arbeitet. Neid tut weh, Schadenfreude tut gut.

Der gute Neid: Hesiod unterscheidet zwei Göttinnen des Streits. Die schlechte Eris bringt Krieg. Die gute Eris treibt den Faulen an, wenn er sieht, wie reich der fleißige Nachbar wird, sodass er selbst pflügt und pflanzt.

Verwandt: Eifersucht (die Eifersucht fürchtet zu verlieren, was sie hat; der Neid will haben, was der andere hat), Gerechtigkeitssinn, Häme, Stammesbruder. Alle drei, Stammesbruder, Eifersucht und Neid, stammen vom Revierverhalten: das Revier der Gruppe, das Revier der Bindung, das Revier am Futtertrog.

Revierverhalten/Gebiet

  • Stammbaum: von – · zu Stammesbruder, Eifersucht, Neid
  • Es ist der Kern der Eifersucht: Ein Rivale dringt in die Bindung ein. Beim Wolfsrudel: Man kennt die Gesichter, das Revier ist abgesteckt, der Fremde ist der Feind.
  • Beschreibung:

Eitelkeit

  • Stammbaum: von Geltung · zu Poser
  • Die leere Form der Geltung.
  • Beschreibung: Die Geltung, die durch die Zustimmung anderer gegeben wird: Preise und Auszeichnungen (siehe Geltung). La Rochefoucauld: „La vertu n'irait pas si loin si la vanité ne lui tenait compagnie.“ (Die Tugend käme nicht so weit, wenn die Eitelkeit ihr nicht Gesellschaft leistete.)

Das Wort. „Eitel“ hieß ursprünglich leer, nichtig (althochdeutsch ītal), so wie das lateinische vanitas. Die Leere steckt schon im Wort.

Ehrgeiz im Kleinen. Theophrast nennt den Eitlen Μικροφιλοτιμία, „Ehrgeiz im Kleinen“: „a striving for honor in small things“. Beim Essen will er neben dem Gastgeber sitzen. Er zahlt mit frisch geprägten Münzen. Seiner zahmen Dohle kauft er eine kleine Leiter und einen Schild aus Bronze. Stirbt sein Hund, setzt er ihm ein Denkmal: „Fido, Pure Maltese.“ Er kauft einen neuen Anzug, solange der alte noch gut ist, und seine Zähne sind immer weiß.

Von außen. Schopenhauer: „Demnach ist Stolz die von innen ausgehende, folglich direkte Hochschätzung seiner selbst; hingegen Eitelkeit das Streben, solche von außen her, also indirekt zu erlangen. Dem entsprechend macht die Eitelkeit gesprächig, der Stolz schweigsam.“ Jane Austen: „Pride relates more to our opinion of ourselves, vanity to what we would have others think of us.“

Was er sagt, was er fühlt. Die Eitelkeit lebt in der Lücke zwischen dem, was einer sagt, und dem, was er sich davon verspricht. Meist ist das keine Berechnung. Er glaubt selbst an das Bild, das er zeigt.

  • Der Bescheidene sagt: „Ach, das war doch nichts Besonderes.“ Er hofft auf den Widerspruch: „Doch, das war großartig!“ So bekommt er das Lob und darf sich obendrein bescheiden fühlen. Manchmal verkleidet er das Angeben als Klage, etwa wenn er stöhnt, er komme vor lauter Einladungen zu nichts mehr. Die anderen durchschauen das meistens.
  • Der Erfolgreiche sagt: „Eigentlich wollte ich nie Karriere machen. Es hat sich so ergeben.“ Der Erfolg soll mühelos aussehen, und gerade dafür will er bewundert werden.
  • Der Gekränkte sagt: „Mir ist völlig egal, was andere über mich denken.“ Dann liegt er die halbe Nacht wach wegen einer einzigen Bemerkung. Wer am lautesten sagt, die Meinung der anderen sei ihm egal, hängt oft am stärksten an ihr.
  • Der Unauffällige sagt: „Ich brauche keine Aufmerksamkeit, ich mach einfach mein Ding.“ Er möchte gerade dafür bewundert werden. Seine Eitelkeit ist, keine zu zeigen.

Das Gefühl verrät, was der Satz verbirgt. Lob hebt ihn, ausbleibendes Lob enttäuscht ihn, Kritik kränkt ihn, und wer mehr Beachtung bekommt, wird zum Rivalen. Er sieht sich mit den Augen der anderen. Darum macht die Eitelkeit abhängig, obwohl sie sich überlegen fühlen will: Sie muss sich immer wieder neu beweisen, denn sicher ist man der Bewunderung nie.

Eitelkeit heute. Der Spiegel der Königin hängt heute in jeder Hosentasche. Man fotografiert sich selbst, legt einen Filter darüber, der die Haut glättet und die Augen größer macht, stellt das Bild aus und wartet, ob der Spiegel antwortet. Die Antwort heißt Like. Lauren Sherman und Kollegen zeigten 2016 Jugendlichen im Hirnscanner Instagram-Fotos: Bilder mit vielen Likes erregten die Belohnungsregionen stärker, und die Jugendlichen gaben solchen Bildern auch selbst eher ein Like. Inzwischen lügt der Spiegel schöner, als die Wirklichkeit ist. Schönheitschirurgen berichten, dass Patienten nicht mehr mit Fotos von Stars kommen, sondern mit gefilterten Fotos von sich selbst. Sie wollen aussehen wie ihr eigenes Selfie (Susruthi Rajanala und Kollegen 2018, „Snapchat dysmorphia“).

Schopenhauers Satz gilt noch: Die Eitelkeit ist gesprächig, der Stolz schweigsam. Young Jee Han, Joseph Nunes und Xavier Drèze fanden 2010: Wer reich ist und Geltung braucht, kauft die Tasche mit dem großen Logo, die jeder erkennt. Wer reich ist und sie nicht braucht, kauft die Tasche ohne Logo, die nur Kenner erkennen. Der eine spricht zu allen, der andere nur zu seinesgleichen.

Sprüche: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ – „Sehen und gesehen werden.“ – „Kleider machen Leute.“ – „Wer schön sein will, muss leiden.“

Schauspieler. Wer davon lebt, gesehen zu werden, ist oft eitel. Drew Pinsky und Mark Young ließen 2006 zweihundert Prominente einen Narzissmus-Fragebogen ausfüllen. Die Prominenten lagen deutlich über dem Durchschnitt, am höchsten die Stars aus dem Reality-Fernsehen, dann Komiker, Schauspieler und Musiker. Viele waren schon so, bevor sie berühmt wurden: Der Beruf zieht die Eitlen an. In Billy Wilders Film Sunset Boulevard (1950) sagt man der gealterten Stummfilmdiva Norma Desmond: „You used to be big.“ Sie antwortet: „I am big. It's the pictures that got small.“ Am Ende steigt sie die Treppe hinab, auf die Kamera zu: „All right, Mr. DeMille, I'm ready for my close-up.“

Stimmen. Auf Reddit sprechen Menschen offen darüber, und manchmal spricht der Dämon selbst.

  • Über sich selbst: „I'm very vain in the sense I'm always aware of how good or not I look […] I will leave any situation, job, place, person etc if it worsens my looks.“ – „When I look good I feel good, and I care way too much about how people see me.“ – „Yes, I strut and preen.“ – „Main character energy so yes.“ – „sometimes I'm extremely vain and other times I feel inferior to everyone“ (r/Sagittarians, 2025). Im letzten Satz zeigt sich die Leere.
  • Was andere hören: Eine Freundin begründet alles mit ihrem Aussehen: „I should have been invited to that party, I'm hot.“ – „I don't understand why we have to wait in this line, most of the time hot people get let in early.“ Eine andere fragt nach dem Treffen mit den Freunden ihres Partners: „did anyone tell you how pretty I was“ (r/AskMen, 2024).
  • Schopenhauers gesprächige Eitelkeit, ein Ratschlag an Männer: „Never mention your nice car, then pick her up for a 3rd date, hot. Mentioning it up front, tacky.“ (r/Bumble, 2026)
  • Männer über sich selbst: „I like staring at my reflection in shop windows.“ – „Have to check the bathroom mirror to make sure my abs are still there.“ – „I definitely check myself out in bathroom mirrors, window reflections. I can't help it I'm just too sexy“ – „I take a lot of satisfaction in the fact that I look good, then immediately feel guilty about it“ (r/AskMen, 2018).
  • Die Eitelkeit missbilligt die, die nicht so sind wie sie. Ein Mann staunt, wie schlecht jüngere Männer aussehen: „When I look at men who are much younger than me and I'm amazed at how bad they look“. Jemand fragt zurück: „So, your vanity expresses itself through judgement of others?“ Ein anderer: „Not OP but yes, absolutely. It's kinda shitty but it's a gut reaction.“ (r/AskMen, 2018; siehe Der Test)

Poser

  • Stammbaum: von Eitelkeit · zu –
  • Beschreibung: Der Poser ist ein Schauspieler für das Publikum. Vielleicht kann er auch etwas. Aber er stellt sich hin und macht eine Pose, damit das Publikum sie sieht. Früher haben Fußballer nach einem Tor gejubelt. Das war echt, das war Jubel nach dem Sieg. Heute machen sie Posen: Jeder soll sehen, was für ein Held ich bin. Auch die Influencer machen Posen für die Wirkung.

Siu. Cristiano Ronaldo sprang im August 2013 nach einem Tor gegen Chelsea in die Luft und rief „Siu“. Er sagt selbst, das sei spontan gewesen: „I just scored the goal and it came out. It was just natural. Since that, I started to do it more often.“ Aus echtem Jubel wurde durch Wiederholung eine Pose, sein Markenzeichen. Die Übergänge sind fließend.

Die Vorderbühne. Erving Goffman beschrieb 1959 das Alltagsleben als Theater, mit einer Vorderbühne, auf der man vor Publikum spielt, und einer Hinterbühne, auf der man unbeobachtet ist (The Presentation of Self in Everyday Life). Der Poser lebt auf der Vorderbühne.

Bei Theophrast ist der Eitle auch schon Poser. Den Kopf des geopferten Ochsen nagelt er gegenüber der Haustür an, damit jeder Besucher sieht, was er geopfert hat. Nach der Reiterparade gibt er die Ausrüstung dem Knecht und stolziert in Sporen über den Markt. Bei Vorführungen in seiner eigenen Halle kommt er als Letzter herein, damit die Zuschauer sagen: „That's the gentleman to whom the place belongs.“

Stimmen (Reddit): „Curates her life online to make it look more fun and exciting than it really is.“ (r/AskMen, 2024) – „Sometimes guys post unfriendly non-smiling gym photos of them staring at their own arm muscles“ (r/Bumble, 2026). Das Aufpumpen vor dem Auftritt: „Shit, I do push-ups before cutting the lawn shirtless!“ – „You don't keep dumbbells in your trunk to do a few curls right before picking up your dates?“ – „you never look as good as your pump.“ Einer nennt seine Schnellübung selbst „the douchebag session“ (r/Fitness, 2015). – „When I cosplay, I want my picture taken with everyone.“ (r/AskMen, 2018)


Prahler

  • Stammbaum: von Täuscher, Geltung · zu –
  • Auch: Angeber.
  • Beschreibung: Der Prahler behauptet mehr, als er kann, und tut auch mehr, als er kann. Er erkennt die Rangordnung im Können nicht an und glaubt, er stehe mit dem Meister auf einer Stufe. Gemeint ist das Können, nicht der menschliche Wert. Er gibt Phantasie-Erklärungen ab. Das ist keine bewusste Täuschung. Er lebt in einer Phantasiewelt und täuscht auch sich selbst. Diese Welt musste nie vor der Realität bestehen, da wäre sie gescheitert. Ihm wurde oft gesagt, dass er falsch liegt und unfähig ist. Aber das blendet er aus und erfindet von sich ein besseres Bild. Das ist chronisch: ein geschlossener Kreis (siehe Die Erfindung des Ich).

Bei Theophrast erscheint er in zwei Gestalten. Der Übereifrige zeigt „an excess in saying or doing, — with good intentions, of course“ und verspricht öffentlich Dinge, die er nicht leisten kann. Der Prahler ist „pretending to have excellences that one does not really possess“.

Belege. Justin Kruger und David Dunning ließen 1999 Studenten nach einem Test schätzen, wie gut sie waren. Das schlechteste Viertel lag im 12. Perzentil und schätzte sich im 62. ein. Der Titel ihrer Studie: „Unskilled and unaware of it“. Wie stark das im Durchschnitt gilt, ist umstritten (Gilles Gignac und Marcin Zajenkowski 2020). Den Typ gibt es trotzdem. William von Hippel und Robert Trivers schrieben 2011, Selbsttäuschung sei entstanden, um andere besser zu täuschen: „self-deceptive self-enhancement also allows people to display more confidence than is warranted.“

Urtümlich. Der Angeber ist alt. Der Pfau schlägt sein Rad vor der Henne. Andere Tiere machen sich vor dem Rivalen größer, als sie sind: fast eine Drohgebärde, aber schon im Vorfeld, um einzuschüchtern, bevor es zum Kampf kommt. Rothirsche röhren um die Wette, wo ein Kampf droht, und das Röhren verrät dem Rivalen die Kampfkraft (Tim Clutton-Brock und Steve Albon 1979). Verliert ein Männchen der Winkerkrabbe seine große Schere, wächst eine neue nach, die gleich groß aussieht, aber leichter und schwächer ist. Damit blufft es: „Regenerated claws effectively bluff fighting ability and deter potential opponents before they fight.“ Auch die Weibchen fallen darauf herein. Bis zu 44 % der Männchen tragen solche Scheren (Patricia Backwell und Kollegen 2000). Das ist der Angeber in reiner Form: mehr zeigen, als da ist.

Die Balz ruft den Angeber. Ein Dämon kann innerhalb desselben Menschen einen anderen zu Hilfe rufen. Die Balz ruft den Angeber, so wie beim Feigling die Angst den Täuscher ruft. Das ist eine Abfolge, keine Abstammung. Ein Feldversuch: Junge Skateboarder wagten riskantere Tricks, wenn eine attraktive Frau zusah, und ihr Testosteron stieg (Richard Ronay und William von Hippel 2010).

Der Angeber vor Frauen – und vor Rivalinnen. Beim Menschen ist das Muster verbreitet. Derselbe Mann wirkt auf Frauen attraktiver, wenn er in einem Bentley sitzt; bei einer Frau am Steuer wirkt das nicht (Dunn & Searle 2010). Männer spenden deutlich mehr, wenn eine attraktive Frau zusieht; Frauen vor einem attraktiven Mann nicht (Iredale, Van Vugt & Dunbar 2008). Frauen geben auch an, nur anders: Sie investieren in Wirkung, Kosmetik ist eine ganze Industrie. Und Luxus zeigen sie oft anderen Frauen, als Mittel im Wettbewerb unter Rivalinnen (Hudders et al. 2014). Das ist wieder das Tier, das sich vor dem Rivalen größer macht.

Aber nicht jede Schminke und nicht jede teure Tasche ist Angeberei. Frauen tun das auch für sich selbst, nicht nur, um zu beeindrucken. Dann spricht Geltung: Ich bin wer. Das ist das gute Gefühl eines sicheren Reviers, kein Täuschen. Dasselbe Verhalten kann von verschiedenen Wesen kommen. Der Angeber braucht einen Zuschauer, den er übertrumpfen will. Geltung genügt sich selbst.

Vorsicht bei der Literatur: Viele Studien, die das Angeben durch „Paarungsstimmung“ auslösen wollten, ließen sich nicht wiederholen (Shanks et al. 2015).

Stammesbruder

  • Stammbaum: von Herde, Revierverhalten/Gebiet, Jagdtrieb · zu –
  • Die Herde bringt das Zusammenhalten und das Ausstoßen der Abweichler, der Jagdtrieb die gemeinsame Jagd auf Minderheiten: Wölfe jagen gemeinsam und töten fremde Wölfe, die Schimpansen von Gombe stellten die Abtrünnigen in Gruppen und töteten sie einzeln.
  • Verwandt: Revierverhalten/Gebiet; Fan und Kamerad; Verachtung gegen die Fremden.
  • Wirkt bei vielen Wesen mit: beim Streber, beim Held, beim Krieger, beim Zwerg. Darum ist er kein Elternteil des Zwergs, sondern ein eigener Dämon.
  • Trigger: die Kennzeichen (Trikot, Fahne, Dialekt), eine Bedrohung von außen, ein Abweichler in den eigenen Reihen.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung:

Stammesbruder ist fundamental
Das wirkt bei ziemlich allen Gruppen Bildungen mit auf denen Zivilisationen beruhen
In Wahrheit gibt es nicht Nationen oder Firmen oder Gesellschaften oder Kunst oder Wissenschaft als Verbindung von Menschen
Da verbinden sich Menschen zu einem Stamm mit 50 anderen Menschen die sie kennen
Das ist die wirkende Dynamik

Auch wenn es ein Thema braucht mit dem sich ein Stamm identifiziert
Eine Lehre
Eine Ideologie
Aber abgesehen von Sinn oder Unsinn
Was da passiert ist Stammesverhalten

Da gibt es einen Kanon an gemeinsamen Symbolen, Masken, Kleidung, Haarschnitt, Fahnen, Ritualen, Sprüchen , Sprache

Und da wird auch peinlich darauf geachtet dass das eingehalten wird von denen die dazu gehören

Und dann sind die die nicht dazu gehören

Auf die wird mindestens herab geschaut
Und wenn es schlimm kommt gibt es auch Krieg und Verfolgung
Das ist eine unschöne Seite davon
Oft werden da Minderheiten gesucht
Als Feind der die Gruppe bedroht
Um die Truppe folgsam zu machen gegen den gemeinsamen Feind
Der Dämon Stammesbruder übernimmt das Ruder und schaltet das kritische Denken aus

Jemand ist Mitglied vom Stamm. Stammesverhalten ist ein mächtiger Trieb, der sehr viel menschliches Verhalten erklärt. Überall bilden wir Gruppen mit einheitlichen Kennzeichen. Und um in die Gruppe aufgenommen zu werden, muss man Hürden überwinden.

Wie schnell er da ist:

  • Robbers Cave, 1954: Zwei Gruppen von Jungen im Ferienlager, die sich vorher nicht kannten. Nach wenigen Tagen hatten sie Namen, die „Adler“ und die „Klapperschlangen“, eigene Fahnen und eigene Regeln. Bald verbrannten sie die Fahne der anderen und überfielen deren Hütte.
  • Tajfel, 1970er-Jahre: Schüler wurden angeblich danach eingeteilt, ob sie Bilder von Klee oder von Kandinsky lieber mögen. In Wahrheit war es Zufall. Trotzdem gaben sie beim Verteilen von Geld der eigenen Gruppe mehr und verzichteten sogar auf Geld, nur damit der Abstand zur anderen Gruppe größer wurde.

Die Hürde: 1959 mussten Studentinnen, um in eine Diskussionsgruppe zu kommen, vor einem Mann peinliche Wörter laut vorlesen. Danach hörten alle dieselbe absichtlich langweilige Diskussion. Wer die peinliche Aufnahme durchgemacht hatte, fand die Gruppe besonders gut. Je höher die Hürde, desto wertvoller die Gruppe.

Kennzeichen und Hürden:

  • Militär: Kopf kahl, Uniform, Grundausbildung, Drill. Der Einzelne wird abgelegt, die Truppe wird angezogen.
  • Fußball: Schal, Trikot, Fangesänge. Schalke und Dortmund liegen 30 Kilometer auseinander und hassen sich neunzig Minuten lang.
  • Berufe: Der Zimmermann auf der Walz in schwarzer Kluft, drei Jahre und einen Tag unterwegs, nicht näher als 50 Kilometer an seinen Heimatort. Der Doktortitel bei den Akademikern. Die verschlüsselte Fachsprache des Zwergs ist das Kennzeichen seines Stammes, der Aufnahmeritus.
  • Studentenverbindungen: der Schmiss von der Mensur, eine Narbe im Gesicht als Kennzeichen fürs Leben.

Alt: In Gombe in Tansania hat sich in den 1970er-Jahren eine Schimpansengruppe gespalten. Über vier Jahre hat die größere Gruppe die Männchen der abgespaltenen Gruppe einzeln aufgespürt und getötet. Vorher waren es Gruppenmitglieder.

Ein Stamm von 50:

  • Der Anthropologe Robin Dunbar hat gezählt, wie groß menschliche Gruppen von selbst werden: etwa 5 enge Vertraute, 15 gute Freunde, 50 Leute, mit denen man lagert und jagt, 150, die man noch beim Namen kennt. Die 50 ist bei Jägern und Sammlern die Größe eines Lagers.
  • Die Armeen haben das immer gewusst. Der Zug hat 30 bis 50 Mann, die Kompanie um die 150. Bei den Römern teilten sich 8 Mann ein Zelt.
  • Shils und Janowitz befragten 1948 gefangene Wehrmachtssoldaten, warum sie bis zuletzt weiterkämpften, als der Krieg längst verloren war. Nicht die Ideologie hielt sie. Die meisten kämpften für die Männer neben ihnen im Graben.

Das Thema ist austauschbar: Bei Tajfel reichte die Frage, ob einem Klee oder Kandinsky besser gefällt, und in Wahrheit nicht einmal das.

Peinlich genau eingehalten: Wer aus der eigenen Gruppe abweicht, wird härter verurteilt als ein Fremder, der dasselbe tut. Die Psychologen nennen das den Schwarze-Schaf-Effekt. Der Abtrünnige ist schlimmer als der Feind.

Das kritische Denken ausgeschaltet: Solomon Asch, 1951. Eine Versuchsperson sitzt mit sieben anderen am Tisch, die heimlich eingeweiht sind. Alle sollen sagen, welche von drei Linien so lang ist wie eine vierte. Die Antwort ist offensichtlich. Aber die sieben sagen nacheinander laut die falsche. Etwa drei von vier Versuchspersonen haben mindestens einmal mitgemacht und gegen ihre eigenen Augen die falsche Linie genannt.

Der gemeinsame Feind:

  • Das Wort Sündenbock kommt aus der Bibel. Am Versöhnungstag legte der Priester die Sünden des Volkes einem Ziegenbock auf und jagte ihn in die Wüste.
  • Im Ferienlager von Robbers Cave wurden die verfeindeten Gruppen am Ende durch eine gemeinsame Bedrohung versöhnt: Die Wasserleitung des Lagers war angeblich sabotiert.
  • Göring erklärte 1946 in Nürnberg dem Gefängnispsychologen Gilbert sinngemäß: Das Volk lässt sich immer zum Krieg bringen. Man muss ihm nur sagen, es werde angegriffen, und die Friedensfreunde als Vaterlandsverräter hinstellen.

Sprüche:

  • „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ → Freund oder Feind, kein Drittes.
  • „Das macht man bei uns nicht.“ → Die Regel des Stammes, ohne Begründung.
  • „Die da.“ → Der Fremde braucht keinen Namen.

Die andere Seite: Derselbe Dämon trägt den verletzten Kameraden aus dem Feuer. Ohne ihn gäbe es keine Feuerwehr und keine Bergwacht.

Offen: sein Ruf-Name.