Die Entstehung der Seele: Unterschied zwischen den Versionen
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Dazu will die Wissenschaft wenige Ursachen. Bei Freud ist am Ende fast alles Trieb, für die Behavioristen ist alles Belohnung und Strafe, für die Ökonomen ist alles Nutzen. Aber das Leben hat viele Wesen. | Dazu will die Wissenschaft wenige Ursachen. Bei Freud ist am Ende fast alles Trieb, für die Behavioristen ist alles Belohnung und Strafe, für die Ökonomen ist alles Nutzen. Aber das Leben hat viele Wesen. | ||
Und die Wesen addieren sich nicht, sie antworten aufeinander. Nimmt man einen Auslöser weg, fehlt nicht einfach seine Wirkung. Es entsteht eine andere Lage, in der andere Wesen antworten. Während der Corona-Zeit wurde Fußball vor leeren Stadien gespielt, und man wollte daraus ablesen, was das Publikum ausmacht. Aber ein Geisterspiel ist nicht ein Heimspiel ohne Publikum. Es ist ein anderer Fall: Die Spieler hören den Trainer und einander, der Schiedsrichter hört jeden Fluch, die Stille wirkt selbst. Das Publikum hat Einfluss, und das leere Stadion auch. Das ist nicht Mathematik. | |||
Die Psychologen Gordon Allport und Henry Odbert haben 1936 ein englisches Wörterbuch durchgesehen und 17.953 Wörter gefunden, mit denen man Menschen beschreibt. Die Persönlichkeitsforschung hat daraus später mit Statistik fünf Faktoren gemacht, die „Big Five“: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus. Damit lässt sich gut messen, aber Groll, Häme, Trotz und Schadenfreude sind dabei verschwunden. Die genauere Karte steckte schon in der Alltagssprache, in den [[Die alten Götter|alten Göttern]] und in der Dichtung. | Die Psychologen Gordon Allport und Henry Odbert haben 1936 ein englisches Wörterbuch durchgesehen und 17.953 Wörter gefunden, mit denen man Menschen beschreibt. Die Persönlichkeitsforschung hat daraus später mit Statistik fünf Faktoren gemacht, die „Big Five“: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus. Damit lässt sich gut messen, aber Groll, Häme, Trotz und Schadenfreude sind dabei verschwunden. Die genauere Karte steckte schon in der Alltagssprache, in den [[Die alten Götter|alten Göttern]] und in der Dichtung. | ||
Version vom 11. Oktober 2026, 18:25 Uhr
Wie aus Tieren, die einander lesen, Wesen mit einer inneren Welt wurden. Und warum erst diese innere Welt Kunst, Kultur und Technik hervorgebracht hat.
Nietzsche hat das vorausgesehen. In Jenseits von Gut und Böse (1886) fordert er, Begriffe wie „Seele als Subjekts-Vielheit“ und „Seele als Gesellschaftsbau der Triebe und Affekte“ sollten „fürderhin in der Wissenschaft Bürgerrecht haben“ (Abschnitt 12). Und: „unser Leib ist ja nur ein Gesellschaftsbau vieler Seelen“ (Abschnitt 19).
Man hat nur etwas mitzuteilen, wenn etwas da ist, das man mitteilen kann. Die Grundlage dafür ist die Seele: eine innere Welt aus vielen verschiedenen Wesen. Erst durch die vielen Wesen entstand Kultur.
Die Seite hat zwei Teile. Im ersten stehen Fähigkeiten, die nebeneinander gewachsen sind. In welcher Reihenfolge, ist offen. Der zweite Teil ist eine Kette: Jede Fähigkeit setzt die vorige voraus.
Erster Teil: Was nebeneinander gewachsen ist
Den anderen lesen
Die Grundlage der Kommunikation ist, den anderen zu verstehen. Das geschieht auch heute noch zum größten Teil ohne Worte: Mimik, Haltung, Gesten.
Am Anfang waren die Urdämonen: das Raubtier, der Vampir, der Wüterich, aber auch die freundlichen. Für das Überleben ging es darum, den anderen zu lesen. Die Wut zu erkennen, bevor der Angriff kommt. Tiere können das auch: Der Hund sieht dem anderen an, ob er beißen wird.
Nachahmen und Ansteckung
Der Mensch hat verschiedene Wesen entwickelt und gelernt, sie zu lesen. Das funktioniert über Empathie: Man ahmt den anderen nach und errät so seine Motive, welcher Dämon in ihm spricht. Das geschieht vollautomatisch.
Darum sind die Stimmungen ansteckend. Dämon spricht, Dämon hört. Das ist der erste Satz der Dämonologie: „Die Gegenwart eines Dämon beschwört ihn in Anderen herauf.“
Sich selbst lesen: das Bewusstsein
Dann wird dieselbe Fähigkeit auf einen selbst angewandt, um sich selbst zu lesen. Was will ich? Welcher Dämon spricht gerade in mir? Man liest sich selbst, wie man einen anderen liest. Das ist der Ursprung des Bewusstseins.
Zuerst die anderen, dann man selbst: Diese Reihenfolge vertreten auch heutige Forscher. Der Philosoph Peter Carruthers (The Opacity of Mind, 2011) sagt, dass ein und dieselbe Fähigkeit für alles Wissen über Gedanken zuständig ist, über die eigenen wie über die der anderen. Wir haben keinen direkten Blick nach innen. Wir deuten uns selbst, wie wir einen Fremden deuten.
Gelesen werden und die Lüge
Später hat man bemerkt, dass die anderen einen selbst lesen. Und dann wurde die Lüge erfunden: eine Mimik und Haltung einnehmen, um den anderen zu täuschen.
Auch Affen tun das. Die Primatenforscher Richard Byrne und Andrew Whiten haben gesammelt, wie Paviane und andere Primaten ihre Artgenossen gezielt täuschen, etwa indem sie deren Aufmerksamkeit ablenken (Machiavellian Intelligence, 1988). Ihre These: Das Wettrüsten zwischen Täuschen und Durchschauen hat die Intelligenz der Primaten vorangetrieben. Siehe auch den Täuscher.
Der Laut
Vielleicht waren die Laute zuerst, als Ausdruck der Dämonen. Tiere machen das auch: Knurren, Winseln, Fauchen.
Darwin vermutete in Die Abstammung des Menschen (1871), dass unsere Vorfahren zuerst gesungen haben, bevor sie sprachen. Im Werben, als Herausforderung an den Rivalen, aus Liebe, Eifersucht und Triumph. Die Bedeutung der Wörter kam erst später dazu. Musik und Sprache kämen dann aus derselben Wurzel: dem Laut, mit dem ein Dämon sich äußert.
Schon Affen geben ihren Lauten einen Inhalt. Grünmeerkatzen haben verschiedene Warnrufe für Leopard, Adler und Schlange. Spielt man ihnen die Rufe vom Band vor, ohne dass ein Räuber da ist, rennen sie beim Leopardenruf auf die Bäume, beim Adlerruf schauen sie nach oben, beim Schlangenruf nach unten (Seyfarth, Cheney und Marler 1980).
Zweiter Teil: Die Kette
Was jetzt folgt, baut folgerichtig aufeinander auf. Jede Fähigkeit setzt die vorige voraus.
Die Phantasie
Ursprünglich war das Vorstellen von Bildern ein Werkzeug der Suche. Wer den ganzen Tag Pilze gesucht hat, sieht abends noch Pilze vor sich. Der Vogelforscher Luuk Tinbergen hat das bei Vögeln beobachtet und „Suchbild“ genannt (1960): Hat ein Vogel ein paar Beutetiere einer Art gefunden, sucht er weiter gezielt nach genau dieser Art. Dasselbe zeigt das Spiel Tetris: Wer es stundenlang gespielt hat, sieht beim Einschlafen fallende Steine (Stickgold u. a. 2000).
Der Mensch hat diese Fähigkeit kultiviert und trainiert. Er hat gelernt, sich Bilder vorzustellen, und damit Dämonen herbeigerufen. Oder umgekehrt: Die Dämonen haben sich das Bild ihrer Nahrung vorgestellt. Wer verliebt ist, hat ständig das Bild der Verehrten vor Augen.
Was damit erreicht wurde: Was vorher eine Reaktion auf einen Reiz war, erhielt jetzt Dauer. Siehe Grundlagen: der Anlass in der Phantasie.
Die Vergangenheit
Dadurch, dass Bilder dauerhaft vorgestellt wurden, entstand erstmals Vergangenheit. Wenn man sich erinnert, ruft man Bilder wach. Die Vergangenheit ist kein Ort, an dem man war, sondern ein Bild, das man in der Gegenwart wachruft.
Viele Dämonen gibt es nur durch die Vergangenheit. Der Groll lebt von vergangenen Bildern.
Erinnern ist dabei kein Abspielen. Der Gedächtnisforscher Daniel Schacter hat gezeigt, dass das Erinnern an Vergangenes und das Ausmalen von Künftigem im Gehirn ein gemeinsames Netz aktivieren. Mit Donna Rose Addis erklärt er das so: Die Erinnerung setzt Bruchstücke vergangener Erfahrungen neu zusammen, und aus denselben Bruchstücken stellt man sich auch die Zukunft vor.
Das Innenleben
Damit gibt es schon ein inneres Seelenleben. Und dann passiert folgendes: Die Dämonen, die bisher nur Reaktion waren auf Reize, reagieren aufeinander, ohne dass in der Außenwelt etwas geschieht. Ein altes Bild weckt den Groll, der Groll weckt den Wüterich, und das alles, während man still auf dem Sofa sitzt.
Es entstehen Politik, Rangordnung, Regeln, im Inneren. Auf der Seite Dämonologie steht: „Vernunft ist im wesentlichen und nichts anderes als das Ergebnis der Machtkämpfe und Bündnisse von Dämonen - Ergebnis ihrer Politik.“
Wie viel von diesem Innenleben ohne äußeren Anlass abläuft, haben Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert gemessen. Über eine Handy-App fragten sie 2.250 Menschen zu zufälligen Zeiten, was sie gerade tun und woran sie gerade denken. In 46,9 Prozent der wachen Zeit waren die Gedanken nicht bei dem, was die Menschen gerade taten (2010).
Die Zukunft
Das Entscheidende ist: Erst dadurch, dass es Vergangenheit gibt, gibt es Zukunft. Die Zukunft ist die Übertragung der Regeln, die in der Vergangenheit da sind, auf die Gegenwart. Man nennt das Erfahrung.
Das Lernen
Dann kommt das Lernen: Welche Regel bewährt sich?
Lernen gibt es zwar schon vorher. Pawlows Hund lernt auch, dass die Glocke Futter ankündigt (siehe Bannung). Aber das ist Lernen durch Wiederholung. Der Hund probiert nichts im Kopf aus. Das Lernen hier ist ein anderes: Man vergleicht die Regeln aus der Erinnerung und prüft, welche sich bewährt. Das setzt Vergangenheit voraus.
Dazu muss man Fehler machen dürfen. Wer gelernt hat, dass jeder Fehler Beschämung bringt, hört auf zu prüfen und hält sich an die Regel, die er hat. Das ist der Fehlerfürchter, und aus ihm wird der Formal.
Das Denken
Dann entsteht das Denken: die Bilder in der Reihenfolge vorstellen, was passiert, ohne dass man es tut. Das Gedankenexperiment.
Freud nannte das Denken ein Probehandeln: „Das Denken ist ein probeweises Handeln mit kleinen Energiemengen“, so wie der Feldherr kleine Figuren auf der Landkarte verschiebt, bevor er seine Truppen in Bewegung setzt (Neue Folge der Vorlesungen, 1933, „Angst und Triebleben“). Der Psychologe Kenneth Craik sagte 1943: Wer ein kleines Modell der Welt und seiner eigenen möglichen Handlungen im Kopf trägt, kann verschiedene Möglichkeiten durchprobieren und die beste wählen, bevor die Lage eintritt (The Nature of Explanation).
Wolfgang Köhler hat das auf Teneriffa bei Schimpansen beobachtet (Intelligenzprüfungen an Anthropoiden, 1917). Eine Banane hängt zu hoch. Manche Tiere probieren nicht lange herum. Sie sitzen da, schauen sich um, und dann stapeln sie Kisten übereinander oder stecken zwei Stöcke zusammen und holen sie sich. Die Lösung entstand in der Vorstellung, bevor die Hand sie ausführte.
Die reinste Form ist das Gedankenexperiment. Einstein stellte sich mit 16 Jahren vor, er reite neben einem Lichtstrahl her (siehe Zwerg). Karl Popper hat den Gewinn beschrieben: Im Denken lassen wir unsere Vermutungen an unserer Stelle scheitern. Das Tier mit der falschen Regel stirbt selbst. Der Mensch kann die falsche Regel im Kopf sterben lassen.
Die Dämonen als Zeugen
Die geistigen Schritte hinterlassen keine Knochen. Aber wir haben einen Stammbaum. Also können wir das kausale Nacheinander bestimmen. So arbeitet auch die Biologie: Aus dem Stammbaum der lebenden Arten erschließt sie, in welcher Reihenfolge Merkmale entstanden sind.
An den Dämonen kann man den Stand ablesen. Jeder Dämon ist ein Zeuge dafür, welche Fähigkeit er schon voraussetzt. Der Vampir ist ohne Selbstbewusstsein. Aber der Groll lebt in der Vergangenheit.
| Stufe | Was der Dämon braucht | Beispiele |
|---|---|---|
| Reiz und Reaktion | nichts als den unmittelbaren Anlass | Vampir (ohne Spiegelbild, vor der Sprache), Raubtier, Beutetier, Ekel, Sammler |
| Den anderen lesen, Ansteckung | Mimik, Nachahmung | Herde, Stammesbruder |
| Die Lüge | gelesen werden und täuschen | Täuscher |
| Vergangenheit | dauerhafte Bilder | Groll, Rache |
| Zukunft | Übertragung der Regeln nach vorn | Sorge, Vorfreude |
| Das Ich | ein Selbstbild | Scham, Büßer („Ich bin schlecht“), Narzist (Hexe), Eitelkeit |
| Regeln und Denken | Sprache, Regeln, Begriffe | Formal, Zwerg |
Alte Dämonen, neue Fähigkeiten. Ein Dämon kann schon da sein, und eine neue Fähigkeit kommt dazu. Der Sammler war schon da, das Wissen um die Zukunft kam dazu. Das Eichhörnchen hortet ohne ein Bild vom Winter. Der Mensch sieht den Winter vor sich.
Ein Prüfstein für den Stammbaum. Steht ein Dämon, der das Ich braucht, als Vorfahr eines Dämons, der ohne Ich auskommt, dann stimmt etwas nicht. Entweder ist die Linie falsch, oder der Dämon braucht weniger, als man dachte. Dabei ist zu beachten: Die Linien im Stammbaum sind nach Merkmalen gezogen, nicht nach der Zeit, und viele Dämonen haben mehrere Eltern. Darum ergibt sich keine einfache Reihe, sondern ein Netz. Man kann sagen, was vor was kommen muss, aber nicht bei allen, was zuerst war.
Das Werk
Das Bild aus der Phantasie wird nach außen gestellt, und damit bekommt es eine zweite Dauer, außerhalb des Kopfes. Es kann den Dämon auch in anderen herbeirufen, die es ansehen.
Eines der ältesten Kunstwerke der Menschheit ist der Löwenmensch aus der Höhle Hohlenstein-Stadel auf der Schwäbischen Alb, rund 40.000 Jahre alt, aus Mammutelfenbein geschnitzt. Es ist kein Tier und kein Jäger, sondern ein Mischwesen: ein Mensch mit dem Kopf eines Löwen. Das erste Werk zeigt kein Ding der äußeren Welt, sondern ein Wesen der inneren Welt. Ein Raubtier in einem Menschen.
Aus derselben Zeit und derselben Gegend, aus der Höhle Hohle Fels, stammt eine Flöte, geschnitzt aus dem Flügelknochen eines Gänsegeiers, mit fünf Grifflöchern, über 35.000 Jahre alt (Conard u. a. 2009). Musik und das Bild des inneren Wesens stehen ganz am Anfang nebeneinander.
Dazu kommen gemeinsame Zeichen. Schrift war das noch nicht. Die Forscherin Genevieve von Petzinger hat in 367 Fundstellen der Eiszeit, von Nordspanien bis zum Ural, 32 geometrische Zeichen gefunden, die über rund 30.000 Jahre immer wiederkehren: Punkte, Linien, Gitter, Kreise und andere.
Der Zünder: ein Kreis, der sich selbst verstärkt
Es ist Kybernetik: ein Kreis, der sich selbst verstärkt. Man kann das heute noch beobachten. Da kommt eine Mode auf, ein Mem, und viele tun es, wie beim Hip-Hop oder bei den Beatles. Und weil es viele tun, entwickelt es sich.
Der Zünder waren die neuen Dämonen und die Nachahmung. Jemand hatte Musik erfunden. Ein neuer Dämon entsteht zuerst in einem Einzelnen und springt durch Nachahmung und Ansteckung auf die anderen über (siehe Stammbaum: Wie neue Dämonen entstehen).
Michael Tomasello nennt das den Wagenhebereffekt (The Cultural Origins of Human Cognition, 1999): Einer erfindet etwas, andere übernehmen und verbessern es, und weil die Nachahmung treu genug ist, geht der Fortschritt nicht wieder verloren. Michelle Kline und Robert Boyd haben die Fischfanggeräte auf den Inseln des Pazifiks verglichen (2010). Je mehr Menschen und je mehr Kontakt zwischen den Inseln, desto vielfältiger und ausgefeilter die Werkzeuge. Sie vermuten, dass plötzliche Erfindungsschübe in den Funden auf ein plötzliches Wachstum der Bevölkerung zurückgehen.
Der Funke: der Handel
Der Zündfunke der kulturellen Revolution war der Handel. Zuerst wurde wohl Schmuck gehandelt, aber auch Meme. Durch Austausch, durch Kommunikation wurde die Evolution beschleunigt.
Das kann man auch in der Evolution der Lebewesen beobachten. Bakterien tauschen Gene untereinander aus, nicht nur mit ihren Nachkommen. So wandert eine Resistenz gegen Antibiotika von einer Bakterienart zur anderen, auch zwischen Arten, die nicht miteinander verwandt sind. Und die Erfindung des Sex: Nach dem Modell von Fisher und Muller liegt sein Vorteil darin, dass er nützliche Veränderungen aus verschiedenen Linien in einem Nachkommen zusammenbringt, statt dass jede Linie allein auf ihre eigenen warten muss.
Insofern stimmt das mit der Bevölkerungsdichte: Je mehr Menschen und je mehr Kontakt, desto mehr Austausch.
Der Wissenschaftsautor Matt Ridley hat denselben Vergleich gezogen. In seinem Vortrag „When ideas have sex“ (2010) und im Buch The Rational Optimist nennt er als Motor des menschlichen Fortschritts „the meeting and mating of ideas to make new ideas“: das Zusammentreffen und die Paarung von Ideen, aus denen neue Ideen entstehen.
Zu den ältesten Zeichen dieses Austauschs gehört Schmuck. In der Höhle der Tauben bei Taforalt in Marokko lagen 13 durchbohrte Schneckenhäuschen, teils mit rotem Ocker gefärbt, rund 82.000 Jahre alt. Sie stammen von Stränden, die damals mehr als 40 Kilometer entfernt lagen. Perlen derselben Art findet man auch in Israel und Algerien (Bouzouggar u. a. 2007). Schmuck ist selbst schon ein Mem: Er zeigt, wer man ist und zu wem man gehört.
Sprung und Drift
Man kann beobachten, wie Moden und Meme sich verbreiten und weiterentwickeln. Am Anfang stand oft eine neue Mutation, das heißt eine Idee, die sich verbreitet hat: das Lehen, der Buchdruck, das Fernrohr. Am 2. Oktober 1608 beantragte der Brillenmacher Hans Lipperhey ein Patent auf das Fernrohr. Schon 1609 baute Galilei sein eigenes und richtete es auf den Mond.
Oder es war eine allmähliche Entwicklung durch kleine Variationen, wie sie nicht ausbleiben können: in der Musik, in den Bräuchen.
Die Biologie kennt beides. Niles Eldredge und Stephen Jay Gould beschrieben 1972 Arten, die sich lange kaum ändern und dann in kurzer Zeit neu entstehen, das „unterbrochene Gleichgewicht“.
Neue Funktion aus Vorhandenem. Eine Erfindung ist im Kern, dass eine neue Funktion realisiert wird. Und dafür muss man nehmen, was schon da ist. Auch das hat sein Gegenstück in der Evolution: Ein Organ übernimmt eine neue Funktion. Aus Flossen wurden Gliedmaßen mit Händen und Füßen. Beim Menschen wurde aus dem Greiffuß der Affen, der wie eine Hand greift, ein Standfuß. Federn entstanden zum Wärmen und Imponieren und wurden später zum Fliegen gebraucht. Aus der Lunge früher Fische wurde bei vielen späteren Fischen die Schwimmblase. Gould und Elisabeth Vrba nannten das 1982 Exaptation. François Jacob schrieb 1977, die Evolution arbeite wie ein Bastler, sie bringe nichts Neues aus dem Nichts hervor. Auch Gutenberg baute für seine Druckpresse eine Wein- oder Ölpresse um.
Wie schnell? Wie schnell die Evolution der Seele stattgefunden hat, ist offen. Dass es schnell gehen kann, sieht man an der Musik der letzten 2000 Jahre. Aber da war das Gefährt schon voll ausgebildet: die Seele, die das tragen und abbilden kann, das soziale Netz und der Nährboden, also die Bevölkerung. Am Anfang musste das Gefährt selbst erst wachsen. Richard Dawkins unterscheidet in Das egoistische Gen (1976), wo er auch das Wort „Mem“ prägte, das, was sich vervielfältigt, von dem, was es trägt. Das Mem kann sich in einer Generation ändern, sein Träger braucht viele.
Die Maschine, die Maschinen baut
Was war die entscheidende Erfindung für die industrielle Revolution? Eine Antwort lautet: die Drehmaschine. Damit wurden präzise Bauteile möglich. Sie ist die Maschine, die Maschinen baut. Und sie ist selbst ein Kreis, der sich verstärkt: Mit einer Drehmaschine kann man Teile für eine bessere Drehmaschine herstellen, mit der wieder genauere Teile, und so weiter. Der europäische Verband der Werkzeugmaschinenhersteller schreibt, Werkzeugmaschinen ermöglichen die Herstellung aller anderen Maschinen, auch ihrer selbst. Darum nenne man sie die Mutter-Maschinen, „mother machines“.
Ohne Präzision keine Dampfmaschine. James Watts Zylinder waren zuerst von Hand geschmiedet, ungenau und undicht. Erst John Wilkinson konnte sie genau genug ausbohren, mit einer Maschine, die er für Kanonenrohre erfunden hatte. Beim ersten Zylinder von 50 Zoll Durchmesser war kein Spalt dicker als ein Schilling. Auch das ist eine neue Funktion aus Vorhandenem: Die Kanonenbohrmaschine wurde zur Zylinderbohrmaschine.
Um 1800 baute Henry Maudslay die erste praktisch brauchbare Drehmaschine zum Schraubenschneiden, ganz aus Metall, mit Support und Leitspindel. Vorher war jede Schraube ein Einzelstück, das nur auf seine eigene Mutter passte. Jetzt waren die Gewinde gleich in Tiefe, Winkel und Abstand. Daraus wurden austauschbare Teile, und auf ihnen beruht die Fertigung in großer Zahl.
Die Erfindung des Ich
Wenn man nach Sprüngen in der Entwicklung des Geistes sucht, sucht man nach einer Drehmaschine: einer geistigen Funktion, die Geist baut. Die eigentliche Drehmaschine des Geistes ist die Erfindung des Ich.
Ihr Ursprung ist die Verantwortung: den anderen zu zeigen, dass ich zuverlässig und berechenbar bin. Dazu mache ich ein Bild von mir. Und dann lüge ich. Die Lüge ist also Voraussetzung des Ich-Bildes. Schon das Wort „Person“ kommt vom lateinischen persona, der Maske des Schauspielers.
Das Ich ist die innere Stimme, die mir ohne Unterlass erzählt, wer ich bin: meine Biographie, in welchen sozialen Beziehungen ich stehe, meine Gewohnheiten, mein Charakter. Es ist aber nicht nur diese Stimme, sondern auch die Haltung, die ich einnehme, und die eingeübten Reaktionen. Also im Grunde die Politik der Dämonen: welche Reaktionen und welche Rangordnung sie untereinander haben. Erst das Selbstbild macht das fest und berechenbar.
Nietzsche hat das in der Genealogie der Moral (1887) beschrieben. Die zweite Abhandlung beginnt: „Ein Thier heranzüchten, das versprechen darf“. Dafür muss der Mensch „vorerst berechenbar, regelmässig, nothwendig geworden sein, auch sich selbst für seine eigne Vorstellung, um endlich dergestalt, wie es ein Versprechender thut, für sich als Zukunft gut sagen zu können!“ Und: „Eben das ist die lange Geschichte von der Herkunft der Verantwortlichkeit.“
Auch das Ich ist ein Kreis. Das Bild bestimmt Haltung und Reaktionen, und die bestätigen das Bild. Darum greift die Hexe genau hier an: „Ich will Dir sagen was Du bist.“ Sie schreibt das Ich-Bild eines anderen um.
Das ist nicht harmlos. Was treiben Jugendliche für einen Aufwand, um zu Gruppen zu gehören, auch zu kulturellen: Musik, Hobbys, der Sportverein, die Clique. Und von jeher ist die Ächtung durch die Gruppe bei Abweichung eine schwere Strafe, die immer als Drohung da ist. Sie wird auch praktiziert (siehe Stammesbruder). Bei Abweichung von Sitte und Recht drohen auch abscheuliche Strafen wie Folter und öffentliche Demütigung. Nietzsche schreibt: „der Mensch wurde mit Hülfe der Sittlichkeit der Sitte und der socialen Zwangsjacke wirklich berechenbar gemacht.“ Und über die Strafen: „Man brennt Etwas ein, damit es im Gedächtniss bleibt: nur was nicht aufhört, weh zu thun, bleibt im Gedächtniss“.
Verantwortung ist eine Konvention. Bei den Griechen und anderen Völkern ist das Ich noch nicht so festgelegt. Sie machen Götter und Dämonen für ihre Taten verantwortlich, was auch der Wirklichkeit entspricht: Bacchus, Amor oder Mars haben mich verführt. In der Ilias sagt Agamemnon, nicht er sei schuld, sondern Zeus, das Schicksal und die Erinys, die ihm die Verblendung in den Sinn gelegt haben. Nietzsche: „»Es muss ihn wohl ein Gott bethört haben«, sagte er sich endlich, den Kopf schüttelnd… Dieser Ausweg ist typisch für Griechen… Dergestalt dienten damals die Götter dazu, den Menschen bis zu einem gewissen Grade auch im Schlimmen zu rechtfertigen, sie dienten als Ursachen des Bösen – damals nahmen sie nicht die Strafe auf sich, sondern, wie es vornehmer ist, die Schuld…“ (Genealogie der Moral II 23).
Verantwortlichkeit ist eine Konvention, die sich aus der Pflicht der Rechtfertigung ergibt: antworten müssen. Das heißt nicht, dass man sie abschaffen sollte. Sie ist notwendig für jedes Gemeinwesen, Regeln sind notwendig. Aber sie ist trotzdem eine Fiktion, die dazu dient, Verhalten zu steuern. Regeln gibt es nicht, weil Menschen verantwortlich sind, sondern umgekehrt.
Ein Gott, ein Ich
Die inneren sozialen Beziehungen spiegeln die äußeren. Im Polytheismus gibt es viele Götter, also von außen wirkende Kräfte. Im Monotheismus gibt es den einen Gott, und ihm entspricht das eine Ich. Hier ist die Verantwortung des Ich der Kern: die Sünde und das Jüngste Gericht. Siehe auch Die alten Götter.
Nietzsche hat beschrieben, wie das Äußere vorangeht: „Der Fortgang zu Universal-Reichen ist immer auch der Fortgang zu Universal-Gottheiten, der Despotismus mit seiner Überwältigung des unabhängigen Adels bahnt immer auch irgend welchem Monotheismus den Weg.“ Und weiter: „Die Heraufkunft des christlichen Gottes, als des Maximal-Gottes, der bisher erreicht worden ist, hat deshalb auch das Maximum des Schuldgefühls auf Erden zur Erscheinung gebracht.“ (Genealogie der Moral II 20.)
In der Bibel kann man verfolgen, wie das Innere langsam nachzieht. In den Zehn Geboten trägt noch die Sippe die Schuld. Gott ist einer, „der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied“ (2. Mose 20,5). Im Exil, im 6. Jahrhundert vor Christus, verwirft der Prophet Hesekiel das alte Sprichwort „Die Väter haben Herlinge gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“ und setzt dagegen: „Denn welche Seele sündigt, die soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Missetat des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Missetat des Sohnes“ (Hesekiel 18,2 und 18,20). Erst im Buch Daniel, im 2. Jahrhundert vor Christus, kommt das Gericht über den Einzelnen nach dem Tod: „Und viele, so unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen: etliche zum ewigen Leben, etliche zu ewiger Schmach und Schande“ (Daniel 12,2).
Zuerst kam also der eine Gott, und das eine verantwortliche Ich folgte über Jahrhunderte nach. Nietzsche zieht daraus auch den Umkehrschluss: „Atheismus und eine Art zweiter Unschuld gehören zu einander.“
Die Drehmaschine des Geistes: Sprache, Lehren, lange Kindheit
Eine zweite Drehmaschine ist die Sprache. Ein Wort hält ein Bild fest, macht es austauschbar und lässt es von Kopf zu Kopf wandern, ohne dass der andere es selbst erlebt haben muss. Mit Wörtern erklärt man neue Wörter. Und das Lehren: Ein Geist baut absichtlich einen anderen.
Auch das ist ein Kreis. Kinder muss man lange betreuen und lehren, weil sie lange unselbständig sind. Das führt zu einem großen Kopf, und der führt zu langer Unselbständigkeit. Eine so lange Kindheit gibt es nur beim Menschen. Und diese Investition muss sich lohnen, durch Schlauheit und List.
Der Biologe Adolf Portmann nannte den Menschen eine „physiologische Frühgeburt“. Das Menschenkind braucht ein Jahr, bis es so weit ist wie andere Säugetiere bei der Geburt. Ein neugeborener Schimpanse hat 36 bis 46 Prozent der Hirngröße eines Erwachsenen, ein Menschenkind nur 25 bis 29 Prozent. Das Gehirn wächst draußen, unter den anderen, und wird von ihnen geformt. Hillard Kaplan hat bei Jägern und Sammlern gezeigt: Kinder verbrauchen mehr, als sie erbringen, bis ins junge Erwachsenenalter. Das große Gehirn ist ein Kapital, das sich nur über ein langes Leben auszahlt.
Die Wurzel dieses Kreises ist der Elter.
Kultur und Technik
Der Ursprung der Technologie ist die Kunst: sich ausdrücken durch Werke.
Steinwerkzeuge sind zwar viel älter. Die ältesten sind rund 3,3 Millionen Jahre alt (Lomekwi, Kenia), den Faustkeil gibt es seit rund 1,76 Millionen Jahren (Kokiselei, Kenia). Aber der Faustkeil hat sich über eine Million Jahre lang kaum verändert. Der Sprung kam erst mit der kulturellen Revolution vor etwa 50.000 bis 40.000 Jahren. Da kam alles auf einmal: Kunst, Musik, Schmuck, gemeinsame Zeichen, neue Werkzeuge, und von da an hat sich die Technik ständig verändert. Die Flut der Erfindungen begann, als es eine innere Welt gab, die sich ausdrücken wollte.
Warum die Theorien versagen
Keine Theorie bildet die Vielfalt der menschlichen Motive angemessen ab. Dabei deutet schon der Mann auf der Straße die einzelnen Motive richtig, wenn sie ihm begegnen. Der Grund ist: Er erkennt auf eine andere Art. Er sieht den Groll im Gesicht des anderen, und in ihm regt sich derselbe Groll. Er braucht keine Definition. Die Wissenschaft hat diesen Weg ausgeschlossen. Sie lässt nur gelten, was man von außen messen kann (siehe Zwerg).
Dazu will die Wissenschaft wenige Ursachen. Bei Freud ist am Ende fast alles Trieb, für die Behavioristen ist alles Belohnung und Strafe, für die Ökonomen ist alles Nutzen. Aber das Leben hat viele Wesen.
Und die Wesen addieren sich nicht, sie antworten aufeinander. Nimmt man einen Auslöser weg, fehlt nicht einfach seine Wirkung. Es entsteht eine andere Lage, in der andere Wesen antworten. Während der Corona-Zeit wurde Fußball vor leeren Stadien gespielt, und man wollte daraus ablesen, was das Publikum ausmacht. Aber ein Geisterspiel ist nicht ein Heimspiel ohne Publikum. Es ist ein anderer Fall: Die Spieler hören den Trainer und einander, der Schiedsrichter hört jeden Fluch, die Stille wirkt selbst. Das Publikum hat Einfluss, und das leere Stadion auch. Das ist nicht Mathematik.
Die Psychologen Gordon Allport und Henry Odbert haben 1936 ein englisches Wörterbuch durchgesehen und 17.953 Wörter gefunden, mit denen man Menschen beschreibt. Die Persönlichkeitsforschung hat daraus später mit Statistik fünf Faktoren gemacht, die „Big Five“: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus. Damit lässt sich gut messen, aber Groll, Häme, Trotz und Schadenfreude sind dabei verschwunden. Die genauere Karte steckte schon in der Alltagssprache, in den alten Göttern und in der Dichtung.
Allerdings liest auch der Mann auf der Straße nicht immer richtig. Es gehört viel langwierige Übung dazu, andere Menschen richtig zu lesen. Und die eigene Reaktion auf das Gelesene ist noch nicht dasselbe wie das, was man liest. Sie kann Abwehr sein, ein moralisches Urteil oder ein Vorurteil. Man muss da sehr nüchtern sein. Allein schon das Raubtier zu sehen ist schwierig, denn da sind sehr viele erlernte Filter. Und davon lebt die Hexe: Menschen glauben Zuschreibungen. Vielleicht muss man es auch unbedingt wollen.
Kanalisieren statt ausrotten
Ziel der Dämonologie ist, die Dämonen nüchtern zu beschreiben und von moralischen Urteilen zu befreien. Wer das Raubtier beschreibt, ist damit nicht für Krieg. Folter bleibt verabscheuungswürdig. Manche Dämonen sind gefährlich. Aber sie gehören zur Natur des Menschen. Sie zur Sünde zu erklären und ausrotten zu wollen, ist keine funktionierende Lösung. Die Frage ist, wie man sie kanalisiert.
Und da gibt es auch sehr positive Ergebnisse. Damit man einen Menschen achten kann, muss er stark sein, sein Revier verteidigen, souverän sein. Die Alternative ist der Schwache, der tut, was man ihm diktiert. Ein Starker muss Eigenschaften des Raubtiers haben. Um eine Theorie gegen den Hauptstrom zu stellen, braucht ein Wissenschaftler Zähne (siehe Wegener beim Trotz). Duckmäuser können das nicht. Überall braucht man Führungspersönlichkeiten mit eigener Meinung. Damit ist keine Diktatur gemeint. Auch der Humor kommt aus der Linie des Raubtiers (siehe Kobold).
Was die Zivilisation vorangebracht hat, ist aber in erster Linie die Zusammenarbeit.
Nietzsche: „Alle Passionen haben eine Zeit, wo sie bloss verhängnissvoll sind, wo sie mit der Schwere der Dummheit ihr Opfer hinunterziehen — und eine spätere, sehr viel spätere, wo sie sich mit dem Geist verheirathen, sich „vergeistigen“.“ Die Kirche dagegen frage nie, „wie vergeistigt, verschönt, vergöttlicht man eine Begierde?“, sondern setze auf Ausrottung. „Aber die Leidenschaften an der Wurzel angreifen heisst das Leben an der Wurzel angreifen“. Und: „Wir bewundern die Zahnärzte nicht mehr, welche die Zähne ausreissen, damit sie nicht mehr weh thun…“ (Götzen-Dämmerung, Moral als Widernatur 1.)