Wesen 4: Leib, Nest und Lust: Unterschied zwischen den Versionen

K
Geltung: Bohr, Kleiber, Jobs (mit Freigabe)
K (Geltung: Raubtier aus Stärke, Weber, Nietzsche (mit Freigabe))
K (Geltung: Bohr, Kleiber, Jobs (mit Freigabe))
Zeile 180: Zeile 180:
* Beschreibung: Jeder Mensch möchte Bedeutung haben, etwas gelten. Es geht um die Rangordnung in der Gruppe. Ein Einzelgänger hat keinen Rang.
* Beschreibung: Jeder Mensch möchte Bedeutung haben, etwas gelten. Es geht um die Rangordnung in der Gruppe. Ein Einzelgänger hat keinen Rang.
:'''Die Hackordnung.''' Der Norweger Thorleif Schjelderup-Ebbe hat 1921 bei Hühnern die Hackordnung entdeckt: Jedes Huhn kennt seinen Platz, hackt die unter ihm und weicht denen über ihm aus.
:'''Die Hackordnung.''' Der Norweger Thorleif Schjelderup-Ebbe hat 1921 bei Hühnern die Hackordnung entdeckt: Jedes Huhn kennt seinen Platz, hackt die unter ihm und weicht denen über ihm aus.
:'''Zwei Arten.''' Das Raubtier hat Geltung aus Stärke: Es hat Macht und Einfluss auf andere, auch gegen den Strom. Seinen Feinden erscheint es gefährlich. Die ihm folgen, tun es aus anderen Motiven, aus Achtung vor seinem Können und seiner Stärke. Das ist nicht der Gewaltherrscher, der gefürchtet und verachtet wird, sondern der vornehme Adlige. Überall gibt es Autoritäten, denen gefolgt wird wegen ihrer Entschlossenheit und ihres Könnens, in jeder Gruppe: im Sport, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Musik, in allem in Kultur und Zivilisation. Max Weber nannte diese Herrschaft charismatisch: Sie beruht „auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person“. Nietzsche: „Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Thier muss wieder heraus, muss wieder in die Wildniss zurück“ (''Genealogie der Moral'' I 11; siehe [[Die Entstehung der Seele#Kanalisieren statt ausrotten|Kanalisieren statt ausrotten]]). Auch der Herdenmensch will Geltung haben, aber sie wird ihm durch die Zustimmung anderer gegeben: Preise und Auszeichnungen. Das ist die [[#Eitelkeit|Eitelkeit]]. Wer wenig Souveränität hat, holt sich Rang und Geltung von jemandem, dessen Meinung wichtig ist: [[#Wuff Wuff (betteln um Anerkennung)|Wuff Wuff]], die [[#Eitelkeit|Eitelkeit]], der [[#Poser|Poser]]. Napoleon sagte 1802 zur Gründung der Ehrenlegion: „C'est avec des hochets que l'on mène les hommes.“ (Mit Rasseln lenkt man die Menschen.) Beides ist nicht eindeutig getrennt, sondern gemischt: Der französische Adel gab Unsummen für Kleider aus, und die Krone ist ein Symbol der Macht. Es gibt starke Persönlichkeiten, die die Auszeichnung haben wollen, und andere, die sie souverän ablehnen. Der Mathematiker Grigori Perelman lehnte 2006 die Fields-Medaille ab: „I'm not interested in money or fame; I don't want to be on display like an animal in a zoo.“ La Rochefoucauld: „L'orgueil se dédommage toujours, et ne perd rien, lors même qu'il renonce à la vanité.“ (Der Stolz entschädigt sich immer und verliert nichts, selbst wenn er auf die Eitelkeit verzichtet.)
:'''Zwei Arten.''' Das Raubtier hat Geltung aus Stärke: Es hat Macht und Einfluss auf andere, auch gegen den Strom. Seinen Feinden erscheint es gefährlich. Die ihm folgen, tun es aus anderen Motiven, aus Achtung vor seinem Können und seiner Stärke. Das ist nicht der Gewaltherrscher, der gefürchtet und verachtet wird, sondern der vornehme Adlige. Überall gibt es Autoritäten, denen gefolgt wird wegen ihrer Entschlossenheit und ihres Könnens, in jeder Gruppe: im Sport, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Musik, in allem in Kultur und Zivilisation. Zwischen den Weltkriegen strömten junge Physiker zu Niels Bohr nach Kopenhagen; die Gelegenheit, mit ihm zu arbeiten, galt als Privileg. Leonard Bernstein sagte über den Dirigenten Carlos Kleiber: „I have just heard the greatest living conductor in the world“. Und Kleiber selbst sagte einmal zu seinem Konzertmeister, als das Orchester ganz darauf konzentriert war, ihm zu folgen: „Let me follow you.“ Bei Apple sagte der Entwickler Bud Tribble 1981 über Steve Jobs: „Steve has a reality distortion field.“ Andy Hertzfeld beschrieb es als „a confounding melange of a charismatic rhetorical style, an indomitable will, and an eagerness to bend any fact to fit the purpose at hand“ (eine verwirrende Mischung aus einem charismatischen Redestil, einem unbeugsamen Willen und der Bereitschaft, jede Tatsache passend zu biegen). Max Weber nannte diese Herrschaft charismatisch: Sie beruht „auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person“. Nietzsche: „Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Thier muss wieder heraus, muss wieder in die Wildniss zurück“ (''Genealogie der Moral'' I 11; siehe [[Die Entstehung der Seele#Kanalisieren statt ausrotten|Kanalisieren statt ausrotten]]). Auch der Herdenmensch will Geltung haben, aber sie wird ihm durch die Zustimmung anderer gegeben: Preise und Auszeichnungen. Das ist die [[#Eitelkeit|Eitelkeit]]. Wer wenig Souveränität hat, holt sich Rang und Geltung von jemandem, dessen Meinung wichtig ist: [[#Wuff Wuff (betteln um Anerkennung)|Wuff Wuff]], die [[#Eitelkeit|Eitelkeit]], der [[#Poser|Poser]]. Napoleon sagte 1802 zur Gründung der Ehrenlegion: „C'est avec des hochets que l'on mène les hommes.“ (Mit Rasseln lenkt man die Menschen.) Beides ist nicht eindeutig getrennt, sondern gemischt: Der französische Adel gab Unsummen für Kleider aus, und die Krone ist ein Symbol der Macht. Es gibt starke Persönlichkeiten, die die Auszeichnung haben wollen, und andere, die sie souverän ablehnen. Der Mathematiker Grigori Perelman lehnte 2006 die Fields-Medaille ab: „I'm not interested in money or fame; I don't want to be on display like an animal in a zoo.“ La Rochefoucauld: „L'orgueil se dédommage toujours, et ne perd rien, lors même qu'il renonce à la vanité.“ (Der Stolz entschädigt sich immer und verliert nichts, selbst wenn er auf die Eitelkeit verzichtet.)
:'''Geliehene Geltung.''' Die Herde tut etwas anderes. Der Herdenmensch erhält seine Geltung von jemandem, der Ansehen, Macht und Geltung hat. Das kann auch eine Institution oder eine Lehre sein. Es ist eine Unterordnung: der Diener im Haus des Adels, die Nonne im Schoß der Kirche. Der Diener würde es ablehnen, neureichem Pöbel zu dienen. Der Psychologe Robert Cialdini nannte das 1976 „basking in reflected glory“, sich im zurückgeworfenen Glanz sonnen: Nach einem Sieg ihrer Footballmannschaft trugen mehr Studenten Kleidung mit dem Namen ihrer Universität, und sie sagten „We won“. Nach einer Niederlage hieß es „They lost“. Das ist die flüchtige Form, nahe beim [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Vasall|Vasallen]]. Der Diener dagegen bleibt. Die Grenzen sind fließend.
:'''Geliehene Geltung.''' Die Herde tut etwas anderes. Der Herdenmensch erhält seine Geltung von jemandem, der Ansehen, Macht und Geltung hat. Das kann auch eine Institution oder eine Lehre sein. Es ist eine Unterordnung: der Diener im Haus des Adels, die Nonne im Schoß der Kirche. Der Diener würde es ablehnen, neureichem Pöbel zu dienen. Der Psychologe Robert Cialdini nannte das 1976 „basking in reflected glory“, sich im zurückgeworfenen Glanz sonnen: Nach einem Sieg ihrer Footballmannschaft trugen mehr Studenten Kleidung mit dem Namen ihrer Universität, und sie sagten „We won“. Nach einer Niederlage hieß es „They lost“. Das ist die flüchtige Form, nahe beim [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Vasall|Vasallen]]. Der Diener dagegen bleibt. Die Grenzen sind fließend.
:'''Ein Grundbedürfnis.''' Cameron Anderson, John Hildreth und Laura Howland haben 2015 die Forschung zur Frage gesammelt, ob das Streben nach Status ein Grundbedürfnis ist. Ihr Ergebnis: ja, in allen Kulturen, bei Männern wie Frauen. Wer seinen Rang verliert, leidet darunter, auch wenn sich sonst nichts ändert. Und es zählt der Rang vor den Menschen, die einem wichtig sind, nicht vor allen. Der Philosoph William James schrieb schon 1890 sinngemäß: Eine teuflischere Strafe ließe sich nicht ausdenken, als dass man unter Menschen losgelassen würde und von allen völlig unbemerkt bliebe. Das ist der [[Wesen 3: Beutetier#Zombie|Zombie]], von der anderen Seite gesehen.
:'''Ein Grundbedürfnis.''' Cameron Anderson, John Hildreth und Laura Howland haben 2015 die Forschung zur Frage gesammelt, ob das Streben nach Status ein Grundbedürfnis ist. Ihr Ergebnis: ja, in allen Kulturen, bei Männern wie Frauen. Wer seinen Rang verliert, leidet darunter, auch wenn sich sonst nichts ändert. Und es zählt der Rang vor den Menschen, die einem wichtig sind, nicht vor allen. Der Philosoph William James schrieb schon 1890 sinngemäß: Eine teuflischere Strafe ließe sich nicht ausdenken, als dass man unter Menschen losgelassen würde und von allen völlig unbemerkt bliebe. Das ist der [[Wesen 3: Beutetier#Zombie|Zombie]], von der anderen Seite gesehen.