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:'''Der Schwätzer''' ist eine Form des Egozentrikers. Er redet, und er redet von sich. Selbst hört er nicht lange zu. Erzählt der andere etwas, wartet er nur auf die Lücke, um wieder von sich anzufangen. Redet man dagegen und erzählt selbst eine Geschichte, hört er trotzdem nicht auf. Im Restaurant kommt niemand sonst zu Wort. Sagt man ihm, dass er zu viel redet, hält er eine Viertelstunde Rede darüber, wie recht man hat. Bei Theophrast heißt er Ἀδολεσχία: „Garrulity is incessant heedless talk.“ Er setzt sich neben einen Fremden und erzählt von seiner Frau, von seinem Traum letzte Nacht, von seinem Abendessen, vom Weizenpreis und von seinem Bauchweh: „unless you refuse to listen, he never stops.“ | :'''Der Schwätzer''' ist eine Form des Egozentrikers. Er redet, und er redet von sich. Selbst hört er nicht lange zu. Erzählt der andere etwas, wartet er nur auf die Lücke, um wieder von sich anzufangen. Redet man dagegen und erzählt selbst eine Geschichte, hört er trotzdem nicht auf. Im Restaurant kommt niemand sonst zu Wort. Sagt man ihm, dass er zu viel redet, hält er eine Viertelstunde Rede darüber, wie recht man hat. Bei Theophrast heißt er Ἀδολεσχία: „Garrulity is incessant heedless talk.“ Er setzt sich neben einen Fremden und erzählt von seiner Frau, von seinem Traum letzte Nacht, von seinem Abendessen, vom Weizenpreis und von seinem Bauchweh: „unless you refuse to listen, he never stops.“ | ||
:Charles Derber nennt das „conversational narcissism“. Erzählt jemand, er sei krank gewesen, kann man fragen: „Wie geht es dir jetzt?“ Oder man sagt: „Ich war letztes Jahr auch krank, das war schlimm, ich …“ Der Schwätzer antwortet fast immer auf die zweite Art. Von sich zu erzählen, ist eine Lust. Menschen verwenden ein Drittel ihres Redens darauf, von sich zu berichten (Diana Tamir und Jason Mitchell 2012). Beim Schwätzer ist es fast alles. Er nimmt den ganzen Raum ein. Mitja Back und Kollegen unterscheiden beim Narzissmus die Bewunderung (sich in Szene setzen) von der Rivalität (andere abwerten); beides kommt getrennt vor. Der Schwätzer hat die Bewunderung ohne die Rivalität. | :Charles Derber nennt das „conversational narcissism“. Erzählt jemand, er sei krank gewesen, kann man fragen: „Wie geht es dir jetzt?“ Oder man sagt: „Ich war letztes Jahr auch krank, das war schlimm, ich …“ Der Schwätzer antwortet fast immer auf die zweite Art. Von sich zu erzählen, ist eine Lust. Menschen verwenden ein Drittel ihres Redens darauf, von sich zu berichten (Diana Tamir und Jason Mitchell 2012). Beim Schwätzer ist es fast alles. Er nimmt den ganzen Raum ein. Mitja Back und Kollegen unterscheiden beim Narzissmus die Bewunderung (sich in Szene setzen) von der Rivalität (andere abwerten); beides kommt getrennt vor. Der Schwätzer hat die Bewunderung ohne die Rivalität. | ||
:'''Sprüche.''' Bei Theophrast gibt es einen zweiten Redner, den Vielredner (Λαλιά). Kaum macht man den Mund auf, fällt er einem ins Wort: „Don't forget what you were about to say“ – „That reminds me“ – „But, as I omitted to mention“ – „What an admirable thing talk is!“ Sagt man, man gehe nach Hause, begleitet er einen bis vor die Tür. Beim Essen sagt er, Schweigen sei ihm zu anstrengend. Am Ende rächen sich seine Kinder, wenn sie schlafen wollen: „Papa, tell us something, in order that sleep may come.“ | |||
:'''Der Dozent''' ist eine weitere Form des Egozentrikers. Er hält Vorträge über Themen, die ihn packen. Der Inhalt hat oft Hand und Fuß. Was fehlt, ist die Frage, ob der andere das überhaupt hören will. Er bemerkt die Zeichen nicht: das Gähnen, den Blick aufs Handy, Antworten, die immer kürzer werden. Anders als der Schwätzer redet er nicht, um die Bühne zu haben. Das Thema hat ihn, und er will es weitergeben. Deshalb wirkt er oft freundlicher und ist gerade deshalb schwer zu bremsen. | :'''Der Dozent''' ist eine weitere Form des Egozentrikers. Er hält Vorträge über Themen, die ihn packen. Der Inhalt hat oft Hand und Fuß. Was fehlt, ist die Frage, ob der andere das überhaupt hören will. Er bemerkt die Zeichen nicht: das Gähnen, den Blick aufs Handy, Antworten, die immer kürzer werden. Anders als der Schwätzer redet er nicht, um die Bühne zu haben. Das Thema hat ihn, und er will es weitergeben. Deshalb wirkt er oft freundlicher und ist gerade deshalb schwer zu bremsen. | ||
:'''Sprüche.''' „You grasp the idea at once“ – „I was watching this long time to see whether you would come to the same conclusion as myself.“ So belehrt bei Theophrast der Vielredner: Er weiß schon alles, und wenn der andere etwas sagt, hat er nur gewartet, ob der auf dasselbe kommt. | |||
:'''Der Nehmer''' ist die stille Form. Er braucht die anderen nicht, um sich darzustellen. Aber er gibt nicht ab, er erwidert keine Gefallen, er denkt nur an seinen Vorteil. Schädigt er andere dabei, ist das ein Nebeneffekt, nicht das Ziel. Darin unterscheidet er sich von der Hexe, für die der Schaden der anderen die Nahrung ist. Und vom [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Schmarotzer|Schmarotzer]], der von den anderen lebt; der Nehmer kommt ohne sie aus, er gibt nur nichts zurück. Adam Grant teilt die Menschen bei der Arbeit in Geber, Tauscher und Nehmer (''Give and Take'', 2013). Der Nehmer hat auch etwas vom [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Sammler|Sammler]]: nicht hergeben, was man hat, und das gilt bei ihm auch für Gefallen. | :'''Der Nehmer''' ist die stille Form. Er braucht die anderen nicht, um sich darzustellen. Aber er gibt nicht ab, er erwidert keine Gefallen, er denkt nur an seinen Vorteil. Schädigt er andere dabei, ist das ein Nebeneffekt, nicht das Ziel. Darin unterscheidet er sich von der Hexe, für die der Schaden der anderen die Nahrung ist. Und vom [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Schmarotzer|Schmarotzer]], der von den anderen lebt; der Nehmer kommt ohne sie aus, er gibt nur nichts zurück. Adam Grant teilt die Menschen bei der Arbeit in Geber, Tauscher und Nehmer (''Give and Take'', 2013). Der Nehmer hat auch etwas vom [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Sammler|Sammler]]: nicht hergeben, was man hat, und das gilt bei ihm auch für Gefallen. | ||
:'''Über Generationen weitergegeben.''' Im Steckbrief der Hexe steht: „Hexen haben keine eigene Macht und sind daher herrschssüchtig in anderen zu wohnen.“ Und: „Sie wurden zuerst nämlich auch selbst behext.“ Die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg schrieb 1975 den Aufsatz „Ghosts in the Nursery“, „Gespenster im Kinderzimmer“: Eltern spielen mit ihren Babys die eigene Kindheit nach, ohne es zu merken. Die Gespenster sind die eigenen Eltern, die mit am Bett stehen. Alice Miller beschreibt in ''Das Drama des begabten Kindes'' (1979) ein Kind, das spürt, was die Mutter braucht, und sich danach richtet. Es wird ein gutes, angepasstes Kind und verliert dabei sich selbst. | :'''Über Generationen weitergegeben.''' Im Steckbrief der Hexe steht: „Hexen haben keine eigene Macht und sind daher herrschssüchtig in anderen zu wohnen.“ Und: „Sie wurden zuerst nämlich auch selbst behext.“ Die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg schrieb 1975 den Aufsatz „Ghosts in the Nursery“, „Gespenster im Kinderzimmer“: Eltern spielen mit ihren Babys die eigene Kindheit nach, ohne es zu merken. Die Gespenster sind die eigenen Eltern, die mit am Bett stehen. Alice Miller beschreibt in ''Das Drama des begabten Kindes'' (1979) ein Kind, das spürt, was die Mutter braucht, und sich danach richtet. Es wird ein gutes, angepasstes Kind und verliert dabei sich selbst. | ||