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Die reinste Form ist das Gedankenexperiment. Einstein stellte sich mit 16 Jahren vor, er reite neben einem Lichtstrahl her (siehe [[Zwerg]]). Karl Popper hat den Gewinn beschrieben: Im Denken lassen wir unsere Vermutungen an unserer Stelle scheitern. Das Tier mit der falschen Regel stirbt selbst. Der Mensch kann die falsche Regel im Kopf sterben lassen. | Die reinste Form ist das Gedankenexperiment. Einstein stellte sich mit 16 Jahren vor, er reite neben einem Lichtstrahl her (siehe [[Zwerg]]). Karl Popper hat den Gewinn beschrieben: Im Denken lassen wir unsere Vermutungen an unserer Stelle scheitern. Das Tier mit der falschen Regel stirbt selbst. Der Mensch kann die falsche Regel im Kopf sterben lassen. | ||
=== Denken ist Tanz === | |||
Beim Tier läuft es so: Reiz, Reaktion. Reiz, Reaktion. Reiz, Reaktion. Die Kuh kaut und denkt gar nichts. Es ist erstaunlich gleichförmig. Beim Menschen antworten die Dämonen auch im Inneren aufeinander: eine Verkettung von Reiz und Reaktion, auch mit Hilfe von Bildern. Das ist die Haupttätigkeit des Menschen, das Tagträumen. Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert fragten 2010 Tausende Menschen in zufälligen Augenblicken, woran sie gerade denken. In 46,9 Prozent der Fälle waren sie mit den Gedanken woanders als bei dem, was sie gerade taten. | |||
Was wir beim Denken tun, ist Pantomime. Jeder Dämon hat seine Mimik und seine Haltung. Bestimmte Muskelgruppen werden angespannt. Das Wort sagt es schon: Emotion, vom lateinischen ''emovere'', herausbewegen. Denken ist Tanz. Musik ist Tanz. Musik ist der Ausdruck vom Wechsel der Stimmungen, und das hat Muster und eine Abfolge. Da antworten verschiedene Stimmen aufeinander, ein Gespräch. Die Laute und der Rhythmus sind eine analoge Übersetzung, so wie Noten. Nur ist das sehr gut einstudiert und trainiert. Musiker hören beim Notenblatt die Musik; Warren Brodsky und Kollegen nennen das 2008 „notational audiation“. Und wer Reklame sieht, entziffert nicht Buchstaben, er hört Wörter. Marcela Perrone-Bertolotti und Kollegen zeigten 2012 mit Elektroden im Gehirn, dass beim stillen Lesen die Stimmareale arbeiten. | |||
Bei schwierigen Sachen denkt man oft gar nicht in Sprache. Einstein schrieb an den Mathematiker Jacques Hadamard: „The words or the language, as they are written or spoken, do not seem to play any role in my mechanism of thought.“ Seine Elemente seien „of visual and some of muscular type“, und auf eine weitere Frage: „Visual and motor.“ Christopher Heavey und Russell Hurlburt fanden 2008 innere Sprache nur in 26 Prozent der Augenblicke, die ihre Versuchspersonen aufschrieben. Evelina Fedorenko und Kollegen schrieben 2024: „Language is primarily a tool for communication rather than thought.“ | |||
Die Muskeln tanzen mit. Edmund Jacobson hat Anfang der 1930er-Jahre gemessen: Wer sich eine Bewegung nur vorstellt, in dessen Muskeln regt sich genau dort Strom, wo die Bewegung ausgeführt würde. Louis William Max untersuchte 1935 Gehörlose, die in Gebärden sprechen. Wenn sie zu träumen anfingen, zeigten sich große Ausschläge in Arm- und Fingermuskeln. Sie träumen mit den Händen. | |||
'''Wo findet das statt?''' Die Hirnforschung sagt: im Gehirn. Wer einen Arm verloren hat, fühlt oft den Arm noch, den es nicht mehr gibt. 1947 ließ sich der Anästhesist Scott Smith mit Curare vollständig lähmen und blieb wach, hörte und verstand alles. Daraus schließt man, Berührung und Denken seien eigentlich im Gehirn. Aber das sind andere Fälle. Nur weil ein Amputierter Geistergliedmaßen fühlt, folgt daraus nicht, dass das Gefühl der Berührung meiner Hand nicht in meiner Hand ist, sondern im Gehirn. Dann wäre ja die Außenwelt im Gehirn. Dann wäre ja das Objekt Gehirn nur eine Vorstellung im Gehirn. Nietzsche hat das 1886 vorgeführt (''Jenseits von Gut und Böse'' 15): „Wie? und Andere sagen gar, die Aussenwelt wäre das Werk unsrer Organe? Aber dann wäre ja unser Leib, als ein Stück dieser Aussenwelt, das Werk unsrer Organe! Aber dann wären ja unsre Organe selbst — das Werk unsrer Organe! Dies ist, wie mir scheint, eine gründliche reductio ad absurdum“. Der Psychologe Steven Lehar hat es trotzdem zu Ende gedacht und geschlossen, der wirkliche Schädel liege außerhalb der erlebten Welt. Max Velmans hat widersprochen: Der Schmerz im Finger ist im Finger. Aufgelöst hat dieses Paradox niemand. Es ist ein Kategorienfehler. Die Trennung in Subjekt und Objekt ist falsch, in Wahrnehmung und Wahrnehmenden, wo es doch nur Präsenzen gibt (siehe [[Immaterialismus]]). | |||
'''Die Stadion-Logik.''' Wir bauen eine Welt von verschachtelten Kausalitäten. Wir fragen immer: Was ist die Ursache? Und schließen: Wenn wir die Ursache entfernen, soll auch die Wirkung ausbleiben. Das funktioniert oft. Aber diese Annahme ist unbewiesen. Schon David Hume sagte, dass wir die Ursache nie sehen, nur, dass eins auf das andere folgt. Und sie versagt, wenn es einfach zwei verschiedene Fälle sind: beim Stadion (siehe [[#Warum die Theorien versagen|Warum die Theorien versagen]]) und beim Doppelspalt. Richard Feynman schrieb für Elektronen: P₁₂ ≠ P₁ + P₂. Das Muster mit zwei offenen Spalten ist nicht die Summe der Muster mit je einem. | |||
'''Beschwören.''' Die Dämonen beschwören und erschaffen durch ihren Tanz Wirklichkeiten. Diese magische Sicht ist eine Abgrenzung von der rationalen Kausalität: Erfahren statt kausale Theorie. | |||
== Die Dämonen als Zeugen == | == Die Dämonen als Zeugen == | ||