Wesen 4: Leib, Nest und Lust: Unterschied zwischen den Versionen

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''Sammlung der Wesen, die übrigen Wurzeln unter HOMO und der ersten Fassung. Manuskript im Entstehen: erst sammeln, ordnen später.''
''Sammlung der Wesen, die übrigen Wurzeln unter HOMO.''


[[Wesen 1: Raubtier – Wüterich]] · [[Wesen 2: Raubtier – Vampir]] · [[Wesen 3: Beutetier]] · '''Leib, Nest und Lust''' · [[Wesen 5: Noch ohne Ort]]
[[Wesen 1: Raubtier – Wüterich]] · [[Wesen 2: Raubtier – Vampir]] · [[Wesen 3: Beutetier]] · '''Leib, Nest und Lust''' · [[Wesen 5: Noch ohne Ort]]


* Die Wesen sind in starker Ausprägung beschrieben; die meisten sind in allen Menschen vorhanden oder abrufbar (siehe [[Grundlagen]]).
* Die Wesen sind in starker Ausprägung beschrieben; die meisten sind in allen Menschen vorhanden oder abrufbar (siehe [[Grundlagen]]).
''Herkunft der Angaben:'' „Bild 2023“ = [[Stammbaum]] der menschlichen Seele im Wiki; „Erste Fassung“ = Stammbaum des alten Wikis. Die früher unsicheren Linien Balz → Eifersucht, Sammler → Eifersucht und Staun → Verehrung sind von Daniel bestätigt (4.10.2026). Namen der ersten Fassung an die Namen im Bild angeglichen: Dämonen = HOMO, Werwolf = Wüterich, Piesack = Piesacker, Messy = Messi.
 
== Wuff Wuff (betteln um Anerkennung) ==
* Stammbaum: von Geltung · zu Streber
* Die bettelnde Form der Geltung.
* Beschreibung:


== HOMO ==
== HOMO ==
* Bild 2023: von – · zu Odem, Durst, Sunny, Balz, Elter, Sammler, Putz, Urschlummer, Beutetier, Hunger/Schlemmer, Raubtier
* Stammbaum: von – · zu Odem, Durst, Sunny, Balz, Elter, Sammler, Putz, Urschlummer, Beutetier, Hunger/Schlemmer, Raubtier, Herde, Begehren, Elf
* Erste Fassung: von – · zu Raubtier, Beutetier, Hunger/Schlemmer, Sammler, Rammler, Elf, Urschlummer, Elter
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Odem ==
== Odem ==
* Bild 2023: von HOMO · zu –
* Stammbaum: von HOMO · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Durst ==
== Durst ==
* Bild 2023: von HOMO · zu –
* Stammbaum: von HOMO · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Sunny ==
== Sunny ==
* Bild 2023: von HOMO · zu –
* Stammbaum: von HOMO · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Hunger/Schlemmer ==
== Hunger/Schlemmer ==
* Bild 2023: von HOMO · zu Ekel
* Stammbaum: von HOMO · zu Ekel, Schmauß, Schmatz, Schmack, Trank, Mijam
* Erste Fassung: von HOMO · zu Ekel, Schmauß, Schmatz, Schmack, Trank, Mijam
* Entgleisung: die Gier (Völlerei), siehe [[Stammbaum#Verschmelzung und Abfolge|Was kein eigenes Wesen ist]].
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Ekel ==
== Ekel ==
* Steckbrief: [[Ekel]]
* Steckbrief: [[Ekel]]
* Bild 2023: von Hunger/Schlemmer · zu Horror, Öde, Verachtung
* Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu Horror, Öde, Verachtung, Nase rümpfen, Hass
* Erste Fassung: von Hunger/Schlemmer · zu Verachtung, Öde, Horror, Nase rümpfen
* Spruch: „Pfui“
* Beschreibung:  
* Hunger: Das Verdorbene und Verunreinigte vom Mund und vom Körper fernhalten. Der Dämon will, dass es weg ist, oder dass man selbst weg ist.
* Trigger: Kot, Erbrochenes, Aas, Schimmel, Maden, Schleim, fremde Körperflüssigkeiten. Dazu alles, was damit in Berührung kam.
* Bannung: Abstand oder Reinigung. Er beruhigt sich, wenn das Ekelhafte weg ist oder man sich gewaschen hat.
* Mimik: Die Nase ist gerümpft, die Oberlippe nach oben gezogen, der Mund verzogen, oft wird die Zunge herausgestreckt oder es würgt.
* Haltung: Der Kopf geht zurück, der Körper dreht sich weg, die Hände wehren ab. Man hält Abstand.
* Beschreibung:
:'''Rangordnung und Reinheit.''' In vielen Kulturen oder Religionen wird eine Rangordnung gemacht: Reinheit, oder der Reine, im Gegensatz zum Unreinen. Bevor sich das vergeistigt hat, war das nichts Symbolisches. Das steht schon bei Nietzsche. Jedenfalls beinhaltet der Ekel eine Abscheu mit Blick auf den Unreinen, und darin ist eine Rangordnung.
:'''Ja und Nein.''' Man sagt Ja und Nein und hält das für logische Kategorien. Aber letztendlich stammt das von körperlichen Reaktionen und basiert darauf und erhält auch heute noch daher den Sinn. Ekel ist eine Abwehr. Bei einem stärkeren Nein ist da auch Verärgerung.
:Nietzsche schreibt in der ''Genealogie der Moral'' ([http://www.thenietzschechannel.com/works-pub/gm/gm-1g.htm 1887, erste Abhandlung, §6]), dass „rein“ und „unrein“ sich zum ersten Mal als Ständeabzeichen gegenüberstehen. Man solle die Begriffe nicht symbolisch nehmen: Sie seien anfangs „grob, plump, äusserlich, eng, geradezu und insbesondere unsymbolisch“ verstanden worden. Der „Reine“ sei von Anfang an bloß „ein Mensch, der sich wäscht, der sich gewisse Speisen verbietet, die Hautkrankheiten nach sich ziehen, der nicht mit den schmutzigen Weibern des niederen Volkes schläft, der einen Abscheu vor Blut hat“. Dumont ([https://books.google.com/books/about/Homo_Hierarchicus.html?id=XsOtRGdvIigC ''Homo Hierarchicus'']) beschreibt das indische Kastensystem durch den Gegensatz von rein und unrein: Die Brahmanen stehen für höchste Reinheit, die Unberührbaren für höchste Unreinheit. Mary Douglas (1966) bestimmt Schmutz als „matter out of place“, als Stoff am falschen Platz. Rozin u. a. ([https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10234846/ 1999]) ordnen drei Gefühle drei Moralordnungen zu: Ekel gehört zur Verletzung der Ordnung von Reinheit und Heiligkeit, Ärger zur Autonomie, Verachtung zur Gemeinschaft. Royzman u. a. ([https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24866519/ 2014]) fanden bei Verletzungen der Reinheitsordnung ohne Krankheitsbezug vor allem Ärger und nicht Ekel. Ob Ekel und Ärger dabei zusammenwirken oder sich ersetzen, ist umstritten.
:'''Ein Schutz vor dem, was man in den Mund nehmen würde.''' Rozin und Fallon ([https://psycnet.apa.org/record/1987-12972-001 1987]) definieren Ekel als Abscheu vor dem Gedanken, etwas Anstößiges in den Mund zu nehmen. Curtis, de Barra und Aunger ([https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3013466/ 2011]) sehen ihn als ein System, das vor Ansteckung schützt. Der Dämon ist also eine Wache an der Tür des Körpers.
:'''Berührung zählt.''' Rozin, Millman und Nemeroff ([https://cognitionandculture.net/wp-content/uploads/89LawsSympMagicJPSP86-1wzdvkv.pdf 1986]) ließen Versuchspersonen Saft trinken. Hatte eine sterilisierte tote Kakerlake ihn kurz berührt, wurde er abgelehnt. Auch Schokolade in der Form von Hundekot wollten viele nicht essen, obwohl sie wussten, was es war. Der Dämon fragt nicht nach Wissen. Er reagiert auf die Berührung und auf die Ähnlichkeit.
:'''Der Ekel vor Menschen und Taten.''' Chapman u. a. ([https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19251631/ 2009]) fanden, dass bittere Geschmäcker, Bilder von Verschmutzung und unfaire Angebote in einem Spiel denselben Gesichtsmuskel (Levator labii) aktivierten, der die Oberlippe hebt. Moralischer Ekel benutzt also dieselbe Mimik wie Ekel vor Essen. Von dort kommt die Spur zu [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Verachtung|Verachtung]] und [[#Nase rümpfen|Nase rümpfen]].
:'''Der Ekel wird übertragen.''' Die Reaktion von Ekel wurde übertragen und zeigt sich nicht nur in Bezug auf Speisen oder Schmutz, sondern als Abscheu vor Verbrechern oder Minderheiten. Auch das Nase rümpfen gehört dazu. Eine ursprüngliche körperliche Reaktion wurde kultiviert und wird für verschiedene Funktionen eingesetzt.
:'''Der Ekel wird gelernt.''' Interessant ist auch, dass das Objekt des Ekels teilweise erst durch die Mutter erlernt wird, zum Beispiel Regenwürmer oder Ausscheidung. „Iiiih. Das ist ekelhaft. Fass das nicht an.“ Das ist direktes Lernen. Das Kind sieht die körperliche Reaktion der Mutter, den Abscheu im Gesicht, und lernt den Ekel vor dem Objekt aus diesem Vorbild. So wird diese Verknüpfung erlernt.
:Rozin, Haidt und Fincher ([https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19251619/ 2009], „From Oral to Moral“) vertreten, dass Ekel als Ablehnung schlechter Geschmäcker begann und sich zu einer abstrakten Emotion ausdehnte. Tybur u. a. ([https://www.ovid.com/00006832-201301000-00003 2013]) schreiben, dass Ekel zunächst die Vermeidung von Krankheitserregern motivierte und später für die Vermeidung von Sexualkontakt und für moralische Verstöße genutzt wurde. Die Fachwörter dafür sind „Preadaptation“ und „Co-optation“. Harris und Fiske ([https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17100784/ 2006]) zeigten Versuchspersonen im Scanner Bilder von Obdachlosen und Süchtigen. Nach den Zusammenfassungen fehlte dabei die übliche Aktivierung für das Denken über andere Menschen, dafür waren Amygdala und Insula aktiv; die Insula gilt als Ekelregion. Stevenson u. a. ([https://researchers.mq.edu.au/en/publications/childrens-response-to-adult-disgust-elicitors-development-and-acq/ 2010]) untersuchten Kinder von 0 bis 18 Jahren: Kernauslöser wie Kot erscheinen zuerst, Eltern kleiner Kinder zeigten ihren Kindern mehr Ekel und mehr Meidung, und die Reaktion der Kinder auf Tiere und auf sozial-moralische Auslöser entsprach der Reaktion der Eltern. Für Kot nennt die Zusammenfassung diesen Zusammenhang nicht, und kleine Kinder ohne Wissen über Ansteckung reagierten auf Kernauslöser ebenso stark wie Gleichaltrige mit diesem Wissen. Rozin u. a. ([https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/3740830/ 1986]) fanden bei Kindern ab 16 Monaten, dass die Jüngsten mehr Ekelhaftes annahmen, die Mehrheit aber das meiste ablehnte. Dass das Kind den Ekel von der Mimik der Mutter lernt, ist mit diesen Studien nicht direkt nachgewiesen.
:'''Der Ekel ist angeboren.''' Der Ekel gehört natürlich zu den Urdämonen. Der Psychologe Paul Ekman hat bei Naturvölkern dieselbe Mimik des Ekels dokumentiert wie bei uns. Also ist sie angeboren. Jemand las einen Text. In Zeitlupe war im Gesicht die Mimik starker Abscheu zu sehen. Das war ein Mikroausdruck von Ekel: die Abwehr im Augenblick, in dem eine Textstelle nicht verstanden wurde.
:Von mir: Die Mimik des Ekels und das Deuten dieser Mimik sind zu trennen. Zur Mimik: Matsumoto und Willingham ([https://www.eurekalert.org/news-releases/695433 2009]) fanden bei Athleten der Paralympics 2004, die von Geburt an blind waren, dieselben spontanen Gesichtsausdrücke wie bei sehenden Athleten. Ich kenne nur Zusammenfassungen. Ob Ekman bei den Fore auch selbst gezeigte Ekel-Mimik dokumentiert hat, konnte ich nicht belegen. Zum Deuten: Ekman, Sorenson und Friesen (1969, ''Science'' 164) ließen Fore und Sadong Gesichtsausdrücke zuordnen. Die Fore erkannten den Ausdruck für Ekel und Verachtung zu 29 % (Pidgin) bzw. 44 % (Fore-Sprache), die Sadong wählten am häufigsten „Trauer“ (26 %) und „Freude“ (23 %). Ekman und Friesen (1971, ''Journal of Personality and Social Psychology'' 17) gaben den Fore Geschichten und drei Gesichter zur Wahl: Erwachsene wählten das Ekel-Gesicht zu 77 % bzw. 89 % (Zufall: 33 %), Kinder bei zwei Gesichtern zu 95 % bzw. 78 % (Zufall: 50 %). Ich kenne die Zahlen aus einem Lehrbuch (Yarwood), das die Tabellen wiedergibt. Das Deuten gelingt beim Ekel also schlechter als bei Freude. Gegenposition: Barrett u. a. (2019) bestreiten, dass sich Gefühle verlässlich aus dem Gesicht lesen lassen. Zum Mikroausdruck beim Nichtverstehen habe ich keine Studie gefunden. Rozin und Cohen ([https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12899317/ 2003]) fanden bei Amerikanern im Alltag häufig Ausdrücke, die sie als Verwirrung, Konzentration und Sorge deuteten; Verwirrung hat dort einen eigenen Ausdruck. Rozin u. a. ([https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8014832/ 1994]) beschreiben verschiedene Ekel-Gesichter für verschiedene Auslöser. Pochedly u. a. fanden, dass das Gefühl, das man dem Naserümpfen zuschreibt, davon abhängt, welche Gesichter vorher gezeigt wurden. Ich kenne alle drei nur aus den Zusammenfassungen. Der Ekel beim Nichtverstehen bleibt damit eine Beobachtung; sie passt zu „Der Ekel wird übertragen“. Zu Urgefühlen, Mikroausdrücken und Verhör siehe [[Grundlagen#Das Unbewusste|Das Unbewusste]].
:'''Die Kinder.''' [[#Öde|Öde]] ist der Ekel vor dem Geschmacklosen. [[Wesen 3: Beutetier#Horror|Horror]] entsteht aus Ekel und [[Wesen 3: Beutetier#Schreck|Schreck]].
:'''Entgleisung:''' Wer Menschen mit „Ungeziefer“ oder „Dreck“ belegt, ruft den Ekel gegen sie. Dann wird aus der Hygiene eine Ausgrenzung.


== Öde ==
== Öde ==
* Bild 2023: von Ekel · zu –
* Stammbaum: von Ekel · zu Nörgler
* Erste Fassung: von Ekel · zu Nöl
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Nase rümpfen ==
== Nase rümpfen ==
* Erste Fassung: von Ekel · zu Lästerer
* Stammbaum: von Ekel · zu Lästerer
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Schmauß ==
== Schmauß ==
* Erste Fassung: von Hunger/Schlemmer · zu –
* Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Schmatz ==
== Schmatz ==
* Erste Fassung: von Hunger/Schlemmer · zu –
* Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Schmack ==
== Schmack ==
* Erste Fassung: von Hunger/Schlemmer · zu –
* Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Trank ==
== Trank ==
* Erste Fassung: von Hunger/Schlemmer · zu –
* Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Mijam ==
== Mijam ==
* Erste Fassung: von Hunger/Schlemmer · zu Venus
* Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu Venus
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Balz ==
== Balz ==
* Bild 2023: von HOMO · zu Liebe, Eifersucht
* Stammbaum: von HOMO · zu Liebe, Eifersucht
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  
== Aphrodite ==
* Stammbaum: von Verehrung/Bewunderung · zu –
* Beschreibung: Aphrodite ist die Bewunderung der Schönheit und Anmut eines Menschen, ohne dass man den Akt beabsichtigt oder sich ihn ausmalt. Man fühlt sich in der Nähe dieses Menschen gut, hat ein Hochgefühl und hält ihn für etwas Besonderes. Schönheit stimuliert, und vielleicht gehört etwas Verliebtheit dazu. Man will für die Verehrte etwas tun, auch ohne Tauschhandel. Aber etwas Nichtmaterielles will man doch: Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Kontakt.
:'''Getrennt vom Begehren.''' Die sexuelle Absicht ist davon getrennt, auch wenn sie oft folgt. Umgekehrt gibt es Männer, die jede nehmen, die die Reize hat, unabhängig vom Charakter der Frau, sobald die Gelegenheit da ist. Das ist das [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Begehren|Begehren]].
:'''Hindernisse.''' Was die Verehrung verhindern kann, ist bei jedem anders, etwa Falschheit oder Einbildung. Wer sie beim anderen findet, kann ihn nicht mehr verehren.
:'''Die Macht.''' Aphrodite ist mächtig und verbreitet. Die halbe Zivilisation hängt davon ab, von Mode und Kosmetik bis zu Kunst, Musik und Architektur, und es wird viel dafür getan, selbst bewundert zu werden oder Schönheit zu haben.


== Liebe ==
== Liebe ==
* Bild 2023: von Balz, Beschützer, Verehrung/Bewunderung · zu –
* Stammbaum: von Balz, Beschützer, Verehrung/Bewunderung · zu Venus
* Beschreibung:  
* Beschreibung: Liebe ist, dass einem der andere wichtig ist und man ihn schützen will. Der [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Beschützer|Beschützer]] hat dabei eine ganz starke Rolle. Die Liebe kann eine sexuelle Komponente haben, aber die kann auch fehlen. Die Mutter liebt ihr Kind.
:'''Liebe und Begehren.''' Begehren gibt es auch ohne Liebe, und Liebe auch ohne Begehren. Das eine kann dem anderen folgen oder ausbleiben. Begehren kann die Liebe verstärken. Wo beides zusammenkommt, ist es [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Venus|Venus]].
:'''Verliebt.''' Das Begehren will sexuelle Nähe und Lust. Wer verliebt ist, will einen bestimmten Menschen, dessen Aufmerksamkeit, Zuneigung und möglichst exklusive Bindung. Beides kann zugleich aktiv sein: Ein Mädchen kann sich stundenlang vorstellen, wie ein bestimmter Junge sie küsst, berührt und begehrt. Das ist nicht einfach unschuldige Romantik. Und ein Junge kann genauso von einer bestimmten Person schwärmen, ohne dass sexuelle Befriedigung sein vorrangiges Ziel ist. Beides sind eigenständige, evolutionär miteinander gekoppelte Wesen. Das Verliebtsein stammt nicht vom Begehren ab.
:'''Und die Bewunderung.''' Die Liebe hat auch von der Verehrung etwas, vom Staunen über den anderen. Die Bewunderung der Schönheit ist [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Aphrodite|Aphrodite]].


== Eifersucht ==
== Eifersucht ==
* Bild 2023: von Balz, Sammler, Zorn, Verehrung/Bewunderung · zu –
* Stammbaum: von Balz, Sammler, Zorn, Verehrung/Bewunderung, Revierverhalten/Gebiet, Elter · zu Stalker
* Erste Fassung: von Wüterich, Venus · zu –
* Der Kern ist das Revierverhalten.
* Ergänzt 2026: von Revierverhalten/Gebiet (Kern) und von Elter.
* Trigger: der Rivale; der Blick des geliebten Menschen zu einem Dritten.
* Trigger: der Rivale; der Blick des geliebten Menschen zu einem Dritten.
* Bannung: offen (Daniel ergänzt).
* Bannung: offen.
* Beschreibung:
* Beschreibung:
'''Kern:''' Die Gefahr, eine Bindung zu verlieren, und zwar an einen Rivalen. Das ist Revierverhalten: Ein Rivale dringt in mein Revier ein, und das Revier ist hier eine Bindung.
'''Kern:''' Die Gefahr, eine Bindung zu verlieren, und zwar an einen Rivalen. Das ist Revierverhalten: Ein Rivale dringt in mein Revier ein, und das Revier ist hier eine Bindung.
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Das wird nicht bewertet. Eifersucht hat man in allen Kulturen gefunden, in denen man danach gesucht hat. Sie ist natürlich.
Das wird nicht bewertet. Eifersucht hat man in allen Kulturen gefunden, in denen man danach gesucht hat. Sie ist natürlich.


== Venus ==
== Venus ==
* Erste Fassung: von Verehrung/Bewunderung, Beschützer, Mijam, Rammler, Kuschel · zu Eifersucht
* Stammbaum: von Liebe, Mijam, Begehren, Kuschel · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung: Venus ist die Liebe mit Begehren. Zur [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Liebe|Liebe]] kommen das [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Begehren|Begehren]], der [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Kuschel|Kuschel]] mit der Lust an der Berührung und der [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Mijam|Mijam]] mit der Lust am Genuss. Alle diese Teile gibt es auch einzeln. Begehren gibt es ohne Liebe, und Liebe ohne Begehren. Das eine kann dem anderen folgen oder ausbleiben. Begehren kann die Liebe verstärken. Venus ist der Fall, in dem alles zusammenkommt.
:'''Die Abgrenzung.''' [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Aphrodite|Aphrodite]] bewundert die Schönheit, ohne den Akt zu beabsichtigen. Das Begehren nimmt, was die Reize hat, ohne Rücksicht auf den Charakter. Venus verbindet die Liebe mit dem Begehren.


== Rammler ==
== Begehren ==
* Erste Fassung: von HOMO · zu Ekstase, Venus
* Stammbaum: von HOMO · zu Ekstase, Venus
* Beschreibung:  
* Entgleisung: die Gier (Wollust), siehe [[Stammbaum#Verschmelzung und Abfolge|Was kein eigenes Wesen ist]].
* Spruch: „Du gefällst mir.“ „Bleib noch.“ „Komm näher.“ „Du siehst heute gut aus.“
* Hunger: Berührung, Nähe und Vereinigung.
* Gegendämon: [[#Ekel|Ekel]] und [[Wesen 3: Beutetier#Angst|Angst]].
* Mimik: Die Pupillen sind weit, die Lippen leicht geöffnet, der Blick bleibt hängen, wendet sich ab und kehrt zurück.
* Haltung: Der Körper wendet sich dem anderen zu, sucht Nähe und Berührung, die Stimme wird leiser und tiefer.
* Bannung: Befriedigung beruhigt das Begehren vorübergehend. Auch Ablenkung, das Vermeiden von Reizen und eine bewusste Neubewertung der Situation können seinen Einfluss vermindern. Das Verlangen ist aber kein Befehl. Man kann es empfinden, ohne ihm zu folgen.
* Beschreibung: Das Begehren richtet den Menschen auf einen anderen Menschen aus und treibt ihn zur sexuellen Vereinigung. Ein Reiz weckt es, die Erfüllung stillt es.
:'''Trigger.''' Etwas fungiert als Trigger, was vorher keiner war. Begehren ist in der Entwicklung flüssig. Der Mensch hat gelernt, aufrecht zu gehen. Jetzt waren die Reize von hinten nicht mehr da, also brauchte es vorne auch Reize für die Stimulation. Außerdem wurde die Kindheit länger, also wurden die Milchdrüsen länger gebraucht. Auf einmal wurden Brüste sexy. Milchdrüsen haben auch Tiere, vielleicht waren es zuerst Fettreserven.
:Von mir: '''Form, Kontext, Schablone.''' Ein Trigger besteht aus drei Teilen: einem Merkmal, einem Zusammenhang und einer Richtung des Begehrens. Brustwarzen sehen bei Mann und Frau ähnlich aus und lösen doch nur im Zusammenspiel mit der Richtung aus.
:Von mir: '''Angeborene und gelernte Auslöser.''' Es gibt Auslöser, die bevorzugt wirken: ein Taille-Hüft-Verhältnis um 0,7, Jugend, Gesundheit. Daneben kann das Begehren auf andere Reize geprägt werden. Beim Fetischisten sind es Gummi, Büstenhalter oder Schuhe. Der geprägte Auslöser wirkt wie ein angeborener: Er erregt und er befriedigt.
:Von mir: '''Übernormale Reize.''' Ein Reiz kann stärker wirken als sein Vorbild: Lippenstift, Zucker, Fett, Bildbearbeitung. Die Silbermöwe brütet auf einem Ei, das größer ist als ihr eigenes.
:'''Der Reiz verspricht.''' Der Reiz verspricht den Vollzug und weckt den Dämon. Das ist seine Funktion. Der Duft macht Hunger auf Brötchen. Die Schachtel macht Japp auf den Kick vom Nikotin.
:Von mir: '''Weitere Trigger.''' Knappheit (nur noch zwei), Nachahmung (der andere will es, also will ich es auch), Neuheit (das Überraschungsei), Besitz (was mir gehört, wird wertvoll), Zeichen für Belohnung (die Verpackung, der Geruch aus der Bäckerei), Status (das Auto des Nachbarn).
:Von mir: '''Die Sperre.''' Gegenspieler der Trigger ist die Gewöhnung. Wer als Kind zusammen aufwächst, findet sich später nicht mehr anziehend, und wer etwas zu lange hat, mag es nicht mehr.
:Von mir: '''Gas und Bremse.''' Das Begehren hat zwei getrennte Systeme: eines, das erregt, und eines, das hemmt. Menschen unterscheiden sich in beidem (Bancroft & Janssen 2000). Gehemmt wird durch die Angst zu versagen und durch die Angst vor den Folgen.
:Von mir: '''Der Ekel als Gegenspieler.''' Speichel, Schweiß und Körpergerüche wecken außerhalb der Lust Ekel. Sexuelle Erregung schwächt den Ekel (PLoS ONE 2012). Umgekehrt dämpfen Zeichen von Krankheit und Schmutz die Erregung (PLoS ONE 2015).
:Von mir: '''Lust kommt oft erst beim Tun.''' Das Begehren muss nicht vor dem Reiz da sein. Oft entsteht es erst, wenn der Reiz wirkt. Basson hat das 2000 für Frauen beschrieben.
:Von mir: '''Das Zeichen.''' Frauen steuern die Begegnung zwischen Fremden und entscheiden über deren Ausgang (Grammer u. a. 2000, Videoanalyse). Männer erkennen einen weiblichen Gesichtsausdruck zuverlässig als Flirt (Journal of Sex Research 2020).
:Von mir: '''Die Pupille.''' Die Pupille erweitert sich bei erotischen Bildern innerhalb einer halben Sekunde (Psychophysiology 2017). Bei heterosexuellen und schwulen Männern folgt sie klar der Ausrichtung des Begehrens, bei Frauen weniger deutlich (Rieger u. a. 2015; Meta-Analyse 2021). Sie verrät den Erregten. Schöner macht sie ihn nicht: Engere Pupillen wirken sogar attraktiver (Cognition 2024).
:Von mir: '''Die Stimme.''' Männer senken die Stimme, wenn eine Frau begehrt ist und wenn sie bei einer Verabredung die Frau gewählt haben (Proceedings B 2019). Bei Jägern und Sammlern haben Männer mit tiefer Stimme mehr Kinder (Apicella u. a. 2007).
:Von mir: '''Die Abwechslung.''' Begehren und Erregung sinken bei Gewöhnung an den Partner und steigen bei einem neuen (Übersicht 2014). In Versuchen zeigen Männer stärkere Vorliebe für sexuelle Abwechslung, den Coolidge-Effekt (Archives of Sexual Behavior 2020). Eine Befragung in 52 Ländern fand den Wunsch nach mehr Partnern bei Männern durchgehend (Schmitt 2003).
:Von mir: '''Lust, Anziehung, Bindung.''' Bei Säugetieren trennt Fisher (1998) drei Systeme: die Lust, die zur sexuellen Vereinigung treibt, die Anziehung zu einem bestimmten Partner und die Bindung. Das Begehren ist die erste. Die beiden anderen entsprechen [[#Venus|Venus]] und dem Wesen der [[#Liebe|Liebe]]. Der Kuss dient dabei auch der Prüfung des Partners, besonders bei Frauen (Hughes & Kruger 2014).
:'''Handlungsweise.''' Das Begehren lenkt die Aufmerksamkeit auf sexuelle Reize. Es verändert die Wahrnehmung: Ein Mensch wird plötzlich nicht mehr hauptsächlich als Gesprächspartner, sondern als begehrenswerter Körper wahrgenommen. Es kann Annäherungsverhalten, Flirten, Imponieren, Fantasieren und die Suche nach Intimität auslösen. Bei starker Aktivierung verändert es sogar die Bewertung von Risiken und Konsequenzen. Was vorher unvernünftig erschien, kann plötzlich verlockend wirken. Dabei ist es nicht zwangsläufig rücksichtslos. Sexuelles Begehren kann mit Zärtlichkeit, Rücksicht und gegenseitiger Lust verbunden sein. Es kann aber auch mit Besitzdenken, [[#Eifersucht|Eifersucht]] oder Dominanzstreben zusammenwirken.
:'''Was es fühlt.''' Das charakteristische Gefühl ist Lust auf etwas, das noch nicht stattgefunden hat. Dazu gehören körperliche Erregung, Erwartung, Spannung, Ungeduld und ein starkes Hinziehen zum begehrten Menschen. Das unterscheidet es vom [[#Mijam|Mijam]]: Der Mijam erfreut sich an einer gegenwärtigen Empfindung. Das Begehren verlangt nach einer zukünftigen.
:'''Das Eigenleben.''' Sexuelles Begehren kann ohne bewusste Entscheidung entstehen. Ein Reiz aktiviert den Trieb, der anschließend selbst nach weiteren Reizen sucht. Er kann Erinnerungen hervorrufen, Fantasien entwickeln und die Aufmerksamkeit immer wieder auf sein Ziel zurücklenken. Das Begehren erzeugt damit teilweise selbst die Bedingungen für seine weitere Aktivierung.
:'''Verbindungen.''' Das Begehren kann sich mit anderen Wesen verbinden:
::* [[#Beschützer|Beschützer]]: Aus sexueller Anziehung entwickelt sich Zärtlichkeit und Fürsorge.
::* [[#Eitelkeit|Eitelkeit]]: Der sexuelle Erfolg wird zum Beweis der eigenen Attraktivität.
::* [[#Eifersucht|Eifersucht]]: Das Begehren will verhindern, dass ein anderer bekommt, was es selbst begehrt.
::* [[#Venus|Venus]]: Das sexuelle Verlangen verbindet sich mit Idealisierung und dem Wunsch nach dauerhafter Nähe.
:'''Lust, nicht Kinder.''' Das Begehren verfolgt kein bewusstes Fortpflanzungsziel. Evolutionär wurde der Trieb durch seinen Beitrag zur Fortpflanzung begünstigt. Aber das Wesen selbst will Lust, nicht Kinder.
:'''Das eigene Wesen.''' Hier zeigt sich sehr deutlich, wie es ein eigenständiges Wesen ist. Es erwacht mit der Pubertät, kann aber vorher auch schon schwächer da sein. Aber dann beherrscht es die Gedanken. Da setzt ein bestimmtes Wesen die Ziele.
:'''Reiz ohne Mögen.''' Man kann eine Person begehren, nur wegen der Trigger oder Reize, selbst wenn man die nicht mag, oder Bilder. Bilder werden zum Beispiel von der Pornographie genutzt. Das ist eine Milliardenindustrie, die den Bedarf nutzt.
:'''Das Nachlassen.''' Später nimmt es ab, so ab 30 bis 50. Aber das ist individuell. Wenn der Trieb erlischt, hat man die Erinnerung, aber nicht mehr wirklich das Verständnis davon.
:Von mir: '''Der wilde Herr.''' In Platons Politeia (Buch I) erzählt Kephalos, dass der Dichter Sophokles im Alter gefragt wurde, ob er noch zur Liebe fähig sei. Er antwortete sinngemäß, er sei ihr mit großer Freude entkommen, wie einem wilden und rasenden Herrn.
:Von mir: '''Heiß und kalt.''' Wer nicht im Zustand eines Triebs ist, unterschätzt, wie stark der Trieb wirkt, wenn er da ist. Loewenstein (1996) nennt das die Empathielücke zwischen heißen und kalten Zuständen. Sie gilt für Hunger, Durst, Zorn und sexuelle Erregung. Deshalb bleibt die Erinnerung, aber nicht das Verständnis.
:Von mir: '''Das Nachlassen im Verlauf.''' In der Massachusetts Male Aging Study wurden 1.085 Männer zwischen 40 und 70 neun Jahre lang beobachtet. Die sexuelle Funktion nahm ab, bei den Älteren stärker (2004).
:Von mir: '''Wie oft.''' Studierende zählten eine Woche lang ihre Gedanken. Männer kamen im Median auf knapp 19 Gedanken an Sex am Tag, Frauen auf knapp 10. Die Spanne reichte von 1 bis 388 bei Männern und von 1 bis 140 bei Frauen. Die Männer dachten auch öfter an Essen und Schlaf. Das Klischee „alle sieben Sekunden“ stimmt nicht (Fisher u. a., Journal of Sex Research 2012).
:Von mir: '''Erregung gegen Urteil.''' Ariely und Loewenstein (2006) befragten Studenten einmal neutral und einmal erregt. Erregt hielten sie vieles für attraktiv, was sie neutral abgelehnt hatten. Sie waren auch eher bereit, ein „Nein“ zu übergehen (20 gegenüber 45 auf einer Skala von 0 bis 100), und die Bereitschaft zum Kondom sank. Es waren Selbstauskünfte von etwa 24 Männern.
:Von mir: '''Der Körper folgt nicht, das Wesen bleibt.''' Von 76 Männern zwischen 69 und 80 Jahren unter Androgenentzug gaben 29 an, noch Interesse an Sex zu haben. Nur zwei waren noch aktiv (Fode u. a., Journal of Sexual Medicine 2020).
:Von mir: '''Der große Dämon.''' In Platons Symposion sagt Diotima, Eros sei ein großer Dämon und stehe, wie alle Dämonen, zwischen dem Göttlichen und dem Sterblichen (202e).


== Ekstase ==
== Ekstase ==
* Erste Fassung: von Rammler · zu –
* Stammbaum: von Begehren · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Elter ==
== Elter ==
* Bild 2023: von HOMO · zu Beschützer, Nestbau
* Stammbaum: von HOMO · zu Beschützer, Nestbau, Eifersucht, Beschwichtiger
* Erste Fassung: von HOMO · zu Nestbau, Beschützer
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Beschützer ==
== Beschützer ==
* Bild 2023: von Elter · zu Liebe
* Stammbaum: von Elter, Krieger · zu Liebe
* Erste Fassung: von Krieger, Elter · zu Venus
* Hunger: Für ein Wesen sorgen. Das gibt Erfüllung und Sinn: Für jemand anderen zu sorgen, ist das, was die Frau meint, die verzweifelt Kinder bekommen möchte. Es ist auch ein Instinkt, der für den Fortbestand da ist. Eltern freuen sich über ihre Kinder. Auch der Enkel ist für die Großeltern ein großes Glück und eine Erfüllung. Eltern berichten etwas mehr Sinn im Leben als Nichteltern, bei Frauen deutlicher (Apostolou u. a. 2026). Eltern leben im Alter länger als Kinderlose, ab 60 etwa 2 Jahre bei Männern und 1,5 Jahre bei Frauen (Modig u. a. 2017). Großeltern, die Enkel betreuen, sind zufriedener (SHARE, 95.594 Befragte) und haben ein um 37 % niedrigeres Sterberisiko (Hilbrand u. a. 2017). Das Betreuen ist dabei der Faktor, nicht das bloße Dasein der Enkel.
* Beschreibung:  
* Trigger: Hilfsbedürftigkeit. Das Kindchenschema wirkt, die Bambi-Augen, auch bei Männern. Andere Tiere haben andere Trigger, bei Vögeln der aufgesperrte Schnabel der Jungen. Fremde Kinder sind auch süß, führen aber nicht zu dieser Fürsorge. Das hängt davon ab, ob man sich verbunden fühlt, und in der Regel gibt es am Anfang eine Prägung. Babys mit stärkerem Kindchenschema werden als süßer bewertet und wecken mehr Fürsorge (Glocker u. a. 2009). Bei Gull-Küken ist es der rote Fleck am Schnabel der Eltern (Tinbergen und Perdeck 1950). Mütter erkennen ihr Neugeborenes nach kurzem Kontakt am Geruch (Kaitz u. a. 1987). Bei Frauen wirken große Augen attraktiv (Cunningham 1986).
* Bannung: Durch Enttäuschung oder Zurückweisung. Eltern verstoßen ihren Sohn, wenn er in ihrer Vorstellung missraten ist: faul, frech, undankbar. Dazu gehört aber einiges. Meist bleibt die Mutterliebe trotzdem bestehen.
* Beschreibung:
:'''Die Pflege.''' Der Beschützer pflegt die Nachkommen, das ist seine primäre Aktivität. Eltern opfern dafür sehr viel Zeit und Energie. Zu den Diensten gehören: Sicherheit im Heim (siehe [[#Nestbau|Nestbau]]), Ernährung, Lehre, Trost und Forderung.
:'''Ernährung.''' Kohlmeisen-Eltern fliegen etwa 12 bis 15 Mal pro Stunde ans Nest (Barba u. a. 2009).
:'''Lehre.''' Bei Erdmännchen entschärfen Helfer Skorpione und geben den Jungen mit dem Alter lebendere Beute (Thornton und McAuliffe 2006).
:'''Trost.''' Junge Rhesusaffen klammerten sich an eine Stoffmutter und liefen bei Schreck zu ihr, auch wenn eine Drahtmutter sie fütterte (Harlow).
:'''Forderung.''' Eltern, die warm sind und klare Regeln begründet fordern, haben die günstigsten Folgen für die Kinder (Baumrind).
:'''Der Aufwand.''' Eltern von zwei Kindern wenden etwa 7,5 Stunden am Tag auf (Bryant und Zick 1996).
:'''Die Verteidigung.''' Wenn jemand die Kinder angreift, wird eine Mutter zum Berserker (siehe [[#Revierverhalten/Gebiet|Revierverhalten]]).
:'''Sprüche.''' Der Beschützer spricht zuerst in Sorge:
:* Bist du warm genug angezogen?
:* Zieh dich warm an!
:* Isst du auch genug?
:* Fahr vorsichtig!
:* Ruf an, wenn du angekommen bist!
:* Warum meldest du dich nicht, ist was passiert?
:* Ich mach mir doch nur Sorgen.
:* Ich meine es doch nur gut mit dir.
:Dann in Zusagen:
:* Egal wann, egal von wo, egal was ist: Du rufst mich an und ich komme dich holen.
:* Du kannst IMMER nach Hause zurückkommen; wir werden immer für dich da sein!
:* Ganz egal, was passiert oder was du tust: Ich werde dich immer lieben!
:* Keine Angst, ich bin bei dir.
:* Dir passiert nichts, solange ich hier bin.
:* Ich passe auf dich auf.
:* Pass auf dich auf.
:* Du musst da nicht allein durch.
:* Komm, ich helfe dir.
:* Ich lasse dich nicht im Stich.
:* Du kannst dich auf mich verlassen.
:* Ich kümmere mich darum.
:* Solange ich da bin, wird keiner zurückgelassen.
:In der Verteidigung:
:* Lass ihn in Ruhe!
:* Niemand tut dir etwas.
:* Stell dich hinter mich.
:* Wenn du Streit willst, dann mit mir.
:* Leg dich mit jemandem an, der sich wehren kann!
:* Do not touch my kid.
:* don't touch peoples kids
:* yeah, I'm not going to hand her over
:* ok but not HIS MOM
:Und wenn er zu weit geht:
:* Ich weiß, was gut für dich ist.
:* Das ist zu gefährlich für dich.
:* Lass mich das lieber machen.
 
:'''Mit dem Krieger.''' Der Beschützer arbeitet mit dem Krieger zusammen. Eine Mutter kämpft auch gegen stärkere Feinde und entwickelt dabei Kräfte, die sie oft gewinnen lassen. Da schlägt auch ein Vogel einen starken Greifvogel in die Flucht.
 
:'''Überbehütung.''' Die Mutter will das Kind schützen und lässt ihm deshalb keinen Auslauf. Keine Erfahrung, die gefährlich sein könnte. Oder sie kaut ihm alles vor und schreibt ihm vor. Auch will sie nicht loslassen.
:'''Was sie bewirkt.''' Das Kind lernt nicht, was es sich zutrauen kann. Wer nie hingefallen ist, kennt den Schmerz nicht und weiß nicht, wie man wieder aufsteht. Wer nie selbst entscheiden durfte, hat das Entscheiden nicht geübt und fragt weiter die Mutter. Es bleibt abhängig von ihr. Und weil sie nicht loslässt, kommt es auch später schwer los.
:'''Warum sie nicht loslässt.''' Der Hunger des Beschützers bleibt, wenn das Kind selbstständig wird. Es fehlt ihm die Nahrung: jemand, für den er sorgen kann. Also hält die Mutter das Kind klein.
 
:'''Wenn die Kinder gehen.''' Die Kinder ziehen aus. Das Zimmer ist leer. Niemand muss mehr geweckt, bekocht und erinnert werden. Der Hunger bleibt, es fehlt die Nahrung. Manche Mütter rufen dann weiter täglich an und fragen, ob das Kind genug gegessen hat. Andere wenden sich den Enkeln zu, einem Haustier oder einer Aufgabe, in der sie für andere sorgen können.
:'''Wenn das Kind stirbt.''' Dann bleibt der Hunger bei einem Wesen, das nichts mehr zu versorgen hat. Manche Eltern lassen das Zimmer jahrelang so, wie es war. Das Sorgen hört nicht auf, es geht ins Leere. Viele Eltern sagen, das sei das Schlimmste, was ihnen geschehen konnte.


== Nestbau ==
== Nestbau ==
* Bild 2023: von Elter, Sammler · zu –
* Stammbaum: von Elter, Sammler · zu –
* Erste Fassung: von Sammler, Elter · zu –
* Beschreibung:
* Beschreibung:  
:'''Das Nest als Revier.''' Das Nest ist das Revier per se, nicht nur im Verhalten, sondern als Ort mit Mauer oder Zaun. Das Gesetz kennt den Hausfriedensbruch, wenn es unerlaubt betreten wird (§ 123 StGB).
:'''Wenn es betreten wird.''' Einbruchsopfer reagieren mit Wut (72 %), Schlafstörungen (57 %) und Angst (39 %), viele fühlen sich verletzt (Victim Support 2005, 545 Opfer). Etwa ein Viertel ist ernsthaft erschüttert, nach über einem Monat hat sich nur ein Drittel erholt (British Journal of Criminology 1980, 322 Opfer).
:'''Bei den Tieren.''' Singvögel markieren ihr Revier mit Gesang, viele Säugetiere mit Duftmarken. Reicht die Ankündigung nicht, folgen Verfolgung und Kampf. Bei Möwen in Kolonien ist das Revier nur das Nest selbst. Wolfsrudel verteidigen das Gebiet, in dem sie jagen und leben (Britannica).
:'''Wozu.''' Das Revier dient der Brutpflege, ungestörter Paarung, der Nahrung für die Jungen und dem Abstand zu Artgenossen (Britannica).
 
== Beschwichtiger ==
* Auch: Tröster
* Stammbaum: von Elter · zu Gelassen
* Hunger: Ruhe. Dass der Sturm sich legt, in einem selbst oder im anderen.
* Trigger: Stress, Schmerz, Aufregung, die eigene oder die eines anderen.
* Beschreibung:
:'''Herkunft.''' Das Kind hat sich wehgetan. Die Mutter nimmt es auf den Arm und sagt: „Ist ja gut, ist gleich vorbei.“ Das wiederholt sich, bis das Kind diese Stimme selbst hat. Der Beschwichtiger ist der Tröster, der nach innen gewandert ist. Er spricht zu einem selbst, wie damals die Eltern gesprochen haben. Weil man ihn hat, kann man ihn auch anderen leihen: Er tröstet, besänftigt, entschärft einen Streit. Er wirkt in beide Richtungen.
:'''Bei den Tieren.''' Wenn die Lage gespannt ist, gähnt der Hund, wendet den Kopf ab, schnüffelt am Boden oder leckt sich über die Nase. Die Hundetrainerin Turid Rugaas nennt das Beschwichtigungssignale. Schimpansen suchen nach einem Kampf den Kontakt: Die Gegner versöhnen sich mit einem Kuss, und ein Dritter umarmt den, der angegriffen wurde (de Waal und van Roosmalen 1979).
:'''Sprüche.''' Die richtigen Sprüche sind wie ein Mantra und nehmen den Stress erst mal raus. Das muss man lernen und sich aneignen: Sich selbst in stressigen Momenten zu beruhigen.
:* Das ist ein lösbares Problem
:* Bleib cool
:* Morgen geht die Sonne auch noch auf
:* Es gibt Schlimmeres
:* Immer mit der Ruhe
:* Alles wird gut. Es wird alles gut.
:* Man muss das kosmisch sehen
:* Scheiß drauf
:* dumm gelaufen
:* Morgen lach` ich darüber
:* Immer schön der Reihe nach
:* Und wenn schon
:* Auch das geht vorbei
:* Irgend ne Scheiße hat man immer am Hacken
:* Eins nach dem Anderen
:* Erst mal schauen
:* Notfalls hole ich mir Hilfe
:'''Wie die Sprüche wirken.''' Sie schaffen Abstand. Abstand in der Zeit: „Morgen lach` ich darüber“, „Auch das geht vorbei“. Abstand im Raum: „Man muss das kosmisch sehen“, „Es gibt Schlimmeres“. Sie zerlegen den Berg: „Eins nach dem Anderen“, „Erst mal schauen“. Oder sie lassen los: „Scheiß drauf“, „Und wenn schon“. Bei „dumm gelaufen“ ist der [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Kobold|Kobold]] nicht weit. Der Psychologe Ethan Kross hat gezeigt, dass schon die Form des Selbstgesprächs zählt: Wer unter Stress mit sich spricht wie mit einem anderen, mit dem eigenen Namen oder mit „du“ statt „ich“, hat weniger Angst und grübelt danach weniger (Kross u. a. 2014).
:'''Ohne ihn.''' Ohne Beschwichtiger gerät man in Dauerstress oder Panik. Er beruhigt andere oder sich selbst. Auch Sportler sprechen sich vor der Leistung Mut zu. Muhammad Ali verkündete: „Ich bin der Größte.“ Er sagte, er habe es gesagt, noch bevor er es wusste, und es so oft wiederholt, bis die Welt es glaubte (Ali Center, „In His Own Words“).


== Herde ==
== Herde ==
* Ergänzt 2026: von HOMO · zu Stammesbruder. Neue Wurzel.
* Stammbaum: von HOMO · zu Stammesbruder
* Trigger: Gefahr, und vor allem die Flucht der anderen. Wenn einer rennt, rennen alle.
* Trigger: Gefahr, und vor allem die Flucht der anderen. Wenn einer rennt, rennen alle.
* Bannung: offen (Daniel ergänzt).
* Bannung: offen.
* Beschreibung:
* Beschreibung:
Die Herde ist die Wurzel und biologische Grundlage. Ohne diesen Instinkt gäbe es kein Stammesverhalten. Nietzsche nannte es den Herdentrieb.
Die Herde ist die Wurzel und biologische Grundlage. Ohne diesen Instinkt gäbe es kein Stammesverhalten. Nietzsche nannte es den Herdentrieb.
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* In Gombe brach 1966 Kinderlähmung aus. Jane Goodall beschrieb einen gelähmten Schimpansen, der sich nur noch schleppen konnte. Die anderen erschraken vor seiner fremden Bewegung, einige griffen ihn an, und sie wollten ihn nicht mehr lausen.
* In Gombe brach 1966 Kinderlähmung aus. Jane Goodall beschrieb einen gelähmten Schimpansen, der sich nur noch schleppen konnte. Die anderen erschraken vor seiner fremden Bewegung, einige griffen ihn an, und sie wollten ihn nicht mehr lausen.


'''Herde allein ist noch kein Stamm:''' Eine Gnuherde in der Serengeti zählt Hunderttausende Tiere. Keines kennt die anderen, kein Fremder wird ausgestoßen. Wer mitläuft, gehört dazu. Erst beim Wolfsrudel kennt jeder jeden, der Geruch ist das Kennzeichen, das Revier ist abgesteckt, und der fremde Wolf wird angegriffen. Im Yellowstone-Park ist der häufigste natürliche Tod eines Wolfs der Kampf mit einem fremden Rudel. Herde, dann Rudel und Revier, dann der [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Stammesbruder|Stammesbruder]] mit Zeichen, Fahnen und Lehre.
'''Glück in der Menge:''' Die Herde ist die Anpassung an die Masse. Das Schaf ist glücklich in der Herde von Gleichgesinnten. Nach einem Konzert sagen die Leute: „Da war richtig viel los. Das war toll.“ Das ist pure Biologie.
* Émile Durkheim nannte es 1912 die kollektive Efferveszenz: Wenn eine Gemeinschaft zusammenkommt und gleichzeitig dasselbe denkt oder tut, wallt eine gemeinsame Energie auf, die den Einzelnen erregt und die Gruppe eint. Für Durkheim ist das die Wurzel der Religion: Die Energie der Versammlung geht auf ein Symbol oder einen Menschen über, und der wird heilig (siehe [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Fan|Fan]]).
* Bronwyn Tarr, Jacques Launay, Emma Cohen und Robin Dunbar ließen 2015 Menschen gemeinsam tanzen. Gleichzeitige Bewegung und Anstrengung erhöhten jede für sich die Schmerzschwelle, ein Zeichen für ausgeschüttete Endorphine, und stärkten die Bindung an die Gruppe.
* Beim Pilgerfest Magh Mela in Indien hatten sich Gesundheit und Wohlbefinden der Pilger nach dem Fest verbessert (Tewari u. a. 2012). Wer die Menge als Gemeinschaft Gleichgesinnter erlebte, hatte ein besseres Erlebnis.
 
'''Herde allein ist noch kein Stamm:''' Eine Gnuherde in der Serengeti zählt Hunderttausende Tiere. Keines kennt die anderen, kein Fremder wird ausgestoßen. Wer mitläuft, gehört dazu. Erst beim Wolfsrudel kennt jeder jeden, der Geruch ist das Kennzeichen, das Revier ist abgesteckt, und der fremde Wolf wird angegriffen. Im Yellowstone-Park ist der häufigste natürliche Tod eines Wolfs der Kampf mit einem fremden Rudel. Herde, dann Rudel und Revier, dann der [[#Stammesbruder|Stammesbruder]] mit Zeichen, Fahnen und Lehre.


'''Nietzsche:'''
'''Nietzsche:'''
* „Moralität ist Heerden-Instinct in dem Einzelnen.“ (Die fröhliche Wissenschaft, Aphorismus „Heerden-Instinct“)
* „Moralität ist Heerden-Instinct in dem Einzelnen.“ (Die fröhliche Wissenschaft, Aphorismus „Heerden-Instinct“)
* „Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.“ (Also sprach Zarathustra, Vorrede)
* „Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.“ (Also sprach Zarathustra, Vorrede)
== Geltung ==
* Stammbaum: von Raubtier · zu Wuff Wuff (betteln um Anerkennung), Eitelkeit, Prahler, [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Arroganz|Arroganz]], [[Wesen 3: Beutetier#Verbittert|Verbittert]], [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Ehrgeiz|Ehrgeiz]]
* Varianten: [[Stammbaum#Verschmelzung und Abfolge|Gerüchtemacher]]
* Hunger: etwas gelten, Bedeutung haben. Und wenn auch nur in einem Spezialgebiet oder vor bestimmten anderen.
* Trigger: übergangen werden, nicht beachtet werden; der eigene Platz in der Gruppe ist in Gefahr.
* Bannung: offen.
* Beschreibung: Jeder Mensch möchte Bedeutung haben, etwas gelten. Es geht um die Rangordnung in der Gruppe. Ein Einzelgänger hat keinen Rang.
:'''Die Hackordnung.''' Der Norweger Thorleif Schjelderup-Ebbe hat 1921 bei Hühnern die Hackordnung entdeckt: Jedes Huhn kennt seinen Platz, hackt die unter ihm und weicht denen über ihm aus.
:'''Zwei Arten.''' Das Raubtier hat Geltung aus Stärke: Es hat Macht und Einfluss auf andere, auch gegen den Strom. Seinen Feinden erscheint es gefährlich. Die ihm folgen, tun es aus anderen Motiven, aus Achtung vor seinem Können und seiner Stärke. Das ist nicht der Gewaltherrscher, der gefürchtet und verachtet wird, sondern der vornehme Adlige. Überall gibt es Autoritäten, denen gefolgt wird wegen ihrer Entschlossenheit und ihres Könnens, in jeder Gruppe: im Sport, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Musik, in allem in Kultur und Zivilisation. Zwischen den Weltkriegen strömten junge Physiker zu Niels Bohr nach Kopenhagen; die Gelegenheit, mit ihm zu arbeiten, galt als Privileg. Leonard Bernstein sagte über den Dirigenten Carlos Kleiber: „I have just heard the greatest living conductor in the world“. Und Kleiber selbst sagte einmal zu seinem Konzertmeister, als das Orchester ganz darauf konzentriert war, ihm zu folgen: „Let me follow you.“ Bei Apple sagte der Entwickler Bud Tribble 1981 über Steve Jobs: „Steve has a reality distortion field.“ Andy Hertzfeld beschrieb es als „a confounding melange of a charismatic rhetorical style, an indomitable will, and an eagerness to bend any fact to fit the purpose at hand“ (eine verwirrende Mischung aus einem charismatischen Redestil, einem unbeugsamen Willen und der Bereitschaft, jede Tatsache passend zu biegen). Gerade die Souveränen versuchen oft, was als unmöglich gilt. Es gehört immer Entschlossenheit dazu: neue Reviere erobern, auch kulturell (siehe [[#Revierverhalten/Gebiet|Revierverhalten]]). Der Antrieb ist nicht die Anpassung. Am 9. Oktober 1903 schrieb die New York Times, eine Flugmaschine, die wirklich fliegt, könne in ein bis zehn Millionen Jahren entstehen. Am selben Tag schrieb Orville Wright in sein Tagebuch: „We started assembly today.“ 69 Tage später flogen die Brüder Wright. John F. Kennedy sagte 1962 in Houston: „We choose to go to the moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard“; 1969 landeten Menschen auf dem Mond. Christo und Jeanne-Claude arbeiteten 24 Jahre daran, den Reichstag zu verhüllen, und trafen dafür 352 Abgeordnete; 1995 war er verhüllt. Ob ein Versuch gelingt oder scheitert, sagt nichts über die Haltung. Hinterher ist man immer schlauer: Wer den Ausgang kennt, hält ihn für viel wahrscheinlicher, als er es vorher getan hätte, und merkt es nicht (Fischhoff 1975). Max Weber nannte diese Herrschaft charismatisch: Sie beruht „auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person“. Nietzsche: „Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Thier muss wieder heraus, muss wieder in die Wildniss zurück“ (''Genealogie der Moral'' I 11; siehe [[Die Entstehung der Seele#Kanalisieren statt ausrotten|Kanalisieren statt ausrotten]]). Auch der Herdenmensch will Geltung haben, aber sie wird ihm durch die Zustimmung anderer gegeben: Preise und Auszeichnungen. Das ist die [[#Eitelkeit|Eitelkeit]]. Wer wenig Souveränität hat, holt sich Rang und Geltung von jemandem, dessen Meinung wichtig ist: [[#Wuff Wuff (betteln um Anerkennung)|Wuff Wuff]], die [[#Eitelkeit|Eitelkeit]], der [[#Poser|Poser]]. Napoleon sagte 1802 zur Gründung der Ehrenlegion: „C'est avec des hochets que l'on mène les hommes.“ (Mit Rasseln lenkt man die Menschen.) Beides ist nicht eindeutig getrennt, sondern gemischt: Der französische Adel gab Unsummen für Kleider aus, und die Krone ist ein Symbol der Macht. Es gibt starke Persönlichkeiten, die die Auszeichnung haben wollen, und andere, die sie souverän ablehnen. Der Mathematiker Grigori Perelman lehnte 2006 die Fields-Medaille ab: „I'm not interested in money or fame; I don't want to be on display like an animal in a zoo.“ La Rochefoucauld: „L'orgueil se dédommage toujours, et ne perd rien, lors même qu'il renonce à la vanité.“ (Der Stolz entschädigt sich immer und verliert nichts, selbst wenn er auf die Eitelkeit verzichtet.)
:'''Geliehene Geltung.''' Die Herde tut etwas anderes. Der Herdenmensch erhält seine Geltung von jemandem, der Ansehen, Macht und Geltung hat. Das kann auch eine Institution oder eine Lehre sein. Es ist eine Unterordnung: der Diener im Haus des Adels, die Nonne im Schoß der Kirche. Der Diener würde es ablehnen, neureichem Pöbel zu dienen. Der Psychologe Robert Cialdini nannte das 1976 „basking in reflected glory“, sich im zurückgeworfenen Glanz sonnen: Nach einem Sieg ihrer Footballmannschaft trugen mehr Studenten Kleidung mit dem Namen ihrer Universität, und sie sagten „We won“. Nach einer Niederlage hieß es „They lost“. Das ist die flüchtige Form, nahe beim [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Vasall|Vasallen]]. Der Diener dagegen bleibt. Die Grenzen sind fließend.
:'''Ein Grundbedürfnis.''' Cameron Anderson, John Hildreth und Laura Howland haben 2015 die Forschung zur Frage gesammelt, ob das Streben nach Status ein Grundbedürfnis ist. Ihr Ergebnis: ja, in allen Kulturen, bei Männern wie Frauen. Wer seinen Rang verliert, leidet darunter, auch wenn sich sonst nichts ändert. Und es zählt der Rang vor den Menschen, die einem wichtig sind, nicht vor allen. Der Philosoph William James schrieb schon 1890 sinngemäß: Eine teuflischere Strafe ließe sich nicht ausdenken, als dass man unter Menschen losgelassen würde und von allen völlig unbemerkt bliebe. Das ist der [[Wesen 3: Beutetier#Zombie|Zombie]], von der anderen Seite gesehen.
:'''Keine Eitelkeit.''' „Eitel“ hieß im älteren Deutsch „leer, nichtig“; man sagt noch „eitel Sonnenschein“, nichts als Sonnenschein. Die [[#Eitelkeit|Eitelkeit]] will bewundert werden für die Oberfläche, sie ist die leere Form der Geltung. Die Geltung will etwas zählen für das, was man ist oder kann: der Handwerker, dessen Urteil auf der Baustelle gilt; der Briefmarkensammler, den die anderen Sammler fragen. „Wuff Wuff (betteln um Anerkennung)“ ist ihre bettelnde Form.
:Die Geltung wirkt auch in anderen Wesen: im Hochgefühl des [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Amok|Amokläufers]], im [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Streber|Streber]], bei den [[Bannung#Gegendämonen|Gegendämonen]].
:'''Der Krieger.''' Geltung will ein Revier. Wird sie angegriffen, holt sie zur Verteidigung ihren Krieger, den [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Wüterich|Wüterich]].


== Sammler ==
== Sammler ==
* Bild 2023: von HOMO · zu Nestbau, Messi, Eifersucht
* Stammbaum: von HOMO · zu Nestbau, Messi, Eifersucht, Knauser
* Erste Fassung: von HOMO · zu Messi, Nestbau, Knapp
* Varianten: [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Hexe/Psychopath|Nehmer]]
* Mimik: keine. Der Sammler ist ein leiser Dämon, man sieht ihm nichts an.
* Mimik: keine. Der Sammler ist ein leiser Dämon, man sieht ihm nichts an.
* Griff: aufsammeln.
* Griff: aufsammeln.
* Entgleisung: der Messi. Die Brüder Collyer in New York wurden 1947 tot in ihrem Haus gefunden, unter mehr als hundert Tonnen Zeitungen, Klavieren und Gerümpel. Einer lag unter einem Stapel begraben, den er selbst als Falle gegen Einbrecher gebaut hatte. Der andere, blind und gelähmt, verhungerte danach.
* Entgleisung: der Messi. Die Brüder Collyer in New York wurden 1947 tot in ihrem Haus gefunden, unter mehr als hundert Tonnen Zeitungen, Klavieren und Gerümpel. Einer lag unter einem Stapel begraben, den er selbst als Falle gegen Einbrecher gebaut hatte. Der andere, blind und gelähmt, verhungerte danach.
* Entgleisung: auch die Gier (Habgier), siehe [[Stammbaum#Verschmelzung und Abfolge|Was kein eigenes Wesen ist]].
* Trigger: Knappheit und die Lücke (siehe Beschreibung).
* Trigger: Knappheit und die Lücke (siehe Beschreibung).
* Bannung: offen (Daniel ergänzt).
* Bannung: offen.
* Beschreibung:
* Beschreibung:
'''Hunger:''' haben, Vorrat, Vollständigkeit. Nicht hergeben, was man hat.
'''Hunger:''' haben, Vorrat, Vollständigkeit. Nicht hergeben, was man hat.
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* Der Laubenvogel sammelt blaue Dinge, Federn, Beeren, Flaschendeckel, und legt sie vor seine Laube, um ein Weibchen anzulocken. Dort sind Sammler und Balz eins.
* Der Laubenvogel sammelt blaue Dinge, Federn, Beeren, Flaschendeckel, und legt sie vor seine Laube, um ein Weibchen anzulocken. Dort sind Sammler und Balz eins.
* Entgleisung: der Messi. Die Wohnung ist bis zur Decke voll, nur schmale Gänge bleiben frei, und er kann nichts wegwerfen. Krankhaftes Horten ist seit 2013 eine eigene Diagnose.
* Entgleisung: der Messi. Die Wohnung ist bis zur Decke voll, nur schmale Gänge bleiben frei, und er kann nichts wegwerfen. Krankhaftes Horten ist seit 2013 eine eigene Diagnose.
:'''Sein Revier.''' Der Sammler pflegt und verteidigt seine Sammlung. Er identifiziert sich damit. Es fällt ihm schwer, etwas herzugeben, selbst wenn er Geld braucht. Seine Sammlung ist sein [[#Revierverhalten/Gebiet|Revier]]. Eine Sammlung gehört stärker zum Selbst als einzelne Gegenstände (Belk 1988, S. 154). Wer bestohlen wird, erlebt Eindringen und Verletzung (S. 142). Wird die Trennung erzwungen, bringt sie Trauer (S. 143). Ein Sammler, der seine Karten für das Studium der Tochter verkaufte, beschreibt den Verkauf als Trauer mit Leugnen, Wut und Niedergeschlagenheit (Warshaw 2023). Ein Briefmarkensammler, der seine Sammlung aufgeben muss, will es nicht überstürzen und behält ein Album (Briefmarken-Forum).


'''Biologisch angelegt:'''
'''Biologisch angelegt:'''
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Die Baseballkarte, die Briefmarke, das NFT sind Millionen wert, weil andere Sammler sie haben wollen. Der Sammler macht den Wert selbst. Ohne ihn wäre die One-Cent Magenta ein Fetzen Papier.
Die Baseballkarte, die Briefmarke, das NFT sind Millionen wert, weil andere Sammler sie haben wollen. Der Sammler macht den Wert selbst. Ohne ihn wäre die One-Cent Magenta ein Fetzen Papier.


== Knapp ==
== Knauser ==
* Erste Fassung: von Sammler · zu –
* Stammbaum: von [[#Sammler|Sammler]] · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung: Der Sammler kommt und geht, im Herbst, vor dem Winter, vor dem leeren Regal. Beim Knauser ist er chronisch geworden. Jede Ausgabe tut weh. Er hebt überall Geld auf. Das ist ein bekannter Typus. Wenn Leute Mangel erlebt haben wie im Krieg, werden sie manchmal so.
 
'''Bei Theophrast''' heißt es: „Meanness is undue sparing of expense.“ Der Knauser zählt beim Essen, wie viele Becher jeder Gast trinkt. Zerbricht ein Diener einen Topf, zieht er ihm den Wert von der Verpflegung ab. Verliert seine Frau eine kleine Münze, rückt er Möbel, Betten und Schränke und sucht in den Ritzen der Dielen. Seiner Frau verbietet er, Salz oder einen Lampendocht auszuleihen. Seine Geldtruhe ist schimmlig, weil sie nie geöffnet wird. Er hat eine volle Truhe und spart trotzdem: Fülle bannt den Knauser nicht.
 
'''Ein zweiter Text.''' Theophrast beschreibt den Knauser noch einmal, als Ἀνελευθερία: „Penuriousness is the grudging of expense and is due to great love of money and little love of honor.“ Hier geht es um das Geld bei Ehrenpflichten. Nach einem Sieg auf der Bühne weiht er Dionysos einen hölzernen Kranz, auf den er seinen eigenen Namen schreibt. Wird öffentlich gesammelt, schweigt er oder geht, und sieht er einen sammelnden Freund kommen, schleicht er durch eine Seitengasse nach Hause. Bei der Hochzeit der Tochter verkauft er die Opfertiere und stellt nur Diener ein, die zu Hause essen. Bei einem Fest hält er die Kinder aus der Schule, um das Schulgeld zu sparen. Seiner Frau gibt er keine Magd, sondern ein gemietetes Kind. Das Wort heißt wörtlich Unfreiheit: Der Freie ist freigebig, der Geizige ist unfrei. Die Ehre wiegt bei ihm weniger als das Geld. Die [[#Geltung|Geltung]] überstimmt den Sammler nicht.
 
'''Geprägt vom Mangel.''' Ulrike Malmendier und Stefan Nagel untersuchten 2011 in ihrer Studie „Depression Babies“ Menschen, die schwere Wirtschaftskrisen erlebt haben. Wer selbst schlechte Zeiten erlebt hat, geht ein Leben lang weniger finanzielle Risiken ein und legt seltener Geld in Aktien an (siehe [[Bannung#Prägung|Prägung]]).
 
'''Der Test:''' Beim Festessen nimmt die Tochter seine Börse und sagt, sie bezahle mit seinem Geld für alle (siehe [[Stammbaum#Der Test|Der Test]]). Und er missbilligt den Verschwender.


== Putz ==
== Putz ==
* Bild 2023: von HOMO · zu –
* Stammbaum: von HOMO, Elf · zu Puppe
* Erste Fassung: von Elf · zu Puppe
* Entgleisung: der Waschzwang. Menschen waschen sich die Hände, bis die Haut blutet, und fühlen sich danach immer noch schmutzig. Howard Hughes fasste am Ende Gegenstände nur noch mit Papiertüchern an und lebte abgeschottet in abgedunkelten Hotelzimmern.
* Entgleisung: der Waschzwang. Menschen waschen sich die Hände, bis die Haut blutet, und fühlen sich danach immer noch schmutzig. Howard Hughes fasste am Ende Gegenstände nur noch mit Papiertüchern an und lebte abgeschottet in abgedunkelten Hotelzimmern.
* Ausfall: die Verwahrlosung.
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  
:'''Wenn der Putz ausfällt.''' Das Gegenstück zum Waschzwang ist, dass man sich nicht mehr pflegt. Theophrast nennt es Δυσχέρεια: „Grossness is such neglect of one’s person as gives offence to others.“ Sein Mann geht mit Ausschlag und schwarzen Zähnen auf den Markt und sagt, das sei erblich. Im Alltag kennt man den Ausfall bei schlechter Stimmung und wenig Antrieb. Im Extrem findet man ihn bei Menschen, die jede Hoffnung verloren haben: Scheitern in Schule und Beruf, Verachtung durch andere, Verlust des Rangs, eine Schuld, die man nicht tragen kann, vielleicht auch Selbstbestrafung. In Notunterkünften für Obdachlose gibt es Räume, in denen der Boden mit Müll und verfaultem Essen bedeckt ist. Der Rang ist dabei nicht alles. Bei Obdachlosen sind Sucht und psychische Erkrankungen häufig, mit großer Streuung (Fazel u. a. 2008, 29 Untersuchungen, 5.684 Personen).
:'''Selbstachtung.''' Der Putz dient auch der Selbstachtung, und die ist ein Spiegel der Achtung, die man von anderen erfährt (Cooley nannte das 1902 das „looking-glass self“). Wer in einer verachtenden Umgebung standhält, hat dafür einen imaginären Beifall. Als Bergen-Belsen im April 1945 befreit wurde, kam unaufgefordert eine große Lieferung Lippenstifte an. Der britische Sanitätsoffizier Mervin Gonin schrieb: „At last someone had done something to make them individuals again.“ Der Lippenstift sagt: Ich bin wer.


== Elf ==
== Elf ==
* Erste Fassung: von HOMO · zu Kuschel, Putz
* Stammbaum: von HOMO · zu Kuschel, Putz
* Namen der Familie (erste Fassung): Fühl, Lausch, Schnupper, Kratz, Kitzel, Griff, Wurzel, Wohlig
* Namen der Familie: Fühl, Lausch, Schnupper, Kratz, Kitzel, Griff, Wurzel, Wohlig
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Kuschel ==
== Kuschel ==
* Erste Fassung: von Elf · zu Venus
* Stammbaum: von Elf · zu Venus
* Beschreibung:  
* Beschreibung: Kuscheln ist Berührung und Umarmung, und es geht dabei um Geborgenheit und Sicherheit. Zwei Wurzeln sind denkbar. Die eine ist das Lausen der Affen: Gegenseitiges Streicheln und Lausen hält bei Primaten die Bindungen, über Hautnerven und Endorphine (Robin Dunbar 2022). Die andere ist die Verbindung von Mutter und Kind. Harry Harlows Rhesusaffen klammerten sich in den 1950er-Jahren an die Stoffmutter, auch wenn nur die Drahtmutter Milch gab. Der Körperkontakt war wichtiger als das Füttern. Beides kann zusammenwirken.
:'''Die erotische Seite.''' Berührungen sind auch erregend. Dann geht das Kuscheln ins Begehren über und führt zur [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Venus|Venus]]. Für den Menschen ist Sex ein Mittel zur Bindung geworden, heißt es oft, wichtig wegen der langen Kindheit. Das ist eine gängige, aber umstrittene These. Robert Quinlan (2008) sieht Paarbindungen als vielseitig, mit der Versorgung in der Stillzeit als am besten belegter Funktion, und prüft Sex als Bindungsmittel nicht.
 
== Gefälliger ==
* Stammbaum: von [[#Geltung|Geltung]], [[#Elter|Elter]], [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Verehrung/Bewunderung|Verehrung/Bewunderung]] · zu –
* Hunger: das Wohl und die Freude der anderen, und die Anerkennung dafür.
* Trigger: Hilfsbedürftigkeit oder Hilflosigkeit des anderen. Das Kindchenschema wirkt, zum Beispiel Bambi-Augen, es ist aber kein Muss. Es genügt, dass Hilfe gebraucht wird.
* Bannung: Wird kaum gewollt, denn er ist ein Kitt der Gemeinschaft. Gebannt wird nur seine Entgleisung. Wer sich verausgabt, den will der Ehepartner schützen. Wenn der Samariter die eigene Familie vernachlässigt, konkurriert er mit dem [[#Elter|Elter]], und dann hilft ein Arrangement, wem er wie viel gibt. Oakley und Kollegen nennen Hilfe, die ungewollt Schaden anrichtet, pathologischen Altruismus (2012).
* Beschreibung: Der Gefällige will anderen Freude machen und freut sich an ihrer Freude. Deshalb macht man Geschenke. Sein Hauptinteresse ist das Wohl des anderen, das ihm wichtiger sein kann als das eigene. Das ist Eltern-Verhalten. Am stärksten gilt es dem, den er wertschätzt. Es reicht aber bis zum Fremden: Er gibt dem Bettler, den er nicht kennt, und er spendet an Empfänger, die er nie sehen wird. Die Freude des anderen und sein Dank sind dann nur vorgestellt. Er will auch Anerkennung, und beides gehört zusammen. Er ist ein wesentlicher Kitt jeder Gemeinschaft. Er ist nicht der [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Vasall|Vasall]], der nach oben lobt, um an der Macht teilzuhaben. Er ist auch nicht der [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Fehlerfürchter|Fehlerfürchter]], der Missfallen vermeiden will und dafür formal korrekt und höflich ist, vielleicht auch ein Streber. Der Gefällige tut anderen Gutes.
:'''Was dafür spricht.''' Wer Geld für andere ausgibt, ist glücklicher als wer es für sich ausgibt (Dunn, Aknin und Norton 2008). Das fand sich in 120 von 136 Ländern (Aknin u. a. 2013). Gute Nachrichten zu teilen macht froh, und mehr, wenn das Gegenüber sich mitfreut, und es hängt bei Paaren mit besserer Beziehung zusammen (Gable u. a. 2004).
:'''Auch für Unbekannte.''' Schon anonymes freiwilliges Geben aktiviert die Belohnungsregionen stärker als die Zwangsabgabe (Harbaugh u. a. 2007, 19 Teilnehmerinnen).
:'''Gefälligkeit nach oben.''' Wer einer Autorität einen Gefallen tut, um Anerkennung oder Wertschätzung zu bekommen, macht einen Tauschhandel. Das ist der [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Vasall|Vasall]] oder das [[#Wuff Wuff (betteln um Anerkennung)|Wuff Wuff]]. Der Gefällige hilft auch, wenn es niemand erfährt.
:'''Bei Theophrast.''' Er heißt dort Ἀρέσκεια: „Affability is a sort of demeanor that gives pleasure at the sacrifice of what is best.“ Er ruft einen Freund schon von weitem an, überschüttet ihn mit Lob und lässt ihn nicht los. Vor Gericht will er auch dem Gegner gefallen. Beim Essen lässt er die Kinder rufen, sagt, sie ähnelten dem Vater „as one fig is like another“, und spielt mit ihnen.
:'''Wenn er entgleist.''' Theophrast beschreibt die Entgleisung. Überwiegt die Anerkennung, wird aus dem Gefälligen der Schmeichler, der dem anderen Recht gibt, auch gegen die Wahrheit. Aristoteles unterscheidet den Gefallsüchtigen ohne Eigennutz vom Schmeichler aus Eigennutz. Die Psychologie nennt das Extrem Soziotropie.


== Urschlummer ==
== Urschlummer ==
* Bild 2023: von HOMO · zu Gähn
* Stammbaum: von HOMO · zu Gähn, Murmel, Mümmel
* Erste Fassung: von HOMO · zu Murmel, Mümmel, Gähn
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Gähn ==
== Gähn ==
* Bild 2023: von Urschlummer · zu –
* Stammbaum: von Urschlummer · zu –
* Erste Fassung: von Urschlummer · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Murmel ==
== Murmel ==
* Erste Fassung: von Urschlummer · zu –
* Stammbaum: von Urschlummer · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  


== Mümmel ==
== Mümmel ==
* Erste Fassung: von Urschlummer · zu –
* Stammbaum: von Urschlummer · zu –
* Beschreibung:  
* Beschreibung:  
== Neid ==
* Stammbaum: von Revierverhalten/Gebiet · zu Troll, Häme
* Es ist eine Form von Revierverhalten.
* Trigger: Ein Rivale, der mir nah ist, bekommt oder kann, was in meinem eigenen Gebiet zählt. Beim Fremden und beim Unerreichbaren entsteht kein Neid, sondern Bewunderung.
* Bannung: offen.
* Entgleisung: der Neidkratzer. Jemand zieht mit dem Schlüssel eine lange Schramme in den Lack eines teuren Autos. Er hat nichts davon, außer dass der andere es auch nicht mehr hat.
* Beschreibung:
Es ist eine Form von Revierverhalten. So wie Ziegen ihren Rivalen bei der Fütterung wegboxen: Am Futtertrog stoßen die ranghohen Tiere die anderen mit dem Kopf weg, auch wenn genug für alle da ist. Es geht nicht ums Sattwerden. Es geht darum, dass der andere nicht frisst.
Man neidet, was der andere hat oder bekommt. Auch wenn man Fähigkeiten neidet, geht es darum.
'''Hunger:''' haben, was der andere hat. Oder wenigstens, dass der andere es auch nicht hat.
'''Der Trigger genau:''' Es ist mehr zwischen Bekannten, zwischen Rivalen. Und dann beherrscht es die Gedanken und führt zu Missgunst und zu Taten, um den anderen zu schädigen. Der Psychologe Abraham Tesser hat gezeigt, dass zwei Dinge zusammenkommen müssen: Der andere ist mir nah, Freund, Kollege, Bruder, Nachbar. Und er ist besser auf einem Gebiet, das für mich selbst zählt. Ist mein Freund ein besserer Schachspieler und mir ist Schach egal, freue ich mich für ihn. Ist er ein besserer Elektriker und ich bin Elektriker, dann sticht es.
'''Die Tat:''' In Tessers Versuchen durfte einer dem anderen bei einem Ratespiel Hinweise geben, leichte oder schwere. Hieß es, das Spiel sei belanglos, bekamen Freunde leichtere Hinweise als Fremde. Hieß es, das Spiel messe die Intelligenz, bekamen Freunde schwerere Hinweise als Fremde. Man bremst den Freund aus, nicht den Fremden.
'''Der Promi ist etwas anderes:''' Wer weit weg und unerreichbar ist, an Reichtum, Ruhm oder Fähigkeit, den beneidet man nicht, man bewundert ihn. Das gehört zur Verehrung/Bewunderung und zum Fan.
'''Zwei Formen:''' Der böse Neid will den anderen herunterziehen. Der gutartige Neid will selbst hinauf: „Das will ich auch schaffen.“ Er richtet sich oft auf jemanden, der ein Stück weiter, aber noch erreichbar ist.
'''Unter Gleichen:''' Aristoteles schreibt in seiner Rhetorik, man beneide die, die einem nahe sind an Zeit, Ort, Alter und Ansehen, und zitiert dafür Hesiod, um 700 vor Christus: „Der Töpfer grollt dem Töpfer, der Bettler dem Bettler, der Sänger dem Sänger.“ Man beneidet nicht den König, sondern den Nachbarn. Beide stehen am selben Trog.
'''Bilder:'''
* Schneewittchen: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Die Königin war die Schönste, bis der Spiegel eine andere nannte.
* Zwei Kinder bekommen verschieden große Kuchenstücke: „Der hat aber mehr!“
* Zwei Kapuzineraffen bekommen für dieselbe Aufgabe Gurke. Bekommt einer eine Weintraube, wirft der andere seine Gurke dem Forscher ins Gesicht.
* Das Gesetz von Jante, aus einem Roman von Aksel Sandemose, 1933, in Skandinavien sprichwörtlich: „Du sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist.“
'''Sprüche:'''
* ''„Warum der und nicht ich?“'' → Der Vergleich. Der Anfang von allem.
* ''„Der hat doch nur Glück gehabt.“'' / ''„Der hat eben Beziehungen.“'' → Den Erfolg kleinreden. Wenn es Glück war, hat er es nicht selbst geschafft, und ich bin nicht schlechter.
* ''„So toll ist das auch nicht.“'' → Saure Trauben. Aesops Fuchs springt nach den Trauben, kommt nicht dran und sagt im Weggehen: „Die sind mir ohnehin zu sauer.“
* ''„Das hat der doch gar nicht verdient.“'' → Die Maske der Gerechtigkeit. Der Neid verkleidet sich als Gerechtigkeitssinn.
* ''„Der hält sich wohl für was Besseres.“'' → Das Gesetz von Jante. Niemand darf herausragen.
* ''„Schön für dich.“'' / ''„Gönn ich dir.“'', durch die Zähne gesagt → Das Heucheln. Der Glückwunsch, der keiner ist.
* ''„Dem wird das Lachen schon noch vergehen.“'' → Die Vorfreude auf den Fall.
* ''„Hab ich doch gleich gesagt.“'', wenn es dann schiefgeht → Die Schadenfreude.
'''Im Gehirn:''' Japanische Forscher ließen 2009 Versuchspersonen Geschichten über erfolgreiche Mitschüler lesen. Beim Neid war ein Bereich aktiv, der auch bei Schmerz arbeitet. Als dem Beneideten danach ein Unglück passierte, sprang ein Bereich an, der bei Belohnung arbeitet. Neid tut weh, Schadenfreude tut gut.
'''Der gute Neid:''' Hesiod unterscheidet zwei Göttinnen des Streits. Die schlechte Eris bringt Krieg. Die gute Eris treibt den Faulen an, wenn er sieht, wie reich der fleißige Nachbar wird, sodass er selbst pflügt und pflanzt.
'''Verwandt:''' [[#Eifersucht|Eifersucht]] (die Eifersucht fürchtet zu verlieren, was sie hat; der Neid will haben, was der andere hat), [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Gerechtigkeitssinn|Gerechtigkeitssinn]], Häme, [[#Stammesbruder|Stammesbruder]]. Alle drei, Stammesbruder, Eifersucht und Neid, stammen vom Revierverhalten: das Revier der Gruppe, das Revier der Bindung, das Revier am Futtertrog.
== Revierverhalten/Gebiet ==
* Stammbaum: von – · zu Stammesbruder, Eifersucht, Neid, [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Trotz|Trotz]]
* Es ist der Kern der Eifersucht: Ein Rivale dringt in die Bindung ein. Beim Wolfsrudel: Man kennt die Gesichter, das Revier ist abgesteckt, der Fremde ist der Feind.
* Beschreibung:
:'''Überall.''' Viel Verhalten von Menschen lässt sich nur verstehen, wenn man weiß, dass es Revierkämpfe sind. Bei Tieren sind Revierkämpfe oft Standard: Ziegen boxen, Elche kämpfen. Bei manchen ist das so ernst, dass es Verletzte und Tote gibt.
:'''Dasselbe Zeichen.''' Der Bauer zäunt sein Feld ein. Der Goldsucher seinen Claim. Der Hund pisst an den Baum und Armstrong stellt die amerikanische Flagge auf. Das ist dasselbe.
:Von mir: '''Besitz im Tierreich.''' Reviere werden vor allem gegen Artgenossen verteidigt und mit Duft, Gesang oder Schauflügen markiert. Der Besitz wird meist respektiert, auch ohne dass ihn jemand durchsetzt: Wer zuerst da war, wird selten herausgefordert (Sherratt und Mesterton-Gibbons 2015). Stake (2004) sieht in den Rechtsregeln über Besitz und Priorität Spuren dieser Strategien.
:'''Sammler.''' Er pflegt und verteidigt seine Sammlung und identifiziert sich damit. Es fällt ihm schwer, etwas herzugeben, selbst wenn er Geld braucht.
:'''Eltern.''' Das Nest ist das Revier per se, nicht nur im Verhalten, sondern als Ort mit Mauer oder Zaun. Man nennt es Hausfriedensbruch, wenn es unerlaubt betreten wird.
:'''Beschützer.''' Wenn jemand die Kinder angreift, wird eine Mutter zum Berserker. Bei Säugetieren und Vögeln ist das die Regel. Bei Fischen und Reptilien eher nicht. Ausnahmen gibt es: Der männliche Stichling bewacht das Nest und verteidigt Eier und Junge gegen Eindringlinge, ebenso die Männchen der Sonnenbarsche (Britannica; Juneau Empire). Auch hier zeigt sich der Dämon ohne Maske in ganzer Stärke, wenn man das Revier betritt.
:'''Geltung.''' Das Revier ist hier der Rang. Es zeigt sich, wenn die Kompetenz angezweifelt wird, wenn der Rang oder die Stellung streitig gemacht wird oder wenn der Konkurrent sich mit fremden Federn schmückt. Auch die [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich#Arroganz|Arroganz]] ist Revierverhalten.
== Eitelkeit ==
* Stammbaum: von Geltung · zu Poser
* Varianten: Geck, Diva
* Die leere Form der Geltung.
* Beschreibung: Die Geltung, die durch die Zustimmung anderer gegeben wird: Preise und Auszeichnungen (siehe [[#Geltung|Geltung]]). La Rochefoucauld: „La vertu n'irait pas si loin si la vanité ne lui tenait compagnie.“ (Die Tugend käme nicht so weit, wenn die Eitelkeit ihr nicht Gesellschaft leistete.)
'''Das Wort.''' „Eitel“ hieß ursprünglich leer, nichtig (althochdeutsch ''ītal''), so wie das lateinische ''vanitas''. Die Leere steckt schon im Wort.
'''Ehrgeiz im Kleinen.''' Theophrast nennt den Eitlen Μικροφιλοτιμία, „Ehrgeiz im Kleinen“: „a striving for honor in small things“. Beim Essen will er neben dem Gastgeber sitzen. Er zahlt mit frisch geprägten Münzen. Seiner zahmen Dohle kauft er eine kleine Leiter und einen Schild aus Bronze. Stirbt sein Hund, setzt er ihm ein Denkmal: „Fido, Pure Maltese.“ Er kauft einen neuen Anzug, solange der alte noch gut ist, und seine Zähne sind immer weiß.
'''Von außen.''' Schopenhauer: „Demnach ist Stolz die von innen ausgehende, folglich direkte Hochschätzung seiner selbst; hingegen Eitelkeit das Streben, solche von außen her, also indirekt zu erlangen. Dem entsprechend macht die Eitelkeit gesprächig, der Stolz schweigsam.“ Jane Austen: „Pride relates more to our opinion of ourselves, vanity to what we would have others think of us.“
'''Was er sagt, was er fühlt.''' Die Eitelkeit lebt in der Lücke zwischen dem, was einer sagt, und dem, was er sich davon verspricht. Meist ist das keine Berechnung. Er glaubt selbst an das Bild, das er zeigt.
* '''Der Bescheidene''' sagt: „Ach, das war doch nichts Besonderes.“ Er hofft auf den Widerspruch: „Doch, das war großartig!“ So bekommt er das Lob und darf sich obendrein bescheiden fühlen. Manchmal verkleidet er das Angeben als Klage, etwa wenn er stöhnt, er komme vor lauter Einladungen zu nichts mehr. Die anderen durchschauen das meistens.
* '''Der Erfolgreiche''' sagt: „Eigentlich wollte ich nie Karriere machen. Es hat sich so ergeben.“ Der Erfolg soll mühelos aussehen, und gerade dafür will er bewundert werden.
* '''Der Gekränkte''' sagt: „Mir ist völlig egal, was andere über mich denken.“ Dann liegt er die halbe Nacht wach wegen einer einzigen Bemerkung. Wer am lautesten sagt, die Meinung der anderen sei ihm egal, hängt oft am stärksten an ihr.
* '''Der Unauffällige''' sagt: „Ich brauche keine Aufmerksamkeit, ich mach einfach mein Ding.“ Er möchte gerade dafür bewundert werden. Seine Eitelkeit ist, keine zu zeigen.
Das Gefühl verrät, was der Satz verbirgt. Lob hebt ihn, ausbleibendes Lob enttäuscht ihn, Kritik kränkt ihn, und wer mehr Beachtung bekommt, wird zum Rivalen. Er sieht sich mit den Augen der anderen. Darum macht die Eitelkeit abhängig, obwohl sie sich überlegen fühlen will: Sie muss sich immer wieder neu beweisen, denn sicher ist man der Bewunderung nie.
'''Eitelkeit heute.''' Der Spiegel der Königin hängt heute in jeder Hosentasche. Man fotografiert sich selbst, legt einen Filter darüber, der die Haut glättet und die Augen größer macht, stellt das Bild aus und wartet, ob der Spiegel antwortet. Die Antwort heißt Like. Lauren Sherman und Kollegen zeigten 2016 Jugendlichen im Hirnscanner Instagram-Fotos: Bilder mit vielen Likes erregten die Belohnungsregionen stärker, und die Jugendlichen gaben solchen Bildern auch selbst eher ein Like. Inzwischen lügt der Spiegel schöner, als die Wirklichkeit ist. Schönheitschirurgen berichten, dass Patienten nicht mehr mit Fotos von Stars kommen, sondern mit gefilterten Fotos von sich selbst. Sie wollen aussehen wie ihr eigenes Selfie (Susruthi Rajanala und Kollegen 2018, „Snapchat dysmorphia“).
Schopenhauers Satz gilt noch: Die Eitelkeit ist gesprächig, der Stolz schweigsam. Young Jee Han, Joseph Nunes und Xavier Drèze fanden 2010: Wer reich ist und Geltung braucht, kauft die Tasche mit dem großen Logo, die jeder erkennt. Wer reich ist und sie nicht braucht, kauft die Tasche ohne Logo, die nur Kenner erkennen. Der eine spricht zu allen, der andere nur zu seinesgleichen.
'''Sprüche:''' „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ – „Sehen und gesehen werden.“ – „Kleider machen Leute.“ – „Wer schön sein will, muss leiden.“
'''Schauspieler.''' Wer davon lebt, gesehen zu werden, ist oft eitel. Drew Pinsky und Mark Young ließen 2006 zweihundert Prominente einen Narzissmus-Fragebogen ausfüllen. Die Prominenten lagen deutlich über dem Durchschnitt, am höchsten die Stars aus dem Reality-Fernsehen, dann Komiker, Schauspieler und Musiker. Viele waren schon so, bevor sie berühmt wurden: Der Beruf zieht die Eitlen an. In Billy Wilders Film ''Sunset Boulevard'' (1950) sagt man der gealterten Stummfilmdiva Norma Desmond: „You used to be big.“ Sie antwortet: „I am big. It's the pictures that got small.“ Am Ende steigt sie die Treppe hinab, auf die Kamera zu: „All right, Mr. DeMille, I'm ready for my close-up.“
'''Stimmen.''' Auf Reddit sprechen Menschen offen darüber, und manchmal spricht der Dämon selbst.
* Über sich selbst: „I'm very vain in the sense I'm always aware of how good or not I look […] I will leave any situation, job, place, person etc if it worsens my looks.“ – „When I look good I feel good, and I care way too much about how people see me.“ – „Yes, I strut and preen.“ – „Main character energy so yes.“ – „sometimes I'm extremely vain and other times I feel inferior to everyone“ (r/Sagittarians, 2025). Im letzten Satz zeigt sich die Leere.
* Was andere hören: Eine Freundin begründet alles mit ihrem Aussehen: „I should have been invited to that party, I'm hot.“ – „I don't understand why we have to wait in this line, most of the time hot people get let in early.“ Eine andere fragt nach dem Treffen mit den Freunden ihres Partners: „did anyone tell you how pretty I was“ (r/AskMen, 2024).
* Schopenhauers gesprächige Eitelkeit, ein Ratschlag an Männer: „Never mention your nice car, then pick her up for a 3rd date, hot. Mentioning it up front, tacky.“ (r/Bumble, 2026)
* Männer über sich selbst: „I like staring at my reflection in shop windows.“ – „Have to check the bathroom mirror to make sure my abs are still there.“ – „I definitely check myself out in bathroom mirrors, window reflections. I can't help it I'm just too sexy“ – „I take a lot of satisfaction in the fact that I look good, then immediately feel guilty about it“ (r/AskMen, 2018).
* Die Eitelkeit missbilligt die, die nicht so sind wie sie. Ein Mann staunt, wie schlecht jüngere Männer aussehen: „When I look at men who are much younger than me and I'm amazed at how bad they look“. Jemand fragt zurück: „So, your vanity expresses itself through judgement of others?“ Ein anderer: „Not OP but yes, absolutely. It's kinda shitty but it's a gut reaction.“ (r/AskMen, 2018; siehe [[Stammbaum#Der Test|Der Test]])
:'''Der Geck.''' Eine Variante der Eitelkeit kommt vom [[#Putz|Putz]]: die Eitelkeit auf das eigene Aussehen, auf Kleidung, Frisur und Körper. Das Wörterbuch nennt den Gecken einen „eitlen (jungen) Mann mit auffallend modischer Kleidung und auffälligem Benehmen“ (DWDS). Die weibliche Variante ist die Diva. Die Eitelkeit selbst ist weiter: Auch ein hässlicher Gelehrter kann auf seine Intelligenz eitel sein. Dann hängt sie allein an der [[#Geltung|Geltung]].
:'''Die Diva.''' Das Wort heißt auf Italienisch „die Göttliche“ und war im 19. Jahrhundert ein Ehrenname berühmter Sängerinnen (Pfeifer). Das Wörterbuch nennt die Diva eine gefeierte Künstlerin, einen Star (DWDS). Zu ihr gehören Starallüren: Sie ist launisch, kapriziös und unnahbar und hält sich für etwas Besseres.
== Poser ==
* Stammbaum: von Eitelkeit · zu –
* Beschreibung: Der Poser ist ein Schauspieler für das Publikum. Vielleicht kann er auch etwas. Aber er stellt sich hin und macht eine Pose, damit das Publikum sie sieht. Früher haben Fußballer nach einem Tor gejubelt. Das war echt, das war [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Jubel|Jubel]] nach dem [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Sieg|Sieg]]. Heute machen sie Posen: Jeder soll sehen, was für ein Held ich bin. Auch die Influencer machen Posen für die Wirkung.
'''Siu.''' Cristiano Ronaldo sprang im August 2013 nach einem Tor gegen Chelsea in die Luft und rief „Siu“. Er sagt selbst, das sei spontan gewesen: „I just scored the goal and it came out. It was just natural. Since that, I started to do it more often.“ Aus echtem Jubel wurde durch Wiederholung eine Pose, sein Markenzeichen. Die Übergänge sind fließend.
'''Die Vorderbühne.''' Erving Goffman beschrieb 1959 das Alltagsleben als Theater, mit einer Vorderbühne, auf der man vor Publikum spielt, und einer Hinterbühne, auf der man unbeobachtet ist (''The Presentation of Self in Everyday Life''). Der Poser lebt auf der Vorderbühne.
'''Bei Theophrast''' ist der Eitle auch schon Poser. Den Kopf des geopferten Ochsen nagelt er gegenüber der Haustür an, damit jeder Besucher sieht, was er geopfert hat. Nach der Reiterparade gibt er die Ausrüstung dem Knecht und stolziert in Sporen über den Markt. Bei Vorführungen in seiner eigenen Halle kommt er als Letzter herein, damit die Zuschauer sagen: „That's the gentleman to whom the place belongs.“
'''Stimmen''' (Reddit): „Curates her life online to make it look more fun and exciting than it really is.“ (r/AskMen, 2024) – „Sometimes guys post unfriendly non-smiling gym photos of them staring at their own arm muscles“ (r/Bumble, 2026). Das Aufpumpen vor dem Auftritt: „Shit, I do push-ups before cutting the lawn shirtless!“ – „You don't keep dumbbells in your trunk to do a few curls right before picking up your dates?“ – „you never look as good as your pump.“ Einer nennt seine Schnellübung selbst „the douchebag session“ (r/Fitness, 2015). – „When I cosplay, I want my picture taken with everyone.“ (r/AskMen, 2018)
== Prahler ==
* Stammbaum: von [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Täuscher|Täuscher]], [[#Geltung|Geltung]] · zu –
* Auch: Angeber.
* Varianten: Aufschneider
* Beschreibung: Der Prahler behauptet mehr, als er kann, und tut auch mehr, als er kann. Er erkennt die Rangordnung im Können nicht an und glaubt, er stehe mit dem Meister auf einer Stufe. Gemeint ist das Können, nicht der menschliche Wert. Er gibt Phantasie-Erklärungen ab. Das ist keine bewusste Täuschung. Er lebt in einer Phantasiewelt und täuscht auch sich selbst. Diese Welt musste nie vor der Realität bestehen, da wäre sie gescheitert. Ihm wurde oft gesagt, dass er falsch liegt und unfähig ist. Aber das blendet er aus und erfindet von sich ein besseres Bild. Das ist chronisch: ein geschlossener Kreis (siehe [[Die Entstehung der Seele#Die Erfindung des Ich|Die Erfindung des Ich]]).
'''Der Aufschneider.''' Eine Variante des Prahlers ist der Aufschneider. Bei Theophrast heißt er Ἀλαζονεία: „Bragging is pretending to have excellences that one does not really possess.“ Er steht am Hafen und erzählt, wie viel Kapital er in Schiffen stecken hat, und schickt seinen Sklaven zur Bank, wo er eine Drachme hat. Er habe unter Alexander gedient und drei Briefe von Antipater bekommen, obwohl er nie aus seiner Stadt herausgekommen ist. In der Hungersnot habe er über fünf Talente für die Armen gegeben. Sein gemietetes Haus nennt er das Familienhaus und sagt, es sei zu klein für seine Freunde. Ob das Vermögen echt oder erfunden ist, ist für das Wesen irrelevant. Das Motiv ist dasselbe.
'''Besser sein wollen.''' Geltung zu wollen ist an sich etwas Positives. Sie ist der Treibstoff für viele Errungenschaften und Leistungen. Beim Prahler geht es aber darum, besser zu sein als die anderen. Das ist traurig, denn er ist von den anderen abhängig. Ohne Vergleich gibt es keinen Rang. Dabei kann man den Rang und die Leistung anderer auch anerkennen, unabhängig davon, ob sie mehr haben oder können (siehe [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Achtung|Achtung]]).
'''Wenn ein anderer mehr hat.''' Hat ein Nachbar das größere Haus oder das größere Auto, kommt der [[#Neid|Neid]] ins Spiel, wenn der andere ihm nah ist und es ein Gebiet ist, das ihm selbst zählt. Dann legt der Prahler nach, zieht den anderen herunter oder meidet den Vergleich. Der Neid ist sein Bruder: Auch er ist auf den Vergleich fixiert, und sein eigener Rang hängt von den anderen ab. Nach einer Umfrage von Solnick und Hemenway lehnten 48 % es ab, dass alle reicher werden, wenn das den eigenen Rang senkt.
'''Bei Theophrast''' erscheint er in zwei Gestalten. Der Übereifrige zeigt „an excess in saying or doing, — with good intentions, of course“ und verspricht öffentlich Dinge, die er nicht leisten kann. Der Prahler ist „pretending to have excellences that one does not really possess“.
'''Belege.''' Justin Kruger und David Dunning ließen 1999 Studenten nach einem Test schätzen, wie gut sie waren. Das schlechteste Viertel lag im 12. Perzentil und schätzte sich im 62. ein. Der Titel ihrer Studie: „Unskilled and unaware of it“. Wie stark das im Durchschnitt gilt, ist umstritten (Gilles Gignac und Marcin Zajenkowski 2020). Den Typ gibt es trotzdem. William von Hippel und Robert Trivers schrieben 2011, Selbsttäuschung sei entstanden, um andere besser zu täuschen: „self-deceptive self-enhancement also allows people to display more confidence than is warranted.“
'''Urtümlich.''' Der Angeber ist alt. Der Pfau schlägt sein Rad vor der Henne. Andere Tiere machen sich vor dem Rivalen größer, als sie sind: fast eine Drohgebärde, aber schon im Vorfeld, um einzuschüchtern, bevor es zum Kampf kommt. Rothirsche röhren um die Wette, wo ein Kampf droht, und das Röhren verrät dem Rivalen die Kampfkraft (Tim Clutton-Brock und Steve Albon 1979). Verliert ein Männchen der Winkerkrabbe seine große Schere, wächst eine neue nach, die gleich groß aussieht, aber leichter und schwächer ist. Damit blufft es: „Regenerated claws effectively bluff fighting ability and deter potential opponents before they fight.“ Auch die Weibchen fallen darauf herein. Bis zu 44 % der Männchen tragen solche Scheren (Patricia Backwell und Kollegen 2000). Das ist der Angeber in reiner Form: mehr zeigen, als da ist.
'''Die Balz ruft den Angeber.''' Ein Dämon kann innerhalb desselben Menschen einen anderen zu Hilfe rufen. Die Balz ruft den Angeber, so wie beim Feigling die Angst den Täuscher ruft. Das ist eine Abfolge, keine Abstammung. Ein Feldversuch: Junge Skateboarder wagten riskantere Tricks, wenn eine attraktive Frau zusah, und ihr Testosteron stieg (Richard Ronay und William von Hippel 2010).
'''Der Angeber vor Frauen – und vor Rivalinnen.''' Beim Menschen ist das Muster verbreitet. Derselbe Mann wirkt auf Frauen attraktiver, wenn er in einem Bentley sitzt; bei einer Frau am Steuer wirkt das nicht (Dunn & Searle 2010). Männer spenden deutlich mehr, wenn eine attraktive Frau zusieht; Frauen vor einem attraktiven Mann nicht (Iredale, Van Vugt & Dunbar 2008). Frauen geben auch an, nur anders: Sie investieren in Wirkung, Kosmetik ist eine ganze Industrie. Und Luxus zeigen sie oft anderen Frauen, als Mittel im Wettbewerb unter Rivalinnen (Hudders et al. 2014). Das ist wieder das Tier, das sich vor dem Rivalen größer macht.
Aber nicht jede Schminke und nicht jede teure Tasche ist Angeberei. Frauen tun das auch für sich selbst, nicht nur, um zu beeindrucken. Dann spricht [[#Geltung|Geltung]]: ''Ich bin wer.'' Das ist das gute Gefühl eines sicheren Reviers, kein Täuschen. Dasselbe Verhalten kann von verschiedenen Wesen kommen. Der Angeber braucht einen Zuschauer, den er übertrumpfen will. Geltung genügt sich selbst.
Vorsicht bei der Literatur: Viele Studien, die das Angeben durch „Paarungsstimmung“ auslösen wollten, ließen sich nicht wiederholen (Shanks et al. 2015).
== Stammesbruder ==
* Stammbaum: von Herde, Revierverhalten/Gebiet, Jagdtrieb · zu –
* Die Herde bringt das Zusammenhalten und das Ausstoßen der Abweichler, der Jagdtrieb die gemeinsame Jagd auf Minderheiten: Wölfe jagen gemeinsam und töten fremde Wölfe, die Schimpansen von Gombe stellten die Abtrünnigen in Gruppen und töteten sie einzeln.
* Verwandt: Revierverhalten/Gebiet; Fan und Kamerad; Verachtung gegen die Fremden.
* Wirkt bei vielen Wesen mit: beim Streber, beim Held, beim Krieger, beim Zwerg. Darum ist er kein Elternteil des Zwergs, sondern ein eigener Dämon.
* Trigger: die Kennzeichen (Trikot, Fahne, Dialekt), eine Bedrohung von außen, ein Abweichler in den eigenen Reihen.
* Bannung: offen.
* Beschreibung:
<poem>
Stammesbruder ist fundamental
Das wirkt bei ziemlich allen Gruppen Bildungen mit auf denen Zivilisationen beruhen
In Wahrheit gibt es nicht Nationen oder Firmen oder Gesellschaften oder Kunst oder Wissenschaft als Verbindung von Menschen
Da verbinden sich Menschen zu einem Stamm mit 50 anderen Menschen die sie kennen
Das ist die wirkende Dynamik
Auch wenn es ein Thema braucht mit dem sich ein Stamm identifiziert
Eine Lehre
Eine Ideologie
Aber abgesehen von Sinn oder Unsinn
Was da passiert ist Stammesverhalten
Da gibt es einen Kanon an gemeinsamen Symbolen, Masken, Kleidung, Haarschnitt, Fahnen, Ritualen, Sprüchen , Sprache
Und da wird auch peinlich darauf geachtet dass das eingehalten wird von denen die dazu gehören
Und dann sind die die nicht dazu gehören
Auf die wird mindestens herab geschaut
Und wenn es schlimm kommt gibt es auch Krieg und Verfolgung
Das ist eine unschöne Seite davon
Oft werden da Minderheiten gesucht
Als Feind der die Gruppe bedroht
Um die Truppe folgsam zu machen gegen den gemeinsamen Feind
Der Dämon Stammesbruder übernimmt das Ruder und schaltet das kritische Denken aus
</poem>
Jemand ist Mitglied vom Stamm. Stammesverhalten ist ein mächtiger Trieb, der sehr viel menschliches Verhalten erklärt. Überall bilden wir Gruppen mit einheitlichen Kennzeichen. Und um in die Gruppe aufgenommen zu werden, muss man Hürden überwinden.
'''Wie schnell er da ist:'''
* Robbers Cave, 1954: Zwei Gruppen von Jungen im Ferienlager, die sich vorher nicht kannten. Nach wenigen Tagen hatten sie Namen, die „Adler“ und die „Klapperschlangen“, eigene Fahnen und eigene Regeln. Bald verbrannten sie die Fahne der anderen und überfielen deren Hütte.
* Tajfel, 1970er-Jahre: Schüler wurden angeblich danach eingeteilt, ob sie Bilder von Klee oder von Kandinsky lieber mögen. In Wahrheit war es Zufall. Trotzdem gaben sie beim Verteilen von Geld der eigenen Gruppe mehr und verzichteten sogar auf Geld, nur damit der Abstand zur anderen Gruppe größer wurde.
'''Die Hürde:''' 1959 mussten Studentinnen, um in eine Diskussionsgruppe zu kommen, vor einem Mann peinliche Wörter laut vorlesen. Danach hörten alle dieselbe absichtlich langweilige Diskussion. Wer die peinliche Aufnahme durchgemacht hatte, fand die Gruppe besonders gut. Je höher die Hürde, desto wertvoller die Gruppe.
'''Kennzeichen und Hürden:'''
* '''Militär''': Kopf kahl, Uniform, Grundausbildung, Drill. Der Einzelne wird abgelegt, die Truppe wird angezogen.
* '''Fußball''': Schal, Trikot, Fangesänge. Schalke und Dortmund liegen 30 Kilometer auseinander und hassen sich neunzig Minuten lang.
* '''Berufe''': Der Zimmermann auf der Walz in schwarzer Kluft, drei Jahre und einen Tag unterwegs, nicht näher als 50 Kilometer an seinen Heimatort. Der Doktortitel bei den Akademikern. Die verschlüsselte Fachsprache des [[Zwerg]]s ist das Kennzeichen seines Stammes, der Aufnahmeritus.
* '''Studentenverbindungen''': der Schmiss von der Mensur, eine Narbe im Gesicht als Kennzeichen fürs Leben.
'''Alt:''' In Gombe in Tansania hat sich in den 1970er-Jahren eine Schimpansengruppe gespalten. Über vier Jahre hat die größere Gruppe die Männchen der abgespaltenen Gruppe einzeln aufgespürt und getötet. Vorher waren es Gruppenmitglieder.
'''Ein Stamm von 50:'''
* Der Anthropologe Robin Dunbar hat gezählt, wie groß menschliche Gruppen von selbst werden: etwa 5 enge Vertraute, 15 gute Freunde, 50 Leute, mit denen man lagert und jagt, 150, die man noch beim Namen kennt. Die 50 ist bei Jägern und Sammlern die Größe eines Lagers.
* Die Armeen haben das immer gewusst. Der Zug hat 30 bis 50 Mann, die Kompanie um die 150. Bei den Römern teilten sich 8 Mann ein Zelt.
* Shils und Janowitz befragten 1948 gefangene Wehrmachtssoldaten, warum sie bis zuletzt weiterkämpften, als der Krieg längst verloren war. Nicht die Ideologie hielt sie. Die meisten kämpften für die Männer neben ihnen im Graben.
'''Das Thema ist austauschbar:''' Bei Tajfel reichte die Frage, ob einem Klee oder Kandinsky besser gefällt, und in Wahrheit nicht einmal das.
'''Peinlich genau eingehalten:''' Wer aus der eigenen Gruppe abweicht, wird härter verurteilt als ein Fremder, der dasselbe tut. Die Psychologen nennen das den Schwarze-Schaf-Effekt. Der Abtrünnige ist schlimmer als der Feind.
'''Das kritische Denken ausgeschaltet:''' Solomon Asch, 1951. Eine Versuchsperson sitzt mit sieben anderen am Tisch, die heimlich eingeweiht sind. Alle sollen sagen, welche von drei Linien so lang ist wie eine vierte. Die Antwort ist offensichtlich. Aber die sieben sagen nacheinander laut die falsche. Etwa drei von vier Versuchspersonen haben mindestens einmal mitgemacht und gegen ihre eigenen Augen die falsche Linie genannt.
'''Der gemeinsame Feind:'''
* Das Wort Sündenbock kommt aus der Bibel. Am Versöhnungstag legte der Priester die Sünden des Volkes einem Ziegenbock auf und jagte ihn in die Wüste.
* Im Ferienlager von Robbers Cave wurden die verfeindeten Gruppen am Ende durch eine gemeinsame Bedrohung versöhnt: Die Wasserleitung des Lagers war angeblich sabotiert.
* Göring erklärte 1946 in Nürnberg dem Gefängnispsychologen Gilbert sinngemäß: Das Volk lässt sich immer zum Krieg bringen. Man muss ihm nur sagen, es werde angegriffen, und die Friedensfreunde als Vaterlandsverräter hinstellen.
'''Sprüche:'''
* ''„Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“'' → Freund oder Feind, kein Drittes.
* ''„Das macht man bei uns nicht.“'' → Die Regel des Stammes, ohne Begründung.
* ''„Die da.“'' → Der Fremde braucht keinen Namen.
'''Die andere Seite:''' Derselbe Dämon trägt den verletzten Kameraden aus dem Feuer. Ohne ihn gäbe es keine Feuerwehr und keine Bergwacht.
'''Offen:''' sein Ruf-Name.


[[Category:Daemon]]
[[Category:Daemon]]

Aktuelle Version vom 1. November 2026, 02:27 Uhr

Sammlung der Wesen, die übrigen Wurzeln unter HOMO.

Wesen 1: Raubtier – Wüterich · Wesen 2: Raubtier – Vampir · Wesen 3: Beutetier · Leib, Nest und Lust · Wesen 5: Noch ohne Ort

  • Die Wesen sind in starker Ausprägung beschrieben; die meisten sind in allen Menschen vorhanden oder abrufbar (siehe Grundlagen).

Wuff Wuff (betteln um Anerkennung)

  • Stammbaum: von Geltung · zu Streber
  • Die bettelnde Form der Geltung.
  • Beschreibung:

HOMO

  • Stammbaum: von – · zu Odem, Durst, Sunny, Balz, Elter, Sammler, Putz, Urschlummer, Beutetier, Hunger/Schlemmer, Raubtier, Herde, Begehren, Elf
  • Beschreibung:

Odem

  • Stammbaum: von HOMO · zu –
  • Beschreibung:

Durst

  • Stammbaum: von HOMO · zu –
  • Beschreibung:

Sunny

  • Stammbaum: von HOMO · zu –
  • Beschreibung:

Hunger/Schlemmer

  • Stammbaum: von HOMO · zu Ekel, Schmauß, Schmatz, Schmack, Trank, Mijam
  • Entgleisung: die Gier (Völlerei), siehe Was kein eigenes Wesen ist.
  • Beschreibung:

Ekel

  • Steckbrief: Ekel
  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu Horror, Öde, Verachtung, Nase rümpfen, Hass
  • Spruch: „Pfui“
  • Hunger: Das Verdorbene und Verunreinigte vom Mund und vom Körper fernhalten. Der Dämon will, dass es weg ist, oder dass man selbst weg ist.
  • Trigger: Kot, Erbrochenes, Aas, Schimmel, Maden, Schleim, fremde Körperflüssigkeiten. Dazu alles, was damit in Berührung kam.
  • Bannung: Abstand oder Reinigung. Er beruhigt sich, wenn das Ekelhafte weg ist oder man sich gewaschen hat.
  • Mimik: Die Nase ist gerümpft, die Oberlippe nach oben gezogen, der Mund verzogen, oft wird die Zunge herausgestreckt oder es würgt.
  • Haltung: Der Kopf geht zurück, der Körper dreht sich weg, die Hände wehren ab. Man hält Abstand.
  • Beschreibung:
Rangordnung und Reinheit. In vielen Kulturen oder Religionen wird eine Rangordnung gemacht: Reinheit, oder der Reine, im Gegensatz zum Unreinen. Bevor sich das vergeistigt hat, war das nichts Symbolisches. Das steht schon bei Nietzsche. Jedenfalls beinhaltet der Ekel eine Abscheu mit Blick auf den Unreinen, und darin ist eine Rangordnung.
Ja und Nein. Man sagt Ja und Nein und hält das für logische Kategorien. Aber letztendlich stammt das von körperlichen Reaktionen und basiert darauf und erhält auch heute noch daher den Sinn. Ekel ist eine Abwehr. Bei einem stärkeren Nein ist da auch Verärgerung.
Nietzsche schreibt in der Genealogie der Moral (1887, erste Abhandlung, §6), dass „rein“ und „unrein“ sich zum ersten Mal als Ständeabzeichen gegenüberstehen. Man solle die Begriffe nicht symbolisch nehmen: Sie seien anfangs „grob, plump, äusserlich, eng, geradezu und insbesondere unsymbolisch“ verstanden worden. Der „Reine“ sei von Anfang an bloß „ein Mensch, der sich wäscht, der sich gewisse Speisen verbietet, die Hautkrankheiten nach sich ziehen, der nicht mit den schmutzigen Weibern des niederen Volkes schläft, der einen Abscheu vor Blut hat“. Dumont (Homo Hierarchicus) beschreibt das indische Kastensystem durch den Gegensatz von rein und unrein: Die Brahmanen stehen für höchste Reinheit, die Unberührbaren für höchste Unreinheit. Mary Douglas (1966) bestimmt Schmutz als „matter out of place“, als Stoff am falschen Platz. Rozin u. a. (1999) ordnen drei Gefühle drei Moralordnungen zu: Ekel gehört zur Verletzung der Ordnung von Reinheit und Heiligkeit, Ärger zur Autonomie, Verachtung zur Gemeinschaft. Royzman u. a. (2014) fanden bei Verletzungen der Reinheitsordnung ohne Krankheitsbezug vor allem Ärger und nicht Ekel. Ob Ekel und Ärger dabei zusammenwirken oder sich ersetzen, ist umstritten.
Ein Schutz vor dem, was man in den Mund nehmen würde. Rozin und Fallon (1987) definieren Ekel als Abscheu vor dem Gedanken, etwas Anstößiges in den Mund zu nehmen. Curtis, de Barra und Aunger (2011) sehen ihn als ein System, das vor Ansteckung schützt. Der Dämon ist also eine Wache an der Tür des Körpers.
Berührung zählt. Rozin, Millman und Nemeroff (1986) ließen Versuchspersonen Saft trinken. Hatte eine sterilisierte tote Kakerlake ihn kurz berührt, wurde er abgelehnt. Auch Schokolade in der Form von Hundekot wollten viele nicht essen, obwohl sie wussten, was es war. Der Dämon fragt nicht nach Wissen. Er reagiert auf die Berührung und auf die Ähnlichkeit.
Der Ekel vor Menschen und Taten. Chapman u. a. (2009) fanden, dass bittere Geschmäcker, Bilder von Verschmutzung und unfaire Angebote in einem Spiel denselben Gesichtsmuskel (Levator labii) aktivierten, der die Oberlippe hebt. Moralischer Ekel benutzt also dieselbe Mimik wie Ekel vor Essen. Von dort kommt die Spur zu Verachtung und Nase rümpfen.
Der Ekel wird übertragen. Die Reaktion von Ekel wurde übertragen und zeigt sich nicht nur in Bezug auf Speisen oder Schmutz, sondern als Abscheu vor Verbrechern oder Minderheiten. Auch das Nase rümpfen gehört dazu. Eine ursprüngliche körperliche Reaktion wurde kultiviert und wird für verschiedene Funktionen eingesetzt.
Der Ekel wird gelernt. Interessant ist auch, dass das Objekt des Ekels teilweise erst durch die Mutter erlernt wird, zum Beispiel Regenwürmer oder Ausscheidung. „Iiiih. Das ist ekelhaft. Fass das nicht an.“ Das ist direktes Lernen. Das Kind sieht die körperliche Reaktion der Mutter, den Abscheu im Gesicht, und lernt den Ekel vor dem Objekt aus diesem Vorbild. So wird diese Verknüpfung erlernt.
Rozin, Haidt und Fincher (2009, „From Oral to Moral“) vertreten, dass Ekel als Ablehnung schlechter Geschmäcker begann und sich zu einer abstrakten Emotion ausdehnte. Tybur u. a. (2013) schreiben, dass Ekel zunächst die Vermeidung von Krankheitserregern motivierte und später für die Vermeidung von Sexualkontakt und für moralische Verstöße genutzt wurde. Die Fachwörter dafür sind „Preadaptation“ und „Co-optation“. Harris und Fiske (2006) zeigten Versuchspersonen im Scanner Bilder von Obdachlosen und Süchtigen. Nach den Zusammenfassungen fehlte dabei die übliche Aktivierung für das Denken über andere Menschen, dafür waren Amygdala und Insula aktiv; die Insula gilt als Ekelregion. Stevenson u. a. (2010) untersuchten Kinder von 0 bis 18 Jahren: Kernauslöser wie Kot erscheinen zuerst, Eltern kleiner Kinder zeigten ihren Kindern mehr Ekel und mehr Meidung, und die Reaktion der Kinder auf Tiere und auf sozial-moralische Auslöser entsprach der Reaktion der Eltern. Für Kot nennt die Zusammenfassung diesen Zusammenhang nicht, und kleine Kinder ohne Wissen über Ansteckung reagierten auf Kernauslöser ebenso stark wie Gleichaltrige mit diesem Wissen. Rozin u. a. (1986) fanden bei Kindern ab 16 Monaten, dass die Jüngsten mehr Ekelhaftes annahmen, die Mehrheit aber das meiste ablehnte. Dass das Kind den Ekel von der Mimik der Mutter lernt, ist mit diesen Studien nicht direkt nachgewiesen.
Der Ekel ist angeboren. Der Ekel gehört natürlich zu den Urdämonen. Der Psychologe Paul Ekman hat bei Naturvölkern dieselbe Mimik des Ekels dokumentiert wie bei uns. Also ist sie angeboren. Jemand las einen Text. In Zeitlupe war im Gesicht die Mimik starker Abscheu zu sehen. Das war ein Mikroausdruck von Ekel: die Abwehr im Augenblick, in dem eine Textstelle nicht verstanden wurde.
Von mir: Die Mimik des Ekels und das Deuten dieser Mimik sind zu trennen. Zur Mimik: Matsumoto und Willingham (2009) fanden bei Athleten der Paralympics 2004, die von Geburt an blind waren, dieselben spontanen Gesichtsausdrücke wie bei sehenden Athleten. Ich kenne nur Zusammenfassungen. Ob Ekman bei den Fore auch selbst gezeigte Ekel-Mimik dokumentiert hat, konnte ich nicht belegen. Zum Deuten: Ekman, Sorenson und Friesen (1969, Science 164) ließen Fore und Sadong Gesichtsausdrücke zuordnen. Die Fore erkannten den Ausdruck für Ekel und Verachtung zu 29 % (Pidgin) bzw. 44 % (Fore-Sprache), die Sadong wählten am häufigsten „Trauer“ (26 %) und „Freude“ (23 %). Ekman und Friesen (1971, Journal of Personality and Social Psychology 17) gaben den Fore Geschichten und drei Gesichter zur Wahl: Erwachsene wählten das Ekel-Gesicht zu 77 % bzw. 89 % (Zufall: 33 %), Kinder bei zwei Gesichtern zu 95 % bzw. 78 % (Zufall: 50 %). Ich kenne die Zahlen aus einem Lehrbuch (Yarwood), das die Tabellen wiedergibt. Das Deuten gelingt beim Ekel also schlechter als bei Freude. Gegenposition: Barrett u. a. (2019) bestreiten, dass sich Gefühle verlässlich aus dem Gesicht lesen lassen. Zum Mikroausdruck beim Nichtverstehen habe ich keine Studie gefunden. Rozin und Cohen (2003) fanden bei Amerikanern im Alltag häufig Ausdrücke, die sie als Verwirrung, Konzentration und Sorge deuteten; Verwirrung hat dort einen eigenen Ausdruck. Rozin u. a. (1994) beschreiben verschiedene Ekel-Gesichter für verschiedene Auslöser. Pochedly u. a. fanden, dass das Gefühl, das man dem Naserümpfen zuschreibt, davon abhängt, welche Gesichter vorher gezeigt wurden. Ich kenne alle drei nur aus den Zusammenfassungen. Der Ekel beim Nichtverstehen bleibt damit eine Beobachtung; sie passt zu „Der Ekel wird übertragen“. Zu Urgefühlen, Mikroausdrücken und Verhör siehe Das Unbewusste.
Die Kinder. Öde ist der Ekel vor dem Geschmacklosen. Horror entsteht aus Ekel und Schreck.
Entgleisung: Wer Menschen mit „Ungeziefer“ oder „Dreck“ belegt, ruft den Ekel gegen sie. Dann wird aus der Hygiene eine Ausgrenzung.

Öde

  • Stammbaum: von Ekel · zu Nörgler
  • Beschreibung:

Nase rümpfen

  • Stammbaum: von Ekel · zu Lästerer
  • Beschreibung:

Schmauß

  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
  • Beschreibung:

Schmatz

  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
  • Beschreibung:

Schmack

  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
  • Beschreibung:

Trank

  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu –
  • Beschreibung:

Mijam

  • Stammbaum: von Hunger/Schlemmer · zu Venus
  • Beschreibung:

Balz

  • Stammbaum: von HOMO · zu Liebe, Eifersucht
  • Beschreibung:

Aphrodite

  • Stammbaum: von Verehrung/Bewunderung · zu –
  • Beschreibung: Aphrodite ist die Bewunderung der Schönheit und Anmut eines Menschen, ohne dass man den Akt beabsichtigt oder sich ihn ausmalt. Man fühlt sich in der Nähe dieses Menschen gut, hat ein Hochgefühl und hält ihn für etwas Besonderes. Schönheit stimuliert, und vielleicht gehört etwas Verliebtheit dazu. Man will für die Verehrte etwas tun, auch ohne Tauschhandel. Aber etwas Nichtmaterielles will man doch: Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Kontakt.
Getrennt vom Begehren. Die sexuelle Absicht ist davon getrennt, auch wenn sie oft folgt. Umgekehrt gibt es Männer, die jede nehmen, die die Reize hat, unabhängig vom Charakter der Frau, sobald die Gelegenheit da ist. Das ist das Begehren.
Hindernisse. Was die Verehrung verhindern kann, ist bei jedem anders, etwa Falschheit oder Einbildung. Wer sie beim anderen findet, kann ihn nicht mehr verehren.
Die Macht. Aphrodite ist mächtig und verbreitet. Die halbe Zivilisation hängt davon ab, von Mode und Kosmetik bis zu Kunst, Musik und Architektur, und es wird viel dafür getan, selbst bewundert zu werden oder Schönheit zu haben.

Liebe

  • Stammbaum: von Balz, Beschützer, Verehrung/Bewunderung · zu Venus
  • Beschreibung: Liebe ist, dass einem der andere wichtig ist und man ihn schützen will. Der Beschützer hat dabei eine ganz starke Rolle. Die Liebe kann eine sexuelle Komponente haben, aber die kann auch fehlen. Die Mutter liebt ihr Kind.
Liebe und Begehren. Begehren gibt es auch ohne Liebe, und Liebe auch ohne Begehren. Das eine kann dem anderen folgen oder ausbleiben. Begehren kann die Liebe verstärken. Wo beides zusammenkommt, ist es Venus.
Verliebt. Das Begehren will sexuelle Nähe und Lust. Wer verliebt ist, will einen bestimmten Menschen, dessen Aufmerksamkeit, Zuneigung und möglichst exklusive Bindung. Beides kann zugleich aktiv sein: Ein Mädchen kann sich stundenlang vorstellen, wie ein bestimmter Junge sie küsst, berührt und begehrt. Das ist nicht einfach unschuldige Romantik. Und ein Junge kann genauso von einer bestimmten Person schwärmen, ohne dass sexuelle Befriedigung sein vorrangiges Ziel ist. Beides sind eigenständige, evolutionär miteinander gekoppelte Wesen. Das Verliebtsein stammt nicht vom Begehren ab.
Und die Bewunderung. Die Liebe hat auch von der Verehrung etwas, vom Staunen über den anderen. Die Bewunderung der Schönheit ist Aphrodite.

Eifersucht

  • Stammbaum: von Balz, Sammler, Zorn, Verehrung/Bewunderung, Revierverhalten/Gebiet, Elter · zu Stalker
  • Der Kern ist das Revierverhalten.
  • Trigger: der Rivale; der Blick des geliebten Menschen zu einem Dritten.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung:

Kern: Die Gefahr, eine Bindung zu verlieren, und zwar an einen Rivalen. Das ist Revierverhalten: Ein Rivale dringt in mein Revier ein, und das Revier ist hier eine Bindung.

Älter als Balz und Besitz:

  • Die Mutter spielt liebevoll mit einer lebensechten Puppe statt mit ihrem sechs Monate alten Baby. Das Baby wird unruhig und unglücklich, deutlich mehr, als wenn die Mutter nur in ein Buch schaut. Ein Säugling hat keine Balz und keinen Begriff von Besitz.
  • Der Besitzer streichelt einen Stoffhund, der bellt und mit dem Schwanz wedelt. Viele Hunde drängen sich dazwischen, manche schnappen nach dem Stoffhund.

Es gibt verschiedene Arten von Eifersucht, je nach Art der Bindung:

  • Zwischen Liebenden, von der Balz: der Nebenbuhler. Das Kleinlibellen-Männchen hält das Weibchen nach der Paarung mit seinen Zangen am Hals fest und fliegt mit ihr im Tandem, während sie die Eier ablegt.
  • Zwischen Geschwistern, vom Elter: Ein Baby kommt nach Hause, und das ältere Kind, zwei oder drei Jahre alt, will plötzlich wieder die Flasche und macht wieder ins Bett. Josef: Jakob liebt ihn mehr als die anderen Söhne und schenkt ihm einen bunten Rock. Die Brüder werfen ihn in eine Grube und verkaufen ihn. Es geht um die Gunst des Vaters.
  • Um Besitz, vom Sammler: „Er gehört mir.“ „Meine Frau.“ „Mein Schatz.“ Was man hat, gibt man nicht her.
  • Um einen Verehrten, von der Verehrung: Der Lieblingsschüler des Meisters wird von den anderen beneidet. Der Fan ist eifersüchtig auf die Freundin des Stars.
  • Der Ausbruch, vom Zorn: wenn der Rivale da ist.

Wertlosigkeit und Zurückweisung: Man hat auch ein Gefühl der Wertlosigkeit, der Zurückweisung, wenn der besondere Mensch einen anderen vorzieht. Der Rivale nimmt nicht nur den Menschen weg. Er sagt durch seine bloße Existenz: Du bist weniger wert als ich. Im Kopf kreist die Frage: „Was hat er, was ich nicht habe?“ Man vergleicht sich und verliert. Das liegt nahe bei Schmach und Scham.

Eifersucht und Neid: Eifersucht fürchtet zu verlieren, was man hat, an einen Rivalen. Neid will haben, was der andere hat. Das Gefühl der Wertlosigkeit entsteht im Vergleich mit dem Rivalen. Da treffen sich beide.

Das wird nicht bewertet. Eifersucht hat man in allen Kulturen gefunden, in denen man danach gesucht hat. Sie ist natürlich.

Venus

  • Stammbaum: von Liebe, Mijam, Begehren, Kuschel · zu –
  • Beschreibung: Venus ist die Liebe mit Begehren. Zur Liebe kommen das Begehren, der Kuschel mit der Lust an der Berührung und der Mijam mit der Lust am Genuss. Alle diese Teile gibt es auch einzeln. Begehren gibt es ohne Liebe, und Liebe ohne Begehren. Das eine kann dem anderen folgen oder ausbleiben. Begehren kann die Liebe verstärken. Venus ist der Fall, in dem alles zusammenkommt.
Die Abgrenzung. Aphrodite bewundert die Schönheit, ohne den Akt zu beabsichtigen. Das Begehren nimmt, was die Reize hat, ohne Rücksicht auf den Charakter. Venus verbindet die Liebe mit dem Begehren.

Begehren

  • Stammbaum: von HOMO · zu Ekstase, Venus
  • Entgleisung: die Gier (Wollust), siehe Was kein eigenes Wesen ist.
  • Spruch: „Du gefällst mir.“ „Bleib noch.“ „Komm näher.“ „Du siehst heute gut aus.“
  • Hunger: Berührung, Nähe und Vereinigung.
  • Gegendämon: Ekel und Angst.
  • Mimik: Die Pupillen sind weit, die Lippen leicht geöffnet, der Blick bleibt hängen, wendet sich ab und kehrt zurück.
  • Haltung: Der Körper wendet sich dem anderen zu, sucht Nähe und Berührung, die Stimme wird leiser und tiefer.
  • Bannung: Befriedigung beruhigt das Begehren vorübergehend. Auch Ablenkung, das Vermeiden von Reizen und eine bewusste Neubewertung der Situation können seinen Einfluss vermindern. Das Verlangen ist aber kein Befehl. Man kann es empfinden, ohne ihm zu folgen.
  • Beschreibung: Das Begehren richtet den Menschen auf einen anderen Menschen aus und treibt ihn zur sexuellen Vereinigung. Ein Reiz weckt es, die Erfüllung stillt es.
Trigger. Etwas fungiert als Trigger, was vorher keiner war. Begehren ist in der Entwicklung flüssig. Der Mensch hat gelernt, aufrecht zu gehen. Jetzt waren die Reize von hinten nicht mehr da, also brauchte es vorne auch Reize für die Stimulation. Außerdem wurde die Kindheit länger, also wurden die Milchdrüsen länger gebraucht. Auf einmal wurden Brüste sexy. Milchdrüsen haben auch Tiere, vielleicht waren es zuerst Fettreserven.
Von mir: Form, Kontext, Schablone. Ein Trigger besteht aus drei Teilen: einem Merkmal, einem Zusammenhang und einer Richtung des Begehrens. Brustwarzen sehen bei Mann und Frau ähnlich aus und lösen doch nur im Zusammenspiel mit der Richtung aus.
Von mir: Angeborene und gelernte Auslöser. Es gibt Auslöser, die bevorzugt wirken: ein Taille-Hüft-Verhältnis um 0,7, Jugend, Gesundheit. Daneben kann das Begehren auf andere Reize geprägt werden. Beim Fetischisten sind es Gummi, Büstenhalter oder Schuhe. Der geprägte Auslöser wirkt wie ein angeborener: Er erregt und er befriedigt.
Von mir: Übernormale Reize. Ein Reiz kann stärker wirken als sein Vorbild: Lippenstift, Zucker, Fett, Bildbearbeitung. Die Silbermöwe brütet auf einem Ei, das größer ist als ihr eigenes.
Der Reiz verspricht. Der Reiz verspricht den Vollzug und weckt den Dämon. Das ist seine Funktion. Der Duft macht Hunger auf Brötchen. Die Schachtel macht Japp auf den Kick vom Nikotin.
Von mir: Weitere Trigger. Knappheit (nur noch zwei), Nachahmung (der andere will es, also will ich es auch), Neuheit (das Überraschungsei), Besitz (was mir gehört, wird wertvoll), Zeichen für Belohnung (die Verpackung, der Geruch aus der Bäckerei), Status (das Auto des Nachbarn).
Von mir: Die Sperre. Gegenspieler der Trigger ist die Gewöhnung. Wer als Kind zusammen aufwächst, findet sich später nicht mehr anziehend, und wer etwas zu lange hat, mag es nicht mehr.
Von mir: Gas und Bremse. Das Begehren hat zwei getrennte Systeme: eines, das erregt, und eines, das hemmt. Menschen unterscheiden sich in beidem (Bancroft & Janssen 2000). Gehemmt wird durch die Angst zu versagen und durch die Angst vor den Folgen.
Von mir: Der Ekel als Gegenspieler. Speichel, Schweiß und Körpergerüche wecken außerhalb der Lust Ekel. Sexuelle Erregung schwächt den Ekel (PLoS ONE 2012). Umgekehrt dämpfen Zeichen von Krankheit und Schmutz die Erregung (PLoS ONE 2015).
Von mir: Lust kommt oft erst beim Tun. Das Begehren muss nicht vor dem Reiz da sein. Oft entsteht es erst, wenn der Reiz wirkt. Basson hat das 2000 für Frauen beschrieben.
Von mir: Das Zeichen. Frauen steuern die Begegnung zwischen Fremden und entscheiden über deren Ausgang (Grammer u. a. 2000, Videoanalyse). Männer erkennen einen weiblichen Gesichtsausdruck zuverlässig als Flirt (Journal of Sex Research 2020).
Von mir: Die Pupille. Die Pupille erweitert sich bei erotischen Bildern innerhalb einer halben Sekunde (Psychophysiology 2017). Bei heterosexuellen und schwulen Männern folgt sie klar der Ausrichtung des Begehrens, bei Frauen weniger deutlich (Rieger u. a. 2015; Meta-Analyse 2021). Sie verrät den Erregten. Schöner macht sie ihn nicht: Engere Pupillen wirken sogar attraktiver (Cognition 2024).
Von mir: Die Stimme. Männer senken die Stimme, wenn eine Frau begehrt ist und wenn sie bei einer Verabredung die Frau gewählt haben (Proceedings B 2019). Bei Jägern und Sammlern haben Männer mit tiefer Stimme mehr Kinder (Apicella u. a. 2007).
Von mir: Die Abwechslung. Begehren und Erregung sinken bei Gewöhnung an den Partner und steigen bei einem neuen (Übersicht 2014). In Versuchen zeigen Männer stärkere Vorliebe für sexuelle Abwechslung, den Coolidge-Effekt (Archives of Sexual Behavior 2020). Eine Befragung in 52 Ländern fand den Wunsch nach mehr Partnern bei Männern durchgehend (Schmitt 2003).
Von mir: Lust, Anziehung, Bindung. Bei Säugetieren trennt Fisher (1998) drei Systeme: die Lust, die zur sexuellen Vereinigung treibt, die Anziehung zu einem bestimmten Partner und die Bindung. Das Begehren ist die erste. Die beiden anderen entsprechen Venus und dem Wesen der Liebe. Der Kuss dient dabei auch der Prüfung des Partners, besonders bei Frauen (Hughes & Kruger 2014).
Handlungsweise. Das Begehren lenkt die Aufmerksamkeit auf sexuelle Reize. Es verändert die Wahrnehmung: Ein Mensch wird plötzlich nicht mehr hauptsächlich als Gesprächspartner, sondern als begehrenswerter Körper wahrgenommen. Es kann Annäherungsverhalten, Flirten, Imponieren, Fantasieren und die Suche nach Intimität auslösen. Bei starker Aktivierung verändert es sogar die Bewertung von Risiken und Konsequenzen. Was vorher unvernünftig erschien, kann plötzlich verlockend wirken. Dabei ist es nicht zwangsläufig rücksichtslos. Sexuelles Begehren kann mit Zärtlichkeit, Rücksicht und gegenseitiger Lust verbunden sein. Es kann aber auch mit Besitzdenken, Eifersucht oder Dominanzstreben zusammenwirken.
Was es fühlt. Das charakteristische Gefühl ist Lust auf etwas, das noch nicht stattgefunden hat. Dazu gehören körperliche Erregung, Erwartung, Spannung, Ungeduld und ein starkes Hinziehen zum begehrten Menschen. Das unterscheidet es vom Mijam: Der Mijam erfreut sich an einer gegenwärtigen Empfindung. Das Begehren verlangt nach einer zukünftigen.
Das Eigenleben. Sexuelles Begehren kann ohne bewusste Entscheidung entstehen. Ein Reiz aktiviert den Trieb, der anschließend selbst nach weiteren Reizen sucht. Er kann Erinnerungen hervorrufen, Fantasien entwickeln und die Aufmerksamkeit immer wieder auf sein Ziel zurücklenken. Das Begehren erzeugt damit teilweise selbst die Bedingungen für seine weitere Aktivierung.
Verbindungen. Das Begehren kann sich mit anderen Wesen verbinden:
  • Beschützer: Aus sexueller Anziehung entwickelt sich Zärtlichkeit und Fürsorge.
  • Eitelkeit: Der sexuelle Erfolg wird zum Beweis der eigenen Attraktivität.
  • Eifersucht: Das Begehren will verhindern, dass ein anderer bekommt, was es selbst begehrt.
  • Venus: Das sexuelle Verlangen verbindet sich mit Idealisierung und dem Wunsch nach dauerhafter Nähe.
Lust, nicht Kinder. Das Begehren verfolgt kein bewusstes Fortpflanzungsziel. Evolutionär wurde der Trieb durch seinen Beitrag zur Fortpflanzung begünstigt. Aber das Wesen selbst will Lust, nicht Kinder.
Das eigene Wesen. Hier zeigt sich sehr deutlich, wie es ein eigenständiges Wesen ist. Es erwacht mit der Pubertät, kann aber vorher auch schon schwächer da sein. Aber dann beherrscht es die Gedanken. Da setzt ein bestimmtes Wesen die Ziele.
Reiz ohne Mögen. Man kann eine Person begehren, nur wegen der Trigger oder Reize, selbst wenn man die nicht mag, oder Bilder. Bilder werden zum Beispiel von der Pornographie genutzt. Das ist eine Milliardenindustrie, die den Bedarf nutzt.
Das Nachlassen. Später nimmt es ab, so ab 30 bis 50. Aber das ist individuell. Wenn der Trieb erlischt, hat man die Erinnerung, aber nicht mehr wirklich das Verständnis davon.
Von mir: Der wilde Herr. In Platons Politeia (Buch I) erzählt Kephalos, dass der Dichter Sophokles im Alter gefragt wurde, ob er noch zur Liebe fähig sei. Er antwortete sinngemäß, er sei ihr mit großer Freude entkommen, wie einem wilden und rasenden Herrn.
Von mir: Heiß und kalt. Wer nicht im Zustand eines Triebs ist, unterschätzt, wie stark der Trieb wirkt, wenn er da ist. Loewenstein (1996) nennt das die Empathielücke zwischen heißen und kalten Zuständen. Sie gilt für Hunger, Durst, Zorn und sexuelle Erregung. Deshalb bleibt die Erinnerung, aber nicht das Verständnis.
Von mir: Das Nachlassen im Verlauf. In der Massachusetts Male Aging Study wurden 1.085 Männer zwischen 40 und 70 neun Jahre lang beobachtet. Die sexuelle Funktion nahm ab, bei den Älteren stärker (2004).
Von mir: Wie oft. Studierende zählten eine Woche lang ihre Gedanken. Männer kamen im Median auf knapp 19 Gedanken an Sex am Tag, Frauen auf knapp 10. Die Spanne reichte von 1 bis 388 bei Männern und von 1 bis 140 bei Frauen. Die Männer dachten auch öfter an Essen und Schlaf. Das Klischee „alle sieben Sekunden“ stimmt nicht (Fisher u. a., Journal of Sex Research 2012).
Von mir: Erregung gegen Urteil. Ariely und Loewenstein (2006) befragten Studenten einmal neutral und einmal erregt. Erregt hielten sie vieles für attraktiv, was sie neutral abgelehnt hatten. Sie waren auch eher bereit, ein „Nein“ zu übergehen (20 gegenüber 45 auf einer Skala von 0 bis 100), und die Bereitschaft zum Kondom sank. Es waren Selbstauskünfte von etwa 24 Männern.
Von mir: Der Körper folgt nicht, das Wesen bleibt. Von 76 Männern zwischen 69 und 80 Jahren unter Androgenentzug gaben 29 an, noch Interesse an Sex zu haben. Nur zwei waren noch aktiv (Fode u. a., Journal of Sexual Medicine 2020).
Von mir: Der große Dämon. In Platons Symposion sagt Diotima, Eros sei ein großer Dämon und stehe, wie alle Dämonen, zwischen dem Göttlichen und dem Sterblichen (202e).

Ekstase

  • Stammbaum: von Begehren · zu –
  • Beschreibung:

Elter

  • Stammbaum: von HOMO · zu Beschützer, Nestbau, Eifersucht, Beschwichtiger
  • Beschreibung:

Beschützer

  • Stammbaum: von Elter, Krieger · zu Liebe
  • Hunger: Für ein Wesen sorgen. Das gibt Erfüllung und Sinn: Für jemand anderen zu sorgen, ist das, was die Frau meint, die verzweifelt Kinder bekommen möchte. Es ist auch ein Instinkt, der für den Fortbestand da ist. Eltern freuen sich über ihre Kinder. Auch der Enkel ist für die Großeltern ein großes Glück und eine Erfüllung. Eltern berichten etwas mehr Sinn im Leben als Nichteltern, bei Frauen deutlicher (Apostolou u. a. 2026). Eltern leben im Alter länger als Kinderlose, ab 60 etwa 2 Jahre bei Männern und 1,5 Jahre bei Frauen (Modig u. a. 2017). Großeltern, die Enkel betreuen, sind zufriedener (SHARE, 95.594 Befragte) und haben ein um 37 % niedrigeres Sterberisiko (Hilbrand u. a. 2017). Das Betreuen ist dabei der Faktor, nicht das bloße Dasein der Enkel.
  • Trigger: Hilfsbedürftigkeit. Das Kindchenschema wirkt, die Bambi-Augen, auch bei Männern. Andere Tiere haben andere Trigger, bei Vögeln der aufgesperrte Schnabel der Jungen. Fremde Kinder sind auch süß, führen aber nicht zu dieser Fürsorge. Das hängt davon ab, ob man sich verbunden fühlt, und in der Regel gibt es am Anfang eine Prägung. Babys mit stärkerem Kindchenschema werden als süßer bewertet und wecken mehr Fürsorge (Glocker u. a. 2009). Bei Gull-Küken ist es der rote Fleck am Schnabel der Eltern (Tinbergen und Perdeck 1950). Mütter erkennen ihr Neugeborenes nach kurzem Kontakt am Geruch (Kaitz u. a. 1987). Bei Frauen wirken große Augen attraktiv (Cunningham 1986).
  • Bannung: Durch Enttäuschung oder Zurückweisung. Eltern verstoßen ihren Sohn, wenn er in ihrer Vorstellung missraten ist: faul, frech, undankbar. Dazu gehört aber einiges. Meist bleibt die Mutterliebe trotzdem bestehen.
  • Beschreibung:
Die Pflege. Der Beschützer pflegt die Nachkommen, das ist seine primäre Aktivität. Eltern opfern dafür sehr viel Zeit und Energie. Zu den Diensten gehören: Sicherheit im Heim (siehe Nestbau), Ernährung, Lehre, Trost und Forderung.
Ernährung. Kohlmeisen-Eltern fliegen etwa 12 bis 15 Mal pro Stunde ans Nest (Barba u. a. 2009).
Lehre. Bei Erdmännchen entschärfen Helfer Skorpione und geben den Jungen mit dem Alter lebendere Beute (Thornton und McAuliffe 2006).
Trost. Junge Rhesusaffen klammerten sich an eine Stoffmutter und liefen bei Schreck zu ihr, auch wenn eine Drahtmutter sie fütterte (Harlow).
Forderung. Eltern, die warm sind und klare Regeln begründet fordern, haben die günstigsten Folgen für die Kinder (Baumrind).
Der Aufwand. Eltern von zwei Kindern wenden etwa 7,5 Stunden am Tag auf (Bryant und Zick 1996).
Die Verteidigung. Wenn jemand die Kinder angreift, wird eine Mutter zum Berserker (siehe Revierverhalten).
Sprüche. Der Beschützer spricht zuerst in Sorge:
  • Bist du warm genug angezogen?
  • Zieh dich warm an!
  • Isst du auch genug?
  • Fahr vorsichtig!
  • Ruf an, wenn du angekommen bist!
  • Warum meldest du dich nicht, ist was passiert?
  • Ich mach mir doch nur Sorgen.
  • Ich meine es doch nur gut mit dir.
Dann in Zusagen:
  • Egal wann, egal von wo, egal was ist: Du rufst mich an und ich komme dich holen.
  • Du kannst IMMER nach Hause zurückkommen; wir werden immer für dich da sein!
  • Ganz egal, was passiert oder was du tust: Ich werde dich immer lieben!
  • Keine Angst, ich bin bei dir.
  • Dir passiert nichts, solange ich hier bin.
  • Ich passe auf dich auf.
  • Pass auf dich auf.
  • Du musst da nicht allein durch.
  • Komm, ich helfe dir.
  • Ich lasse dich nicht im Stich.
  • Du kannst dich auf mich verlassen.
  • Ich kümmere mich darum.
  • Solange ich da bin, wird keiner zurückgelassen.
In der Verteidigung:
  • Lass ihn in Ruhe!
  • Niemand tut dir etwas.
  • Stell dich hinter mich.
  • Wenn du Streit willst, dann mit mir.
  • Leg dich mit jemandem an, der sich wehren kann!
  • Do not touch my kid.
  • don't touch peoples kids
  • yeah, I'm not going to hand her over
  • ok but not HIS MOM
Und wenn er zu weit geht:
  • Ich weiß, was gut für dich ist.
  • Das ist zu gefährlich für dich.
  • Lass mich das lieber machen.
Mit dem Krieger. Der Beschützer arbeitet mit dem Krieger zusammen. Eine Mutter kämpft auch gegen stärkere Feinde und entwickelt dabei Kräfte, die sie oft gewinnen lassen. Da schlägt auch ein Vogel einen starken Greifvogel in die Flucht.
Überbehütung. Die Mutter will das Kind schützen und lässt ihm deshalb keinen Auslauf. Keine Erfahrung, die gefährlich sein könnte. Oder sie kaut ihm alles vor und schreibt ihm vor. Auch will sie nicht loslassen.
Was sie bewirkt. Das Kind lernt nicht, was es sich zutrauen kann. Wer nie hingefallen ist, kennt den Schmerz nicht und weiß nicht, wie man wieder aufsteht. Wer nie selbst entscheiden durfte, hat das Entscheiden nicht geübt und fragt weiter die Mutter. Es bleibt abhängig von ihr. Und weil sie nicht loslässt, kommt es auch später schwer los.
Warum sie nicht loslässt. Der Hunger des Beschützers bleibt, wenn das Kind selbstständig wird. Es fehlt ihm die Nahrung: jemand, für den er sorgen kann. Also hält die Mutter das Kind klein.
Wenn die Kinder gehen. Die Kinder ziehen aus. Das Zimmer ist leer. Niemand muss mehr geweckt, bekocht und erinnert werden. Der Hunger bleibt, es fehlt die Nahrung. Manche Mütter rufen dann weiter täglich an und fragen, ob das Kind genug gegessen hat. Andere wenden sich den Enkeln zu, einem Haustier oder einer Aufgabe, in der sie für andere sorgen können.
Wenn das Kind stirbt. Dann bleibt der Hunger bei einem Wesen, das nichts mehr zu versorgen hat. Manche Eltern lassen das Zimmer jahrelang so, wie es war. Das Sorgen hört nicht auf, es geht ins Leere. Viele Eltern sagen, das sei das Schlimmste, was ihnen geschehen konnte.

Nestbau

  • Stammbaum: von Elter, Sammler · zu –
  • Beschreibung:
Das Nest als Revier. Das Nest ist das Revier per se, nicht nur im Verhalten, sondern als Ort mit Mauer oder Zaun. Das Gesetz kennt den Hausfriedensbruch, wenn es unerlaubt betreten wird (§ 123 StGB).
Wenn es betreten wird. Einbruchsopfer reagieren mit Wut (72 %), Schlafstörungen (57 %) und Angst (39 %), viele fühlen sich verletzt (Victim Support 2005, 545 Opfer). Etwa ein Viertel ist ernsthaft erschüttert, nach über einem Monat hat sich nur ein Drittel erholt (British Journal of Criminology 1980, 322 Opfer).
Bei den Tieren. Singvögel markieren ihr Revier mit Gesang, viele Säugetiere mit Duftmarken. Reicht die Ankündigung nicht, folgen Verfolgung und Kampf. Bei Möwen in Kolonien ist das Revier nur das Nest selbst. Wolfsrudel verteidigen das Gebiet, in dem sie jagen und leben (Britannica).
Wozu. Das Revier dient der Brutpflege, ungestörter Paarung, der Nahrung für die Jungen und dem Abstand zu Artgenossen (Britannica).

Beschwichtiger

  • Auch: Tröster
  • Stammbaum: von Elter · zu Gelassen
  • Hunger: Ruhe. Dass der Sturm sich legt, in einem selbst oder im anderen.
  • Trigger: Stress, Schmerz, Aufregung, die eigene oder die eines anderen.
  • Beschreibung:
Herkunft. Das Kind hat sich wehgetan. Die Mutter nimmt es auf den Arm und sagt: „Ist ja gut, ist gleich vorbei.“ Das wiederholt sich, bis das Kind diese Stimme selbst hat. Der Beschwichtiger ist der Tröster, der nach innen gewandert ist. Er spricht zu einem selbst, wie damals die Eltern gesprochen haben. Weil man ihn hat, kann man ihn auch anderen leihen: Er tröstet, besänftigt, entschärft einen Streit. Er wirkt in beide Richtungen.
Bei den Tieren. Wenn die Lage gespannt ist, gähnt der Hund, wendet den Kopf ab, schnüffelt am Boden oder leckt sich über die Nase. Die Hundetrainerin Turid Rugaas nennt das Beschwichtigungssignale. Schimpansen suchen nach einem Kampf den Kontakt: Die Gegner versöhnen sich mit einem Kuss, und ein Dritter umarmt den, der angegriffen wurde (de Waal und van Roosmalen 1979).
Sprüche. Die richtigen Sprüche sind wie ein Mantra und nehmen den Stress erst mal raus. Das muss man lernen und sich aneignen: Sich selbst in stressigen Momenten zu beruhigen.
  • Das ist ein lösbares Problem
  • Bleib cool
  • Morgen geht die Sonne auch noch auf
  • Es gibt Schlimmeres
  • Immer mit der Ruhe
  • Alles wird gut. Es wird alles gut.
  • Man muss das kosmisch sehen
  • Scheiß drauf
  • dumm gelaufen
  • Morgen lach` ich darüber
  • Immer schön der Reihe nach
  • Und wenn schon
  • Auch das geht vorbei
  • Irgend ne Scheiße hat man immer am Hacken
  • Eins nach dem Anderen
  • Erst mal schauen
  • Notfalls hole ich mir Hilfe
Wie die Sprüche wirken. Sie schaffen Abstand. Abstand in der Zeit: „Morgen lach` ich darüber“, „Auch das geht vorbei“. Abstand im Raum: „Man muss das kosmisch sehen“, „Es gibt Schlimmeres“. Sie zerlegen den Berg: „Eins nach dem Anderen“, „Erst mal schauen“. Oder sie lassen los: „Scheiß drauf“, „Und wenn schon“. Bei „dumm gelaufen“ ist der Kobold nicht weit. Der Psychologe Ethan Kross hat gezeigt, dass schon die Form des Selbstgesprächs zählt: Wer unter Stress mit sich spricht wie mit einem anderen, mit dem eigenen Namen oder mit „du“ statt „ich“, hat weniger Angst und grübelt danach weniger (Kross u. a. 2014).
Ohne ihn. Ohne Beschwichtiger gerät man in Dauerstress oder Panik. Er beruhigt andere oder sich selbst. Auch Sportler sprechen sich vor der Leistung Mut zu. Muhammad Ali verkündete: „Ich bin der Größte.“ Er sagte, er habe es gesagt, noch bevor er es wusste, und es so oft wiederholt, bis die Welt es glaubte (Ali Center, „In His Own Words“).

Herde

  • Stammbaum: von HOMO · zu Stammesbruder
  • Trigger: Gefahr, und vor allem die Flucht der anderen. Wenn einer rennt, rennen alle.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung:

Die Herde ist die Wurzel und biologische Grundlage. Ohne diesen Instinkt gäbe es kein Stammesverhalten. Nietzsche nannte es den Herdentrieb.

Gleichheit schützt, Abweichung ist gefährlich:

  • Im Fischschwarm stößt niemand den Abweichler aus, das erledigt der Räuber. In einem Versuch wurden einige Fische farbig markiert. Die Raubfische schnappten bevorzugt die markierten, weil sie herausstachen. Darum suchen sich Fische Schwärme, in denen alle so aussehen wie sie selbst.
  • Hat eine Henne eine Wunde oder einen roten Fleck, hacken die anderen darauf ein, manchmal bis zum Tod. Geflügelhalter hängen darum rotes Licht in den Stall.
  • Am Eingang des Bienenstocks prüfen Wächterinnen den Geruch. Eine Biene mit fremdem Stockgeruch wird abgewehrt oder getötet. Reibt man eine Ameise mit dem Geruch eines fremden Nests ein, greifen ihre eigenen Schwestern sie an.
  • E. O. Wilson bestrich lebende Ameisen mit Ölsäure, dem Geruch toter Ameisen. Die Schwestern trugen die lebende, zappelnde Ameise auf den Abfallhaufen. Sie kam zurück und wurde wieder hinausgetragen, bis der Geruch verflogen war. Das Kennzeichen zählt mehr als das, was man sieht.
  • In Gombe brach 1966 Kinderlähmung aus. Jane Goodall beschrieb einen gelähmten Schimpansen, der sich nur noch schleppen konnte. Die anderen erschraken vor seiner fremden Bewegung, einige griffen ihn an, und sie wollten ihn nicht mehr lausen.

Glück in der Menge: Die Herde ist die Anpassung an die Masse. Das Schaf ist glücklich in der Herde von Gleichgesinnten. Nach einem Konzert sagen die Leute: „Da war richtig viel los. Das war toll.“ Das ist pure Biologie.

  • Émile Durkheim nannte es 1912 die kollektive Efferveszenz: Wenn eine Gemeinschaft zusammenkommt und gleichzeitig dasselbe denkt oder tut, wallt eine gemeinsame Energie auf, die den Einzelnen erregt und die Gruppe eint. Für Durkheim ist das die Wurzel der Religion: Die Energie der Versammlung geht auf ein Symbol oder einen Menschen über, und der wird heilig (siehe Fan).
  • Bronwyn Tarr, Jacques Launay, Emma Cohen und Robin Dunbar ließen 2015 Menschen gemeinsam tanzen. Gleichzeitige Bewegung und Anstrengung erhöhten jede für sich die Schmerzschwelle, ein Zeichen für ausgeschüttete Endorphine, und stärkten die Bindung an die Gruppe.
  • Beim Pilgerfest Magh Mela in Indien hatten sich Gesundheit und Wohlbefinden der Pilger nach dem Fest verbessert (Tewari u. a. 2012). Wer die Menge als Gemeinschaft Gleichgesinnter erlebte, hatte ein besseres Erlebnis.

Herde allein ist noch kein Stamm: Eine Gnuherde in der Serengeti zählt Hunderttausende Tiere. Keines kennt die anderen, kein Fremder wird ausgestoßen. Wer mitläuft, gehört dazu. Erst beim Wolfsrudel kennt jeder jeden, der Geruch ist das Kennzeichen, das Revier ist abgesteckt, und der fremde Wolf wird angegriffen. Im Yellowstone-Park ist der häufigste natürliche Tod eines Wolfs der Kampf mit einem fremden Rudel. Herde, dann Rudel und Revier, dann der Stammesbruder mit Zeichen, Fahnen und Lehre.

Nietzsche:

  • „Moralität ist Heerden-Instinct in dem Einzelnen.“ (Die fröhliche Wissenschaft, Aphorismus „Heerden-Instinct“)
  • „Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.“ (Also sprach Zarathustra, Vorrede)

Geltung

  • Stammbaum: von Raubtier · zu Wuff Wuff (betteln um Anerkennung), Eitelkeit, Prahler, Arroganz, Verbittert, Ehrgeiz
  • Varianten: Gerüchtemacher
  • Hunger: etwas gelten, Bedeutung haben. Und wenn auch nur in einem Spezialgebiet oder vor bestimmten anderen.
  • Trigger: übergangen werden, nicht beachtet werden; der eigene Platz in der Gruppe ist in Gefahr.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Jeder Mensch möchte Bedeutung haben, etwas gelten. Es geht um die Rangordnung in der Gruppe. Ein Einzelgänger hat keinen Rang.
Die Hackordnung. Der Norweger Thorleif Schjelderup-Ebbe hat 1921 bei Hühnern die Hackordnung entdeckt: Jedes Huhn kennt seinen Platz, hackt die unter ihm und weicht denen über ihm aus.
Zwei Arten. Das Raubtier hat Geltung aus Stärke: Es hat Macht und Einfluss auf andere, auch gegen den Strom. Seinen Feinden erscheint es gefährlich. Die ihm folgen, tun es aus anderen Motiven, aus Achtung vor seinem Können und seiner Stärke. Das ist nicht der Gewaltherrscher, der gefürchtet und verachtet wird, sondern der vornehme Adlige. Überall gibt es Autoritäten, denen gefolgt wird wegen ihrer Entschlossenheit und ihres Könnens, in jeder Gruppe: im Sport, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Musik, in allem in Kultur und Zivilisation. Zwischen den Weltkriegen strömten junge Physiker zu Niels Bohr nach Kopenhagen; die Gelegenheit, mit ihm zu arbeiten, galt als Privileg. Leonard Bernstein sagte über den Dirigenten Carlos Kleiber: „I have just heard the greatest living conductor in the world“. Und Kleiber selbst sagte einmal zu seinem Konzertmeister, als das Orchester ganz darauf konzentriert war, ihm zu folgen: „Let me follow you.“ Bei Apple sagte der Entwickler Bud Tribble 1981 über Steve Jobs: „Steve has a reality distortion field.“ Andy Hertzfeld beschrieb es als „a confounding melange of a charismatic rhetorical style, an indomitable will, and an eagerness to bend any fact to fit the purpose at hand“ (eine verwirrende Mischung aus einem charismatischen Redestil, einem unbeugsamen Willen und der Bereitschaft, jede Tatsache passend zu biegen). Gerade die Souveränen versuchen oft, was als unmöglich gilt. Es gehört immer Entschlossenheit dazu: neue Reviere erobern, auch kulturell (siehe Revierverhalten). Der Antrieb ist nicht die Anpassung. Am 9. Oktober 1903 schrieb die New York Times, eine Flugmaschine, die wirklich fliegt, könne in ein bis zehn Millionen Jahren entstehen. Am selben Tag schrieb Orville Wright in sein Tagebuch: „We started assembly today.“ 69 Tage später flogen die Brüder Wright. John F. Kennedy sagte 1962 in Houston: „We choose to go to the moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard“; 1969 landeten Menschen auf dem Mond. Christo und Jeanne-Claude arbeiteten 24 Jahre daran, den Reichstag zu verhüllen, und trafen dafür 352 Abgeordnete; 1995 war er verhüllt. Ob ein Versuch gelingt oder scheitert, sagt nichts über die Haltung. Hinterher ist man immer schlauer: Wer den Ausgang kennt, hält ihn für viel wahrscheinlicher, als er es vorher getan hätte, und merkt es nicht (Fischhoff 1975). Max Weber nannte diese Herrschaft charismatisch: Sie beruht „auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person“. Nietzsche: „Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Thier muss wieder heraus, muss wieder in die Wildniss zurück“ (Genealogie der Moral I 11; siehe Kanalisieren statt ausrotten). Auch der Herdenmensch will Geltung haben, aber sie wird ihm durch die Zustimmung anderer gegeben: Preise und Auszeichnungen. Das ist die Eitelkeit. Wer wenig Souveränität hat, holt sich Rang und Geltung von jemandem, dessen Meinung wichtig ist: Wuff Wuff, die Eitelkeit, der Poser. Napoleon sagte 1802 zur Gründung der Ehrenlegion: „C'est avec des hochets que l'on mène les hommes.“ (Mit Rasseln lenkt man die Menschen.) Beides ist nicht eindeutig getrennt, sondern gemischt: Der französische Adel gab Unsummen für Kleider aus, und die Krone ist ein Symbol der Macht. Es gibt starke Persönlichkeiten, die die Auszeichnung haben wollen, und andere, die sie souverän ablehnen. Der Mathematiker Grigori Perelman lehnte 2006 die Fields-Medaille ab: „I'm not interested in money or fame; I don't want to be on display like an animal in a zoo.“ La Rochefoucauld: „L'orgueil se dédommage toujours, et ne perd rien, lors même qu'il renonce à la vanité.“ (Der Stolz entschädigt sich immer und verliert nichts, selbst wenn er auf die Eitelkeit verzichtet.)
Geliehene Geltung. Die Herde tut etwas anderes. Der Herdenmensch erhält seine Geltung von jemandem, der Ansehen, Macht und Geltung hat. Das kann auch eine Institution oder eine Lehre sein. Es ist eine Unterordnung: der Diener im Haus des Adels, die Nonne im Schoß der Kirche. Der Diener würde es ablehnen, neureichem Pöbel zu dienen. Der Psychologe Robert Cialdini nannte das 1976 „basking in reflected glory“, sich im zurückgeworfenen Glanz sonnen: Nach einem Sieg ihrer Footballmannschaft trugen mehr Studenten Kleidung mit dem Namen ihrer Universität, und sie sagten „We won“. Nach einer Niederlage hieß es „They lost“. Das ist die flüchtige Form, nahe beim Vasallen. Der Diener dagegen bleibt. Die Grenzen sind fließend.
Ein Grundbedürfnis. Cameron Anderson, John Hildreth und Laura Howland haben 2015 die Forschung zur Frage gesammelt, ob das Streben nach Status ein Grundbedürfnis ist. Ihr Ergebnis: ja, in allen Kulturen, bei Männern wie Frauen. Wer seinen Rang verliert, leidet darunter, auch wenn sich sonst nichts ändert. Und es zählt der Rang vor den Menschen, die einem wichtig sind, nicht vor allen. Der Philosoph William James schrieb schon 1890 sinngemäß: Eine teuflischere Strafe ließe sich nicht ausdenken, als dass man unter Menschen losgelassen würde und von allen völlig unbemerkt bliebe. Das ist der Zombie, von der anderen Seite gesehen.
Keine Eitelkeit. „Eitel“ hieß im älteren Deutsch „leer, nichtig“; man sagt noch „eitel Sonnenschein“, nichts als Sonnenschein. Die Eitelkeit will bewundert werden für die Oberfläche, sie ist die leere Form der Geltung. Die Geltung will etwas zählen für das, was man ist oder kann: der Handwerker, dessen Urteil auf der Baustelle gilt; der Briefmarkensammler, den die anderen Sammler fragen. „Wuff Wuff (betteln um Anerkennung)“ ist ihre bettelnde Form.
Die Geltung wirkt auch in anderen Wesen: im Hochgefühl des Amokläufers, im Streber, bei den Gegendämonen.
Der Krieger. Geltung will ein Revier. Wird sie angegriffen, holt sie zur Verteidigung ihren Krieger, den Wüterich.

Sammler

  • Stammbaum: von HOMO · zu Nestbau, Messi, Eifersucht, Knauser
  • Varianten: Nehmer
  • Mimik: keine. Der Sammler ist ein leiser Dämon, man sieht ihm nichts an.
  • Griff: aufsammeln.
  • Entgleisung: der Messi. Die Brüder Collyer in New York wurden 1947 tot in ihrem Haus gefunden, unter mehr als hundert Tonnen Zeitungen, Klavieren und Gerümpel. Einer lag unter einem Stapel begraben, den er selbst als Falle gegen Einbrecher gebaut hatte. Der andere, blind und gelähmt, verhungerte danach.
  • Entgleisung: auch die Gier (Habgier), siehe Was kein eigenes Wesen ist.
  • Trigger: Knappheit und die Lücke (siehe Beschreibung).
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung:

Hunger: haben, Vorrat, Vollständigkeit. Nicht hergeben, was man hat.

Trigger: Knappheit und die Lücke. Das leere Regal im Supermarkt. Der Winter, der kommt. Das eine Sammelbild, das im Album noch fehlt.

Kennzeichen:

  • Das Eichhörnchen vergräbt im Herbst Nüsse. Der Hamster stopft sich die Backen voll. Daher sagen wir „hamstern“.
  • Am Anfang der Pandemie räumten die Leute das Klopapier aus den Regalen.
  • Kinder stopfen sich die Hosentaschen mit Steinen und Kastanien voll. Niemand hat ihnen das beigebracht.
  • Man gibt Leuten eine Kaffeetasse und fragt, für wie viel sie die Tasse verkaufen würden. Sie verlangen etwa das Doppelte von dem, was andere für dieselbe Tasse zahlen wollen. Was man hat, gibt man nicht her. Hier sitzt die Verbindung zur Eifersucht.
  • Der Laubenvogel sammelt blaue Dinge, Federn, Beeren, Flaschendeckel, und legt sie vor seine Laube, um ein Weibchen anzulocken. Dort sind Sammler und Balz eins.
  • Entgleisung: der Messi. Die Wohnung ist bis zur Decke voll, nur schmale Gänge bleiben frei, und er kann nichts wegwerfen. Krankhaftes Horten ist seit 2013 eine eigene Diagnose.
Sein Revier. Der Sammler pflegt und verteidigt seine Sammlung. Er identifiziert sich damit. Es fällt ihm schwer, etwas herzugeben, selbst wenn er Geld braucht. Seine Sammlung ist sein Revier. Eine Sammlung gehört stärker zum Selbst als einzelne Gegenstände (Belk 1988, S. 154). Wer bestohlen wird, erlebt Eindringen und Verletzung (S. 142). Wird die Trennung erzwungen, bringt sie Trauer (S. 143). Ein Sammler, der seine Karten für das Studium der Tochter verkaufte, beschreibt den Verkauf als Trauer mit Leugnen, Wut und Niedergeschlagenheit (Warshaw 2023). Ein Briefmarkensammler, der seine Sammlung aufgeben muss, will es nicht überstürzen und behält ein Album (Briefmarken-Forum).

Biologisch angelegt:

  • Eibl-Eibesfeldt zog Eichhörnchen ohne Erde und ohne Nüsse auf. Als sie zum ersten Mal eine Nuss bekamen, kratzten sie auf dem nackten Boden ein Loch, das es nicht gab, legten die Nuss hinein, drückten sie mit der Schnauze fest und scharrten Erde darüber, die es nicht gab. Niemand hatte es ihnen gezeigt.
  • Beim Menschen ist die Neigung zum Horten zum Teil erblich. Das zeigen Zwillingsstudien.
  • Menschen mit einer Verletzung an einer bestimmten Stelle der Stirnhirnrinde fingen an, wertlosen Kram zu horten (Anderson, Damasio u. a., Brain, 2005). Der Sammler sitzt tiefer im Hirn, die Stirnhirnrinde hält ihn im Zaum. Fällt die Bremse weg, übernimmt er.

Herkunft: vom Vorrat, vom Horten von Nahrung.

  • Nicht vom Einsammeln: Der Sammler aus „Jäger und Sammler“ pflückt Beeren, nimmt sie mit und isst sie. Morgen geht er wieder los. Mehr haben als nötig und nicht hergeben, das fehlt.
  • Nicht vom Nestbau: Der Vogel sammelt Zweige, bis das Nest fertig ist, dann hört er auf. Der Sammler hört nicht auf. Im Stammbaum steht der Nestbau als Kind unter Sammler und Elter: der Sammler im Dienst der Brut.
  • Der Tannenhäher versteckt im Herbst Zehntausende Kiefernsamen an Tausenden Stellen und findet sie Monate später unter dem Schnee wieder. Viel mehr, als er im Winter fressen kann.
  • Aesop: Die Ameise schleppt den ganzen Sommer Körner, die Grille singt. Im Winter hungert die Grille.
  • Der Buschhäher versteckt Futter. Hat ihm ein anderer Häher dabei zugesehen, kommt er später zurück und versteckt alles neu. Das tun nur Häher, die selbst schon fremde Verstecke geplündert haben. Der Dieb kennt den Dieb. Da sitzen Eifersucht und Täuscher mit am Tisch.
  • Bienen sammeln Honig, Ameisen legen Kornkammern an, der Hamster trägt seine Vorräte in den Bau. Das gibt es lange vor dem Menschen.
  • Wer im Krieg gehungert hat, hebt sein Leben lang jedes Gummiband auf, und der Keller steht voller Einmachgläser.

Der Sammler sitzt nahe beim Schlemmer, beide kommen vom Hunger. Der Schlemmer isst jetzt. Der Sammler legt für später zurück. Er ist der Dämon, der an den Winter denkt.

Offen: Woher kommt die Vollständigkeit? Das fehlende Sammelbild, die 110 Messier-Objekte, alle 14 Achttausender. Der Vorrat erklärt das nicht. Ein Eichhörnchen will nicht alle Nusssorten haben. Ein späterer Zweig oder ein anderes Wesen?

Angelegt ist der Hunger, nicht der Gegenstand. Briefmarken, Kunst oder Bitcoins sammelt niemand von Natur aus. Die Kultur liefert das Material, der Dämon den Hunger.

Wo der Sammler wirkt:

  • Linné schickte seine Schüler in die ganze Welt, nach Amerika, Arabien, Japan, in die Südsee. Sie sollten Pflanzen sammeln und zurückbringen. Er nannte sie seine Apostel. Einige kamen nicht zurück. Aus dem Gesammelten wurde die Ordnung der Pflanzen und Tiere, mit der wir bis heute jedes Lebewesen benennen.
  • Die Wunderkammern: Fürsten und Gelehrte stellten Muscheln, Korallen, ausgestopfte Krokodile, Einhorn-Hörner und Missgeburten in Glasschränke. Daraus wurden die Museen. Das British Museum begann 1753 mit der Sammlung eines einzigen Mannes, Hans Sloane, rund 71.000 Stücke.
  • Darwin sammelte als Student in Cambridge Käfer. Einmal hatte er in jeder Hand einen seltenen Käfer und sah einen dritten. Er steckte einen in den Mund, um die Hand frei zu haben. Der Käfer spritzte ihm eine brennende Flüssigkeit auf die Zunge, Darwin spuckte ihn aus, und der dritte war weg. Später sammelte er fünf Jahre lang auf der Beagle: Finken, Fossilien, Schildkröten. Erst danach kam die Theorie.
  • Goethe hatte in Weimar eine Mineraliensammlung mit rund 18.000 Steinen.
  • Die Mondlandung: Die Astronauten der Apollo-Flüge sammelten mit Zangen und Schaufeln Steine und Staub, zusammen rund 380 Kilogramm. Das teuerste Steinesammeln der Geschichte.
  • Schmetterlinge: Nabokov, der Schriftsteller, zog mit dem Netz durch die Berge und sammelte Bläulinge. Er vermutete, dass sie in mehreren Wellen über die Beringstraße von Asien nach Amerika gekommen waren. Die Biologen nahmen ihn nicht ernst. 2011 bestätigte die Genetik seine Vermutung.
  • Der Messier-Marathon: Charles Messier jagte im 18. Jahrhundert Kometen. Ihn störten verschwommene Flecken am Himmel, die aussahen wie Kometen, aber keine waren. Damit er nicht wieder darauf hereinfiel, schrieb er sie auf: 110 Stück. Die Liste war Abfall seiner Kometenjagd. Heute ist sie die berühmteste Liste der Astronomie. Jedes Jahr im März, wenn alle 110 in einer Nacht zu sehen sind, sitzen Amateure die ganze Nacht in der Kälte und haken eins nach dem anderen ab. Sie lernen nichts Neues, alle Objekte sind seit 250 Jahren bekannt, und niemand schaut ihnen zu. Das ist weder Neugier noch Anerkennung. Das ist der Sammler allein.
  • Tycho und Kepler: Tycho Brahe hat über zwanzig Jahre lang jede Nacht die Stellung der Planeten gemessen, ohne Fernrohr, mit riesigen Messinstrumenten auf seiner Insel Ven. Ein Berg von Zahlen. Kepler bekam die Zahlen nach Tychos Tod und fand darin, dass die Planeten auf Ellipsen laufen. Tycho ist die Ameise, Kepler die Biene.
  • Die Rechnerinnen von Harvard: Um 1900 saßen Frauen an Tischen und gingen Hunderttausende Glasplatten mit Sternaufnahmen durch, Stern für Stern. Annie Jump Cannon sortierte von Hand rund 350.000 Sterne nach ihrem Licht. Henrietta Leavitt schrieb veränderliche Sterne auf und bemerkte: Je heller so ein Stern, desto langsamer blinkt er. Damit konnte man zum ersten Mal Entfernungen im Weltall messen, und Hubble zeigte damit, dass es andere Galaxien gibt. Erst die Sammlung, dann das Gesetz.
  • Heute: Der Satellit Gaia hat fast zwei Milliarden Sterne vermessen. Über 5.000 Planeten um andere Sterne sind bestätigt, jeder neue kommt auf die Liste.

Die Neugier will schnell zur Antwort. Zwanzig Jahre Nacht für Nacht messen, Hunderttausende Platten durchsehen, das hält sie nicht durch. Der Sammler hat Geduld, denn jedes einzelne neue Stück sättigt ihn schon.

Bacon hat das Bild dafür gefunden (Novum Organum, 1620). Die Ameise sammelt nur und frisst es auf. Die Spinne spinnt ihr Netz aus sich selbst heraus. Die Biene sammelt aus den Blüten und macht Honig daraus. Die Ameise ist der Sammler allein. Die Spinne ist der Zwerg, der aus dem Kopf Systeme spinnt. Die Biene ist der Sammler im Bund mit einem Dämon, der verarbeitet.

Der Sammler allein endet beim Messi: die Wohnung voll, aber keine Ordnung. Mit der Ordnung verbündet, wird er Linné. Mit der Neugier verbündet, wird er Darwin.

Der Hochmut gegen den Sammler: Dem Physiker Rutherford wird der Satz zugeschrieben: „Alle Wissenschaft ist entweder Physik oder Briefmarkensammeln.“ Dabei steht jede Physik auf gesammelten Messwerten.

Wie mächtig der Sammler ist:

  • Kunst: Der „Salvator Mundi“, Leonardo zugeschrieben, ging 2017 für 450 Millionen Dollar weg.
  • Autos: Der Musiker oder der Reiche mit dreißig teuren Autos in der Garage, die er nicht braucht. Jay Leno hat weit über hundert Autos in seinen Hallen. 2022 wurde ein Mercedes 300 SLR Uhlenhaut-Coupé für 135 Millionen Euro versteigert, das teuerste Auto der Welt.
  • Baseballkarten: Eine Mickey-Mantle-Karte von 1952 brachte 2022 12,6 Millionen Dollar. Ein Stück Pappe.
  • Briefmarken: Die British Guiana One-Cent Magenta, eine einzige Marke, wurde 2021 für rund 8 Millionen Dollar verkauft.
  • Pokémon: Der Werbespruch heißt „Schnapp sie dir alle!“. Das ist der Sammler wörtlich. Eine einzige Pikachu-Karte brachte 2022 über 5 Millionen Dollar.
  • Ein Bild, das es nicht gibt: 2021 wurde eine Bilddatei des Künstlers Beeple als NFT für 69 Millionen Dollar verkauft. Jeder kann sie kopieren, aber nur einer „hat“ sie.
  • Tulpen: 1637 kostete in Holland eine einzige Tulpenzwiebel der Sorte „Semper Augustus“ so viel wie ein Haus in Amsterdam.
  • Reliquien: Friedrich der Weise sammelte in Wittenberg über 19.000 Reliquien: Knochen von Heiligen, Dornen aus der Krone Christi, Milch der Maria. Ausgerechnet dort schlug Luther 1517 seine Thesen an.
  • Schuhe: Als Imelda Marcos aus dem Palast in Manila floh, fand man über tausend Paar Schuhe.
  • Gipfel: Reinhold Messner stand als Erster auf allen 14 Achttausendern. In Schottland haken Leute alle 282 Munros ab, die Berge über 3000 Fuß.
  • Vögel: Phoebe Snetsinger hat über 8.000 Vogelarten mit eigenen Augen gesehen. Angefangen hat sie, als sie eine Krebsdiagnose bekam, und sie reiste noch zwanzig Jahre weiter.
  • Saatgut: Im Eis von Spitzbergen liegt ein Tresor mit über einer Million Samenproben.
  • Elemente: Die Chemiker jagen das Periodensystem voll. Das Element 118, Oganesson, existiert jeweils nur Bruchteile einer Sekunde, und trotzdem hat es einen Namen und einen Platz in der Tabelle.
  • Nobelpreise: Marie Curie holte Polonium und Radium aus Tonnen von Pechblende und bekam 1911 den Nobelpreis. Für das Higgs-Teilchen gab es 2013 den Nobelpreis.
  • Jagdtrophäen: Hörner und Köpfe an der Wand. Hier treffen sich Jagdtrieb und Sammler.
  • Geld: Der Milliardär, der mehr hat, als er in zehn Leben ausgeben könnte, und weiter sammelt. Dagobert Duck badet in seinem Geldspeicher.

Die Baseballkarte, die Briefmarke, das NFT sind Millionen wert, weil andere Sammler sie haben wollen. Der Sammler macht den Wert selbst. Ohne ihn wäre die One-Cent Magenta ein Fetzen Papier.

Knauser

  • Stammbaum: von Sammler · zu –
  • Beschreibung: Der Sammler kommt und geht, im Herbst, vor dem Winter, vor dem leeren Regal. Beim Knauser ist er chronisch geworden. Jede Ausgabe tut weh. Er hebt überall Geld auf. Das ist ein bekannter Typus. Wenn Leute Mangel erlebt haben wie im Krieg, werden sie manchmal so.

Bei Theophrast heißt es: „Meanness is undue sparing of expense.“ Der Knauser zählt beim Essen, wie viele Becher jeder Gast trinkt. Zerbricht ein Diener einen Topf, zieht er ihm den Wert von der Verpflegung ab. Verliert seine Frau eine kleine Münze, rückt er Möbel, Betten und Schränke und sucht in den Ritzen der Dielen. Seiner Frau verbietet er, Salz oder einen Lampendocht auszuleihen. Seine Geldtruhe ist schimmlig, weil sie nie geöffnet wird. Er hat eine volle Truhe und spart trotzdem: Fülle bannt den Knauser nicht.

Ein zweiter Text. Theophrast beschreibt den Knauser noch einmal, als Ἀνελευθερία: „Penuriousness is the grudging of expense and is due to great love of money and little love of honor.“ Hier geht es um das Geld bei Ehrenpflichten. Nach einem Sieg auf der Bühne weiht er Dionysos einen hölzernen Kranz, auf den er seinen eigenen Namen schreibt. Wird öffentlich gesammelt, schweigt er oder geht, und sieht er einen sammelnden Freund kommen, schleicht er durch eine Seitengasse nach Hause. Bei der Hochzeit der Tochter verkauft er die Opfertiere und stellt nur Diener ein, die zu Hause essen. Bei einem Fest hält er die Kinder aus der Schule, um das Schulgeld zu sparen. Seiner Frau gibt er keine Magd, sondern ein gemietetes Kind. Das Wort heißt wörtlich Unfreiheit: Der Freie ist freigebig, der Geizige ist unfrei. Die Ehre wiegt bei ihm weniger als das Geld. Die Geltung überstimmt den Sammler nicht.

Geprägt vom Mangel. Ulrike Malmendier und Stefan Nagel untersuchten 2011 in ihrer Studie „Depression Babies“ Menschen, die schwere Wirtschaftskrisen erlebt haben. Wer selbst schlechte Zeiten erlebt hat, geht ein Leben lang weniger finanzielle Risiken ein und legt seltener Geld in Aktien an (siehe Prägung).

Der Test: Beim Festessen nimmt die Tochter seine Börse und sagt, sie bezahle mit seinem Geld für alle (siehe Der Test). Und er missbilligt den Verschwender.

Putz

  • Stammbaum: von HOMO, Elf · zu Puppe
  • Entgleisung: der Waschzwang. Menschen waschen sich die Hände, bis die Haut blutet, und fühlen sich danach immer noch schmutzig. Howard Hughes fasste am Ende Gegenstände nur noch mit Papiertüchern an und lebte abgeschottet in abgedunkelten Hotelzimmern.
  • Ausfall: die Verwahrlosung.
  • Beschreibung:
Wenn der Putz ausfällt. Das Gegenstück zum Waschzwang ist, dass man sich nicht mehr pflegt. Theophrast nennt es Δυσχέρεια: „Grossness is such neglect of one’s person as gives offence to others.“ Sein Mann geht mit Ausschlag und schwarzen Zähnen auf den Markt und sagt, das sei erblich. Im Alltag kennt man den Ausfall bei schlechter Stimmung und wenig Antrieb. Im Extrem findet man ihn bei Menschen, die jede Hoffnung verloren haben: Scheitern in Schule und Beruf, Verachtung durch andere, Verlust des Rangs, eine Schuld, die man nicht tragen kann, vielleicht auch Selbstbestrafung. In Notunterkünften für Obdachlose gibt es Räume, in denen der Boden mit Müll und verfaultem Essen bedeckt ist. Der Rang ist dabei nicht alles. Bei Obdachlosen sind Sucht und psychische Erkrankungen häufig, mit großer Streuung (Fazel u. a. 2008, 29 Untersuchungen, 5.684 Personen).
Selbstachtung. Der Putz dient auch der Selbstachtung, und die ist ein Spiegel der Achtung, die man von anderen erfährt (Cooley nannte das 1902 das „looking-glass self“). Wer in einer verachtenden Umgebung standhält, hat dafür einen imaginären Beifall. Als Bergen-Belsen im April 1945 befreit wurde, kam unaufgefordert eine große Lieferung Lippenstifte an. Der britische Sanitätsoffizier Mervin Gonin schrieb: „At last someone had done something to make them individuals again.“ Der Lippenstift sagt: Ich bin wer.

Elf

  • Stammbaum: von HOMO · zu Kuschel, Putz
  • Namen der Familie: Fühl, Lausch, Schnupper, Kratz, Kitzel, Griff, Wurzel, Wohlig
  • Beschreibung:

Kuschel

  • Stammbaum: von Elf · zu Venus
  • Beschreibung: Kuscheln ist Berührung und Umarmung, und es geht dabei um Geborgenheit und Sicherheit. Zwei Wurzeln sind denkbar. Die eine ist das Lausen der Affen: Gegenseitiges Streicheln und Lausen hält bei Primaten die Bindungen, über Hautnerven und Endorphine (Robin Dunbar 2022). Die andere ist die Verbindung von Mutter und Kind. Harry Harlows Rhesusaffen klammerten sich in den 1950er-Jahren an die Stoffmutter, auch wenn nur die Drahtmutter Milch gab. Der Körperkontakt war wichtiger als das Füttern. Beides kann zusammenwirken.
Die erotische Seite. Berührungen sind auch erregend. Dann geht das Kuscheln ins Begehren über und führt zur Venus. Für den Menschen ist Sex ein Mittel zur Bindung geworden, heißt es oft, wichtig wegen der langen Kindheit. Das ist eine gängige, aber umstrittene These. Robert Quinlan (2008) sieht Paarbindungen als vielseitig, mit der Versorgung in der Stillzeit als am besten belegter Funktion, und prüft Sex als Bindungsmittel nicht.

Gefälliger

  • Stammbaum: von Geltung, Elter, Verehrung/Bewunderung · zu –
  • Hunger: das Wohl und die Freude der anderen, und die Anerkennung dafür.
  • Trigger: Hilfsbedürftigkeit oder Hilflosigkeit des anderen. Das Kindchenschema wirkt, zum Beispiel Bambi-Augen, es ist aber kein Muss. Es genügt, dass Hilfe gebraucht wird.
  • Bannung: Wird kaum gewollt, denn er ist ein Kitt der Gemeinschaft. Gebannt wird nur seine Entgleisung. Wer sich verausgabt, den will der Ehepartner schützen. Wenn der Samariter die eigene Familie vernachlässigt, konkurriert er mit dem Elter, und dann hilft ein Arrangement, wem er wie viel gibt. Oakley und Kollegen nennen Hilfe, die ungewollt Schaden anrichtet, pathologischen Altruismus (2012).
  • Beschreibung: Der Gefällige will anderen Freude machen und freut sich an ihrer Freude. Deshalb macht man Geschenke. Sein Hauptinteresse ist das Wohl des anderen, das ihm wichtiger sein kann als das eigene. Das ist Eltern-Verhalten. Am stärksten gilt es dem, den er wertschätzt. Es reicht aber bis zum Fremden: Er gibt dem Bettler, den er nicht kennt, und er spendet an Empfänger, die er nie sehen wird. Die Freude des anderen und sein Dank sind dann nur vorgestellt. Er will auch Anerkennung, und beides gehört zusammen. Er ist ein wesentlicher Kitt jeder Gemeinschaft. Er ist nicht der Vasall, der nach oben lobt, um an der Macht teilzuhaben. Er ist auch nicht der Fehlerfürchter, der Missfallen vermeiden will und dafür formal korrekt und höflich ist, vielleicht auch ein Streber. Der Gefällige tut anderen Gutes.
Was dafür spricht. Wer Geld für andere ausgibt, ist glücklicher als wer es für sich ausgibt (Dunn, Aknin und Norton 2008). Das fand sich in 120 von 136 Ländern (Aknin u. a. 2013). Gute Nachrichten zu teilen macht froh, und mehr, wenn das Gegenüber sich mitfreut, und es hängt bei Paaren mit besserer Beziehung zusammen (Gable u. a. 2004).
Auch für Unbekannte. Schon anonymes freiwilliges Geben aktiviert die Belohnungsregionen stärker als die Zwangsabgabe (Harbaugh u. a. 2007, 19 Teilnehmerinnen).
Gefälligkeit nach oben. Wer einer Autorität einen Gefallen tut, um Anerkennung oder Wertschätzung zu bekommen, macht einen Tauschhandel. Das ist der Vasall oder das Wuff Wuff. Der Gefällige hilft auch, wenn es niemand erfährt.
Bei Theophrast. Er heißt dort Ἀρέσκεια: „Affability is a sort of demeanor that gives pleasure at the sacrifice of what is best.“ Er ruft einen Freund schon von weitem an, überschüttet ihn mit Lob und lässt ihn nicht los. Vor Gericht will er auch dem Gegner gefallen. Beim Essen lässt er die Kinder rufen, sagt, sie ähnelten dem Vater „as one fig is like another“, und spielt mit ihnen.
Wenn er entgleist. Theophrast beschreibt die Entgleisung. Überwiegt die Anerkennung, wird aus dem Gefälligen der Schmeichler, der dem anderen Recht gibt, auch gegen die Wahrheit. Aristoteles unterscheidet den Gefallsüchtigen ohne Eigennutz vom Schmeichler aus Eigennutz. Die Psychologie nennt das Extrem Soziotropie.

Urschlummer

  • Stammbaum: von HOMO · zu Gähn, Murmel, Mümmel
  • Beschreibung:

Gähn

  • Stammbaum: von Urschlummer · zu –
  • Beschreibung:

Murmel

  • Stammbaum: von Urschlummer · zu –
  • Beschreibung:

Mümmel

  • Stammbaum: von Urschlummer · zu –
  • Beschreibung:

Neid

  • Stammbaum: von Revierverhalten/Gebiet · zu Troll, Häme
  • Es ist eine Form von Revierverhalten.
  • Trigger: Ein Rivale, der mir nah ist, bekommt oder kann, was in meinem eigenen Gebiet zählt. Beim Fremden und beim Unerreichbaren entsteht kein Neid, sondern Bewunderung.
  • Bannung: offen.
  • Entgleisung: der Neidkratzer. Jemand zieht mit dem Schlüssel eine lange Schramme in den Lack eines teuren Autos. Er hat nichts davon, außer dass der andere es auch nicht mehr hat.
  • Beschreibung:

Es ist eine Form von Revierverhalten. So wie Ziegen ihren Rivalen bei der Fütterung wegboxen: Am Futtertrog stoßen die ranghohen Tiere die anderen mit dem Kopf weg, auch wenn genug für alle da ist. Es geht nicht ums Sattwerden. Es geht darum, dass der andere nicht frisst.

Man neidet, was der andere hat oder bekommt. Auch wenn man Fähigkeiten neidet, geht es darum.

Hunger: haben, was der andere hat. Oder wenigstens, dass der andere es auch nicht hat.

Der Trigger genau: Es ist mehr zwischen Bekannten, zwischen Rivalen. Und dann beherrscht es die Gedanken und führt zu Missgunst und zu Taten, um den anderen zu schädigen. Der Psychologe Abraham Tesser hat gezeigt, dass zwei Dinge zusammenkommen müssen: Der andere ist mir nah, Freund, Kollege, Bruder, Nachbar. Und er ist besser auf einem Gebiet, das für mich selbst zählt. Ist mein Freund ein besserer Schachspieler und mir ist Schach egal, freue ich mich für ihn. Ist er ein besserer Elektriker und ich bin Elektriker, dann sticht es.

Die Tat: In Tessers Versuchen durfte einer dem anderen bei einem Ratespiel Hinweise geben, leichte oder schwere. Hieß es, das Spiel sei belanglos, bekamen Freunde leichtere Hinweise als Fremde. Hieß es, das Spiel messe die Intelligenz, bekamen Freunde schwerere Hinweise als Fremde. Man bremst den Freund aus, nicht den Fremden.

Der Promi ist etwas anderes: Wer weit weg und unerreichbar ist, an Reichtum, Ruhm oder Fähigkeit, den beneidet man nicht, man bewundert ihn. Das gehört zur Verehrung/Bewunderung und zum Fan.

Zwei Formen: Der böse Neid will den anderen herunterziehen. Der gutartige Neid will selbst hinauf: „Das will ich auch schaffen.“ Er richtet sich oft auf jemanden, der ein Stück weiter, aber noch erreichbar ist.

Unter Gleichen: Aristoteles schreibt in seiner Rhetorik, man beneide die, die einem nahe sind an Zeit, Ort, Alter und Ansehen, und zitiert dafür Hesiod, um 700 vor Christus: „Der Töpfer grollt dem Töpfer, der Bettler dem Bettler, der Sänger dem Sänger.“ Man beneidet nicht den König, sondern den Nachbarn. Beide stehen am selben Trog.

Bilder:

  • Schneewittchen: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Die Königin war die Schönste, bis der Spiegel eine andere nannte.
  • Zwei Kinder bekommen verschieden große Kuchenstücke: „Der hat aber mehr!“
  • Zwei Kapuzineraffen bekommen für dieselbe Aufgabe Gurke. Bekommt einer eine Weintraube, wirft der andere seine Gurke dem Forscher ins Gesicht.
  • Das Gesetz von Jante, aus einem Roman von Aksel Sandemose, 1933, in Skandinavien sprichwörtlich: „Du sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist.“

Sprüche:

  • „Warum der und nicht ich?“ → Der Vergleich. Der Anfang von allem.
  • „Der hat doch nur Glück gehabt.“ / „Der hat eben Beziehungen.“ → Den Erfolg kleinreden. Wenn es Glück war, hat er es nicht selbst geschafft, und ich bin nicht schlechter.
  • „So toll ist das auch nicht.“ → Saure Trauben. Aesops Fuchs springt nach den Trauben, kommt nicht dran und sagt im Weggehen: „Die sind mir ohnehin zu sauer.“
  • „Das hat der doch gar nicht verdient.“ → Die Maske der Gerechtigkeit. Der Neid verkleidet sich als Gerechtigkeitssinn.
  • „Der hält sich wohl für was Besseres.“ → Das Gesetz von Jante. Niemand darf herausragen.
  • „Schön für dich.“ / „Gönn ich dir.“, durch die Zähne gesagt → Das Heucheln. Der Glückwunsch, der keiner ist.
  • „Dem wird das Lachen schon noch vergehen.“ → Die Vorfreude auf den Fall.
  • „Hab ich doch gleich gesagt.“, wenn es dann schiefgeht → Die Schadenfreude.

Im Gehirn: Japanische Forscher ließen 2009 Versuchspersonen Geschichten über erfolgreiche Mitschüler lesen. Beim Neid war ein Bereich aktiv, der auch bei Schmerz arbeitet. Als dem Beneideten danach ein Unglück passierte, sprang ein Bereich an, der bei Belohnung arbeitet. Neid tut weh, Schadenfreude tut gut.

Der gute Neid: Hesiod unterscheidet zwei Göttinnen des Streits. Die schlechte Eris bringt Krieg. Die gute Eris treibt den Faulen an, wenn er sieht, wie reich der fleißige Nachbar wird, sodass er selbst pflügt und pflanzt.

Verwandt: Eifersucht (die Eifersucht fürchtet zu verlieren, was sie hat; der Neid will haben, was der andere hat), Gerechtigkeitssinn, Häme, Stammesbruder. Alle drei, Stammesbruder, Eifersucht und Neid, stammen vom Revierverhalten: das Revier der Gruppe, das Revier der Bindung, das Revier am Futtertrog.

Revierverhalten/Gebiet

  • Stammbaum: von – · zu Stammesbruder, Eifersucht, Neid, Trotz
  • Es ist der Kern der Eifersucht: Ein Rivale dringt in die Bindung ein. Beim Wolfsrudel: Man kennt die Gesichter, das Revier ist abgesteckt, der Fremde ist der Feind.
  • Beschreibung:
Überall. Viel Verhalten von Menschen lässt sich nur verstehen, wenn man weiß, dass es Revierkämpfe sind. Bei Tieren sind Revierkämpfe oft Standard: Ziegen boxen, Elche kämpfen. Bei manchen ist das so ernst, dass es Verletzte und Tote gibt.
Dasselbe Zeichen. Der Bauer zäunt sein Feld ein. Der Goldsucher seinen Claim. Der Hund pisst an den Baum und Armstrong stellt die amerikanische Flagge auf. Das ist dasselbe.
Von mir: Besitz im Tierreich. Reviere werden vor allem gegen Artgenossen verteidigt und mit Duft, Gesang oder Schauflügen markiert. Der Besitz wird meist respektiert, auch ohne dass ihn jemand durchsetzt: Wer zuerst da war, wird selten herausgefordert (Sherratt und Mesterton-Gibbons 2015). Stake (2004) sieht in den Rechtsregeln über Besitz und Priorität Spuren dieser Strategien.
Sammler. Er pflegt und verteidigt seine Sammlung und identifiziert sich damit. Es fällt ihm schwer, etwas herzugeben, selbst wenn er Geld braucht.
Eltern. Das Nest ist das Revier per se, nicht nur im Verhalten, sondern als Ort mit Mauer oder Zaun. Man nennt es Hausfriedensbruch, wenn es unerlaubt betreten wird.
Beschützer. Wenn jemand die Kinder angreift, wird eine Mutter zum Berserker. Bei Säugetieren und Vögeln ist das die Regel. Bei Fischen und Reptilien eher nicht. Ausnahmen gibt es: Der männliche Stichling bewacht das Nest und verteidigt Eier und Junge gegen Eindringlinge, ebenso die Männchen der Sonnenbarsche (Britannica; Juneau Empire). Auch hier zeigt sich der Dämon ohne Maske in ganzer Stärke, wenn man das Revier betritt.
Geltung. Das Revier ist hier der Rang. Es zeigt sich, wenn die Kompetenz angezweifelt wird, wenn der Rang oder die Stellung streitig gemacht wird oder wenn der Konkurrent sich mit fremden Federn schmückt. Auch die Arroganz ist Revierverhalten.


Eitelkeit

  • Stammbaum: von Geltung · zu Poser
  • Varianten: Geck, Diva
  • Die leere Form der Geltung.
  • Beschreibung: Die Geltung, die durch die Zustimmung anderer gegeben wird: Preise und Auszeichnungen (siehe Geltung). La Rochefoucauld: „La vertu n'irait pas si loin si la vanité ne lui tenait compagnie.“ (Die Tugend käme nicht so weit, wenn die Eitelkeit ihr nicht Gesellschaft leistete.)

Das Wort. „Eitel“ hieß ursprünglich leer, nichtig (althochdeutsch ītal), so wie das lateinische vanitas. Die Leere steckt schon im Wort.

Ehrgeiz im Kleinen. Theophrast nennt den Eitlen Μικροφιλοτιμία, „Ehrgeiz im Kleinen“: „a striving for honor in small things“. Beim Essen will er neben dem Gastgeber sitzen. Er zahlt mit frisch geprägten Münzen. Seiner zahmen Dohle kauft er eine kleine Leiter und einen Schild aus Bronze. Stirbt sein Hund, setzt er ihm ein Denkmal: „Fido, Pure Maltese.“ Er kauft einen neuen Anzug, solange der alte noch gut ist, und seine Zähne sind immer weiß.

Von außen. Schopenhauer: „Demnach ist Stolz die von innen ausgehende, folglich direkte Hochschätzung seiner selbst; hingegen Eitelkeit das Streben, solche von außen her, also indirekt zu erlangen. Dem entsprechend macht die Eitelkeit gesprächig, der Stolz schweigsam.“ Jane Austen: „Pride relates more to our opinion of ourselves, vanity to what we would have others think of us.“

Was er sagt, was er fühlt. Die Eitelkeit lebt in der Lücke zwischen dem, was einer sagt, und dem, was er sich davon verspricht. Meist ist das keine Berechnung. Er glaubt selbst an das Bild, das er zeigt.

  • Der Bescheidene sagt: „Ach, das war doch nichts Besonderes.“ Er hofft auf den Widerspruch: „Doch, das war großartig!“ So bekommt er das Lob und darf sich obendrein bescheiden fühlen. Manchmal verkleidet er das Angeben als Klage, etwa wenn er stöhnt, er komme vor lauter Einladungen zu nichts mehr. Die anderen durchschauen das meistens.
  • Der Erfolgreiche sagt: „Eigentlich wollte ich nie Karriere machen. Es hat sich so ergeben.“ Der Erfolg soll mühelos aussehen, und gerade dafür will er bewundert werden.
  • Der Gekränkte sagt: „Mir ist völlig egal, was andere über mich denken.“ Dann liegt er die halbe Nacht wach wegen einer einzigen Bemerkung. Wer am lautesten sagt, die Meinung der anderen sei ihm egal, hängt oft am stärksten an ihr.
  • Der Unauffällige sagt: „Ich brauche keine Aufmerksamkeit, ich mach einfach mein Ding.“ Er möchte gerade dafür bewundert werden. Seine Eitelkeit ist, keine zu zeigen.

Das Gefühl verrät, was der Satz verbirgt. Lob hebt ihn, ausbleibendes Lob enttäuscht ihn, Kritik kränkt ihn, und wer mehr Beachtung bekommt, wird zum Rivalen. Er sieht sich mit den Augen der anderen. Darum macht die Eitelkeit abhängig, obwohl sie sich überlegen fühlen will: Sie muss sich immer wieder neu beweisen, denn sicher ist man der Bewunderung nie.

Eitelkeit heute. Der Spiegel der Königin hängt heute in jeder Hosentasche. Man fotografiert sich selbst, legt einen Filter darüber, der die Haut glättet und die Augen größer macht, stellt das Bild aus und wartet, ob der Spiegel antwortet. Die Antwort heißt Like. Lauren Sherman und Kollegen zeigten 2016 Jugendlichen im Hirnscanner Instagram-Fotos: Bilder mit vielen Likes erregten die Belohnungsregionen stärker, und die Jugendlichen gaben solchen Bildern auch selbst eher ein Like. Inzwischen lügt der Spiegel schöner, als die Wirklichkeit ist. Schönheitschirurgen berichten, dass Patienten nicht mehr mit Fotos von Stars kommen, sondern mit gefilterten Fotos von sich selbst. Sie wollen aussehen wie ihr eigenes Selfie (Susruthi Rajanala und Kollegen 2018, „Snapchat dysmorphia“).

Schopenhauers Satz gilt noch: Die Eitelkeit ist gesprächig, der Stolz schweigsam. Young Jee Han, Joseph Nunes und Xavier Drèze fanden 2010: Wer reich ist und Geltung braucht, kauft die Tasche mit dem großen Logo, die jeder erkennt. Wer reich ist und sie nicht braucht, kauft die Tasche ohne Logo, die nur Kenner erkennen. Der eine spricht zu allen, der andere nur zu seinesgleichen.

Sprüche: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ – „Sehen und gesehen werden.“ – „Kleider machen Leute.“ – „Wer schön sein will, muss leiden.“

Schauspieler. Wer davon lebt, gesehen zu werden, ist oft eitel. Drew Pinsky und Mark Young ließen 2006 zweihundert Prominente einen Narzissmus-Fragebogen ausfüllen. Die Prominenten lagen deutlich über dem Durchschnitt, am höchsten die Stars aus dem Reality-Fernsehen, dann Komiker, Schauspieler und Musiker. Viele waren schon so, bevor sie berühmt wurden: Der Beruf zieht die Eitlen an. In Billy Wilders Film Sunset Boulevard (1950) sagt man der gealterten Stummfilmdiva Norma Desmond: „You used to be big.“ Sie antwortet: „I am big. It's the pictures that got small.“ Am Ende steigt sie die Treppe hinab, auf die Kamera zu: „All right, Mr. DeMille, I'm ready for my close-up.“

Stimmen. Auf Reddit sprechen Menschen offen darüber, und manchmal spricht der Dämon selbst.

  • Über sich selbst: „I'm very vain in the sense I'm always aware of how good or not I look […] I will leave any situation, job, place, person etc if it worsens my looks.“ – „When I look good I feel good, and I care way too much about how people see me.“ – „Yes, I strut and preen.“ – „Main character energy so yes.“ – „sometimes I'm extremely vain and other times I feel inferior to everyone“ (r/Sagittarians, 2025). Im letzten Satz zeigt sich die Leere.
  • Was andere hören: Eine Freundin begründet alles mit ihrem Aussehen: „I should have been invited to that party, I'm hot.“ – „I don't understand why we have to wait in this line, most of the time hot people get let in early.“ Eine andere fragt nach dem Treffen mit den Freunden ihres Partners: „did anyone tell you how pretty I was“ (r/AskMen, 2024).
  • Schopenhauers gesprächige Eitelkeit, ein Ratschlag an Männer: „Never mention your nice car, then pick her up for a 3rd date, hot. Mentioning it up front, tacky.“ (r/Bumble, 2026)
  • Männer über sich selbst: „I like staring at my reflection in shop windows.“ – „Have to check the bathroom mirror to make sure my abs are still there.“ – „I definitely check myself out in bathroom mirrors, window reflections. I can't help it I'm just too sexy“ – „I take a lot of satisfaction in the fact that I look good, then immediately feel guilty about it“ (r/AskMen, 2018).
  • Die Eitelkeit missbilligt die, die nicht so sind wie sie. Ein Mann staunt, wie schlecht jüngere Männer aussehen: „When I look at men who are much younger than me and I'm amazed at how bad they look“. Jemand fragt zurück: „So, your vanity expresses itself through judgement of others?“ Ein anderer: „Not OP but yes, absolutely. It's kinda shitty but it's a gut reaction.“ (r/AskMen, 2018; siehe Der Test)
Der Geck. Eine Variante der Eitelkeit kommt vom Putz: die Eitelkeit auf das eigene Aussehen, auf Kleidung, Frisur und Körper. Das Wörterbuch nennt den Gecken einen „eitlen (jungen) Mann mit auffallend modischer Kleidung und auffälligem Benehmen“ (DWDS). Die weibliche Variante ist die Diva. Die Eitelkeit selbst ist weiter: Auch ein hässlicher Gelehrter kann auf seine Intelligenz eitel sein. Dann hängt sie allein an der Geltung.
Die Diva. Das Wort heißt auf Italienisch „die Göttliche“ und war im 19. Jahrhundert ein Ehrenname berühmter Sängerinnen (Pfeifer). Das Wörterbuch nennt die Diva eine gefeierte Künstlerin, einen Star (DWDS). Zu ihr gehören Starallüren: Sie ist launisch, kapriziös und unnahbar und hält sich für etwas Besseres.

Poser

  • Stammbaum: von Eitelkeit · zu –
  • Beschreibung: Der Poser ist ein Schauspieler für das Publikum. Vielleicht kann er auch etwas. Aber er stellt sich hin und macht eine Pose, damit das Publikum sie sieht. Früher haben Fußballer nach einem Tor gejubelt. Das war echt, das war Jubel nach dem Sieg. Heute machen sie Posen: Jeder soll sehen, was für ein Held ich bin. Auch die Influencer machen Posen für die Wirkung.

Siu. Cristiano Ronaldo sprang im August 2013 nach einem Tor gegen Chelsea in die Luft und rief „Siu“. Er sagt selbst, das sei spontan gewesen: „I just scored the goal and it came out. It was just natural. Since that, I started to do it more often.“ Aus echtem Jubel wurde durch Wiederholung eine Pose, sein Markenzeichen. Die Übergänge sind fließend.

Die Vorderbühne. Erving Goffman beschrieb 1959 das Alltagsleben als Theater, mit einer Vorderbühne, auf der man vor Publikum spielt, und einer Hinterbühne, auf der man unbeobachtet ist (The Presentation of Self in Everyday Life). Der Poser lebt auf der Vorderbühne.

Bei Theophrast ist der Eitle auch schon Poser. Den Kopf des geopferten Ochsen nagelt er gegenüber der Haustür an, damit jeder Besucher sieht, was er geopfert hat. Nach der Reiterparade gibt er die Ausrüstung dem Knecht und stolziert in Sporen über den Markt. Bei Vorführungen in seiner eigenen Halle kommt er als Letzter herein, damit die Zuschauer sagen: „That's the gentleman to whom the place belongs.“

Stimmen (Reddit): „Curates her life online to make it look more fun and exciting than it really is.“ (r/AskMen, 2024) – „Sometimes guys post unfriendly non-smiling gym photos of them staring at their own arm muscles“ (r/Bumble, 2026). Das Aufpumpen vor dem Auftritt: „Shit, I do push-ups before cutting the lawn shirtless!“ – „You don't keep dumbbells in your trunk to do a few curls right before picking up your dates?“ – „you never look as good as your pump.“ Einer nennt seine Schnellübung selbst „the douchebag session“ (r/Fitness, 2015). – „When I cosplay, I want my picture taken with everyone.“ (r/AskMen, 2018)


Prahler

  • Stammbaum: von Täuscher, Geltung · zu –
  • Auch: Angeber.
  • Varianten: Aufschneider
  • Beschreibung: Der Prahler behauptet mehr, als er kann, und tut auch mehr, als er kann. Er erkennt die Rangordnung im Können nicht an und glaubt, er stehe mit dem Meister auf einer Stufe. Gemeint ist das Können, nicht der menschliche Wert. Er gibt Phantasie-Erklärungen ab. Das ist keine bewusste Täuschung. Er lebt in einer Phantasiewelt und täuscht auch sich selbst. Diese Welt musste nie vor der Realität bestehen, da wäre sie gescheitert. Ihm wurde oft gesagt, dass er falsch liegt und unfähig ist. Aber das blendet er aus und erfindet von sich ein besseres Bild. Das ist chronisch: ein geschlossener Kreis (siehe Die Erfindung des Ich).

Der Aufschneider. Eine Variante des Prahlers ist der Aufschneider. Bei Theophrast heißt er Ἀλαζονεία: „Bragging is pretending to have excellences that one does not really possess.“ Er steht am Hafen und erzählt, wie viel Kapital er in Schiffen stecken hat, und schickt seinen Sklaven zur Bank, wo er eine Drachme hat. Er habe unter Alexander gedient und drei Briefe von Antipater bekommen, obwohl er nie aus seiner Stadt herausgekommen ist. In der Hungersnot habe er über fünf Talente für die Armen gegeben. Sein gemietetes Haus nennt er das Familienhaus und sagt, es sei zu klein für seine Freunde. Ob das Vermögen echt oder erfunden ist, ist für das Wesen irrelevant. Das Motiv ist dasselbe.

Besser sein wollen. Geltung zu wollen ist an sich etwas Positives. Sie ist der Treibstoff für viele Errungenschaften und Leistungen. Beim Prahler geht es aber darum, besser zu sein als die anderen. Das ist traurig, denn er ist von den anderen abhängig. Ohne Vergleich gibt es keinen Rang. Dabei kann man den Rang und die Leistung anderer auch anerkennen, unabhängig davon, ob sie mehr haben oder können (siehe Achtung).

Wenn ein anderer mehr hat. Hat ein Nachbar das größere Haus oder das größere Auto, kommt der Neid ins Spiel, wenn der andere ihm nah ist und es ein Gebiet ist, das ihm selbst zählt. Dann legt der Prahler nach, zieht den anderen herunter oder meidet den Vergleich. Der Neid ist sein Bruder: Auch er ist auf den Vergleich fixiert, und sein eigener Rang hängt von den anderen ab. Nach einer Umfrage von Solnick und Hemenway lehnten 48 % es ab, dass alle reicher werden, wenn das den eigenen Rang senkt.

Bei Theophrast erscheint er in zwei Gestalten. Der Übereifrige zeigt „an excess in saying or doing, — with good intentions, of course“ und verspricht öffentlich Dinge, die er nicht leisten kann. Der Prahler ist „pretending to have excellences that one does not really possess“.

Belege. Justin Kruger und David Dunning ließen 1999 Studenten nach einem Test schätzen, wie gut sie waren. Das schlechteste Viertel lag im 12. Perzentil und schätzte sich im 62. ein. Der Titel ihrer Studie: „Unskilled and unaware of it“. Wie stark das im Durchschnitt gilt, ist umstritten (Gilles Gignac und Marcin Zajenkowski 2020). Den Typ gibt es trotzdem. William von Hippel und Robert Trivers schrieben 2011, Selbsttäuschung sei entstanden, um andere besser zu täuschen: „self-deceptive self-enhancement also allows people to display more confidence than is warranted.“

Urtümlich. Der Angeber ist alt. Der Pfau schlägt sein Rad vor der Henne. Andere Tiere machen sich vor dem Rivalen größer, als sie sind: fast eine Drohgebärde, aber schon im Vorfeld, um einzuschüchtern, bevor es zum Kampf kommt. Rothirsche röhren um die Wette, wo ein Kampf droht, und das Röhren verrät dem Rivalen die Kampfkraft (Tim Clutton-Brock und Steve Albon 1979). Verliert ein Männchen der Winkerkrabbe seine große Schere, wächst eine neue nach, die gleich groß aussieht, aber leichter und schwächer ist. Damit blufft es: „Regenerated claws effectively bluff fighting ability and deter potential opponents before they fight.“ Auch die Weibchen fallen darauf herein. Bis zu 44 % der Männchen tragen solche Scheren (Patricia Backwell und Kollegen 2000). Das ist der Angeber in reiner Form: mehr zeigen, als da ist.

Die Balz ruft den Angeber. Ein Dämon kann innerhalb desselben Menschen einen anderen zu Hilfe rufen. Die Balz ruft den Angeber, so wie beim Feigling die Angst den Täuscher ruft. Das ist eine Abfolge, keine Abstammung. Ein Feldversuch: Junge Skateboarder wagten riskantere Tricks, wenn eine attraktive Frau zusah, und ihr Testosteron stieg (Richard Ronay und William von Hippel 2010).

Der Angeber vor Frauen – und vor Rivalinnen. Beim Menschen ist das Muster verbreitet. Derselbe Mann wirkt auf Frauen attraktiver, wenn er in einem Bentley sitzt; bei einer Frau am Steuer wirkt das nicht (Dunn & Searle 2010). Männer spenden deutlich mehr, wenn eine attraktive Frau zusieht; Frauen vor einem attraktiven Mann nicht (Iredale, Van Vugt & Dunbar 2008). Frauen geben auch an, nur anders: Sie investieren in Wirkung, Kosmetik ist eine ganze Industrie. Und Luxus zeigen sie oft anderen Frauen, als Mittel im Wettbewerb unter Rivalinnen (Hudders et al. 2014). Das ist wieder das Tier, das sich vor dem Rivalen größer macht.

Aber nicht jede Schminke und nicht jede teure Tasche ist Angeberei. Frauen tun das auch für sich selbst, nicht nur, um zu beeindrucken. Dann spricht Geltung: Ich bin wer. Das ist das gute Gefühl eines sicheren Reviers, kein Täuschen. Dasselbe Verhalten kann von verschiedenen Wesen kommen. Der Angeber braucht einen Zuschauer, den er übertrumpfen will. Geltung genügt sich selbst.

Vorsicht bei der Literatur: Viele Studien, die das Angeben durch „Paarungsstimmung“ auslösen wollten, ließen sich nicht wiederholen (Shanks et al. 2015).

Stammesbruder

  • Stammbaum: von Herde, Revierverhalten/Gebiet, Jagdtrieb · zu –
  • Die Herde bringt das Zusammenhalten und das Ausstoßen der Abweichler, der Jagdtrieb die gemeinsame Jagd auf Minderheiten: Wölfe jagen gemeinsam und töten fremde Wölfe, die Schimpansen von Gombe stellten die Abtrünnigen in Gruppen und töteten sie einzeln.
  • Verwandt: Revierverhalten/Gebiet; Fan und Kamerad; Verachtung gegen die Fremden.
  • Wirkt bei vielen Wesen mit: beim Streber, beim Held, beim Krieger, beim Zwerg. Darum ist er kein Elternteil des Zwergs, sondern ein eigener Dämon.
  • Trigger: die Kennzeichen (Trikot, Fahne, Dialekt), eine Bedrohung von außen, ein Abweichler in den eigenen Reihen.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung:

Stammesbruder ist fundamental
Das wirkt bei ziemlich allen Gruppen Bildungen mit auf denen Zivilisationen beruhen
In Wahrheit gibt es nicht Nationen oder Firmen oder Gesellschaften oder Kunst oder Wissenschaft als Verbindung von Menschen
Da verbinden sich Menschen zu einem Stamm mit 50 anderen Menschen die sie kennen
Das ist die wirkende Dynamik

Auch wenn es ein Thema braucht mit dem sich ein Stamm identifiziert
Eine Lehre
Eine Ideologie
Aber abgesehen von Sinn oder Unsinn
Was da passiert ist Stammesverhalten

Da gibt es einen Kanon an gemeinsamen Symbolen, Masken, Kleidung, Haarschnitt, Fahnen, Ritualen, Sprüchen , Sprache

Und da wird auch peinlich darauf geachtet dass das eingehalten wird von denen die dazu gehören

Und dann sind die die nicht dazu gehören

Auf die wird mindestens herab geschaut
Und wenn es schlimm kommt gibt es auch Krieg und Verfolgung
Das ist eine unschöne Seite davon
Oft werden da Minderheiten gesucht
Als Feind der die Gruppe bedroht
Um die Truppe folgsam zu machen gegen den gemeinsamen Feind
Der Dämon Stammesbruder übernimmt das Ruder und schaltet das kritische Denken aus

Jemand ist Mitglied vom Stamm. Stammesverhalten ist ein mächtiger Trieb, der sehr viel menschliches Verhalten erklärt. Überall bilden wir Gruppen mit einheitlichen Kennzeichen. Und um in die Gruppe aufgenommen zu werden, muss man Hürden überwinden.

Wie schnell er da ist:

  • Robbers Cave, 1954: Zwei Gruppen von Jungen im Ferienlager, die sich vorher nicht kannten. Nach wenigen Tagen hatten sie Namen, die „Adler“ und die „Klapperschlangen“, eigene Fahnen und eigene Regeln. Bald verbrannten sie die Fahne der anderen und überfielen deren Hütte.
  • Tajfel, 1970er-Jahre: Schüler wurden angeblich danach eingeteilt, ob sie Bilder von Klee oder von Kandinsky lieber mögen. In Wahrheit war es Zufall. Trotzdem gaben sie beim Verteilen von Geld der eigenen Gruppe mehr und verzichteten sogar auf Geld, nur damit der Abstand zur anderen Gruppe größer wurde.

Die Hürde: 1959 mussten Studentinnen, um in eine Diskussionsgruppe zu kommen, vor einem Mann peinliche Wörter laut vorlesen. Danach hörten alle dieselbe absichtlich langweilige Diskussion. Wer die peinliche Aufnahme durchgemacht hatte, fand die Gruppe besonders gut. Je höher die Hürde, desto wertvoller die Gruppe.

Kennzeichen und Hürden:

  • Militär: Kopf kahl, Uniform, Grundausbildung, Drill. Der Einzelne wird abgelegt, die Truppe wird angezogen.
  • Fußball: Schal, Trikot, Fangesänge. Schalke und Dortmund liegen 30 Kilometer auseinander und hassen sich neunzig Minuten lang.
  • Berufe: Der Zimmermann auf der Walz in schwarzer Kluft, drei Jahre und einen Tag unterwegs, nicht näher als 50 Kilometer an seinen Heimatort. Der Doktortitel bei den Akademikern. Die verschlüsselte Fachsprache des Zwergs ist das Kennzeichen seines Stammes, der Aufnahmeritus.
  • Studentenverbindungen: der Schmiss von der Mensur, eine Narbe im Gesicht als Kennzeichen fürs Leben.

Alt: In Gombe in Tansania hat sich in den 1970er-Jahren eine Schimpansengruppe gespalten. Über vier Jahre hat die größere Gruppe die Männchen der abgespaltenen Gruppe einzeln aufgespürt und getötet. Vorher waren es Gruppenmitglieder.

Ein Stamm von 50:

  • Der Anthropologe Robin Dunbar hat gezählt, wie groß menschliche Gruppen von selbst werden: etwa 5 enge Vertraute, 15 gute Freunde, 50 Leute, mit denen man lagert und jagt, 150, die man noch beim Namen kennt. Die 50 ist bei Jägern und Sammlern die Größe eines Lagers.
  • Die Armeen haben das immer gewusst. Der Zug hat 30 bis 50 Mann, die Kompanie um die 150. Bei den Römern teilten sich 8 Mann ein Zelt.
  • Shils und Janowitz befragten 1948 gefangene Wehrmachtssoldaten, warum sie bis zuletzt weiterkämpften, als der Krieg längst verloren war. Nicht die Ideologie hielt sie. Die meisten kämpften für die Männer neben ihnen im Graben.

Das Thema ist austauschbar: Bei Tajfel reichte die Frage, ob einem Klee oder Kandinsky besser gefällt, und in Wahrheit nicht einmal das.

Peinlich genau eingehalten: Wer aus der eigenen Gruppe abweicht, wird härter verurteilt als ein Fremder, der dasselbe tut. Die Psychologen nennen das den Schwarze-Schaf-Effekt. Der Abtrünnige ist schlimmer als der Feind.

Das kritische Denken ausgeschaltet: Solomon Asch, 1951. Eine Versuchsperson sitzt mit sieben anderen am Tisch, die heimlich eingeweiht sind. Alle sollen sagen, welche von drei Linien so lang ist wie eine vierte. Die Antwort ist offensichtlich. Aber die sieben sagen nacheinander laut die falsche. Etwa drei von vier Versuchspersonen haben mindestens einmal mitgemacht und gegen ihre eigenen Augen die falsche Linie genannt.

Der gemeinsame Feind:

  • Das Wort Sündenbock kommt aus der Bibel. Am Versöhnungstag legte der Priester die Sünden des Volkes einem Ziegenbock auf und jagte ihn in die Wüste.
  • Im Ferienlager von Robbers Cave wurden die verfeindeten Gruppen am Ende durch eine gemeinsame Bedrohung versöhnt: Die Wasserleitung des Lagers war angeblich sabotiert.
  • Göring erklärte 1946 in Nürnberg dem Gefängnispsychologen Gilbert sinngemäß: Das Volk lässt sich immer zum Krieg bringen. Man muss ihm nur sagen, es werde angegriffen, und die Friedensfreunde als Vaterlandsverräter hinstellen.

Sprüche:

  • „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ → Freund oder Feind, kein Drittes.
  • „Das macht man bei uns nicht.“ → Die Regel des Stammes, ohne Begründung.
  • „Die da.“ → Der Fremde braucht keinen Namen.

Die andere Seite: Derselbe Dämon trägt den verletzten Kameraden aus dem Feuer. Ohne ihn gäbe es keine Feuerwehr und keine Bergwacht.

Offen: sein Ruf-Name.