Stammbaum: Unterschied zwischen den Versionen
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Aber es ist ein erster Ansatz. Es ist ein Entwurf, der zeigt wie man die Entwicklung der Seele aus den heute lebenden Dämonen ablesen kann. | Aber es ist ein erster Ansatz. Es ist ein Entwurf, der zeigt wie man die Entwicklung der Seele aus den heute lebenden Dämonen ablesen kann. | ||
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== Stammbaum == | |||
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Ein Pfeil heißt: Das untere Wesen stammt vom oberen ab oder wird von ihm erzeugt. Wut erzeugt Scham, innere Wut. Die Hexe erzeugt den Hörigen. | |||
Farbig hinterlegt: Wesen mit Steckbrief im Wiki. Im Kasten „noch ohne Ort“ stehen Wesen, die noch nicht eingeordnet sind. | |||
Gestricheltes Oval: Wesen, das sich nach innen richtet, gegen den eigenen Menschen. | |||
Quelltext zum Ändern: [[Stammbaum/Quelltext]]. Die Wesen mit ihren Beschreibungen: [[Wesen 1: Raubtier – Wüterich]] · [[Wesen 2: Raubtier – Vampir]] · [[Wesen 3: Beutetier]] · [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust]] · [[Wesen 5: Noch ohne Ort]] | |||
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== Wie neue Dämonen entstehen == | |||
Neue Dämonen bilden sich zuerst in Einzelnen und verbreiten sich von da aus. Allerdings muss der Boden dafür da sein, dass die Pflanze wächst. Letztlich sind es Meme, die sich verbreiten wie Mode. Wobei das natürlich noch mehr ist: Ein Dämon hat Hunger und handelt. | |||
'''Das Gleichnis vom Sämann''' (Matthäus 13): Ein Teil der Saat fällt auf den Weg, und die Vögel fressen ihn. Ein Teil fällt auf felsigen Grund, geht schnell auf und verdorrt, weil er keine Wurzeln hat. Ein Teil fällt unter die Dornen und wird erstickt. Ein Teil fällt auf guten Boden und bringt hundertfach Frucht. Derselbe Same, verschiedener Boden. | |||
'''Ein Same ohne Boden:''' Aristarch von Samos sagte im 3. Jahrhundert vor Christus, dass die Erde um die Sonne kreist. Niemand folgte ihm. 1.800 Jahre später sagte Kopernikus dasselbe, und diesmal wuchs es: Buchdruck, Seefahrt, Zweifel an der Kirche. | |||
'''Einer fängt an, der Boden ist bereit:''' Im Juli 1518 begann in Straßburg eine Frau namens Troffea auf der Straße zu tanzen und hörte tagelang nicht auf. Nach einer Woche tanzten Dutzende, nach einem Monat Hunderte, einige bis zur Erschöpfung. Der Boden: Hungerjahre, Seuchen und der Glaube, dass der heilige Veit einen mit Tanzwut verfluchen kann. | |||
'''Ein Mann und sein Dämon:''' Franz von Assisi warf um 1206 seine Kleider vor dem Bischof auf den Boden und gab seinem reichen Vater alles zurück. Zwanzig Jahre später hatte sein Orden Tausende Brüder in ganz Europa. Der Boden: eine reiche Kirche, über die viele unglücklich waren. | |||
'''Wie in der Biologie:''' Jede Mutation entsteht zuerst in einem einzigen Tier. Ob sie sich verbreitet, entscheidet die Umgebung. Ein neuer Dämon ist wie eine neue Art. Richard Dawkins hat 1976 für Ideen, die sich so verbreiten, das Wort „Mem“ erfunden. | |||
=== Symbiose === | |||
Am Stammbaum sieht man: Viele Wesen haben zwei oder mehr Eltern. Der Zwerg kommt von Neugier, Zombie und Formal, die Hexe von Piesacker und Täuscher, die Verachtung von Zorn und Ekel, der Streber von Ehrgeiz und Wuff Wuff, der Stammesbruder von Herde und Revierverhalten. Neue Dämonen entstehen durch Symbiose, und dafür gelten dieselben Regeln wie für die biologische Symbiose. | |||
Diese Symbiose wird zuerst von einem Einzelnen entdeckt, und dann verbreitet sie sich durch Nachahmung. Wobei es noch mehr ist. | |||
'''Ansteckung.''' Der erste Satz der Dämonologie (siehe [[Hauptseite]], „Dämon hört Dämon spricht“): ''Die Gegenwart eines Dämon beschwört ihn in Anderen herauf.'' Gähnen ist ansteckend. Lachen ist ansteckend. Traurigkeit ist ansteckend. | |||
Die Spiegelneuronen sind die entscheidende Basis von menschlicher Kultur und Kommunikation. Wenn man eine Musik hört, hat man automatisch die Empfindungen. Damit werden Stimmungen, also Dämonen, beschworen. Es überträgt sich vollautomatisch, es ist ansteckend. Neben einem depressiven Menschen wird man traurig. Da braucht es ein funktionierendes Immunsystem. | |||
Wenn ein neuer Dämon entsteht, muss die Umgebung diese Konfiguration begünstigen. | |||
* Die Spiegelneuronen wurden in den 1990er-Jahren in Parma bei Makaken entdeckt: Nervenzellen, die feuerten, wenn der Affe nach einer Erdnuss griff, und ebenso, wenn er nur sah, wie der Forscher danach griff. Beim Menschen ist der Nachweis indirekter, und wie viel genau auf diesen Zellen beruht, ist umstritten. Die Ansteckung selbst ist gut belegt. Die Spiegelneuronen sind ein Argument. Wir sind aber davon nicht abhängig, weil das Phänomen empirisch belegt ist, egal was die Ursache ist. | |||
* Gähnen: Es reicht, über Gähnen zu lesen. | |||
* Die Lachepidemie von Tanganjika, 1962: In einem Mädcheninternat am Victoriasee fingen drei Schülerinnen an zu lachen und konnten nicht mehr aufhören. Es breitete sich auf die halbe Schule aus und dann auf Dörfer in der Umgebung. Schulen mussten monatelang schließen. | |||
* Eine große amerikanische Studie verfolgte über zwanzig Jahre Tausende Menschen in einer Kleinstadt. Wer einen glücklichen Freund in der Nähe hatte, wurde selbst wahrscheinlicher glücklich, und das wirkte noch über den Freund des Freundes. | |||
* Das Immunsystem: Die Behexung ist wie das AIDS-Virus, sie befällt ausgerechnet die Abwehr (siehe [[Hexe]]). Der gefährlichste Dämon ist der, der die Abwehr selbst angreift. | |||
* '''Aus zwei wird etwas Neues, das keiner allein kann.''' Die Flechte auf dem Felsen ist ein Pilz und eine Alge. Der Pilz allein verhungert auf dem Stein, die Alge allein vertrocknet. Zusammen wachsen sie auf nacktem Fels. Die Flechte sieht ganz anders aus als jeder ihrer Eltern. | |||
* '''Die Partner bleiben erkennbar.''' Die Kraftwerke in jeder unserer Zellen, die Mitochondrien, waren einmal freilebende Bakterien. Eine größere Zelle hat sie verschluckt und nicht verdaut. Bis heute haben sie ihr eigenes Erbgut (Lynn Margulis, 1967). So sieht man im Zwerg noch die Neugier, die fragt, und den Zombie, der nicht mehr lebendig ist. | |||
* '''Die Partner verlieren, was sie nicht mehr brauchen.''' Die Mitochondrien haben den größten Teil ihres Erbguts verloren und können allein nicht mehr leben. Die Neugier im Zwerg hat ihre Spontanität verloren. | |||
* '''Ein Bund kann kippen.''' Beide gewinnen, oder einer gewinnt und dem anderen ist es gleich, oder einer gewinnt auf Kosten des anderen: der Parasit, der Schmarotzer. | |||
* '''Unter Druck zerbricht der Bund.''' Die Koralle lebt mit winzigen Algen, die ihr die Farbe geben. Wird das Wasser zu warm, stößt sie die Algen aus, wird weiß und stirbt oft daran. | |||
'''Einer entdeckt, die anderen machen nach:''' | |||
* '''Imo''': 1953 wusch ein junges Affenweibchen auf der japanischen Insel Koshima zum ersten Mal eine sandige Süßkartoffel im Bach. Zuerst machten es ihre Mutter und ihre Spielgefährten nach, dann die anderen Jungen und deren Mütter. Die alten Männchen lernten es fast nie. Später wusch Imo im Meer, und die Kartoffeln schmeckten salzig. Auch das breitete sich aus. | |||
* '''Die Meisen''': Ab 1921 pickten in einem Ort in Südengland Meisen die Deckel der Milchflaschen auf, die morgens vor den Haustüren standen, und tranken den Rahm. In den folgenden Jahrzehnten tauchte das an immer mehr Orten in England auf, von Meise zu Meise abgeschaut. | |||
Ein Einzelner entdeckt den Bund. Der Boden muss da sein: ohne Kartoffeln am Strand, ohne Flaschen vor der Tür nichts zu entdecken. Die Jungen übernehmen zuerst, die Alten zuletzt. | |||
'''Äußere Politik wird innere Politik.''' Nach dem Prozess gegen Galilei gab es ein Patt zwischen Religion und Wissenschaft. Jede Partei hat ihr Revier und betritt nicht das Revier des Rivalen, wobei es immer wieder Ausnahmen gibt. Die politischen Verhältnisse übertragen sich nach innen. Und so kann ein Kosmologe zugleich Christ sein. Auf der Seite [[Dämonologie]] steht dazu: „Vernunft ist im wesentlichen und nichts anderes als das Ergebnis der Machtkämpfe und Bündnisse von Dämonen - Ergebnis ihrer Politik.“ | |||
* '''Galilei''' veröffentlichte 1632 seinen „Dialog“. Die Lehre der Kirche vertritt darin eine Figur namens Simplicio, auf Deutsch ungefähr „Einfaltspinsel“. Papst Urban VIII., vorher Galileis Förderer, fand seine eigenen Argumente im Mund dieses Einfaltspinsels und fühlte sich verspottet. 1633 musste Galilei abschwören und lebte danach unter Hausarrest. Erst 1992 erklärte Papst Johannes Paul II., die Kirche habe sich geirrt. Da waren auch Spötter und gekränkter Stolz am Werk. | |||
* '''Das Patt hat einen Namen.''' Der Biologe Stephen Jay Gould schlug 1997 vor, Wissenschaft und Religion als zwei getrennte Lehrgebiete zu sehen, die sich nicht überschneiden: die Wissenschaft für die Frage, wie die Welt gebaut ist, die Religion für Sinn und Moral. Das Revierverhalten als Friedensvertrag. | |||
* '''Der Kosmologe als Christ:''' Georges Lemaître war katholischer Priester und Physiker. 1927 und 1931 schlug er vor, dass das Weltall sich ausdehnt und aus einem „Uratom“ hervorging. Daraus wurde die Urknall-Theorie. Als Papst Pius XII. 1951 erklärte, der Urknall bestätige die Schöpfung, war Lemaître darüber nicht glücklich. Er hielt die Reviere getrennt, auch in sich selbst. In ihm haben der Kosmologe und der Priester einen Vertrag geschlossen, wie draußen Kirche und Wissenschaft. | |||
'''Baum oder Netz:''' Darwin zeichnete einen Baum, dessen Äste sich nur teilen. Margulis zeigte, dass das Leben auch durch Verschmelzen neue Formen schafft. Der Stammbaum der Seele mit seinen kreuzenden Linien ist eher ein Netz als ein Baum. | |||
=== Die Nische === | |||
Manche Dämonen entstehen, weil sie eine unbesetzte Lücke füllen. Natürlich geht es dabei um alte Kräfte wie Geltung und eigene Macht. Aber die bestimmte Zusammensetzung entsteht, weil die Lücke sie verlangt. In der Biologie heißt das Nische. Dieselbe Nische bringt dieselbe Gestalt hervor, auch bei Tieren, die nicht verwandt sind: Hai, Delfin und Ichthyosaurier haben dieselbe Stromlinienform, obwohl der eine ein Fisch ist, der andere ein Säugetier und der dritte ein Reptil. Der Beutelwolf in Tasmanien sah aus wie ein Wolf und war ein Beuteltier. | |||
So hat der [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Vasall|Vasall]] keine sichtbare Abstammung. Er entsteht, wo es einen Hof gibt, und verschwindet, wenn die Macht verschwindet. Der [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Schmarotzer|Schmarotzer]] braucht einen Wirt. | |||
=== Verschmelzung und Abfolge === | |||
Es gibt viele Mischungen von Gefühlen. Wir beschreiben aber die gängigen Typen, sonst wären es 1000 Wesen statt 100. Und eine Mischung macht noch kein neues Wesen aus. Ein neues Wesen entsteht erst, wenn zwei verschmelzen: wenn sie verbunden auftreten und nicht nur zugleich. Der [[Wesen 3: Beutetier#Horror|Horror]] ist so ein eigenes, selbstständiges Wesen. Er ist klar abgegrenzt von Angst und Ekel, und doch treten die beiden in ihm verbunden auf. Man muss gut hinschauen, um ihn zu analysieren. Der Philosoph Noël Carroll beschrieb den Horror 1990 als Antwort auf etwas, das zugleich bedrohlich und unrein ist (''The Philosophy of Horror''). Ob das eine Mischung ist, ein bloßes Zugleich oder etwas Eigenes, hat er offengelassen. | |||
Anders der Feigling. Er hat [[Wesen 3: Beutetier#Angst|Angst]] und ruft deshalb den [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Täuscher|Täuscher]], um sich zu schützen. Das ist eine normale Abfolge und keine Verschmelzung. Darum ist der Feigling kein eigenes Wesen. Die Übergänge sind allerdings fließend. | |||
'''Was kein eigenes Wesen ist.''' Damit es keine Missverständnisse gibt, für alle, die diese Arbeit fortsetzen wollen: Nicht jeder Typ, den man im Leben oder in den alten Charakterbildern findet, ist ein eigener Dämon. | |||
* Ein '''Mangel''' ist kein Wesen. Dem Taktlosen fehlt etwas, nämlich das Lesen des anderen (siehe [[Die Entstehung der Seele#Den anderen lesen|Den anderen lesen]]). Er hat keinen eigenen Hunger. | |||
* Auch der '''Stumpfe''' ist kein Wesen. Ihm fehlen aktive Dämonen. Bei Theophrast: „Stupidity one may define as sluggishness in what a man says or does.“ Das kann Anlage sein oder fehlende Vitalität. Es kann aber auch das Ergebnis der Erziehung sein: fehlendes Training und fehlende Anregung in der Jugend. Manche sind auch nur für bestimmte Trigger stumpf. Bei der sexuellen Erregbarkeit gibt es große Unterschiede. John Bancroft und Erick Janssen beschreiben dafür zwei getrennte Systeme, ein Gaspedal und eine Bremse. Wer wenig erregt wird, kann ein schwaches Gaspedal haben, dann ist er stumpf. Oder er hat eine starke Bremse, dann hält ihn ein anderer Dämon zurück. Von außen sieht beides gleich aus. Das Altertum führte ihn unter den vier Temperamenten: den Phlegmatiker, neben Choleriker, Sanguiniker und Melancholiker. | |||
* Eine '''Abfolge''' ist kein Wesen. Der Feigling hat Angst und ruft deshalb den Täuscher. | |||
* Ein '''Verhalten''' ist kein Wesen. Der Gerüchtemacher erfindet Neuigkeiten über andere. Der Dämon dahinter ist die [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Geltung|Geltung]]. | |||
* Auch '''Misstrauen''' ist kein eigenes Wesen. Es ist Wut, im Zaum gehalten und chronisch. Die Ursache gehört dazu: Man wurde reingelegt oder enttäuscht. Oder man hat es übernommen, unbewusst, durch lange Gegenwart und Vorbild. Wer unter einer misstrauischen Mutter aufwächst, wird auch misstrauisch, ohne dass ihm jemand persönlich geschadet hat. Der Dämon wandert zwischen den Wirten, wie eine Melodie, die auf verschiedenen Instrumenten gespielt wird. Der Mensch hält sich für ein festes Ich, wie eine Statue aus Stein. Die Musik beweist das Gegenteil, und jeder kennt das aus Erfahrung: Wie leicht überträgt der Musiker Gefühle auf den Hörer. Wobei die Persönlichkeit mehr oder weniger empfänglich ist (siehe [[Die Entstehung der Seele#Nachahmen und Ansteckung|Nachahmen und Ansteckung]] und [[Die Entstehung der Seele#Denken ist Tanz|Denken ist Tanz]]). Rhesusaffen aus dem Labor, die nie eine Schlange gesehen hatten, lernten die Angst vor Schlangen, indem sie wilden Artgenossen bei ihrer Angst zusahen (Susan Mineka und Kollegen 1984). Wird der Misstrauische wieder reingelegt, bricht die Wut heraus: „Ich hab's doch gewusst!“ Theophrasts Mürrischer verflucht sogar den Stein, über den er stolpert, und er nimmt nicht einmal Geschenke an: „Timeo Danaos et dona ferentes“ (Vergil). Geraldine Downey und Kollegen zeigten 1998: Wer Zurückweisung erwartet, reagiert im Streit feindselig und ruft damit die Zurückweisung hervor. Es ist ein geschlossener Kreis, aber es bleibt die Wut, nur an einem anderen Standort. Theophrasts Misstrauischer ist das leisere Gesicht: „Suspicion is a kind of belief that everybody is fraudulent.“ Er schickt einem Diener einen zweiten hinterher, zählt sein Geld alle hundert Schritte nach und steht nachts auf, um den Riegel zu prüfen, obwohl die Frau Ja gesagt hat. Auch das ist Wut, weniger aggressiv als beim Mürrischen: Er ärgert sich, dass alle unzuverlässig sind. Eine weitere Quelle ist der [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Perfektionist|Perfektionist]]: Die anderen erfüllen seine Maßstäbe von richtig nicht. Wäre es ihm egal, müsste er nicht kontrollieren. | |||
* Auch der '''Abergläubische''' ist kein eigenes Wesen. Es ist Angst. Bei Theophrast heißt er Δεισιδαιμονία, wörtlich „Dämonenfurcht“: „Superstition is a crouching fear of unseen powers.“ Läuft ihm ein Wiesel über den Weg, geht er keinen Schritt weiter. Hört er eine Eule, erschrickt er. Ihm fehlt nicht der Mythos, er hat ihn ganz. Aber er sieht davon nur, was ihm Angst macht. Der Mutige sieht im selben Mythos die Heldengeschichten, der Hoffende die mit dem glücklichen Ende. So verändert die Herrschaft eines Dämons die Sicht und damit die Welt selbst (siehe [[Grundlagen]]). Er nimmt an der Welt nur seine Trigger wahr und übersieht die anderen. Colin MacLeod, Andrew Mathews und Philip Tata zeigten 1986: Ängstliche richten ihre Aufmerksamkeit unwillkürlich auf bedrohliche Wörter. | |||
* Eine bloße '''Mischung''' ist kein Wesen. | |||
Verbreitete Formen, die kein eigenes Wesen sind, beschreiben wir trotzdem, als '''Varianten''' beim Elternwesen. Im Stammbaum sind sie gestrichelt verbunden. | |||
Ein eigenes Wesen entsteht durch Verschmelzung, wie beim Horror, oder wenn ein Kreis chronisch und in sich geschlossen wird, wie beim [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Prahler|Prahler]]: Er hat Täuscher und Geltung als Eltern, aber er ist keine Abfolge der beiden, sondern ein stabiler Zustand. | |||
'''Art und Wuchs.''' Ob ein Typ ein eigenes Wesen ist, entscheidet keine Regel, sondern das Gefühl dafür, wie eigenständig er ist. Es ist wie im Wald: Die Blätter verschiedener Arten unterscheidet man leicht. Aber dieselbe Art kann an verschiedenen Orten und unter verschiedenen Umständen ganz verschieden wachsen. An der Baumgrenze wachsen Bäume niedrig und verkrüppelt, im Tal hoch und gerade, und es bleibt dieselbe Art. So kann man auf alles Mögliche wütend sein, auf Menschen, Dinge, Situationen. Es ist immer dieselbe Reaktion: laut werden, aggressiv werden. Das ist derselbe Dämon. Der [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Prahler|Prahler]] dagegen tut in denselben Situationen etwas ganz anderes: Er gibt an. Er will Geltung, aber was er tut und was die Welt sieht, ist sehr spezifisch. Und der Typ ist gleichförmig und verbreitet. | |||
'''Entgleisung: die Gier.''' Gier ist kein eigener Dämon, sondern eine bestimmte Entgleisung. Gier ist immer haben wollen. Sie kann verschiedene Wesen treffen: den [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Sammler|Sammler]], den [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Hunger/Schlemmer|Schlemmer]], das [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Begehren|Begehren]]. Die alten Todsünden haben die Gier schon nach ihrem Gegenstand aufgeteilt: avaritia, gula, luxuria, also Habgier, Völlerei, Wollust. | |||
Die Gier hat zwei Gestalten. | |||
* '''Das Fass ohne Boden.''' Die Sättigung fällt aus. Ein gesunder Dämon hat Hunger, wird satt und gibt Ruhe, wie ein Thermostat. Hier kommt das Stopp-Signal nicht mehr. Die Suchtforscher Kent Berridge und Terry Robinson trennen das Wollen („wanting“) vom Genießen („liking“): In der Sucht wächst das Wollen, der Genuss nicht. Dieser Gierige hat nicht mehr Freude, aber mehr Hunger. | |||
* '''Der Kick.''' Die Befriedigung ist so groß und unwiderstehlich, dass man sie immer wieder haben muss. Hier ist der Genuss nicht verschwunden, sondern übergroß. | |||
Nicht jede Entgleisung ist Gier. Der Messi kann nichts hergeben, aber er will nicht immer mehr haben. Was er hortet, ist nicht einmal wertvoll. | |||
Bei Theophrast heißt der Gierige Αἰσχροκέρδεια, „schändlicher Gewinn“: „Avarice is greedy love of gain.“ Er holt sich den Gewinn von anderen. Er lädt dem Träger mehr auf, als der tragen kann, und gibt ihm die kleinste Ration. Dem Freund verkauft er gepanschten Wein. Da ruft die Gier den Täuscher. | |||
[[ | === Der Test === | ||
Ob ein Dämon dahintersteckt, zeigt sich, wenn man ihn in seinem Revier angreift. Vorher ist er unscheinbar, friedlich unter der Oberfläche. Dann gibt es plötzlich eine heftige Reaktion, er verteidigt sein Revier und übernimmt das Steuer. Dann ist sein Ziel das Wichtigste. Nimm ihm seine Nahrung weg. Wer verdurstet, für den ist nichts so wichtig wie Trinken. Spann einem die Frau aus, und er kämpft wie ein Berserker. Schlafentzug. Greif seinen Kameraden an. Beim [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Knauser|Knauser]] reicht ein Festessen, bei dem die Tochter seine Börse nimmt und sagt, sie bezahle mit seinem Geld für alle. | |||
Im Minnesota-Hungerexperiment ließen Ancel Keys und seine Kollegen 1944 und 1945 junge Kriegsdienstverweigerer monatelang hungern. Das Essen übernahm das Steuer. Die Männer dachten nur noch daran, lasen Kochbücher, sammelten Rezepte, wachten eifersüchtig über ihre Teller, durchwühlten den Müll nach Essbarem und ertrugen es nicht, wenn etwas verschwendet wurde. | |||
Der Test zeigt, dass ein Dämon da ist, aber nicht immer, welcher. Dann muss man die Probe abwandeln. | |||
'''Die Missbilligung.''' Zum Test gehört auch die Missbilligung von anderen, die nicht sind wie er selbst. Der [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Menschenfreund|Menschenfreund]] missbilligt den, der andere boshaft schädigt. Der [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Hexe/Psychopath|Psychopath]] schätzt Normalos gering, als schwach. Der [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Kamerad|Kamerad]] verachtet den [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Schmarotzer|Schmarotzer]]. Liebende [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Elter|Eltern]] missbilligen, wenn andere Eltern ihre Kinder schikanieren. Der [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Perfektionist|Perfektionist]] missbilligt die Schlamperei. Die [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Stammesbruder|Stammesbrüder]] missbilligen den Abweichler. Der Mutige verachtet den Feigling, der Stolze den Kriecher. | |||
Ernst Fehr und Simon Gächter zeigten 2002: Menschen bestrafen Trittbrettfahrer, auch wenn die Strafe sie selbst etwas kostet und nichts einbringt. Treibende Kraft sind negative Gefühle gegen die Abweichler. Paul Hewitt und Gordon Flett beschrieben 1991 Perfektionisten, die „unrealistic standards for significant others“ haben. José Marques, Vincent Yzerbyt und Jacques-Philippe Leyens fanden 1988 den „black sheep effect“: Ein unsympathisches Mitglied der eigenen Gruppe wird härter verurteilt als dasselbe Verhalten bei einem Fremden. | |||
Am deutlichsten ist das bei den Dämonen, bei denen es um die Gruppe geht. Aber es greift bei allen, die einen Maßstab haben, wie man sein oder leben soll: Auch der Knauser missbilligt den Verschwender. Bei den Leib-Dämonen greift es nicht. Wer Durst hat, verachtet nicht den, der keinen hat. Auffällig ist: Gegensätzliche Dämonen missbilligen einander gegenseitig. Der Knauser missbilligt den Verschwender, der Spendable den Knauser. Daran lassen sich [[Bannung#Gegendämonen|Gegendämonen]] erkennen. | |||
== Gut und Böse aus einer Wurzel == | |||
Wir machen hier das personifizierte Böse zum Vater der Seele. Das vornehme Raubtier, steht bei Nietzsche. Was ist, wenn die guten und bösen Triebe miteinander verwoben sind, vielleicht gar wesensgleich? | |||
'''Nietzsche''', Jenseits von Gut und Böse, Abschnitt 2: „Es wäre sogar noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein.“ | |||
In der Genealogie der Moral sagt Nietzsche, auf dem Grund aller vornehmen Menschen sei „das Raubthier“ nicht zu verkennen. Er nennt es auch die „blonde Bestie“ und meint damit den Löwen mit seiner Mähne, nicht die Germanen, wie die Nazis es später missbraucht haben. | |||
'''Der Stammbaum zeigt es:''' | |||
* Vom Raubtier über den Vampir zum Sieg, vom Sieg zum Dank, vom Dank zur Verehrung, von der Verehrung zur Liebe. Die Liebe hat unter anderem den Vampir als Ahnen. | |||
* Wüterich → Krieger → Beschützer. Der Beschützer, der sein Kind verteidigt, stammt vom Wüterich ab. | |||
* Vom Sieg kommen der Held, der Stolz und der Mut. | |||
Gut und Böse sitzen nicht auf verschiedenen Ästen. Sie wachsen aus derselben Wurzel. | |||
. | Das Bindungshormon Oxytocin macht in Versuchen freundlicher und vertrauensvoller gegenüber der eigenen Gruppe und zugleich abwehrbereiter gegen Fremde (siehe [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Stammesbruder|Stammesbruder]]). | ||
Aktuelle Version vom 31. Oktober 2026, 18:40 Uhr
Dies ist der Stammbaum der menschlichen Seele
Bestimmt ist das nicht ohne Fehler. Und gewiss ist das auch nicht vollständig.
Aber es ist ein erster Ansatz. Es ist ein Entwurf, der zeigt wie man die Entwicklung der Seele aus den heute lebenden Dämonen ablesen kann.
Ich bin ein Empath. Ich schaue den Menschen direkt auf den Grund ihrer Seele.
Ich habe etwas getan, dass zuvor Niemand sonst außer mir jemals getan hat:
Ich habe dem Menschen auf den Grund seiner Seele geschaut.
Stammbaum
Ein Pfeil heißt: Das untere Wesen stammt vom oberen ab oder wird von ihm erzeugt. Wut erzeugt Scham, innere Wut. Die Hexe erzeugt den Hörigen.
Farbig hinterlegt: Wesen mit Steckbrief im Wiki. Im Kasten „noch ohne Ort“ stehen Wesen, die noch nicht eingeordnet sind.
Gestricheltes Oval: Wesen, das sich nach innen richtet, gegen den eigenen Menschen.
Quelltext zum Ändern: Stammbaum/Quelltext. Die Wesen mit ihren Beschreibungen: Wesen 1: Raubtier – Wüterich · Wesen 2: Raubtier – Vampir · Wesen 3: Beutetier · Wesen 4: Leib, Nest und Lust · Wesen 5: Noch ohne Ort
Wie neue Dämonen entstehen
Neue Dämonen bilden sich zuerst in Einzelnen und verbreiten sich von da aus. Allerdings muss der Boden dafür da sein, dass die Pflanze wächst. Letztlich sind es Meme, die sich verbreiten wie Mode. Wobei das natürlich noch mehr ist: Ein Dämon hat Hunger und handelt.
Das Gleichnis vom Sämann (Matthäus 13): Ein Teil der Saat fällt auf den Weg, und die Vögel fressen ihn. Ein Teil fällt auf felsigen Grund, geht schnell auf und verdorrt, weil er keine Wurzeln hat. Ein Teil fällt unter die Dornen und wird erstickt. Ein Teil fällt auf guten Boden und bringt hundertfach Frucht. Derselbe Same, verschiedener Boden.
Ein Same ohne Boden: Aristarch von Samos sagte im 3. Jahrhundert vor Christus, dass die Erde um die Sonne kreist. Niemand folgte ihm. 1.800 Jahre später sagte Kopernikus dasselbe, und diesmal wuchs es: Buchdruck, Seefahrt, Zweifel an der Kirche.
Einer fängt an, der Boden ist bereit: Im Juli 1518 begann in Straßburg eine Frau namens Troffea auf der Straße zu tanzen und hörte tagelang nicht auf. Nach einer Woche tanzten Dutzende, nach einem Monat Hunderte, einige bis zur Erschöpfung. Der Boden: Hungerjahre, Seuchen und der Glaube, dass der heilige Veit einen mit Tanzwut verfluchen kann.
Ein Mann und sein Dämon: Franz von Assisi warf um 1206 seine Kleider vor dem Bischof auf den Boden und gab seinem reichen Vater alles zurück. Zwanzig Jahre später hatte sein Orden Tausende Brüder in ganz Europa. Der Boden: eine reiche Kirche, über die viele unglücklich waren.
Wie in der Biologie: Jede Mutation entsteht zuerst in einem einzigen Tier. Ob sie sich verbreitet, entscheidet die Umgebung. Ein neuer Dämon ist wie eine neue Art. Richard Dawkins hat 1976 für Ideen, die sich so verbreiten, das Wort „Mem“ erfunden.
Symbiose
Am Stammbaum sieht man: Viele Wesen haben zwei oder mehr Eltern. Der Zwerg kommt von Neugier, Zombie und Formal, die Hexe von Piesacker und Täuscher, die Verachtung von Zorn und Ekel, der Streber von Ehrgeiz und Wuff Wuff, der Stammesbruder von Herde und Revierverhalten. Neue Dämonen entstehen durch Symbiose, und dafür gelten dieselben Regeln wie für die biologische Symbiose.
Diese Symbiose wird zuerst von einem Einzelnen entdeckt, und dann verbreitet sie sich durch Nachahmung. Wobei es noch mehr ist.
Ansteckung. Der erste Satz der Dämonologie (siehe Hauptseite, „Dämon hört Dämon spricht“): Die Gegenwart eines Dämon beschwört ihn in Anderen herauf. Gähnen ist ansteckend. Lachen ist ansteckend. Traurigkeit ist ansteckend.
Die Spiegelneuronen sind die entscheidende Basis von menschlicher Kultur und Kommunikation. Wenn man eine Musik hört, hat man automatisch die Empfindungen. Damit werden Stimmungen, also Dämonen, beschworen. Es überträgt sich vollautomatisch, es ist ansteckend. Neben einem depressiven Menschen wird man traurig. Da braucht es ein funktionierendes Immunsystem.
Wenn ein neuer Dämon entsteht, muss die Umgebung diese Konfiguration begünstigen.
- Die Spiegelneuronen wurden in den 1990er-Jahren in Parma bei Makaken entdeckt: Nervenzellen, die feuerten, wenn der Affe nach einer Erdnuss griff, und ebenso, wenn er nur sah, wie der Forscher danach griff. Beim Menschen ist der Nachweis indirekter, und wie viel genau auf diesen Zellen beruht, ist umstritten. Die Ansteckung selbst ist gut belegt. Die Spiegelneuronen sind ein Argument. Wir sind aber davon nicht abhängig, weil das Phänomen empirisch belegt ist, egal was die Ursache ist.
- Gähnen: Es reicht, über Gähnen zu lesen.
- Die Lachepidemie von Tanganjika, 1962: In einem Mädcheninternat am Victoriasee fingen drei Schülerinnen an zu lachen und konnten nicht mehr aufhören. Es breitete sich auf die halbe Schule aus und dann auf Dörfer in der Umgebung. Schulen mussten monatelang schließen.
- Eine große amerikanische Studie verfolgte über zwanzig Jahre Tausende Menschen in einer Kleinstadt. Wer einen glücklichen Freund in der Nähe hatte, wurde selbst wahrscheinlicher glücklich, und das wirkte noch über den Freund des Freundes.
- Das Immunsystem: Die Behexung ist wie das AIDS-Virus, sie befällt ausgerechnet die Abwehr (siehe Hexe). Der gefährlichste Dämon ist der, der die Abwehr selbst angreift.
- Aus zwei wird etwas Neues, das keiner allein kann. Die Flechte auf dem Felsen ist ein Pilz und eine Alge. Der Pilz allein verhungert auf dem Stein, die Alge allein vertrocknet. Zusammen wachsen sie auf nacktem Fels. Die Flechte sieht ganz anders aus als jeder ihrer Eltern.
- Die Partner bleiben erkennbar. Die Kraftwerke in jeder unserer Zellen, die Mitochondrien, waren einmal freilebende Bakterien. Eine größere Zelle hat sie verschluckt und nicht verdaut. Bis heute haben sie ihr eigenes Erbgut (Lynn Margulis, 1967). So sieht man im Zwerg noch die Neugier, die fragt, und den Zombie, der nicht mehr lebendig ist.
- Die Partner verlieren, was sie nicht mehr brauchen. Die Mitochondrien haben den größten Teil ihres Erbguts verloren und können allein nicht mehr leben. Die Neugier im Zwerg hat ihre Spontanität verloren.
- Ein Bund kann kippen. Beide gewinnen, oder einer gewinnt und dem anderen ist es gleich, oder einer gewinnt auf Kosten des anderen: der Parasit, der Schmarotzer.
- Unter Druck zerbricht der Bund. Die Koralle lebt mit winzigen Algen, die ihr die Farbe geben. Wird das Wasser zu warm, stößt sie die Algen aus, wird weiß und stirbt oft daran.
Einer entdeckt, die anderen machen nach:
- Imo: 1953 wusch ein junges Affenweibchen auf der japanischen Insel Koshima zum ersten Mal eine sandige Süßkartoffel im Bach. Zuerst machten es ihre Mutter und ihre Spielgefährten nach, dann die anderen Jungen und deren Mütter. Die alten Männchen lernten es fast nie. Später wusch Imo im Meer, und die Kartoffeln schmeckten salzig. Auch das breitete sich aus.
- Die Meisen: Ab 1921 pickten in einem Ort in Südengland Meisen die Deckel der Milchflaschen auf, die morgens vor den Haustüren standen, und tranken den Rahm. In den folgenden Jahrzehnten tauchte das an immer mehr Orten in England auf, von Meise zu Meise abgeschaut.
Ein Einzelner entdeckt den Bund. Der Boden muss da sein: ohne Kartoffeln am Strand, ohne Flaschen vor der Tür nichts zu entdecken. Die Jungen übernehmen zuerst, die Alten zuletzt.
Äußere Politik wird innere Politik. Nach dem Prozess gegen Galilei gab es ein Patt zwischen Religion und Wissenschaft. Jede Partei hat ihr Revier und betritt nicht das Revier des Rivalen, wobei es immer wieder Ausnahmen gibt. Die politischen Verhältnisse übertragen sich nach innen. Und so kann ein Kosmologe zugleich Christ sein. Auf der Seite Dämonologie steht dazu: „Vernunft ist im wesentlichen und nichts anderes als das Ergebnis der Machtkämpfe und Bündnisse von Dämonen - Ergebnis ihrer Politik.“
- Galilei veröffentlichte 1632 seinen „Dialog“. Die Lehre der Kirche vertritt darin eine Figur namens Simplicio, auf Deutsch ungefähr „Einfaltspinsel“. Papst Urban VIII., vorher Galileis Förderer, fand seine eigenen Argumente im Mund dieses Einfaltspinsels und fühlte sich verspottet. 1633 musste Galilei abschwören und lebte danach unter Hausarrest. Erst 1992 erklärte Papst Johannes Paul II., die Kirche habe sich geirrt. Da waren auch Spötter und gekränkter Stolz am Werk.
- Das Patt hat einen Namen. Der Biologe Stephen Jay Gould schlug 1997 vor, Wissenschaft und Religion als zwei getrennte Lehrgebiete zu sehen, die sich nicht überschneiden: die Wissenschaft für die Frage, wie die Welt gebaut ist, die Religion für Sinn und Moral. Das Revierverhalten als Friedensvertrag.
- Der Kosmologe als Christ: Georges Lemaître war katholischer Priester und Physiker. 1927 und 1931 schlug er vor, dass das Weltall sich ausdehnt und aus einem „Uratom“ hervorging. Daraus wurde die Urknall-Theorie. Als Papst Pius XII. 1951 erklärte, der Urknall bestätige die Schöpfung, war Lemaître darüber nicht glücklich. Er hielt die Reviere getrennt, auch in sich selbst. In ihm haben der Kosmologe und der Priester einen Vertrag geschlossen, wie draußen Kirche und Wissenschaft.
Baum oder Netz: Darwin zeichnete einen Baum, dessen Äste sich nur teilen. Margulis zeigte, dass das Leben auch durch Verschmelzen neue Formen schafft. Der Stammbaum der Seele mit seinen kreuzenden Linien ist eher ein Netz als ein Baum.
Die Nische
Manche Dämonen entstehen, weil sie eine unbesetzte Lücke füllen. Natürlich geht es dabei um alte Kräfte wie Geltung und eigene Macht. Aber die bestimmte Zusammensetzung entsteht, weil die Lücke sie verlangt. In der Biologie heißt das Nische. Dieselbe Nische bringt dieselbe Gestalt hervor, auch bei Tieren, die nicht verwandt sind: Hai, Delfin und Ichthyosaurier haben dieselbe Stromlinienform, obwohl der eine ein Fisch ist, der andere ein Säugetier und der dritte ein Reptil. Der Beutelwolf in Tasmanien sah aus wie ein Wolf und war ein Beuteltier.
So hat der Vasall keine sichtbare Abstammung. Er entsteht, wo es einen Hof gibt, und verschwindet, wenn die Macht verschwindet. Der Schmarotzer braucht einen Wirt.
Verschmelzung und Abfolge
Es gibt viele Mischungen von Gefühlen. Wir beschreiben aber die gängigen Typen, sonst wären es 1000 Wesen statt 100. Und eine Mischung macht noch kein neues Wesen aus. Ein neues Wesen entsteht erst, wenn zwei verschmelzen: wenn sie verbunden auftreten und nicht nur zugleich. Der Horror ist so ein eigenes, selbstständiges Wesen. Er ist klar abgegrenzt von Angst und Ekel, und doch treten die beiden in ihm verbunden auf. Man muss gut hinschauen, um ihn zu analysieren. Der Philosoph Noël Carroll beschrieb den Horror 1990 als Antwort auf etwas, das zugleich bedrohlich und unrein ist (The Philosophy of Horror). Ob das eine Mischung ist, ein bloßes Zugleich oder etwas Eigenes, hat er offengelassen.
Anders der Feigling. Er hat Angst und ruft deshalb den Täuscher, um sich zu schützen. Das ist eine normale Abfolge und keine Verschmelzung. Darum ist der Feigling kein eigenes Wesen. Die Übergänge sind allerdings fließend.
Was kein eigenes Wesen ist. Damit es keine Missverständnisse gibt, für alle, die diese Arbeit fortsetzen wollen: Nicht jeder Typ, den man im Leben oder in den alten Charakterbildern findet, ist ein eigener Dämon.
- Ein Mangel ist kein Wesen. Dem Taktlosen fehlt etwas, nämlich das Lesen des anderen (siehe Den anderen lesen). Er hat keinen eigenen Hunger.
- Auch der Stumpfe ist kein Wesen. Ihm fehlen aktive Dämonen. Bei Theophrast: „Stupidity one may define as sluggishness in what a man says or does.“ Das kann Anlage sein oder fehlende Vitalität. Es kann aber auch das Ergebnis der Erziehung sein: fehlendes Training und fehlende Anregung in der Jugend. Manche sind auch nur für bestimmte Trigger stumpf. Bei der sexuellen Erregbarkeit gibt es große Unterschiede. John Bancroft und Erick Janssen beschreiben dafür zwei getrennte Systeme, ein Gaspedal und eine Bremse. Wer wenig erregt wird, kann ein schwaches Gaspedal haben, dann ist er stumpf. Oder er hat eine starke Bremse, dann hält ihn ein anderer Dämon zurück. Von außen sieht beides gleich aus. Das Altertum führte ihn unter den vier Temperamenten: den Phlegmatiker, neben Choleriker, Sanguiniker und Melancholiker.
- Eine Abfolge ist kein Wesen. Der Feigling hat Angst und ruft deshalb den Täuscher.
- Ein Verhalten ist kein Wesen. Der Gerüchtemacher erfindet Neuigkeiten über andere. Der Dämon dahinter ist die Geltung.
- Auch Misstrauen ist kein eigenes Wesen. Es ist Wut, im Zaum gehalten und chronisch. Die Ursache gehört dazu: Man wurde reingelegt oder enttäuscht. Oder man hat es übernommen, unbewusst, durch lange Gegenwart und Vorbild. Wer unter einer misstrauischen Mutter aufwächst, wird auch misstrauisch, ohne dass ihm jemand persönlich geschadet hat. Der Dämon wandert zwischen den Wirten, wie eine Melodie, die auf verschiedenen Instrumenten gespielt wird. Der Mensch hält sich für ein festes Ich, wie eine Statue aus Stein. Die Musik beweist das Gegenteil, und jeder kennt das aus Erfahrung: Wie leicht überträgt der Musiker Gefühle auf den Hörer. Wobei die Persönlichkeit mehr oder weniger empfänglich ist (siehe Nachahmen und Ansteckung und Denken ist Tanz). Rhesusaffen aus dem Labor, die nie eine Schlange gesehen hatten, lernten die Angst vor Schlangen, indem sie wilden Artgenossen bei ihrer Angst zusahen (Susan Mineka und Kollegen 1984). Wird der Misstrauische wieder reingelegt, bricht die Wut heraus: „Ich hab's doch gewusst!“ Theophrasts Mürrischer verflucht sogar den Stein, über den er stolpert, und er nimmt nicht einmal Geschenke an: „Timeo Danaos et dona ferentes“ (Vergil). Geraldine Downey und Kollegen zeigten 1998: Wer Zurückweisung erwartet, reagiert im Streit feindselig und ruft damit die Zurückweisung hervor. Es ist ein geschlossener Kreis, aber es bleibt die Wut, nur an einem anderen Standort. Theophrasts Misstrauischer ist das leisere Gesicht: „Suspicion is a kind of belief that everybody is fraudulent.“ Er schickt einem Diener einen zweiten hinterher, zählt sein Geld alle hundert Schritte nach und steht nachts auf, um den Riegel zu prüfen, obwohl die Frau Ja gesagt hat. Auch das ist Wut, weniger aggressiv als beim Mürrischen: Er ärgert sich, dass alle unzuverlässig sind. Eine weitere Quelle ist der Perfektionist: Die anderen erfüllen seine Maßstäbe von richtig nicht. Wäre es ihm egal, müsste er nicht kontrollieren.
- Auch der Abergläubische ist kein eigenes Wesen. Es ist Angst. Bei Theophrast heißt er Δεισιδαιμονία, wörtlich „Dämonenfurcht“: „Superstition is a crouching fear of unseen powers.“ Läuft ihm ein Wiesel über den Weg, geht er keinen Schritt weiter. Hört er eine Eule, erschrickt er. Ihm fehlt nicht der Mythos, er hat ihn ganz. Aber er sieht davon nur, was ihm Angst macht. Der Mutige sieht im selben Mythos die Heldengeschichten, der Hoffende die mit dem glücklichen Ende. So verändert die Herrschaft eines Dämons die Sicht und damit die Welt selbst (siehe Grundlagen). Er nimmt an der Welt nur seine Trigger wahr und übersieht die anderen. Colin MacLeod, Andrew Mathews und Philip Tata zeigten 1986: Ängstliche richten ihre Aufmerksamkeit unwillkürlich auf bedrohliche Wörter.
- Eine bloße Mischung ist kein Wesen.
Verbreitete Formen, die kein eigenes Wesen sind, beschreiben wir trotzdem, als Varianten beim Elternwesen. Im Stammbaum sind sie gestrichelt verbunden. Ein eigenes Wesen entsteht durch Verschmelzung, wie beim Horror, oder wenn ein Kreis chronisch und in sich geschlossen wird, wie beim Prahler: Er hat Täuscher und Geltung als Eltern, aber er ist keine Abfolge der beiden, sondern ein stabiler Zustand.
Art und Wuchs. Ob ein Typ ein eigenes Wesen ist, entscheidet keine Regel, sondern das Gefühl dafür, wie eigenständig er ist. Es ist wie im Wald: Die Blätter verschiedener Arten unterscheidet man leicht. Aber dieselbe Art kann an verschiedenen Orten und unter verschiedenen Umständen ganz verschieden wachsen. An der Baumgrenze wachsen Bäume niedrig und verkrüppelt, im Tal hoch und gerade, und es bleibt dieselbe Art. So kann man auf alles Mögliche wütend sein, auf Menschen, Dinge, Situationen. Es ist immer dieselbe Reaktion: laut werden, aggressiv werden. Das ist derselbe Dämon. Der Prahler dagegen tut in denselben Situationen etwas ganz anderes: Er gibt an. Er will Geltung, aber was er tut und was die Welt sieht, ist sehr spezifisch. Und der Typ ist gleichförmig und verbreitet.
Entgleisung: die Gier. Gier ist kein eigener Dämon, sondern eine bestimmte Entgleisung. Gier ist immer haben wollen. Sie kann verschiedene Wesen treffen: den Sammler, den Schlemmer, das Begehren. Die alten Todsünden haben die Gier schon nach ihrem Gegenstand aufgeteilt: avaritia, gula, luxuria, also Habgier, Völlerei, Wollust.
Die Gier hat zwei Gestalten.
- Das Fass ohne Boden. Die Sättigung fällt aus. Ein gesunder Dämon hat Hunger, wird satt und gibt Ruhe, wie ein Thermostat. Hier kommt das Stopp-Signal nicht mehr. Die Suchtforscher Kent Berridge und Terry Robinson trennen das Wollen („wanting“) vom Genießen („liking“): In der Sucht wächst das Wollen, der Genuss nicht. Dieser Gierige hat nicht mehr Freude, aber mehr Hunger.
- Der Kick. Die Befriedigung ist so groß und unwiderstehlich, dass man sie immer wieder haben muss. Hier ist der Genuss nicht verschwunden, sondern übergroß.
Nicht jede Entgleisung ist Gier. Der Messi kann nichts hergeben, aber er will nicht immer mehr haben. Was er hortet, ist nicht einmal wertvoll.
Bei Theophrast heißt der Gierige Αἰσχροκέρδεια, „schändlicher Gewinn“: „Avarice is greedy love of gain.“ Er holt sich den Gewinn von anderen. Er lädt dem Träger mehr auf, als der tragen kann, und gibt ihm die kleinste Ration. Dem Freund verkauft er gepanschten Wein. Da ruft die Gier den Täuscher.
Der Test
Ob ein Dämon dahintersteckt, zeigt sich, wenn man ihn in seinem Revier angreift. Vorher ist er unscheinbar, friedlich unter der Oberfläche. Dann gibt es plötzlich eine heftige Reaktion, er verteidigt sein Revier und übernimmt das Steuer. Dann ist sein Ziel das Wichtigste. Nimm ihm seine Nahrung weg. Wer verdurstet, für den ist nichts so wichtig wie Trinken. Spann einem die Frau aus, und er kämpft wie ein Berserker. Schlafentzug. Greif seinen Kameraden an. Beim Knauser reicht ein Festessen, bei dem die Tochter seine Börse nimmt und sagt, sie bezahle mit seinem Geld für alle.
Im Minnesota-Hungerexperiment ließen Ancel Keys und seine Kollegen 1944 und 1945 junge Kriegsdienstverweigerer monatelang hungern. Das Essen übernahm das Steuer. Die Männer dachten nur noch daran, lasen Kochbücher, sammelten Rezepte, wachten eifersüchtig über ihre Teller, durchwühlten den Müll nach Essbarem und ertrugen es nicht, wenn etwas verschwendet wurde.
Der Test zeigt, dass ein Dämon da ist, aber nicht immer, welcher. Dann muss man die Probe abwandeln.
Die Missbilligung. Zum Test gehört auch die Missbilligung von anderen, die nicht sind wie er selbst. Der Menschenfreund missbilligt den, der andere boshaft schädigt. Der Psychopath schätzt Normalos gering, als schwach. Der Kamerad verachtet den Schmarotzer. Liebende Eltern missbilligen, wenn andere Eltern ihre Kinder schikanieren. Der Perfektionist missbilligt die Schlamperei. Die Stammesbrüder missbilligen den Abweichler. Der Mutige verachtet den Feigling, der Stolze den Kriecher.
Ernst Fehr und Simon Gächter zeigten 2002: Menschen bestrafen Trittbrettfahrer, auch wenn die Strafe sie selbst etwas kostet und nichts einbringt. Treibende Kraft sind negative Gefühle gegen die Abweichler. Paul Hewitt und Gordon Flett beschrieben 1991 Perfektionisten, die „unrealistic standards for significant others“ haben. José Marques, Vincent Yzerbyt und Jacques-Philippe Leyens fanden 1988 den „black sheep effect“: Ein unsympathisches Mitglied der eigenen Gruppe wird härter verurteilt als dasselbe Verhalten bei einem Fremden.
Am deutlichsten ist das bei den Dämonen, bei denen es um die Gruppe geht. Aber es greift bei allen, die einen Maßstab haben, wie man sein oder leben soll: Auch der Knauser missbilligt den Verschwender. Bei den Leib-Dämonen greift es nicht. Wer Durst hat, verachtet nicht den, der keinen hat. Auffällig ist: Gegensätzliche Dämonen missbilligen einander gegenseitig. Der Knauser missbilligt den Verschwender, der Spendable den Knauser. Daran lassen sich Gegendämonen erkennen.
Gut und Böse aus einer Wurzel
Wir machen hier das personifizierte Böse zum Vater der Seele. Das vornehme Raubtier, steht bei Nietzsche. Was ist, wenn die guten und bösen Triebe miteinander verwoben sind, vielleicht gar wesensgleich?
Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Abschnitt 2: „Es wäre sogar noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein.“
In der Genealogie der Moral sagt Nietzsche, auf dem Grund aller vornehmen Menschen sei „das Raubthier“ nicht zu verkennen. Er nennt es auch die „blonde Bestie“ und meint damit den Löwen mit seiner Mähne, nicht die Germanen, wie die Nazis es später missbraucht haben.
Der Stammbaum zeigt es:
- Vom Raubtier über den Vampir zum Sieg, vom Sieg zum Dank, vom Dank zur Verehrung, von der Verehrung zur Liebe. Die Liebe hat unter anderem den Vampir als Ahnen.
- Wüterich → Krieger → Beschützer. Der Beschützer, der sein Kind verteidigt, stammt vom Wüterich ab.
- Vom Sieg kommen der Held, der Stolz und der Mut.
Gut und Böse sitzen nicht auf verschiedenen Ästen. Sie wachsen aus derselben Wurzel.
Das Bindungshormon Oxytocin macht in Versuchen freundlicher und vertrauensvoller gegenüber der eigenen Gruppe und zugleich abwehrbereiter gegen Fremde (siehe Stammesbruder).