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* '''Stark und schwach:''' Wir beschreiben die Dämonen in starker Ausprägung. Es gibt Menschen, in denen wenige Dämonen herrschen, aber die meisten Dämonen sind in allen Menschen vorhanden oder abrufbar. Jeder hat dasselbe Klavier; manche spielen fast nur noch auf zwei, drei Tasten. William Fleeson ließ 2001 Menschen über Wochen mehrmals täglich notieren, wie sie sich gerade verhielten: Ein und derselbe Mensch schwankt fast so stark wie die Menschen untereinander. Was man Charakter nennt, ist die Häufigkeit, mit der ein Dämon herrscht. | * '''Stark und schwach:''' Wir beschreiben die Dämonen in starker Ausprägung. Es gibt Menschen, in denen wenige Dämonen herrschen, aber die meisten Dämonen sind in allen Menschen vorhanden oder abrufbar. Jeder hat dasselbe Klavier; manche spielen fast nur noch auf zwei, drei Tasten. William Fleeson ließ 2001 Menschen über Wochen mehrmals täglich notieren, wie sie sich gerade verhielten: Ein und derselbe Mensch schwankt fast so stark wie die Menschen untereinander. Was man Charakter nennt, ist die Häufigkeit, mit der ein Dämon herrscht. | ||
* '''Stimmungen:''' Die Dämonen sind die Stimmungen. Das Wort sagt es schon: Man stimmt ein Instrument. Bei Musik sieht man, wie verschiedene Dämonen beschworen werden und wie sie wechseln. Zwei tiefe Töne, abwechselnd, immer schneller, und jeder im Kino weiß, dass der weiße Hai kommt. Ein Marsch, und auch der Friedliche geht im Gleichschritt. Ein Wiegenlied, und das Kind schläft. Musik kann auch Dämonen rufen, die sonst kaum im Charakter eines Menschen wirken. | * '''Stimmungen:''' Die Dämonen sind die Stimmungen. Das Wort sagt es schon: Man stimmt ein Instrument. Bei Musik sieht man, wie verschiedene Dämonen beschworen werden und wie sie wechseln. Zwei tiefe Töne, abwechselnd, immer schneller, und jeder im Kino weiß, dass der weiße Hai kommt. Ein Marsch, und auch der Friedliche geht im Gleichschritt. Ein Wiegenlied, und das Kind schläft. Musik kann auch Dämonen rufen, die sonst kaum im Charakter eines Menschen wirken. | ||
* '''Mehrklang:''' In einer Symphonie gibt es verschiedene Stimmen, die sprechen. Die wechseln ab, aber sprechen auch zugleich. Eine im Vordergrund, andere im Hintergrund. Oder auch die verschiedenen Musikinstrumente: eines sentimental, eines übermütig, eines traurig. Es ist im Alltag ein Mehrklang. Oft spielt ein Solo. | |||
* Von mir: '''Solo und Hintergrund:''' Wer das Solo spielt, bestimmt, was jemand sagt und tut. Die anderen klingen mit und färben es. So entstehen Mischungen, zum Beispiel die [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Empörung|Empörung]], in der Ärger und Überlegenheit zusammen zu hören sind. | |||
* '''Musik:''' Musik ist ja nicht nur eine Metapher. Musik ist eine direkte Darstellung des inneren Seelenlebens. So sieht das aus. Dynamisch. Und im Hörer werden damit dieselben Regungen der Dämonen beschworen. Man kennt Musik und vergisst, wie erstaunlich das ist. Aber das ist die Grundlage, wie Musik funktioniert. Nämlich als Mittel zur Beschwörung von Dämonen. Es ist eine Sprache, die einen Tanz beschwört. Haltung. Mimik. Stimmung. Durch Analogie. Weil ihre Struktur der Struktur der Dämonen entspricht. Es ist ja auch so, wie die Dämonen Laute von sich geben. Der Wütende ist laut. Der Traurige schleppend. | |||
* Von mir: '''Stimme und Musik:''' Patrik Juslin und Petri Laukka verglichen 2003 die Gefühle in der Stimme und in der Musik und fanden dieselben Merkmale: Wut und Freude sind schnell und laut, Trauer ist langsam, leise und tief. Die Musik ahmt die Laute der Dämonen nach, die wir aus der Stimme kennen. | |||
* Von mir: '''Die Form des Gefühls:''' Susanne Langer beschrieb 1942 in ''Philosophy in a New Key'', dass die Form der Musik der Form des Gefühls entspricht: Spannung und Lösung, Steigerung und Ruhe, Eile und Zögern. Das entspricht dem Gedanken der Analogie der Strukturen, nur ohne Dämonen. | |||
== Atmung == | == Atmung == | ||
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Das Atemanhalten ist also eine typische, aber keineswegs die einzige Reaktion auf Angst. | Das Atemanhalten ist also eine typische, aber keineswegs die einzige Reaktion auf Angst. | ||
:Von mir: '''Belege.''' Homma und Masaoka (2008, ''Experimental Physiology'' 93(9), 1011–1021) beschreiben in einer Übersicht, dass sich die Atmung mit Emotionen wie Traurigkeit, Freude, Angst oder Furcht ändert (nach dem Abstract). Boiten, Frijda und Wientjes (1994, ''International Journal of Psychophysiology'' 17(2), 103–128) fassen zusammen, dass die Atmung allgemeine Dimensionen der Reaktion spiegelt: Ruhe gegen Erregung, Entspannung gegen Anspannung, aktives gegen passives Bewältigen (nach dem Abstract). Nair u. a. (2015, ''Health Psychology'' 34(6)) fanden bei aufrechter Haltung unter Stress mehr Selbstwert, bessere Stimmung und weniger Angst als bei zusammengesunkener Haltung (nach dem Abstract; die Atmung wurde dort nicht gemessen). Boiten (1998, ''Biological Psychology'' 49(1–2), 29–51) zeigte mit Filmen, dass sich bei Ekel die Pausen nach dem Einatmen verlängern, und vermutet emotionsspezifische Muster beim Atemanhalten, etwa bei Ekel und Schmerz (nach dem Abstract) | :Von mir: '''Belege.''' Homma und Masaoka (2008, ''Experimental Physiology'' 93(9), 1011–1021) beschreiben in einer Übersicht, dass sich die Atmung mit Emotionen wie Traurigkeit, Freude, Angst oder Furcht ändert (nach dem Abstract). Boiten, Frijda und Wientjes (1994, ''International Journal of Psychophysiology'' 17(2), 103–128) fassen zusammen, dass die Atmung allgemeine Dimensionen der Reaktion spiegelt: Ruhe gegen Erregung, Entspannung gegen Anspannung, aktives gegen passives Bewältigen (nach dem Abstract). Nair u. a. (2015, ''Health Psychology'' 34(6)) fanden bei aufrechter Haltung unter Stress mehr Selbstwert, bessere Stimmung und weniger Angst als bei zusammengesunkener Haltung (nach dem Abstract; die Atmung wurde dort nicht gemessen). Boiten (1998, ''Biological Psychology'' 49(1–2), 29–51) zeigte mit Filmen, dass sich bei Ekel die Pausen nach dem Einatmen verlängern, und vermutet emotionsspezifische Muster beim Atemanhalten, etwa bei Ekel und Schmerz (nach dem Abstract). Vlemincx, Van Diest und Van den Bergh (2012, ''Physiology & Behavior'' 107(1), 1–6) fanden, dass die Atmung bei Kopfrechnen und bei anhaltender Aufmerksamkeit weniger variabel wird und ein Seufzer die Variabilität wiederherstellt (nach dem Abstract). Zum Freezing: Hagenaars, Oitzl und Roelofs (2014, ''Neuroscience & Biobehavioral Reviews'' 47, 165–176) beschreiben Freezing beim Menschen über Herzverlangsamung und verringerte Bewegung (nach dem Abstract). Roelofs (2017, ''Philosophical Transactions of the Royal Society B'' 372(1718), 20160206) behandelt Freezing bei Tier und Mensch (nach dem Titel; den Abstract konnte ich nicht lesen). | ||
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:Von mir: Die Liste der Basisemotionen nach dem Lehrbuch von Yarwood: Freude, Überraschung, Angst, Ärger, Ekel, Trauer; in der Studie von Ekman u. a. von 1987 kam Verachtung als siebtes Wort dazu. Mikroausdrücke dauern nach dem Lehrbuch 1/15 bis 1/25 Sekunde und sind unbewusst; Porter und ten Brinke ([https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18466413/ 2008]) rechnen mit 1/25 bis 1/5 Sekunde. Gegenposition: Unter 700 Ausdrücken fanden Porter und ten Brinke nur etwa 2 % Mikroausdrücke (so nach Burgoon u. a. 2018, ''Frontiers in Psychology''); sie untersuchten allerdings Täuschung. Dass Mikroausdrücke im Alltag zeigen, welche Dämonen beteiligt sind, ist meine Folgerung aus dem Satz oben und nicht Teil dieser Studien. Zum Verhör: Ekman schreibt in seiner Aussage vor dem US-Kongress ([https://science.house.gov/_cache/files/b/2/b2040c46-ec1f-417e-91a8-8c06dc455cf8/2E06E14934EA2D0B2721D1298ECC7A22.2011-03-30-ekman-testimony.pdf 2011]), er habe dreißig Jahre lang Dutzende Workshops für Strafverfolgungsbehörden gegeben, zuletzt 2010 für die New Yorker Polizei und 2011 für die britische Behörde SOCA, und Workshops zur nationalen Sicherheit unter anderem für CIA, FBI, MI5 und die israelische Nationalpolizei. Sein Schwerpunkt sei Mimik, Gestik, Haltung, Stimme, Blick und Sprache als Hinweise auf Täuschung und gefährliche Absicht; die Workshops betrafen also nicht nur Mikroausdrücke. Dass es Verhörexperten waren, steht dort nicht. Mit der Flugsicherheitsbehörde TSA arbeitete er seit 2003 am Programm SPOT. Gegenposition aus der Anhörung: Hartwig nannte für das Erkennen von Täuschung durch Beobachtung eine Trefferquote von 54 % (Zufall: 50 %); Porter und ten Brinke fanden unter 697 Ausdrücken keinen vollständigen Mikroausdruck und 14 teilweise, in wahren und falschen Ausdrücken etwa gleich häufig. Der Ekel als Beispiel steht bei [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Ekel|Ekel]]. | :Von mir: Die Liste der Basisemotionen nach dem Lehrbuch von Yarwood: Freude, Überraschung, Angst, Ärger, Ekel, Trauer; in der Studie von Ekman u. a. von 1987 kam Verachtung als siebtes Wort dazu. Mikroausdrücke dauern nach dem Lehrbuch 1/15 bis 1/25 Sekunde und sind unbewusst; Porter und ten Brinke ([https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18466413/ 2008]) rechnen mit 1/25 bis 1/5 Sekunde. Gegenposition: Unter 700 Ausdrücken fanden Porter und ten Brinke nur etwa 2 % Mikroausdrücke (so nach Burgoon u. a. 2018, ''Frontiers in Psychology''); sie untersuchten allerdings Täuschung. Dass Mikroausdrücke im Alltag zeigen, welche Dämonen beteiligt sind, ist meine Folgerung aus dem Satz oben und nicht Teil dieser Studien. Zum Verhör: Ekman schreibt in seiner Aussage vor dem US-Kongress ([https://science.house.gov/_cache/files/b/2/b2040c46-ec1f-417e-91a8-8c06dc455cf8/2E06E14934EA2D0B2721D1298ECC7A22.2011-03-30-ekman-testimony.pdf 2011]), er habe dreißig Jahre lang Dutzende Workshops für Strafverfolgungsbehörden gegeben, zuletzt 2010 für die New Yorker Polizei und 2011 für die britische Behörde SOCA, und Workshops zur nationalen Sicherheit unter anderem für CIA, FBI, MI5 und die israelische Nationalpolizei. Sein Schwerpunkt sei Mimik, Gestik, Haltung, Stimme, Blick und Sprache als Hinweise auf Täuschung und gefährliche Absicht; die Workshops betrafen also nicht nur Mikroausdrücke. Dass es Verhörexperten waren, steht dort nicht. Mit der Flugsicherheitsbehörde TSA arbeitete er seit 2003 am Programm SPOT. Gegenposition aus der Anhörung: Hartwig nannte für das Erkennen von Täuschung durch Beobachtung eine Trefferquote von 54 % (Zufall: 50 %); Porter und ten Brinke fanden unter 697 Ausdrücken keinen vollständigen Mikroausdruck und 14 teilweise, in wahren und falschen Ausdrücken etwa gleich häufig. Der Ekel als Beispiel steht bei [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Ekel|Ekel]]. | ||
== Gründe und Gefühle == | |||
Wir sind so gewohnt, alles mit vernünftigen Gründen zu erklären, dass wir dabei das eigentliche Räderwerk, das unser Handeln bestimmt, übersehen. | |||
Und diese rationalen Gründe sind doch meist nur eine Geschichte, die wir uns zurechtlegen, um eine Rechtfertigung vor anderen zu haben, wenn die von uns Zeugnis wollen. | |||
In Wahrheit sind es die kleinen Augenblicke, in denen wir etwas Neues und Wichtiges fühlen, die unseren Entschluss für unser weiteres Handeln bestimmen. Und aus der Erinnerung daran kommt unsere Motivation. | |||
Das führt auch zu negativen Konsequenzen, wenn man etwas meidet oder schüchtern wird, weil man ausgelacht wurde oder ausgeschimpft oder enttäuscht. | |||
Interessant ist auch, dass man die erlebte Geschichte wiederholt. In der Situation erinnert man sich daran, vielleicht auch unbewusst. Das bedeutet ja, dass dieselben Trigger wieder erscheinen und dieselbe emotionale Reaktion erfolgt. Man sieht die Gespenster der Vergangenheit, und dieselben Dämonen werden heraufbeschworen. Etwa Angst, Verlegenheit, aber natürlich auch Freude oder Wut. Was auch immer. | |||
Vergangene Erfahrungen und wie man darauf reagiert hat, leben in der Gegenwart fort. | |||
Das ist nicht nur eine gespeicherte Erinnerung, wie von einer Festplatte, sondern eine gegenwärtige Reaktion auf gegenwärtige Reize. Nur sind diese Reize schemenhaft vor dem geistigen Auge. | |||
:Von mir: '''Wie bei den Gespenstern.''' Das ist dieselbe Erfahrung wie bei den [[#Was daraus folgt|Gespenstern]]: Man sieht Napoleon mit der Hand in der Jacke, ohne ihm je begegnet zu sein, und reagiert trotzdem darauf. | |||
:Von mir: '''Quellen.''' Jonathan Haidt (2001, ''Psychological Review'' 108(4), 814–834) beschreibt, dass moralische Urteile zuerst als Gefühl entstehen und die Gründe erst nachträglich geliefert werden. Hugo Mercier und Dan Sperber (2011, ''Behavioral and Brain Sciences'' 34(2), 57–74) vertreten, dass das Argumentieren vor allem dem Rechtfertigen und Überzeugen vor anderen dient. Nisbett und Wilson (1977) stehen schon bei [[#Das Unbewusste|Das Unbewusste]]. Antonio Damasio (1994, ''Descartes' Irrtum'') beschreibt, wie körperliche Gefühle Entscheidungen lenken. | |||
:Von mir: '''Beispiele.''' Das Kind, das beim Vorlesen ausgelacht wurde und sich später in Gruppen nie mehr meldet. Der Schüler, der für einen Fehler vor der Klasse beschimpft wurde und danach jede Frage meidet. Beide spüren in der neuen Situation dieselbe Verlegenheit oder Angst wie damals, und sie wissen oft nicht, warum. | |||
== Wie man das prüft == | == Wie man das prüft == | ||
Man beobachtet, an sich selbst und an anderen. Ein Dämon ist keine Einbildung, wenn er bei verschiedenen Menschen aus demselben Hunger dasselbe Verhalten erzeugt. Und es zählt, wenn andere Forscher unabhängig davon dasselbe gefunden haben: Was auf der Seite [[Hexe]] steht, haben Psychologen wie Laing, Bateson und Freyd auf ihre Weise auch beschrieben. | Man beobachtet, an sich selbst und an anderen. Ein Dämon ist keine Einbildung, wenn er bei verschiedenen Menschen aus demselben Hunger dasselbe Verhalten erzeugt. Und es zählt, wenn andere Forscher unabhängig davon dasselbe gefunden haben: Was auf der Seite [[Hexe]] steht, haben Psychologen wie Laing, Bateson und Freyd auf ihre Weise auch beschrieben. | ||
== Erleben und Geschmack == | |||
:'''Objektiv durch Zeugnis.''' Erleben ist nur subjektiv zugänglich. Aber objektiv wird es dadurch, dass die Erfahrung und das Zeugnis verschiedener Menschen dasselbe berichten. | |||
:'''Die Musik.''' Musik zu erleben ist subjektiv. Teilweise unterscheidet sich auch, was Leute hören. Aber trotzdem stimmt das im Wesentlichen überein. | |||
:'''Der Schlager.''' Fans hören Schlager als großartige Musik. Wer ihn nicht mag, hört trotzdem die gleichen Empfindungen, die übermittelt werden. Nur ist der Geschmack anders. Nicht jeder mag das Wiederholen sentimentaler Erinnerungen. Das lebt in der Vergangenheit. Der andere Geschmack ist Action in der Gegenwart, Übermut angesichts des Abgrunds. | |||
:'''Der Hunger bestimmt den Geschmack.''' Was man gut findet, ist abhängig davon, welche Nahrung man braucht. Wonach man Hunger hat. | |||
:Von mir: '''Der Zustand ändert den Geschmack.''' Dieselbe Person hört andere Musik, wenn sie wütend ist, als wenn sie zärtlich ist. Menschen wählen Musik auch gezielt, um eine Stimmung zu verstärken oder zu verändern. Das passt zum Hunger: Wenn sich der Hunger ändert, ändert sich der Geschmack. | |||
:Von mir: '''Prüfbar.''' „Der Geschmack hängt vom Hunger ab“ ist nur dann mehr als eine Behauptung, wenn man etwas vorhersagen kann: Wer in dieser Stunde Hunger nach X hat, mag Y, und mit dem Hunger ändert sich der Geschmack. | |||
== Einer oder mehrere == | |||
:Von mir: '''Die Frage.''' Sind es im Wortsinn mehrere Erlebende, oder erlebt einer sich in verschiedenen Zuständen? | |||
:'''Hardware und Software.''' Das ist wie Hardware und Software. Die Hardware ist dieselbe. Die Software ist anders. Wenn man ein Lied auf verschiedenen Instrumenten spielt, ist das Lied dasselbe? | |||
:'''Übertragbar.''' Seelische Zustände sind eine Melodie und eine Software. Deshalb ist das auch übertragbar. | |||
:Von mir: '''Ansteckung.''' Was ein Muster ist, kann von einem Leib auf den anderen übergehen, ohne dass etwas Stoffliches wandert. Gähnen, Lachen und Traurigkeit sind ansteckend (siehe [[#Was ein Dämon ist|Was ein Dämon ist]]). Elaine Hatfield, John Cacioppo und Richard Rapson beschrieben 1994 als „emotionale Ansteckung“, dass Menschen Mimik, Haltung und Stimme anderer unwillkürlich nachahmen und so deren Gefühle übernehmen. Musik, Rede und Gesichter sind die Wege, auf denen die Muster wandern. | |||
:Von mir: '''Das gleichbleibende Ich.''' Die Ansicht „einer in verschiedenen Zuständen“ braucht etwas, das dieser eine ist, ein gleichbleibendes Ich. Wer genau hinsieht, findet es nicht (David Hume, 1739: nur einzelne Wahrnehmungen). Nietzsche führte den Glauben an das Ich auf die Grammatik zurück: Jeder Satz braucht ein Subjekt. Was bleibt, sind der Leib, der Name und dass die Wesen einander beobachten. | |||
:Von mir: '''Der Maßstab.''' Zählt man nach dem Leib, ist es ein Mensch. Zählt man nach eigenem Ziel, eigener Welt, eigenem Gedächtnis und eigenem Erleben, sind es mehrere. Der zweite Maßstab ist am Phänomen ausgerichtet. | |||
:Von mir: '''Ein Lied, viele Instrumente.''' Ein Lied ist ein Muster, das auf verschiedenen Instrumenten gespielt werden kann und auf jedem etwas anders klingt. So sind die Dämonen Muster. Dieselbe Wut läuft in vielen Menschen, und im selben Menschen laufen verschiedene Muster nacheinander. | |||
:Von mir: '''Ob jemand zu Hause ist.''' Von außen ist nicht zu prüfen, ob in jedem Wesen jemand zu Hause ist. Das gilt für jeden anderen Menschen auch. | |||
== Stil und Gestaltung == | |||
:'''Jeder in seiner Welt.''' Jeder Dämon lebt in einer anderen Welt. Er nimmt anderes wahr. Er hat einen anderen Geschmack, was Stile anbelangt. Und der Dämon spricht, der Dämon hört: Empathie. | |||
:'''Die Äußerung entspricht der Art.''' Die Äußerungen eines Dämons entsprechen seiner Art. Und damit ist jegliche Art von Design gemeint: Architektur, Tapetenmuster, Autos, Möbel, Raumgestaltung, Landschaftsgestaltung. | |||
:'''Die Wirkung.''' Und umgekehrt wirkt das auch so auf die Zuschauer. Die Gestaltung eines Dämons beschwört diesen Dämon in anderen. Dabei ist zu erkennen, dass das bei Urdämonen stärker wirkt. | |||
:'''Urdämonen.''' Urdämonen sind die Dämonen ohne Abstammung. Die Begriffe Raubtier und Beutetier sind nur eine grobe Zuordnung, aber kein Wesen. Als Urdämonen gelten zum Beispiel Vampir, Wüterich, Freude, Begehren, Angst, Überraschung, Neugier. Ekman hat welche beschrieben. | |||
:Von mir: '''Ekman.''' Paul Ekman beschrieb seit den 1960er Jahren Basisemotionen mit eigenem, kulturübergreifendem Gesichtsausdruck: Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel und Überraschung, später kam Verachtung dazu. | |||
:'''Das Alter der Urdämonen.''' Die Urdämonen sind so alt, dass sich ihre Entwicklung verliert. Bei Fischen, Reptilien und Vögeln ist davon noch wenig vorhanden. Bei Säugetieren dürfte das meiste da sein. Dazu gehören Hunger und Appetit, Durst und Schlummer: Die körperlichen gehören auch dazu. Die Seele des Menschen hat sich in ihrer Komplexität aus diesen Urdämonen entwickelt. Das zeigt sich auch daran, dass die Analyse sie auf wenige Urdämonen zurückführt. | |||
:Von mir: '''Panksepp.''' Jaak Panksepp beschrieb in ''Affective Neuroscience'' (1998) bei Säugetieren eine Handvoll angeborener emotionaler Systeme in alten Hirnteilen: Suchen, Wut, Angst, Begehren, Fürsorge, Trauer und Spiel. | |||
:'''Beispiele.''' | |||
::* Die Nazis haben bombastische Architektur gestaltet, was ihrem brutalen Größenwahn entspricht. Der Zuschauer soll sich klein vorkommen vor diesen gewaltigen Bauwerken und staunen, ehrfürchtig. | |||
::* Jugendstil ist verspielt mit Phantasie. | |||
::* Die Wohnmaschine ist kalt, auf Funktion reduziert. | |||
::* Die Betonklötze der Trabantenstädte drücken Geringschätzung und Lieblosigkeit aus. Dementsprechend blüht da die Rohheit. | |||
::* Die Häuser der Reichen haben viel Arbeit in den Details der Ästhetik und Prunk. Die sagen: Ich bin wertvoll und habe Rang. | |||
::* Es gibt auch japanisches Zen-Design, das sich vollendet auf das Wesentliche konzentriert. | |||
::* In einer Stadt wurde konsequent für Sauberkeit gesorgt. U-Bahnen und Züge wurden noch am selben Tag von Graffiti befreit. Die Kriminalstatistik ging runter. | |||
:'''Zweierlei Staunen.''' Beides ist richtig. Vielleicht hängt es davon ab, ob man von wahrer Größe beeindruckt ist oder durch Machtanspruch eingeschüchtert wird. Vor wahrer Größe steht die [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Ehrfurcht|Ehrfurcht]]: Man fühlt sich nicht kleiner. Der Machtanspruch schüchtert ein, und man kommt sich klein vor. | |||
:Von mir: '''Bekannte Namen.''' Albert Speer hat die Bauten des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg und die geplante Umgestaltung Berlins entworfen, und sie sollten diese Wirkung haben. Le Corbusier nannte das Haus eine „Wohnmaschine“ (machine à habiter). | |||
:Von mir: '''Die Sauberkeit.''' Das beschreibt die Broken-Windows-Theorie von Wilson und Kelling (1982): Ein zerbrochenes Fenster, das nicht repariert wird, lädt zu weiterem Vandalismus ein. Keizer, Lindenberg und Steg zeigten 2008 in ''Science'', dass Graffiti und Müll die Bereitschaft erhöhen, andere Regeln zu brechen. Ob die Kriminalität in der Stadt dadurch sank, ist umstritten. | |||
== Kultur und Ordnung == | |||
:'''Die Kultivierung.''' Die Entwicklung eines komplexen Seelenlebens musste kultiviert werden, so wie auch die Geschichte der Musik. Da gibt es einerseits Regeln und andererseits viele Stimmen und Dynamik. Und menschliche Kultur hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es funktioniert. Es ist nämlich sonst instabil. | |||
:'''Die Mittel.''' | |||
::* Gesetze | |||
::* Mythen als Vorbild | |||
::* Erziehung | |||
::* Kultur, zum Beispiel Musik | |||
:'''Gelernt, nicht vorgegeben.''' Man kann einwenden, ein solches Seelenleben wäre instabil. Das ist ein Strohmann-Argument, weil es die Komplexität erst durch Kultur erlernt. | |||
:'''Älter als die Zivilisation.''' Das kam nicht erst mit der Zivilisation. Der größte Teil dieser sozialen Kultur wurde vermutlich schon vor dem Ackerbau entwickelt. | |||
:Von mir: '''Vor dem Ackerbau.''' Göbekli Tepe in der heutigen Türkei (um 9500 v. Chr.) zeigt große Steinkreise, die Jäger und Sammler vor dem Ackerbau errichtet haben. Christopher Boehm beschrieb 1999 in ''Hierarchy in the Forest'', dass Jäger-Sammler-Gruppen Gleichheit durch Spott und Ächtung erzwingen. Smith u. a. fanden 2017 in ''Nature Communications'' bei den Agta, dass gute Geschichtenerzähler als Partner bevorzugt werden. | |||
:'''Der Junge mit den Perlen.''' Bei Jägern und Sammlern gibt es ein Grab, in dem einem Jungen Perlen mitgegeben wurden, deren Herstellung etwa drei Jahre Arbeit entsprach. Das ist ein Beweis für die Herrschaft von Mythen. Diese Ausdauer ist nur möglich, wenn man an eine Geschichte glaubt. Status, Trauer und Pflicht können nur so lange anhalten, wenn es eine fortdauernde Geschichte dazu gibt. | |||
:Von mir: '''Sungir.''' Das Grab liegt bei Sungir (Sunghir) in Russland und ist über 30.000 Jahre alt. Zwei Jugendliche liegen dort kopf an kopf, mit Elfenbeinperlen, Elfenbeinspeeren und rotem Ocker. Die Genetik zeigt, dass auch der als Mädchen gedeutete Jugendliche männlich war. | |||
:'''Die Grundlage der Kultur.''' Mythen sind die Grundlage jeder Kultur. Dadurch wird auch das Wissen weitergegeben. Das ist heute nicht anders: Bücher erzählen Geschichten. | |||
:Von mir: '''Erzählend gespeichert.''' Walter Ong beschrieb 1982 in ''Orality and Literacy'', dass Kulturen ohne Schrift ihr Wissen in Erzählungen, Formeln und Rhythmus bewahren, weil man sich Geschichten merken kann. Nunn und Reid (2016) fanden in australischen Küstenerzählungen Erinnerungen an den Meeresanstieg, die mehr als 7.000 Jahre zurückreichen. | |||
:'''Das Ich als Geschichte.''' Was man das Ich benennt, ist nur eine Geschichte, die sich im Laufe der Zeit aus den Erfahrungen gebildet hat. Und Menschen erzählen sich am Tag andauernd selbst, wer sie sind. Siehe [[Die Entstehung der Seele#Die Erfindung des Ich|Die Erfindung des Ich]]. | |||
:Von mir: '''Erzählte Identität.''' Dan McAdams beschrieb in ''The Stories We Live By'' (1993) die Identität als innere Lebensgeschichte, die ein Mensch fortlaufend schreibt. Daniel Dennett nannte das Selbst 1991 einen „Schwerpunkt der Erzählung“ (center of narrative gravity). | |||
== Was daraus folgt == | == Was daraus folgt == | ||
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:'''Alltäglich.''' Fast die Hälfte von 293 Hinterbliebenen sah oder spürte den toten Partner (Rees 1971). 37 % von 4.972 Befragten hatten beim Einschlafen Halluzinationen (Ohayon u. a. 1996). 46 von 50 Romanautoren erleben ihre Figuren als eigenwillig handelnd (Taylor u. a. 2003). | :'''Alltäglich.''' Fast die Hälfte von 293 Hinterbliebenen sah oder spürte den toten Partner (Rees 1971). 37 % von 4.972 Befragten hatten beim Einschlafen Halluzinationen (Ohayon u. a. 1996). 46 von 50 Romanautoren erleben ihre Figuren als eigenwillig handelnd (Taylor u. a. 2003). | ||
* '''Bannung:''' Man kann einen Dämon aushungern, dem Trigger ausweichen, die Verknüpfung durch eine andere ersetzen oder ihn immer wieder am Handeln hindern. Siehe [[Bannung]]. | * '''Bannung:''' Man kann einen Dämon aushungern, dem Trigger ausweichen, die Verknüpfung durch eine andere ersetzen oder ihn immer wieder am Handeln hindern. Siehe [[Bannung]]. | ||
* '''Wenn der Dämon sein Ziel verliert:''' Ein Dämon lebt von dem, worauf er gerichtet ist, und gibt dem Leben Sinn. Dieses Ziel kann verschwinden. Man erreicht es: Die Rache ist vollzogen, das Ziel der Karriere ist erreicht. Oder es bricht weg: Die Person stirbt oder geht, auf die er gerichtet war, oder die Gemeinde schließt den Gläubigen aus. Oder der Dämon selbst lässt nach, so wie | * '''Wenn der Dämon sein Ziel verliert:''' Ein Dämon lebt von dem, worauf er gerichtet ist, und gibt dem Leben Sinn. Dieses Ziel kann verschwinden. Man erreicht es: Die Rache ist vollzogen, das Ziel der Karriere ist erreicht. Oder es bricht weg: Die Person stirbt oder geht, auf die er gerichtet war, oder die Gemeinde schließt den Gläubigen aus. Oder der Dämon selbst lässt nach, so wie das [[Wesen 4: Leib, Nest und Lust#Begehren|Begehren]] im Alter. Das müssen keine negativen Gefühle sein. Die Mutter verliert ihren Sinn, wenn das Kind stirbt, die Frau, wenn der Mann stirbt oder geht, und für Männer gilt es entsprechend. Wer sich einseitig einem Dämon hingegeben hat, steht dann ratlos da. Die anderen Dämonen schweigen, so wie sie es jahrelang gelernt haben, und sind unterentwickelt. Wer immer nur Sex im Kopf hatte und keine anderen Hobbys pflegte, ist enttäuscht oder verzweifelt, wenn der Trieb nachlässt. Das ist das Begehren und nicht Aphrodite: Aphrodite ist die Bewunderung der Schönheit, ohne dass man den Akt beabsichtigt. Das betrifft einige Dämonen, nicht alle. Wer mehrere Dämonen gepflegt hat, hat dann noch einen, der übernehmen kann. | ||
* '''Wenn der Dämon nicht anspringt:''' Ein Trigger wirkt nur, wenn der Dämon ansprechbar ist. Das ist ein allgemeines Phänomen. Wer Hunger hat, sieht Essen, und wer satt ist, schmeckt es weniger (Rolls 1981; Radel 2012). Wer traurig ist, sieht Trauriges (Bower). Wer keine Lust auf Sex hat, aus Hunger, Erschöpfung oder weil gerade eine Phase ist, bei dem fehlt dem Reiz die Wirkung. Wo ein Dämon wiederholt enttäuscht wurde, reagiert stattdessen oft der Ärger oder die Verachtung. Dann sieht man nicht, was man sonst sieht. Marcel Cabanac nannte 1979 die Abhängigkeit der Lust vom inneren Zustand Alliesthesie. | * '''Wenn der Dämon nicht anspringt:''' Ein Trigger wirkt nur, wenn der Dämon ansprechbar ist. Das ist ein allgemeines Phänomen. Wer Hunger hat, sieht Essen, und wer satt ist, schmeckt es weniger (Rolls 1981; Radel 2012). Wer traurig ist, sieht Trauriges (Bower). Wer keine Lust auf Sex hat, aus Hunger, Erschöpfung oder weil gerade eine Phase ist, bei dem fehlt dem Reiz die Wirkung. Wo ein Dämon wiederholt enttäuscht wurde, reagiert stattdessen oft der Ärger oder die Verachtung. Dann sieht man nicht, was man sonst sieht. Marcel Cabanac nannte 1979 die Abhängigkeit der Lust vom inneren Zustand Alliesthesie. | ||
* '''Eine Chemie der Gefühle:''' Der Zweck dieses Wikis ist Aufklärung. Zuerst schauen, was da ist. Nietzsche hat gesagt (''Menschliches, Allzumenschliches'', Nr. 1): „Alles, was wir brauchen und was erst bei der gegenwärtigen Höhe der einzelnen Wissenschaften uns gegeben werden kann, ist eine Chemie der moralischen, religiösen, ästhetischen Vorstellungen und Empfindungen, ebenso aller jener Regungen, welche wir im Gross- und Kleinverkehr der Cultur und Gesellschaft, ja in der Einsamkeit an uns erleben: wie, wenn diese Chemie mit dem Ergebniss abschlösse, dass auch auf diesem Gebiete die herrlichsten Farben aus niedrigen, ja verachteten Stoffen gewonnen sind?“ | * '''Eine Chemie der Gefühle:''' Der Zweck dieses Wikis ist Aufklärung. Zuerst schauen, was da ist. Nietzsche hat gesagt (''Menschliches, Allzumenschliches'', Nr. 1): „Alles, was wir brauchen und was erst bei der gegenwärtigen Höhe der einzelnen Wissenschaften uns gegeben werden kann, ist eine Chemie der moralischen, religiösen, ästhetischen Vorstellungen und Empfindungen, ebenso aller jener Regungen, welche wir im Gross- und Kleinverkehr der Cultur und Gesellschaft, ja in der Einsamkeit an uns erleben: wie, wenn diese Chemie mit dem Ergebniss abschlösse, dass auch auf diesem Gebiete die herrlichsten Farben aus niedrigen, ja verachteten Stoffen gewonnen sind?“ | ||