Wesen 2: Raubtier – Vampir: Unterschied zwischen den Versionen

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:Von mir: '''Von der Verehrung.''' Die Verehrung kommt dem Bewunderten nah. Die Ehrfurcht sieht in ihm schon etwas Höheres, dem man dient, und der Verehrte steigt vom Vorbild zum Anführer.
:Von mir: '''Von der Verehrung.''' Die Verehrung kommt dem Bewunderten nah. Die Ehrfurcht sieht in ihm schon etwas Höheres, dem man dient, und der Verehrte steigt vom Vorbild zum Anführer.
:Von mir: '''Das Charisma.''' Max Weber hat das Charisma als außergewöhnliche Eigenschaft beschrieben, aus der die Gefolgschaft entsteht. Die Hingabe der Anhänger ist freiwillig. Das unterscheidet sie vom [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Vasall|Vasallen]], der der Macht folgt.
:Von mir: '''Das Charisma.''' Max Weber hat das Charisma als außergewöhnliche Eigenschaft beschrieben, aus der die Gefolgschaft entsteht. Die Hingabe der Anhänger ist freiwillig. Das unterscheidet sie vom [[Wesen 5: Noch ohne Ort#Vasall|Vasallen]], der der Macht folgt.
:Von mir: '''Vor der Größe.''' Ehrfurcht gibt es auch vor Dingen. Rudolf Otto beschrieb 1917 in ''Das Heilige'' das Gefühl vor dem Göttlichen als zugleich erschreckend und anziehend, „mysterium tremendum et fascinans“. Vor einem Gebirge oder einem Sternenhimmel fühlt man sich dagegen klein. Die Ehrfurcht vor einem Menschen ist etwas anderes: Sie erhebt.
:Von mir: '''Vor der Größe.''' Ehrfurcht gibt es auch vor Dingen. Rudolf Otto beschrieb 1917 in ''Das Heilige'' das Gefühl vor dem Göttlichen als zugleich erschreckend und anziehend, „mysterium tremendum et fascinans“. Vor einem Gebirge oder einem Sternenhimmel fühlt man sich klein, aber nicht schlecht: Die Forschung zum Staunen (Bai und Kollegen 2017) beschreibt, dass die Aufmerksamkeit vom eigenen Ich wegrückt und man sich verbunden fühlt. Die Ehrfurcht vor einem Menschen erhebt: Jonathan Haidt beschreibt bei der Bewunderung Energie, Freude und den Antrieb, selbst höher zu leben.
:Von mir: '''Zum Fan.''' Wenn der Ehrfürchtige den Menschen dauernd so sieht, wird aus der Ehrfurcht der [[#Fan|Fan]]: Er hält den Verehrten für göttlich und macht ihn zum Idol.
:Von mir: '''Zum Fan.''' Wenn der Ehrfürchtige den Menschen dauernd so sieht, wird aus der Ehrfurcht der [[#Fan|Fan]]: Er hält den Verehrten für göttlich und macht ihn zum Idol.



Version vom 29. Oktober 2026, 12:45 Uhr

Sammlung der Wesen, die Linie des Vampirs.

Wesen 1: Raubtier – Wüterich · Raubtier – Vampir · Wesen 3: Beutetier · Wesen 4: Leib, Nest und Lust · Wesen 5: Noch ohne Ort

  • Die Wesen sind in starker Ausprägung beschrieben; die meisten sind in allen Menschen vorhanden oder abrufbar (siehe Grundlagen).

Vampir

  • Steckbrief: Vampir
  • Stammbaum: von Raubtier · zu Kobold, Piesacker, Gewissheit, Sieg, Folterer
  • Beschreibung:
Grausamkeit und Verinnerlichung. Die Grausamkeit stammt vom Vampir. Nietzsche hat beschrieben, wie sie sich durch das, was man Zivilisation nennt, nach innen wendet und zum schlechten Gewissen wird: „Alle Instinkte, welche sich nicht nach aussen entladen, wenden sich nach innen“. Er nennt das die „Verinnerlichung des Menschen“ (Zur Genealogie der Moral, 1887, zweite Abhandlung, Abschnitt 16). Ursprünglich sind es Raubtierinstinkte, die sich nicht mehr ausleben können. Die Grausamkeit, die draußen keinen Gegner mehr findet, sucht sich ein neues Opfer, und das ist man selbst. Die Zähne des Gewissens beißen auch ohne Angriff; die Sprache sagt „Gewissensbiss“. Das ist etwas anderes als die Scham, die vom Wüterich stammt: Sie ist eine Reaktion auf einen Angriff und braucht den Stärkeren, der beschämt.
Die Katze mit der Maus. In der Natur sind Raubtiere meist nicht grausam, sondern töten schnell. Aber es gibt die Katze, die mit der Maus spielt. Der Verhaltensforscher Paul Leyhausen hat Katzen jahrzehntelang beobachtet: Eine hungrige Katze tötet schnell. Je satter sie ist, desto länger spielt sie. Das Spiel ist nicht nötig, um zu fressen. Die Jagd hat sich vom Hunger gelöst und läuft um ihrer selbst willen. Das Raubtier will die Beute, der Vampir will die Macht über sie.
Die guten Linien. Man muss aber auch sehen, wie viele gute Linien vom Vampir stammen. Von ihm stammt der Kobold mit seiner ganzen Familie aus Witz, Übermut, Schabernack und Freude, und der Sieg, von dem Dank, Jubel, Stolz, Mut und der Held abstammen, vom Held die Gelassenheit und vom Dank die Verehrung. Der Dank, der Gegendämon des Grolls, kommt also vom Vampir, der Groll dagegen über den Ärger vom Wüterich. Der Gegenspieler kommt nicht aus einer anderen Welt, sondern aus einem anderen Zweig desselben Raubtiers.

Kobold

  • Steckbrief: Kobold
  • Stammbaum: von Vampir · zu Spötter
  • Namen der Familie: Narr, Mumpitz, Keck, Frecher, Unsinn, Übermut, Faxen, Albern, Parodie, Munter, Unfug, Witz, Freude, Schabernack, Schelm
  • Gegendämon: Der Kobold ist der Gegendämon des Demagogen und des Diktators. Siehe unten.
  • Beschreibung:

Der Urwitz ist
Jemand stolpert und fällt
Aber statt die Beute reißen
Lacht man und zeigt die Zähne
Das ist eine Übersprung Handlung

Siehe auch die Analyse im Steckbrief Kobold: Zähnefletschen als Zeichen der Freundlichkeit, „Du bist von meiner Art.“
Warum vom Vampir. Der Kobold ist ein Kind des Vampirs, weil er dessen Zähne behält. Der Vampir spielt mit der Beute, wie die Katze mit der Maus. Der Kobold spielt auch, aber das Spiel hat kein Opfer. Das Lachen zeigt die Zähne und beißt nicht zu.
Die Zähne. Das Lächeln zeigt die Zähne. Bei den Affen gibt es das stumme Zähneblecken, das als Ursprung des menschlichen Lächelns gilt. Es zeigt Freundlichkeit und Beschwichtigung (Jan van Hooff, 1972). Mit den Zähnen zeigt man auch, was man hat: Gesunde Zähne gelten als Zeichen von Gesundheit und machen attraktiv. Das hellste Weiß ist dabei nicht das attraktivste (Naini und Kollegen 2009). Wenn ein wertvoller Mensch einen anlächelt und einem Aufmerksamkeit gibt, fühlt man sich gut. Ein Mensch ohne Zähne, der einen anlächelt, löst dagegen Widerwillen und Ekel aus.
Warum er den Diktator trifft. Der Diktator ist kein eigenes Wesen, sondern ein Gemisch. Oft stammt er vom Wüterich und vom Narzissten, mit Grandiosität, Auserwähltheit und Wahn, und manchmal ist er auch kühl und berechnend. Allen gemeinsam ist der Ernst, den sie für sich verlangen. Wer lacht, nimmt ihm diesen Ernst.
Der Feind der Diktatoren. „Deshalb bannen Diktatoren Humor / Den Kobold“. Ein Lacher im Saal, und die Welt, die der Demagoge erzeugt hat, bricht zusammen. Die Rüstungsarbeiterin Marianne Elise Kürchner aus Berlin wurde 1943 vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und hingerichtet, weil sie einen Witz erzählt hatte: Hitler und Göring stehen auf dem Berliner Funkturm, und Göring schlägt Hitler vor zu springen, damit die Berliner wieder lachen. Rudolph Herzog beschreibt den Fall in seinem Buch über den Humor im Dritten Reich, Heil Hitler, das Schwein ist tot! (2006).
Pater Müller. Auch der katholische Priester Joseph Müller wurde 1944 hingerichtet, weil er einen Witz erzählt hatte. Ein sterbender Soldat will sehen, wofür er stirbt, und man stellt ihm Bilder von Hitler und Göring ans Bett. Er sagt: „Jetzt kann ich sterben wie Jesus Christus.“ Der Volksgerichtshof wertete das als Vergleich mit den beiden Verbrechern, die neben Jesus gekreuzigt wurden.
Der Chor. In einem Film über eine Sekte rufen alle in der Gruppe im Chor „Bombardier mit Liebe“. Zwei Spione, die einen Freund befreien wollen, rufen stattdessen „Bumms mit Liebe“. Ein einziger Ausrutscher zeigt, wie dünn das Ritual ist, das alle im Takt hält. Sobald einer lacht, fehlt dem Chor der Ernst.
Der Name der Rose. Umberto Eco hat diesen Gegensatz zum Stoff eines Romans gemacht (1980). In einer Klosterbibliothek sterben Mönche, weil sie ein verbotenes Buch lesen: das zweite Buch der Poetik des Aristoteles, über die Komödie. Der blinde Jorge von Burgos hat die Seiten vergiftet. Er fürchtet das Lachen, denn es nehme dem Menschen die Furcht, und ohne Furcht gebe es keinen Glauben. Der Kobold stellt die Autorität in Frage, die der Kirche wie die des Aristoteles. Das Buch gab es wirklich: Aristoteles hat eine Abhandlung über die Komödie geschrieben, sie ist verloren. Sein Inhalt im Roman ist erfunden.

Piesacker

  • Stammbaum: von Vampir, Folterer · zu Häme, Hexe/Psychopath, Troll, Lästerer, Schlimm, Demütiger, Neck, Nörgler
  • Spruch: „Na, schon wieder alles falsch gemacht?“ „Das kannst du doch nicht.“ „Hab dich nicht so.“
  • Hunger: Dem anderen Leid zufügen und spüren, dass man Macht über ihn hat.
  • Trigger: Ein Mensch, der sich nicht wehrt und nicht zurückbeißt.
  • Mimik: Ein breites Lächeln im Gesicht, wie bei der Bescherung zu Weihnachten.
  • Haltung: offen.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Der Piesacker quält andere, in kleinen Dosen und immer wieder.
Die Lust am Quälen. Kinder quälen ja manchmal kleine Tiere. Und der Piesacker hat dabei ein breites Lächeln im Gesicht wie bei der Bescherung zu Weihnachten. Er hat wirklich Freude und eine starke Lust am Quälen.
Nicht so skrupellos wie der Folterer. Der Piesacker ist nicht so skrupellos wie der Folterer, der zu extremen Taten bereit ist.
Die kleine Grausamkeit. Die Oma, die eine diebische Freude daran hat, dem Kind eiskaltes Wasser über die Schulter zu kippen. Es ist die kleine Grausamkeit, die noch als harmlos hingestellt werden kann.
Mobbing. Mobbing passt auch.
Von mir: Warum es Lust macht. Buckels, Jones und Paulhus (2013, Psychological Science 24(11), 2201–2209) zeigen, dass sich „Alltagssadismus“ von Psychopathie, Narzissmus und Machiavellismus unterscheiden lässt: Sadisten meldeten sich in einem Versuch öfter freiwillig, Käfer zu töten, und nur Sadisten waren bereit, Arbeit zu leisten, um einem Unschuldigen wehzutun. Die Grausamkeit ist dort die Belohnung selbst und nicht Mittel zu etwas anderem. Das stützt die starke Lust. Eine Erklärung, warum das so ist, gibt der Abstract nicht. Meine Lesart ohne Beleg: Der Vampir will die Macht über die Beute, und der Piesacker spürt sie körperlich, wenn der andere leidet. Das passt zur Katze mit der Maus beim Vampir.
Von mir: Wo es unbemerkt auftritt. Der beste Beleg ist das Necken. Keltner, Capps, Kring, Young und Heerey (2001, Psychological Bulletin 127(2), 229–248) definieren es als spielerische Provokation, die freundlich oder feindlich ausgehen kann; es ist häufiger und feindseliger, wenn es von Höhergestellten, Vertrauten und Männern ausgeht (nach dem Abstract). Das ist die harmlos hingestellte Grausamkeit. Pinker, Nowak und Lee (2008), die beim Drohenden stehen, erklären, warum das möglich ist: Die Unschärfe schützt den Sprecher, der sagen kann, es sei nur Spaß gewesen. Alltagsbeispiele ohne Quelle: das Kind, das vor Gästen vorgeführt wird, der Geschwisterstreich, der Kollege mit dem „nur Spaß“ nach jedem Fehler, das Kitzeln, das in Quälerei übergeht.
Von mir: Der Name. Nach dem Etymologischen Wörterbuch des Deutschen (DWDS) bedeutet piesacken „plagen, quälen, schlagen, stoßen“. Es ist wohl von niederdeutsch pesek abgeleitet, dem Ochsenziemer, also einer Peitsche. Wörtlich ist piesacken also: mit dem Ochsenziemer strafen.
Von mir: Der Unterschied zum Folterer. Das ist meine Ableitung aus dem Stammbaum, nicht belegt. Der Folterer ist die Quelle, und der Piesacker führt die kleine, dauernde Form fort. Der Folterer quält hart, der Piesacker quält in Dosen, die der andere kaum benennen kann.
Von mir: Belege. Olweus beschreibt Mobbing in der Schule als negative Handlungen, denen jemand wiederholt und über längere Zeit ausgesetzt ist, mit einem Machtgefälle zwischen Täter und Opfer, das die Gegenwehr erschwert (nach einem Übersichtsartikel, Bullying and the Abuse of Power, PMC; das Original habe ich nicht gelesen). Das passt zum Trigger: Der Piesacker sucht den, der sich nicht wehren kann.
Von mir: Beispiele. Der Mitschüler, der ein Kind jeden Tag wegen Kleinigkeiten verspottet. Der Kollege, der bei jedem Fehler einen Kommentar macht. Die Katze, die mit der Maus spielt, steht schon beim Vampir. Auch der Chef, der seine Mitarbeiter in Dosen quält, kann ein Piesacker sein.

Folterer

  • Stammbaum: von Vampir · zu Piesacker
  • Hunger: Macht über den anderen durch dessen Schmerz und Angst.
  • Trigger: Ein Mensch, der ausgeliefert ist, etwa abhängig, isoliert oder wehrlos.
  • Spruch: offen.
  • Mimik: offen.
  • Haltung: offen.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Der Folterer ist zu extremen Taten bereit.
Die Lust. Allerdings muss man sagen, dass dieser Typus Lust daran hat und dass es während der gesamten Geschichte üblich ist.
Kommentar. Das ist verabscheuungswürdig und gehört gebannt.
Von mir: Der Anlass. Der Prozess vor dem Landgericht Braunschweig begann am 27. Oktober 2026 (NDR, Zeit/dpa, Stern; Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig). Die Staatsanwaltschaft wirft vier Angeklagten vor, eine heute 32-jährige Frau über viereinhalb Jahre misshandelt und gequält zu haben, mit Baseballschläger, Bunsenbrenner, Zangen, Hammer und Nägeln. Nach ihrer Darstellung „ergötzten sie sich zugleich am Leid, der Angst und den Schmerzen des Opfers“. Das sind Vorwürfe. Ein Urteil gibt es nicht, es gilt die Unschuldsvermutung. Der Fall passt zum Trigger: Die Frau war nach einer Trennung obdachlos, abhängig und isoliert. Ich habe die Berichte nur im Aufriss gelesen.
Von mir: Die Geschichte. Nach dem Deutschlandfunk war die Folter über Jahrhunderte ein zentraler Bestandteil des Strafprozesses. Friedrich II. von Preußen schaffte sie am 3. Juni 1740 weitgehend ab (NDR, WDR; nach den Auszügen). Dass sie nur „weitgehend“ abgeschafft wurde, steht in der Zeit-Quelle: Der König wollte, dass die Angeklagten weiter Angst vor ihr haben. Die Lust daran belegen Buckels, Jones und Paulhus (2013, nach dem Abstract) beim Piesacker; dort steht auch, dass nur Sadisten arbeiteten, um einen Unschuldigen zu verletzen.

Lästerer

  • Stammbaum: von Piesacker, Nase rümpfen · zu Empörung
  • Hunger: Besser sein als andere, Geltung. Dazu Piesack und Bosheit.
  • Trigger: Jemand erfüllt Maßstäbe oder Regeln nicht. Er hat etwas Dummes oder Ungerechtes getan, gibt verliehene Bücher nicht zurück, macht Schulden. Der Lästerer muss unter dem Fehlverhalten nicht selbst leiden. Manchmal braucht es keinen Trigger. Er nutzt jede Gelegenheit.
  • Bannung: Bei sich selbst durch Einsicht, oder weil man erlebt hat, wie es ist, wenn über einen gelästert wird. Bei anderen durch eine wütende oder vernünftige Ansprache oder durch Ausschluss aus der Gruppe. Das wirkt nicht immer. Der Lästerer aus akutem Anlass wird nicht gebannt, wenn der Anlass berechtigt ist, denn das wird allgemein akzeptiert.
  • Beschreibung: Er redet schlecht über Abwesende. Kaum hat einer den Raum verlassen, wird über ihn hergezogen. Das ist weit verbreitet, und es ist unehrenhaft, denn der Abwesende kann sich nicht verteidigen.
Zwei Arten. Der Lästerer aus akutem Anlass will aufgestauten Ärger abreagieren. Der Lästerer aus Passion macht es als Freizeitbeschäftigung und fühlt sich gut dabei. Manche lästern stundenlang über dies und jenen, für sie ist das Unterhaltung, und sie suchen sich Themen. Ob der Ärger durch das Abreagieren wirklich weniger wird, ist fraglich: Bushman ließ 2002 Versuchspersonen Dampf ablassen, danach waren sie aggressiver als zuvor.
Der Vorwand. Beim Lästerer aus Passion ist die Verletzung von Regeln nur ein Vorwand und nicht das eigentliche Motiv. Verwandt ist die Projektion der Hexe: Wer sich selbst schuldig fühlt, leitet die Schuld in Empörung über andere um (Rothschild und Keefer 2017).
Das Gefühl. Die Augen werden verdreht, der Mund zusammengekniffen, der Kopf geschüttelt, man lacht den anderen aus.
Es tut weh. Es geht darum, besser zu sein als andere. Das sieht man daran, dass es wehtut und beschämt, wenn über einen selbst gelästert wird.
Bei Theophrast. Κακολογία: „Backbiting is a disposition to vilify others.“ Auf die Frage „Wer ist der und der?“ beginnt er bei der Herkunft: Der Vater sei ursprünglich ein Sklave gewesen, die Mutter eine Thrakerin, „edles Blut!“, und der Mann selbst ein Galgenstrick. Wenn andere über jemanden herziehen, steigt er ein: „Ich hasse ihn mehr als alle.“ Wenn einer aufsteht und geht, redet er sofort über den Abwesenden, auch über dessen Verwandte. Er lästert über die eigenen Verwandten und Freunde, sogar über Tote, und nennt es Offenheit, Demokratie und Freiheit. Nichts macht ihm mehr Freude.
Besser dastehen. Benjamin Franklin sagt in der Fußnote der Theophrast-Ausgabe, Lästern gebe die Genugtuung, „sich besser darzustellen als andere, oder andere nicht besser als uns selbst“. Die Psychologie nennt das sozialen Vergleich (Wert & Salovey 2004).
Die Verbindung. Lästern über Dritte verbindet, weil es vertraulich ist. Wer einem anderen Schlechtes über einen Dritten sagt, gibt ihm etwas in die Hand, das er weitererzählen könnte. Wer es annimmt und schweigt, bestätigt das Vertrauen. Bosson, Johnson, Niederhoffer und Swann fanden 2006, dass zwei Menschen sich vertrauter werden, wenn sie eine negative Haltung zu einem Dritten teilen, als wenn sie eine positive teilen. Der Abwesende steht außen, die beiden Anwesenden stehen innen (Stammesbruder).
Die gute Form. Wenn jemand betrügt, zu warnen ist nützlich. Feinberg, Willer, Stellar und Keltner zeigten 2012, dass die Weitergabe solcher Reputationsinformation die Gruppe schützt und den Weitergebenden beruhigt (die Herzfrequenz sinkt). Der Lästerer hat dafür keinen Anlass und keinen Nutzen: Er lästert über Verwandte, Freunde und Tote, und er hat Freude daran. Das ist die Entgleisung.
Die Beute. Der Lästerer stammt vom Piesacker, dem die Beute wichtig ist. Der Abwesende ist die Beute, die sich nicht wehren kann und nicht zurückbeißt. Das Nase rümpfen (Ekel) gibt den moralischen Ton.

Schlimm

  • Stammbaum: von Piesacker · zu –
  • Beschreibung:

Demütiger

  • Stammbaum: von Piesacker, Hexe/Psychopath · zu –
  • Spruch: „Du Versager.“ „Du wirst es nie zu etwas bringen.“ „Du taugst nichts.“ „Du kannst das nicht.“ „Du Schlampe.“
  • Hunger: Den anderen klein machen und ihm das Gefühl geben, weniger wert zu sein.
  • Trigger: Ein Mensch, der sich nicht wehren kann, etwa ein Kind, ein Untergebener oder ein Abhängiger, oft vor Zuschauern.
  • Mimik: offen.
  • Haltung: Von oben herab.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Der Demütiger macht den anderen klein, bis der sich selbst für schlecht hält.
Der Fluch. Der Demütiger scheint auch von der Hexe abzustammen, wenn er einen Fluch ausspricht. (Siehe Der Fluch.)
Von mir: Der Täter der Scham. Das ist meine Ableitung aus dem Eintrag zur Scham: Dort sagt der Vater zur Tochter „Du Schlampe“. Der Demütiger ist der Angreifer, die Scham ist die Reaktion des Wehrlosen, und die Schmach ist die Wut darüber. Der Piesacker will das Leid, der Demütiger nimmt den Wert. Das habe ich nicht belegt.
Von mir: Belege. Hartling und Luchetta (1999, Journal of Primary Prevention) beschreiben Demütigung als Erfahrung von Spott, Herabsetzung und Entwürdigung und messen sie in einem Fragebogen, dem Humiliation Inventory (nach dem Abstract). Biderman (1957) nennt Demütigung als eine der acht Methoden der Zwangsüberzeugung, die auch beim Hörigen stehen.
Von mir: Beispiele. Der Vater, der seine Tochter vor anderen beschimpft. Der Lehrer, der einen Schüler vor der Klasse vorführt. Die öffentliche Degradierung beim Fall Dreyfus, die schon bei der Verachtung steht.

Neck

  • Stammbaum: von Piesacker · zu –
  • Spruch: „Na, du bist ja ganz rot geworden!“ „War nur Spaß!“
  • Hunger: Aufmerksamkeit und eine echte Reaktion des anderen.
  • Trigger: Etwas Auffälliges am anderen, etwa ein Fehler, eine Eigenart, Verlegenheit oder Verliebtheit.
  • Mimik: Schelmisches Grinsen.
  • Haltung: offen.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Der Neck ist freundlich. Da ist zwar eine Spur Piesacker, aber eigentlich will er nur Aufmerksamkeit und den anderen zu einer Reaktion provozieren, aber nur, um eine echte Reaktion zu sehen.
Freundlich gesinnt. Freundschaftlich. Ein schlechter Scherz. Das kippt nicht.
„War nur Spaß“. Wenn der Neck das sagt, ist das eine Entschuldigung und keine Verschleierung der bösen Absicht. Wenn es missverstanden wird, tut es ihm ehrlich leid und ist ihm peinlich.
Von mir: Beleg. Keltner, Capps, Kring, Young und Heerey (2001, Psychological Bulletin 127(2), 229–248) definieren Necken als spielerische Provokation, bei der eine Person etwas am anderen kommentiert (nach dem Abstract; den Volltext habe ich nicht gelesen). Der Neck steht auf der freundlichen Seite, der Piesacker auf der feindlichen.
Von mir: Beispiele. Zwei Verliebte, die sich aufziehen. Geschwister, die sich Spitznamen geben. Der Kollege, der den anderen mit dem verschütteten Kaffee aufzieht und sich entschuldigt, als der es nicht lustig findet.

Nörgler

  • Stammbaum: von Piesacker, Öde · zu –
  • Varianten: Mecker
  • Beschreibung: Der Nörgler findet an jedem Guten den Haken. Er ist dabei nicht primär wütend, er hat seinen Spaß daran. Es ist trotzdem toxisch und verdirbt anderen die Laune, und gerade darin liegt seine Lust. Es gibt auch die Variante ohne Publikum, aber da ist das Publikum gedacht.

Bei Theophrast heißt er Μεμψιμοιρία, „Tadel am eigenen Los“: „Thanklessness is an improper criticism of what one receives.“ Er findet einen Geldbeutel auf der Straße und sagt: „But I never found a treasure!“ Seine Geliebte küsst ihn, und er fragt: „I wonder if you really do love me so in your heart.“ Er schimpft auf Zeus, nicht weil es regnet, sondern weil es nicht früher geregnet hat. Er gewinnt seinen Prozess einstimmig und beschimpft seinen Anwalt.

Der Mecker. Das ist die Variante des Nörglers, die Regeln hat. Die Regeln sind eigene oder erlernte, und er ärgert sich, wenn jemand dagegen verstößt. Er meckert für sich oder für andere, auch wenn niemand zuhört. Der Wörterbuch-Ausdruck trifft es: gehässig, aber nicht aggressiv. Der Anlass ist keine Gefahr, sondern eine verletzte Erwartung. Der Fußgänger steht am Zebrastreifen und geht nicht. Jemand drängelt sich in der Schlange vor. Eine Gruppe steht links auf der Rolltreppe. Jemand telefoniert im Ruhebereich der Bahn, mäht den Rasen in der Ruhezeit oder fährt mit dem Rad auf dem Gehweg.

Im Straßenverkehr. Dort kennt jeder den Mecker. Der Fahrer fährt zu dicht auf, schneidet beim Überholen oder blinkt erst, wenn man schon neben ihm ist, und man weiß nicht, ob er einen gesehen hat. Bei echter Gefahr reagieren zuerst Angst und Wüterich. Danach kommt der Mecker und klagt die Regel ein: „Wo hat der den Führerschein her?“ Die Verkehrsforschung nennt ähnliche Auslöser für Ärger: Drängeln, Nicht-Ausweichen trotz Lücke und die erzwungene Langsamkeit (Maag u. a. 2003, nach Hafen, Bundesanstalt für Straßenwesen).

Wozu es gut ist. Menschen bestrafen Regelbrecher auch auf eigene Kosten, und der unmittelbare Antrieb sind negative Gefühle gegenüber den Brechern (Fehr und Gächter, Nature 2002). Wo bestraft werden kann, blüht die Zusammenarbeit, wo nicht, bricht sie zusammen. Der Mecker ist die harmloseste Form: Die Strafe ist nur das Wort. Sein Urbild ist Wagners Beckmesser, der Merker der „Meistersinger von Nürnberg“. Er kreidet pedantisch Regelverstöße an, die mit dem Gesang nichts zu tun haben, und bei ihm gerät die Regel über die Sache. Das Wort Beckmesser steht bis heute für beflissene und engstirnige Regelgläubigkeit. Walter Jens hat ihn gegen die Verächter verteidigt: „Der Stadtschreiber hat auf der Bühne zu bleiben, er wird noch gebraucht!“ Verwandt ist Shakespeares Malvolio in „Was ihr wollt“, der ebenfalls an der Regel hängt und dafür verspottet wird. Das Murren des Volkes Israel gegen Mose in der Wüste (2. Mose 16) ist wohl der älteste Beleg für den Mecker, der nicht nur Regeln hat, sondern auch Erwartungen an die Führung.

Was er anrichtet. Der Mecker hat eine dunkle Seite, wenn er als Chef oder Elternteil auftritt. Wer täglich für jede Kleinigkeit gemeckert bekommt, lernt, dass jeder Fehler einen Angreifer anzieht. Das ist der Weg zum Fehlerfürchter: Die Scham braucht den Angreifer, und der Mecker liefert ihn jeden Tag. Das Ergebnis sind Mitarbeiter, die keine Entscheidung treffen, ohne vorher zu fragen, und beim Kind gilt dasselbe. Wer nichts entscheidet, kann nichts falsch machen, und wer nach Vorschrift handelt, wird zum Formal. Die Forschung stützt das in Teilen: Teams lernen nur, wenn man sich ohne Angst vor Folgen etwas zutrauen darf (Edmondson 1999), und die Angst vor dem Versagen wird von den Eltern an die Kinder weitergegeben (Elliot und Thrash 2004).

Der Name. Meckern war zuerst der Laut der Ziege, abgeleitet von mittelhochdeutsch mecke, „Ziegenbock“. Im 17. Jahrhundert wurde daraus das kurze, helle Lachen, im 18. Jahrhundert das Nörgeln und Kritisieren (Pfeifer). Der Kobold lacht, der Mecker ärgert sich, und beide haben dasselbe Wort. Derselbe Anlass kann den einen oder den anderen zünden.

Sprüche. „Das macht man nicht.“ „Wenn das jeder täte!“ „Vorschrift ist Vorschrift.“ „Wo hat der den Führerschein her, aus der Lostrommel?“

Hexe/Psychopath

  • Steckbrief: Hexe
  • Stammbaum: von Piesacker, Täuscher · zu Zweifler, Zombie, Moralist, Höriger, Demütiger
  • Varianten: Egozentriker (mit Schwätzer, Dozent und Nehmer)
  • Auch: Narzist. Verschiedene Ausprägungen eines Wesens: Die Hexe legt die Betonung auf die Behexung von anderen, der Narzist mehr auf: Ich muss im Mittelpunkt stehen.
  • Beschreibung:
Die Luft aus dem Raum. Wer immer im Mittelpunkt stehen muss, saugt die Luft aus dem Raum. Niemand sonst hat Spielzeit. Was die anderen tun, hat keine Bedeutung. So entstehen um die Hexe herum Zombies; im Steckbrief des Zombies heißt es: „will Andere zu Zombies machen“.
Variante: der Egozentriker. Nicht jeder Narzist ist toxisch wie die Hexe. Manche wollen niemanden klein machen, sie denken nur an sich. Ich, ich, ich. Er behext nicht und manipuliert nicht. Den Schaden der anderen sucht er nicht, er nimmt ihn in Kauf.
Der Schwätzer ist eine Form des Egozentrikers. Er redet, und er redet von sich. Selbst hört er nicht lange zu. Erzählt der andere etwas, wartet er nur auf die Lücke, um wieder von sich anzufangen. Redet man dagegen und erzählt selbst eine Geschichte, hört er trotzdem nicht auf. Im Restaurant kommt niemand sonst zu Wort. Sagt man ihm, dass er zu viel redet, hält er eine Viertelstunde Rede darüber, wie recht man hat. Bei Theophrast heißt er Ἀδολεσχία: „Garrulity is incessant heedless talk.“ Er setzt sich neben einen Fremden und erzählt von seiner Frau, von seinem Traum letzte Nacht, von seinem Abendessen, vom Weizenpreis und von seinem Bauchweh: „unless you refuse to listen, he never stops.“
Charles Derber nennt das „conversational narcissism“. Erzählt jemand, er sei krank gewesen, kann man fragen: „Wie geht es dir jetzt?“ Oder man sagt: „Ich war letztes Jahr auch krank, das war schlimm, ich …“ Der Schwätzer antwortet fast immer auf die zweite Art. Von sich zu erzählen, ist eine Lust. Menschen verwenden ein Drittel ihres Redens darauf, von sich zu berichten (Diana Tamir und Jason Mitchell 2012). Beim Schwätzer ist es fast alles. Er nimmt den ganzen Raum ein. Mitja Back und Kollegen unterscheiden beim Narzissmus die Bewunderung (sich in Szene setzen) von der Rivalität (andere abwerten); beides kommt getrennt vor. Der Schwätzer hat die Bewunderung ohne die Rivalität.
Sprüche. Bei Theophrast gibt es einen zweiten Redner, den Vielredner (Λαλιά). Kaum macht man den Mund auf, fällt er einem ins Wort: „Don't forget what you were about to say“ – „That reminds me“ – „But, as I omitted to mention“ – „What an admirable thing talk is!“ Sagt man, man gehe nach Hause, begleitet er einen bis vor die Tür. Beim Essen sagt er, Schweigen sei ihm zu anstrengend. Am Ende rächen sich seine Kinder, wenn sie schlafen wollen: „Papa, tell us something, in order that sleep may come.“
Der Dozent ist eine weitere Form des Egozentrikers. Er hält Vorträge über Themen, die ihn packen. Der Inhalt hat oft Hand und Fuß. Was fehlt, ist die Frage, ob der andere das überhaupt hören will. Er bemerkt die Zeichen nicht: das Gähnen, den Blick aufs Handy, Antworten, die immer kürzer werden. Anders als der Schwätzer redet er nicht, um die Bühne zu haben. Das Thema hat ihn, und er will es weitergeben. Deshalb wirkt er oft freundlicher und ist gerade deshalb schwer zu bremsen.
Sprüche. „You grasp the idea at once“ – „I was watching this long time to see whether you would come to the same conclusion as myself.“ So belehrt bei Theophrast der Vielredner: Er weiß schon alles, und wenn der andere etwas sagt, hat er nur gewartet, ob der auf dasselbe kommt.
Der Nehmer ist die stille Form. Er braucht die anderen nicht, um sich darzustellen. Aber er gibt nicht ab, er erwidert keine Gefallen, er denkt nur an seinen Vorteil. Schädigt er andere dabei, ist das ein Nebeneffekt, nicht das Ziel. Darin unterscheidet er sich von der Hexe, für die der Schaden der anderen die Nahrung ist. Und vom Schmarotzer, der von den anderen lebt; der Nehmer kommt ohne sie aus, er gibt nur nichts zurück. Adam Grant teilt die Menschen bei der Arbeit in Geber, Tauscher und Nehmer (Give and Take, 2013). Der Nehmer hat auch etwas vom Sammler: nicht hergeben, was man hat, und das gilt bei ihm auch für Gefallen.
Über Generationen weitergegeben. Im Steckbrief der Hexe steht: „Hexen haben keine eigene Macht und sind daher herrschssüchtig in anderen zu wohnen.“ Und: „Sie wurden zuerst nämlich auch selbst behext.“ Die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg schrieb 1975 den Aufsatz „Ghosts in the Nursery“, „Gespenster im Kinderzimmer“: Eltern spielen mit ihren Babys die eigene Kindheit nach, ohne es zu merken. Die Gespenster sind die eigenen Eltern, die mit am Bett stehen. Alice Miller beschreibt in Das Drama des begabten Kindes (1979) ein Kind, das spürt, was die Mutter braucht, und sich danach richtet. Es wird ein gutes, angepasstes Kind und verliert dabei sich selbst.
Die Lügen. Trump: Wie der die Leute manipuliert, du kommst gegen die Lügen gar nicht mehr an. Die Washington Post hat in seiner ersten Amtszeit über 30.000 falsche oder irreführende Behauptungen gezählt. Der Programmierer Alberto Brandolini hat 2013 die Regel aufgestellt: Um Unsinn zu widerlegen, braucht man eine Größenordnung mehr Kraft, als ihn in die Welt zu setzen. Wer jede Lüge widerlegen will, ist schon behext; er kämpft auf dem Feld, das die Hexe ausgesucht hat.
Projektion. Ein Trick der Hexe ist, den Gegnern vorzuwerfen, was sie selbst tut. Trump nennt die Presse „Fake News“. 2015 sagte er über Einwanderer aus Mexiko: „They're rapists“; 2023 befand ihn ein Geschworenengericht in New York in einem Zivilprozess für schuldig, die Journalistin E. Jean Carroll sexuell missbraucht zu haben. Wer zuerst „Lügner!“ ruft, macht aus dem Lügner den Ankläger. Die Psychologin Jennifer Freyd nennt das DARVO: leugnen, angreifen, Opfer und Täter vertauschen (Deny, Attack, Reverse Victim and Offender).
Der Psychopath. Beim Psychopathen fehlt das Mitgefühl. Es wird nicht unterdrückt, es ist nicht da, jedenfalls nicht für Menschen außerhalb der Gruppe.
Der Diktator. Der Diktator ist kein eigenes Wesen, sondern ein Gemisch. Oft stammt er vom Wüterich und vom Narzissten: Hitler war ein Choleriker. Die Wut kommt bei ihm aus dem Groll über jahrelange Demütigung, im Elternhaus, wie oft gesagt wird, und später im Leben. Mit der Macht kann der Groll tätig werden, und der Zaum, der andere hält, fällt weg, weil niemand mehr straft. Dazu kommen Grandiosität, Auserwähltsein und Wahn, ein tiefes Misstrauen bis zur Paranoia, und bei manchen die kalte Berechnung des Psychopathen. Die Forschung findet dasselbe Muster, ohne es einem einzelnen Wesen zuzuordnen. Dean Haycock beschreibt bei Hitler, Stalin, Mao und Saddam Hussein „malignen Narzissmus“ mit Paranoia, fehlendem Gewissen und Sadismus (Tyrannical Minds, 2019). Amber Nai und Emre Toros fanden 2020 bei Politikern mit autokratischen Zügen deutlich höhere Werte in Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus als bei anderen. Henry Murray beschrieb Hitler 1943 für den US-Geheimdienst als jemanden, der Kränkungen nachträgt und sich rächt. Ferndiagnosen sind umstritten, deshalb beschreiben wir ein Muster und stellen keine Diagnose.
Der äußere Feind. Der Diktator braucht einen äußeren Feind, aus zwei Gründen: um die Gruppe zu vereinen und um Wut und negative Gefühle auszuleben. Dafür sorgt der Stammesbruder. Er entscheidet, wer dazugehört, und wer draußen steht, wird ohne Mitgefühl behandelt. In Diktaturen gelten für diese Menschen andere Regeln.
Der Gegendämon. Gegen den Ernst des Diktators hilft das Lachen des Kobolds.
Der Oligarch. Wie der Diktator ist der Oligarch kein eigenes Wesen, sondern ein Gemisch. Theophrast nennt ihn eine „Liebe zur Macht, die fest am eigenen Vorteil klebt“ (Ὀλιγαρχία). In der Versammlung fordert er, dass einer volle Gewalt bekommt, und kennt von Homer nur den einen Vers: „Vielherrschaft ist nicht gut, einer sei Herrscher“ (Ilias II 204). Darin stecken mehrere Wesen. Die Verachtung der Menge kommt von der Arroganz: Er klagt über das undankbare Volk, die Demagogen und den Lärm der Masse, und wenn ein nackter, hungriger Landstreicher neben ihm sitzt, beschwert er sich über die Zumutung. Die Verlustangst kommt vom Knauser: Er hadert mit den Steuern für Feste und Flotte. Dazu kommt die Eitelkeit, mit Mantel, Frisur und gepflegten Nägeln. Er redet so zu Fremden und zu Bürgern „seiner Art und Partei“, und das ist der Stammesbruder: Wer dazugehört, zählt, die anderen sind Masse.

Moralist

  • Stammbaum: von Hexe/Psychopath, Pedant, Prediger · zu –
  • Hunger: Im Recht sein und besser sein als der andere, durch den Maßstab. Andere nach ihm beurteilen und zurechtweisen.
  • Trigger: Der Regelverstoß eines anderen. Eine Gelegenheit, ihn vor Dritten ins Unrecht zu setzen. Ein Konkurrent.
  • Bannung: offen.
  • Mimik: Die Augenbrauen sind leicht gehoben, die Lippen schmal, der Blick geht von oben herab. Dazu kommt das Kopfschütteln.
  • Haltung: Aufrecht, die Arme verschränkt. Der Zeigefinger ist erhoben.
  • Beschreibung:
Sprüche. Das sind Sätze, die jeder kennt:
  • Das tut man nicht!
  • Schäm dich!
  • Wie kann man nur!
  • Was sollen die Leute denken?
  • Ich will ja nichts sagen, aber …
Vom Prediger und vom Pedanten unterschieden. Der Prediger verkündet die Regel für alle. Der Pedant korrigiert Kleinigkeiten. Der Moralist urteilt über Menschen: Er teilt in gut und schlecht ein und weist Schuld zu.
Moral als Waffe. Von der Hexe hat er die Wirkung auf andere: Er macht ein schlechtes Gewissen, und er setzt jemanden vor den anderen ins Unrecht, ohne selbst die Hand zu heben. Darum holt sich der Krieger ihn als Werkzeug.

Täuscher

  • Stammbaum: von – · zu Hexe/Psychopath, Troll, Prahler
  • Varianten: Feigling
  • Beschreibung: Er spielt vor, was er doch fähig sei, und es ist nur heiße Luft. Ein Lehrling tut so, als könne er alles, und kann es nicht. Bei Politikern ist der Täuscher auch beliebt; sie lügen zwanghaft, aus Gewohnheit. Vermutlich, um nicht kritisiert zu werden, und aus Minderwertigkeitsgefühl: Wer keine Lücke zugeben darf, weil jede Lücke eine Kritik wäre, füllt sie mit Luft.
Der falsche Putzerfisch. Im Korallenriff gibt es den echten Putzerfisch, einen kleinen, blau-schwarz gestreiften Lippfisch. Große Fische, sogar Raubfische, kommen zu seiner Putzerstation, halten still, spreizen die Kiemen und öffnen das Maul, und er frisst ihnen die Parasiten ab. Der Säbelzahnschleimfisch sieht fast genauso aus, mit derselben Farbe, denselben Streifen und demselben Schwimmtanz. Der große Fisch kommt, hält still und vertraut. Statt zu putzen, beißt der Täuscher ihm ein Stück aus Flosse oder Haut und flieht. Er lebt von dem Vertrauen, das einem anderen gehört.
Das Aufblasen. Auch bei Tieren gibt es die heiße Luft: Der Kugelfisch pumpt sich auf, die Kröte bläht sich vor der Schlange, die Katze macht einen Buckel und sträubt das Fell. Man wirkt größer, als man ist.
Hochstapler. Der Schuster Wilhelm Voigt kaufte sich 1906 eine gebrauchte Hauptmannsuniform beim Trödler, stellte sich vor eine Gruppe Soldaten und besetzte mit ihnen das Rathaus von Köpenick. Niemand fragte nach; die Uniform genügte. Der Postbote Gert Postel arbeitete in den 1990er Jahren ohne Studium als Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik in Sachsen. Die Psychiatrie kennt das zwanghafte Lügen als „Pseudologia phantastica“; der Arzt Anton Delbrück beschrieb sie 1891 an Patienten, die ihre Lügen halb selbst glaubten.
Heiße Luft im Alltag. Der Psychologe Delroy Paulhus legte Leuten Listen mit Fachbegriffen vor und fragte, welche sie kennen. Darunter waren erfundene Begriffe, die es nicht gibt. Viele kreuzten sie trotzdem an. Er nannte das Overclaiming: Man behauptet Wissen, das man nicht hat, und merkt es oft selbst nicht.
Das Gegenbild ist der Streber: Beide spüren denselben Stachel, die Kritik. Der Täuscher bläst sich auf, der Streber setzt sich hin und lernt.

Ehrgeiz

  • Stammbaum: von Geltung, Schmach, Sieg · zu Streber
  • Spruch: „Ich will da hin.“ „Ich will nach oben.“ „Ich will der Beste sein.“ „Das schaffe ich auch.“
  • Hunger: Aufstieg: mehr Erfolg, mehr Macht, ein höherer Rang.
  • Trigger: Eine Stufe, die man erreichen kann: die Beförderung, der Titel, der Erfolg eines anderen, der gleich alt ist.
  • Mimik: Ein wacher, fester Blick, das Kinn leicht vorgeschoben.
  • Haltung: Vorgebeugt, zielgerichtet, schnell.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Der Ehrgeiz will nach oben.
Von mir: Der Name. Geiz hieß ursprünglich Gier. Ehrgeiz ist also die Gier nach Ehre, nach Rang, nach Erfolg.
Von mir: Erfolg und Macht. Der Ehrgeizige misst sich an dem, was er erreicht, nicht an dem, was andere von ihm halten. Das unterscheidet ihn vom Streber, der Anerkennung für sein Können will. Wer Macht hat, kann mehr durchsetzen und wird weniger kommandiert.
Von mir: Die Motive. Es gibt nicht den einen Ursprung. Mal ist es die Geltung („Ich will gesehen werden“), mal die Schmach („Denen zeige ich es“), mal der Sieg („Ich will noch einen“). Daneben stehen der Neid (der andere wurde befördert), die Angst vor Not und das Vorbild, dem man nacheifern will. Meist wirken mehrere zugleich.
Von mir: Beispiele. Die Praktikantin, die Abteilungsleiterin werden will. Der Sportler, der morgens vor allen anderen trainiert. Der Politiker, der schon im Studium die nächste Wahl plant.
Von mir: Wo es kippt. Wird das Ziel wichtiger als alles andere, gehen die Karrieristen über Kollegen hinweg. Der Ehrgeiz kann dann Lüge und Intrige in Kauf nehmen, und der Täuscher ist nicht weit.

Streber

  • Stammbaum: von Ehrgeiz, Wuff Wuff (betteln um Anerkennung), Perfektionist · zu –
  • Der Streber misst an Geltung und Anerkennung, der Ehrgeiz an Erfolg und Macht.
  • Trigger: Kritik.
  • Hunger: Anerkennung, verdient durch Können.
  • Beschreibung: Der Streber will nicht täuschen. Seine Antwort auf Kritik ist echter Fleiß, und dadurch erhält er Anerkennung. Die halbe Zivilisation baut auf ihm.
Anders Ericsson hat 1993 an der Berliner Musikhochschule untersucht, was die besten Geiger von den guten unterscheidet. Es war nicht das Talent, sondern das Üben, allein und gezielt, an genau dem, was man noch nicht kann. Die Besten hatten mit zwanzig Jahren rund 10.000 Stunden geübt, die Schwächeren viel weniger.
Das Handwerk hat den Streber zur Einrichtung gemacht: Lehrjahre, Gesellenjahre, das Meisterstück. Anerkennung gibt es nur für das, was man wirklich kann.
Thomas Edison wird der Satz zugeschrieben: „Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.“
Das Gegenbild ist der Täuscher. Beide spüren denselben Stachel, die Kritik, das „Du kannst das nicht“. Der Täuscher bläst sich auf, der Streber setzt sich hin und lernt.
Die Silbermedaille. Der Streber misst an seinem eigenen Anspruch, und der ist ganz oben. Victoria Medvec, Scott Madey und Thomas Gilovich werteten 1995 die Gesichter von Olympia-Medaillengewinnern aus: Die Bronze-Gewinner sahen glücklicher aus als die Silber-Gewinner. Der Dritte vergleicht sich mit dem Vierten, der leer ausgeht; der Zweite mit dem Ersten, gegen den er knapp verloren hat.

Gewissheit

  • Stammbaum: von Vampir · zu –
  • Spruch: „Ich weiß es.“ „Da bin ich sicher.“ „Das steht fest.“ „Darauf kannst du dich verlassen.“
  • Hunger: Ein Urteil, das feststeht, ohne weiter zweifeln zu müssen.
  • Gegendämon: Zweifler. Wo die Gewissheit herrscht, ist der Zweifel still.
  • Trigger: Der Zweifel tritt beiseite: eine klare Wahrnehmung, eine Wiederholung, die Zustimmung der Gruppe, ein Erfolg, der das Urteil bestätigt.
  • Mimik: Pure Konzentration.
  • Haltung: Majestätisch, fest stehend, ruhige Hände.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Was Gewissheit ist: Das ist der Vampir.
Wie sonst beschreiben. Wie soll man es sonst beschreiben? Entschlossenheit? Bestimmtheit? Ohne Zweifel? Das alles ist noch vor Publikum.
Der Mechanismus. Man hat Gewissheit über etwas, weil man sich vergewissert hat und keine Gründe dagegen sprechen. Da scheint Gewissheit von Gründen abzuhängen. Aber der Mechanismus ist in Wahrheit ein anderer. Die Gründe treten beiseite, der Zweifel. Und dann zeigt sich der Vampir. Und diese Gewissheit ist ohne Gründe. Das ist ja das Kennzeichen, dass die Gründe schweigen. Da sind auch keine anderen, denen man etwas erklären muss.
Pure Konzentration. Majestätisch. Imperator Rex. Jahrtausende alt. Und es ist auch feierlich.
Die Musik. Bei Musik spielt das: Dawn, zum Teil auch Bathory.
Es dauert an. Dieses Gefühl dauert länger an. Das ist auch das, was die Überzeugung und die Kraft gibt, Ziele länger zu verfolgen.
Der Vampir im Alltag. Gewissheit ist das, wo sich der Vampir unerkannt im Alltag zeigt. Der ist nämlich so gründlich gebannt worden, dass man ihm sonst selten begegnet.
Von mir: Der Jäger. Die Katze schleicht an den Vogel heran und weiß plötzlich: jetzt. Das kann ein Augenblick sein, aber auch eine lange Jagd, bei der das Ziel nie in Zweifel gerät.
Von mir: Burton. Robert Burton beschreibt 2008 in On Being Certain, dass das Gefühl der Gewissheit im Körper entsteht, unabhängig davon, ob die Gründe stimmen. Das passt zu „Die Gründe schweigen“. Deshalb können Menschen im Recht und im Irrtum dasselbe feste Gefühl haben.
Von mir: Bathory. Die Band Bathory trägt den Namen der ungarischen Gräfin Elisabeth Báthory, um die sich die Legende von der Blutgräfin rankt, also einer Vampirgestalt.
Von mir: Atmung. Ruhig und tief, mit langem Ausatmen, wie bei jemandem, der nichts mehr abwägen muss.
Von mir: Beispiele. Die Autofahrerin, die ihre Strecke seit Jahren kennt. Die Mutter, die beim ersten Blick weiß, dass ihr Kind lügt. Der Schüler, der die Rechenaufgabe zum dritten Mal gleich gelöst hat.
Von mir: Wo es kippt. Die Gewissheit ist angenehm und will bleiben. Wer sie einmal hat, sucht Bestätigung und weicht dem Gegenbeispiel aus. Daraus wird der Dogmatiker, der keine Frage mehr zulässt.

Sieg

  • Stammbaum: von Vampir · zu Jubel, Stolz, Triumph, Mut, Held, Ehrgeiz
  • Beschreibung:
Der Sieg. Denk an einen Boxkampf. Da kämpfen Krieger. Wenn einer gewinnt, reißt er die Arme nach oben, jubelt und triumphiert. Er macht Sprüche. Hochgefühl. Da ist Euphorie. Da ist nichts Negatives mehr. Kein Bedauern. Keine Angst. Das ist der Sieg.
Auch ohne Gegner. Das kann auch passieren, wenn man Erfolg hat. Dazu muss man keinen menschlichen Gegner besiegen. Wer ein neues Gerät zum Laufen gebracht hat, jubelt und hüpft durch die Halle.
Sprüche. Cassius Clay, der spätere Muhammad Ali, schrie nach dem Sieg über Sonny Liston 1964 in die Presse: „I am the greatest! I shook up the world!“ (Boxing Insider, Express-News)

Dank

  • Stammbaum: von HOMO · zu Verehrung/Bewunderung
  • Hunger: keiner. Er stellt sich ein, wenn ein Hunger gestillt wird. Aber er drängt zum Zurückgeben.
  • Trigger: eine unerwartete Wohltat. Aber auch Essen, Sex, Musik, Erfolg, die Sonne. Manchmal ganz ohne Anlass. Und die Begnadigung.
  • Gegendämon: Groll. Wer dankbar an jemanden denkt, kann ihm in diesem Moment nicht grollen.
  • Bannung: Bedrohung, Angst und die Forderung nach Dank verhindern ihn. Er lässt sich nicht befehlen. Er kann sich einstellen, muss aber nicht.
  • Beschreibung: Die Dankbarkeit stellt sich meist bei einer unerwarteten Wohltat ein und richtet sich auf den Geber. Aber nicht immer. Sie kommt auch nach anderen Befriedigungen, nach einem guten Essen, nach Musik, nach einem Erfolg, und auch Sunny, der nur in der Sonne liegt, kann dankbar sein. Sie ist ein Zeichen von Gesundheit, Vitalität und Glück. Das gute Gefühl schafft eine Erinnerung, damit man das Gesunde wiederholt. Das Wesen wächst, wenn man es regelmäßig füttert. Dank ist urtümlich, ein Elternteil ist nicht zu finden. Aus Dank kann Verehrung werden. Man ist seinem Idol dankbar: „Er hat meinem Leben einen Sinn gegeben.“

Zwei Arten. Robert Emmons und Michael McCullough verlangten für Dankbarkeit einen Geber, von dem das Gute kommt. Nathaniel Lambert, Steven Graham und Frank Fincham fragten 2009 gewöhnliche Menschen und fanden zwei Arten: die Dankbarkeit für eine Wohltat und eine allgemeine Dankbarkeit ohne Geber. Bernard Weiner, Daniel Russell und David Lerman fragten 1979 Studenten, warum sie eine Prüfung bestanden hatten. Wer es der Hilfe anderer zuschrieb, war dankbar. Wer es sich selbst zuschrieb, war eher stolz.

Die Erinnerung. Essen, Sex und Musik laufen über dieselben Belohnungsbahnen. Adiel Mallik, Mona Lisa Chanda und Daniel Levitin blockierten 2017 die körpereigenen Opioide, und die Musik bewegte weniger: „music uses the same reward pathways as food, drug and sexual pleasure.“ Philip Watkins und Kollegen fanden 2004: Dankbare Menschen erinnern sich häufiger an die guten Ereignisse ihres Lebens. In den Versuchen von Emmons und McCullough (2003) schrieben Teilnehmer jede Woche auf, wofür sie dankbar waren. Danach waren sie dankbarer und zufriedener, hatten weniger Beschwerden und trieben mehr Sport. Eine Meta-Analyse über 145 Arbeiten mit fast 25.000 Teilnehmern (PNAS 2025) bestätigt die Wirkung des Fütterns, wenn auch schwach, und am stärksten bei denen, die wenig Dankbarkeit mitbringen.

Der Zusammenhalt. Das Gefühl wurde verwendet, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Gegenseitige Hilfe gibt es bei allen Tieren, die in Gruppen leben. Aber erst wo Tiere einander einzeln erkennen, merken sie sich den Geber. Vampirfledermäuse würgen Blut für hungrige Nachbarn hervor. Gerald Carter und Gerald Wilkinson zeigten 2013: Wer früher etwas bekommen hat, gibt später, und das zählt 8,5-mal mehr als die Verwandtschaft. Frans de Waal zeigte 1997 bei Schimpansen: Wer einen anderen in den zwei Stunden davor gelaust hatte, bekam von ihm öfter Futter ab. Wer nicht gelaust hatte, wurde abgewehrt. Ohne Dankbarkeit bekäme der Geber nichts zurück. Adam Grant und Francesca Gino ließen 2010 Versuchspersonen ein Bewerbungsschreiben korrigieren und baten sie danach um ein zweites. Stand in der Bitte „Thank you so much! I am really grateful.“, half nicht ein Drittel, sondern zwei Drittel. Wer dankbar ist, hilft seinem Wohltäter auch, wenn es ihn etwas kostet, und hilft sogar Fremden mehr (Monica Bartlett und David DeSteno 2006). Ohne Dankbarkeit gäbe es nur den Handel Zug um Zug. Mit ihr kann man jetzt helfen und später zurückbekommen, ohne dass jemand Buch führt. Der Schmarotzer nimmt und gibt nicht. Er ist der Mensch ohne Dankbarkeit.

Die Forderung. Geforderter Dank ist kein Dank mehr, sondern eine Schuld. Philip Watkins und Kollegen zeigten 2006: Je deutlicher ein Geber zu verstehen gibt, dass er etwas zurück erwartet, desto mehr fühlt sich der Beschenkte verschuldet, desto weniger ist er dankbar und desto seltener hilft er dem Geber danach.

Die Begnadigung. Die Begnadigung erzeugt echte Dankbarkeit, auch wenn einen der Täter verschont. Das ist völlig absurd, aber so ist es. Karl Halvor Teigen zeigte 1997: Dankbarkeit entsteht aus dem Vergleich mit dem, was hätte geschehen können. Je schlimmer das Erwartete, desto größer der Dank. Der Psychiater Frank Ochberg spricht bei Geiseln von einer „primitive gratitude for the gift of life“. Das nutzt die Hexe beim Hörigen: Wer ständig Strafe erwartet, empfindet schon das Ausbleiben der Strafe als Geschenk.

Achtung

  • Stammbaum: von Raubtier, Staun · zu Verehrung/Bewunderung
  • Beschreibung:

Geachtet wird die Stärke. Man achtet in anderen die Eigenschaften, die einem selbst wichtig sind. Achtung bekommt man nicht geschenkt, man muss sie wert sein. Wer falsch ist, kann nicht geachtet werden.

Kriterien der Hochachtung können sein: Jemand haut einen intellektuell vom Sockel. Intensive Präsenz in den Augen, da ist jemand wirklich da (siehe Blick): Das Raubtier sucht das Raubtier. Aufrichtigkeit. Der Wille zur Perfektion (siehe Perfektionist). Konzentriertes Streben.

Die Achtung steht am Anfang einer Linie: Achtung → Verehrung → Ehrfurcht → Fan. Am Ende steht der Stalker, der die Souveränität dessen, den er verehrt, nicht mehr achtet.

Verehrung/Bewunderung

  • Stammbaum: von Staun, Dank, Achtung · zu Ehrfurcht, Eifersucht, Liebe, Aphrodite
  • Beschreibung: Verehrung ist, einen Menschen zu bewundern, der Eigenschaften in großem Maß hat, die man selbst wertschätzt. Das kann Intelligenz sein, Fähigkeit oder Ausdauer. Man bewundert auch Tugend, nicht nur Können. Was man bewundert, ist bei jedem anders, und mancher wird von der Intelligenz eines anderen eingeschüchtert. In der Nähe eines solchen Menschen fühlt man sich gut, hat ein Hochgefühl und hält ihn für etwas Besonderes.
Was man will. Man will für den Verehrten etwas tun, auch ohne Tauschhandel. Etwas Nichtmaterielles will man aber doch: Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Kontakt.
Wozu es gut ist. Bewunderung zieht zum Vorbild hin. Man sucht die Nähe, schaut hin, lernt und ahmt nach. Das erfüllt einen Zweck: Man eifert dem Vorbild nach, und dadurch wird das Können der Gruppe entwickelt. Man erzählt anderen von dem Bewunderten und stärkt so seinen Ruf.
Bewunderung und Neid. Wirkt Verbesserung erreichbar, kann aus Bewunderung ein gutartiger Neid werden, der nach oben zieht (van de Ven und Kollegen 2011). Wirkt sie unerreichbar, bleibt es bei der Bewunderung, ohne dass sie antreibt.
Die Schönheit. Die Bewunderung von Schönheit und Anmut ist ein eigenes Wesen, Aphrodite.
Was daraus wird. Aus der Verehrung gehen die Ehrfurcht, die Liebe und die Eifersucht hervor, und über die Ehrfurcht der Fan. Die Entgleisung ist der Stalker, der die Souveränität dessen, den er verehrt, nicht mehr achtet.

Ehrfurcht

  • Stammbaum: von Verehrung/Bewunderung · zu Fan
  • Spruch: „Das ist ein großer Mensch.“ „Für den tue ich es.“ „So jemanden trifft man selten.“
  • Hunger: Dem Größeren zu dienen.
  • Trigger: Ein Mensch mit besonderen Qualitäten, der aufrichtig ist und über einem steht.
  • Mimik: Offene Augen, ruhiges Gesicht.
  • Haltung: Aufrecht, die Schultern sinken nicht, auch als stolze Persönlichkeit.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Die Person steht über einem. Das ist wahr. Das denkt man. Aber man fühlt sich nicht kleiner. Das ist erhebend.
Positiv und sinngebend. Die Ehrfurcht ist etwas Positives und gibt einem Sinn. Man fühlt sich gut dabei.
Dienen. Man will für die Person etwas tun. Ihr dienen, auch als stolze Persönlichkeit.
Charisma. Das ist der Grund, weshalb charismatische Gestalten Anhänger haben, die begeistert für die Person oder die Sache etwas tun. Man sieht da besondere Qualitäten.
Aufrichtigkeit. Aufrichtigkeit ist Voraussetzung.
Wenn es anders ist. Bei Anhängern von Diktatoren oder Politikern mag das anders sein. Da werden dann Charakterfehler mit der Größe entschuldigt.
Von mir: Ehre und Furcht. Das Wort enthält beides. Bei der Ehrfurcht vor einem Menschen ist von der Furcht kaum etwas zu spüren, es bleibt die Ehre.
Von mir: Von der Verehrung. Die Verehrung kommt dem Bewunderten nah. Die Ehrfurcht sieht in ihm schon etwas Höheres, dem man dient, und der Verehrte steigt vom Vorbild zum Anführer.
Von mir: Das Charisma. Max Weber hat das Charisma als außergewöhnliche Eigenschaft beschrieben, aus der die Gefolgschaft entsteht. Die Hingabe der Anhänger ist freiwillig. Das unterscheidet sie vom Vasallen, der der Macht folgt.
Von mir: Vor der Größe. Ehrfurcht gibt es auch vor Dingen. Rudolf Otto beschrieb 1917 in Das Heilige das Gefühl vor dem Göttlichen als zugleich erschreckend und anziehend, „mysterium tremendum et fascinans“. Vor einem Gebirge oder einem Sternenhimmel fühlt man sich klein, aber nicht schlecht: Die Forschung zum Staunen (Bai und Kollegen 2017) beschreibt, dass die Aufmerksamkeit vom eigenen Ich wegrückt und man sich verbunden fühlt. Die Ehrfurcht vor einem Menschen erhebt: Jonathan Haidt beschreibt bei der Bewunderung Energie, Freude und den Antrieb, selbst höher zu leben.
Von mir: Zum Fan. Wenn der Ehrfürchtige den Menschen dauernd so sieht, wird aus der Ehrfurcht der Fan: Er hält den Verehrten für göttlich und macht ihn zum Idol.

Fan

  • Stammbaum: von Ehrfurcht · zu Stalker, Höriger
  • Hunger: Verehrung.
  • Entgleisung: der Stalker.
  • Beschreibung:

Der Fan verehrt einen Menschen selbst, nicht dessen Macht. Darin unterscheidet er sich vom Vasallen, der nur folgt, solange die Macht da ist. Der Hörige vergöttert sein Idol, und das ist im Grunde der Fan.

Der Fan glaubt, einen ganz besonderen Menschen gefunden zu haben. Seine Ansprüche werden nicht nur erfüllt, sondern übertroffen. Dann steigt der Verehrte auf, von der Achtung zur Verehrung bis zur Ehrfurcht: aus dem König wird ein Gott. Stendhal nannte das 1822 die Kristallisation: Ein kahler Zweig, in einen Stollen des Salzbergwerks bei Salzburg geworfen, ist nach Monaten über und über mit Kristallen bedeckt.

Der Fan hält den Verehrten für göttlich und sammelt darum Fanartikel. Es geht ihm nicht ums Sammeln, sondern um Verehrung, und das macht ihn glücklich. Die Psychologen George Newman, Gil Diesendruck und Paul Bloom fanden 2011: Was Dinge von Berühmten wertvoll macht, ist vor allem der Glaube, dass in ihnen etwas vom früheren Besitzer steckt. Je mehr der Berühmte einen Gegenstand berührt hatte, desto lieber wollten ihn die Leute kaufen.

Die Lisztomanie. Der Rausch um den Pianisten Franz Liszt begann 1841 in Berlin; Heinrich Heine prägte das Wort 1844. Frauen wollten Locken seines Haars. Riss ihm eine Klaviersaite, wollten Verehrerinnen sie haben, um ein Armband daraus zu machen. Manche trugen Glasfläschchen bei sich, in die sie seinen Kaffeesatz gossen. Eine Hofdame hob einen Zigarrenstummel auf, den er auf die Straße geworfen hatte, ließ ihn in ein Medaillon fassen, umgeben von seinem Monogramm „F.L.“ in Diamanten, und trug ihn mit sich herum.

Der Fan ist nicht gezwungen. Das unterscheidet ihn von der Sucht: Das Idol macht ihn tatsächlich glücklich, ein Blick oder eine Stimme genügt. Oft ist das Bild dessen, was ihn glücklich macht, schon vorher da, wie ein Suchbild. Dann begegnet ihm ein Mensch, in dem dieses Bild sein Äußerstes findet. Das kann bis zur Besessenheit gehen. Auch dann ist er noch nicht der Stalker: Die Besessenheit bleibt in ihm, die Gedanken kreisen um den Verehrten, aber er lässt ihn frei. Der Stalker greift nach dem anderen.

Die Stufen. Die Psychologen Lynn McCutcheon, Rense Lange und James Houran haben 2002 eine Skala für die Verehrung von Berühmten entwickelt, mit drei Stufen: Unterhaltung und Geselligkeit (man verfolgt Neuigkeiten und redet mit anderen darüber), intensiv-persönlich (man fühlt sich dem Star tief verbunden, hält ihn etwa für einen Seelenverwandten und denkt zwanghaft an ihn), und grenzwertig-pathologisch (bis zur Bereitschaft, für den Star etwas Ungesetzliches zu tun). Die hohen Stufen sehen sie als riskant an.

Das ist ähnlich wie verliebt sein (siehe Liebe). Aber der Fan kann einen Menschen auch wegen ganz anderer Eigenschaften verehren: den Sänger wegen seiner Stimme, die Sportskanone wegen ihrer Leistung. Und er kann einen Menschen des eigenen Geschlechts verehren, ohne jede erotische Seite.

Sprüche:

  • „I would die for him.“ → Hingabe bis zum Äußersten. Gesagt von einem Fan nach einem Auftritt von Justin Bieber; ihre Freundin hatte vorher schon „Literally anything“ gesagt, und sie musste noch einen draufsetzen (Sydney Morning Herald, 2015).
  • „Mother!“ → Rufe der Fans bei Beyoncés Renaissance-Tour 2023. Sie heißt auch „Queen Bey“.
  • „Today I had the chance to meet my great idol.“ → Céline Dept nach dem Treffen mit Cristiano Ronaldo, 2026: Er habe ihr die Kraft gegeben, an sich zu glauben und nie aufzugeben.
  • „She got me through my breakups.“ → Ein Fan von Taylor Swift.
  • „The first time I saw him he changed my life. … He captured my heart.“ → Das Leben geteilt in ein Vorher und ein Nachher. Cheryl Skogen, 66, aus Los Angeles bei der Kerzenwache vor Graceland 2012 (AP). Sie hatte Elvis zum ersten Mal in der Ed-Sullivan-Show gesehen.
  • „I felt the spirit of Elvis there, as if he was alive.“ → Der Tote lebt weiter wie ein Heiliger. Sergio Galleguillo aus Argentinien nach dem Gang an Elvis' Grab, 2012 (AP).
  • „If you were sad or happy or whatever, he was such a big part of your life.“ → Der Begleiter in allen Lagen. Christine Jeffords, Vorschullehrerin aus Wisconsin, 2013 (AP).

Die Sprache der Fans ist religiöse Sprache: Mutter, Königin, der Geist des Toten, der Pilgerort. Vor Graceland, dem Haus von Elvis Presley, bauen die Fans jedes Jahr bei der Kerzenwache zu seinem Todestag Schreine mit Kerzen und Bildern auf der Straße. Ein Fan aus Chile: „It's hard to believe that I'm here on the street where he walked, the street corners where he stood, the restaurants where he ate.“ Die Zeitung Commercial Appeal überschrieb ihren Bericht über die Kerzenwache 2026: „Elvis fans say ‚thank you' to the King“.

Er kann toxisch sein, muss es aber nicht. Er kann den Verehrten auch fördern, über jedes gewöhnliche Maß hinaus, und ihm seine Hochachtung sagen. Der echte Fan achtet die Souveränität dessen, den er verehrt.

Stalker

  • Stammbaum: von Fan, Eifersucht · zu –
  • Gegenspieler: die Achtung vor der Souveränität des anderen.
  • Beschreibung:

Der Stalker will sein Idol ganz für sich haben. Er ist eifersüchtig. Er achtet nicht die Souveränität dessen, den er verehrt. Er ist die Entgleisung des Fans: Die Verehrung wird dominant und schaltet die Achtung aus.

Rebecca Schaeffer. Die amerikanische Schauspielerin wurde 1989 von Robert John Bardo erschossen, einem besessenen Fan, der sie verfolgt hatte. Danach erließ Kalifornien 1990 das erste Gesetz gegen Stalking in den USA.
Monica Seles wurde am 30. April 1993 in Hamburg während eines Spiels mit einem Messer in den Rücken gestochen. Der Täter war ein besessener Fan ihrer Rivalin Steffi Graf. Laut Polizei wollte er Seles so schwer verletzen, dass sie nicht mehr spielen konnte und Graf wieder die Nummer eins würde. Hier richtet sich die Eifersucht nicht gegen das Idol, sondern gegen den Rivalen des Idols: Neben ihm darf keiner stehen.

Höriger

  • Stammbaum: von Fan, Hexe/Psychopath · zu –
  • Verwandt: Stalker, Eifersucht
  • Beschreibung:

Der Hörige ist ein behexter Fan. Im Mittelalter waren Hörige unfreie Bauern, die zum Land eines Herrn gehörten; in „hörig“ stecken „gehören“ und „gehorchen“.

Am Anfang ist es eine Romanze, vom dominanten Teil entweder echt oder gezielt eingesetzt (siehe Hexe). Dann kann auch Eifersucht dazukommen. Es geschieht langsam. Wie kocht man einen Frosch? Langsam. (Das ist ein Gleichnis; echte Frösche springen heraus, bevor das Wasser heiß wird.) Typisch ist der Wechsel von Demütigung und Reue. Auch die sozialen Verbindungen werden verboten, denn sie wären ein Ausweg.

Das Opfer flieht nicht, weil es innen das Wechselbad spiegelt. Es entschuldigt und verteidigt den Täter. Er ist ja auch wunderbar.

Die Forschung. Lenore Walker beschrieb 1979 den Kreislauf aus Spannungsaufbau, Ausbruch und Versöhnung, in der sich der Täter entschuldigt, Geschenke macht und Besserung verspricht. Die Frau kehrt nach Walker nicht zurück, weil sie die Gewalt vermisst, sondern weil sie noch glaubt, es besser machen zu können. Donald Dutton und Susan Painter zeigten 1981: Ein Machtgefälle und der Wechsel von Grausamkeit und Zuwendung erzeugen eine besonders feste Bindung. Das Opfer übernimmt mit der Zeit das Bild, das der Täter von ihm hat, und kehrt oft zurück. Wer jemanden von Freunden und Familie abschneidet, nimmt ihm den Ausweg.

Dazu kommt die Mystifizierung durch die Hexe. Das Opfer übernimmt die Wertung und Deutung des Täters: „Ich wurde zu Recht bestraft.“ „Ich darf nicht so ungeschickt sein.“ „Ich muss besser putzen.“ Am Ende steht die globale Zuschreibung: Es liegt nicht mehr an dem, was ich tue, sondern an dem, was ich bin. Ronnie Janoff-Bulman unterschied 1979 diese beiden Arten der Selbstbeschuldigung. Die erste betrifft das Verhalten und lässt die Hoffnung, es beim nächsten Mal zu vermeiden. Die zweite betrifft den Charakter, und das Opfer hält sich selbst für schuldig, so zu sein.

Im Film Gaslight (1944) bringt der Ehemann (Charles Boyer) seine Frau (Ingrid Bergman) dazu, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln: Das Gaslicht flackert, und er sagt, sie bilde es sich ein. Von dem Film hat das Wort „Gaslighting“ seinen Namen.

Die Sängerin FKA twigs schilderte 2021 im Fernsehen ihre Beziehung mit dem Schauspieler Shia LaBeouf. Er bestritt die Vorwürfe, 2025 endete ihre Klage mit einem Vergleich. Am Anfang sprang er über den Zaun und legte Blumen, Gedichte und Bücher vor ihre Tür: „I thought it was very romantic.“ Dann das Wechselbad: „Putting me on a pedestal, telling me that I was amazing, over-the-top displays of affection, just to knock me off the pedestal, to tell me that I was worthless.“ Und die Mystifizierung: „he would push me and then he would say, ‚You fell.' And I would get really confused. And, and I think, I would think, ‚Maybe I did.'“ Als sie im Interview weint, entschuldigt sie sich. Auf die Frage, warum sie nicht gegangen ist: „it's because it was that bad I couldn't leave.“

Tina Turner über Ike Turner: „sometimes after he beat me up, I'd end up feeling sorry for him“ und „I'm sitting here all bruised and torn and I'm feeling sorry for him.“ Die Methoden. Der Soziologe Albert Biderman befragte US-Piloten, die in koreanischer Gefangenschaft falsche Geständnisse abgelegt hatten, und stellte 1957 acht Methoden zusammen: Isolation, Monopolisierung der Wahrnehmung, Demütigung, Erschöpfung, Drohungen, gelegentliche Gunst, Allmacht zeigen und banale Forderungen erzwingen. Amnesty International nannte sie 1973 die „universal tools of torture and coercion“. Dieselben Methoden finden sich in der Beziehung zum Hörigen. FKA twigs musste ihm etwa 20 Berührungen und Küsse am Tag geben: „he would say that I didn't kiss him enough.“ Auf der Autobahn drohte er, das Auto gegen eine Wand zu fahren, wenn sie ihn verlässt. Evan Stark, der den Begriff „Coercive Control“ prägte, nennt als wichtigstes Mittel die Regelung des Alltags: „how women dress, cook, clean, socialize, care for their children, or perform sexually.“ Der Täter stellt die Regeln auf, das Opfer macht sie zu seinem eigenen Maßstab. Sally Challen war rund 40 Jahre verheiratet. Ihr Mann kontrollierte das Geld und bestimmte, mit wem sie befreundet war. Ohne ihn durfte sie nicht ausgehen. 2010 erschlug sie ihn. 2019 hob das Berufungsgericht die Verurteilung wegen Mordes auf, ihre Anwälte hatten mit der Kontrolle durch ihren Mann argumentiert. Sie wurde wegen Totschlags verurteilt und kam frei. Der Täter muss das nicht planen. Es ist ein Muster. Die Sprüche. Im Film Gaslight sagt Gregory zu Paula: „You know, you are inclined to lose things.“ Sie: „I am? I didn't realize that.“ Später: „Are you becoming suspicious as well as absent-minded, Paula?“ und „It hurts me when you're ill and fanciful.“ Einladungen sagt er ab, sie sei krank. Am Ende sagt Paula selbst: „I'm always losing things and hiding things and I can never find them“.

Emma Davey lernte Ashley Southgate 2015 kennen. Nach einer Woche sagte er, dass er sie liebt, nach einem Monat sprach er von Heirat und Kindern: „I thought I'd found my soulmate“. Dann: „Why do you need to see your family so much? Do you need to see your friends?“ Er kaufte ihr neue Kleider, weil sie die alten mit anderen getragen hatte: „You're like my dolly.“ In jedem Zimmer hing eine Kamera: „Where are you? I can't see you on camera.“ Als er sie hinauswarf: „Here you go... you haven't even got money for a loaf of bread.“ Danach: „he is telling me he is sorry and he will change, and he loves me - and I'm back on cloud nine.“ Er gestand und wurde 2022 verurteilt.

Eine andere Frau erzählte der BBC, ihr Partner habe sie „worthless person“ genannt und gesagt, „nobody else would ever want to go out with me“: „He had worn me down so much that I believed him.“ Und: „he put a noose around my neck and then as the weeks went by he slowly, slowly, slowly tightened the noose“.

Jubel

  • Stammbaum: von Sieg · zu Feierlich
  • Spruch: „Jaaa!“ „Geschafft!“ „Yes!“ „Tor!“
  • Hunger: Das Hochgefühl herauslassen, sofort und mit dem ganzen Körper.
  • Trigger: Das Ziel ist erreicht, plötzlich und eindeutig: das Tor, die bestandene Prüfung, der Gewinn.
  • Mimik: Ein weit offener Mund, Lachen oder Schrei, strahlende Augen.
  • Haltung: Die Arme hoch, die Fäuste geballt, Hüpfen, Umarmungen.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Der Jubel ist der Ausbruch des Hochgefühls beim Erfolg.
Von mir: Spontan und ansteckend. Der Jubel überlegt nicht. Er kommt im Moment des Erfolgs, und wer daneben steht, ist sofort mit dabei. Beim Tor springen die Zuschauer im Stadion gleichzeitig auf und umarmen auch Fremde.
Von mir: Atmung. Der Jubel atmet tief ein und lässt die Luft als Schrei oder Lachen heraus. Danach ist die Atmung schnell und gelöst, ganz anders als beim Schreck, der den Atem anhält.
Von mir: Jubel, Triumph, Feierlich. Der Jubel braucht keinen Gegner und keine Zuschauer: Wer allein den Gipfel erreicht, ruft „Ja!“ in die Berge. Der Triumph zeigt den Sieg dem Besiegten. Das Feierliche macht daraus ein geordnetes Fest. Der Jubel steht davor und ist kurz.
Von mir: Beispiele. Das Kind, das beim Geschenk hüpft. Die Schülerin, die ihr Zeugnis sieht. Die Läuferin, die im Ziel die Arme hochreißt.

Stolz

  • Stammbaum: von Sieg · zu Rückgrat
  • Spruch: „Das habe ich mir selbst erarbeitet.“ „Ich lasse mich nicht herabwürdigen.“ „Ich habe meinen Stolz.“ „Lieber verzichte ich darauf.“ „Das habe ich nicht nötig.“ „Ich lasse mir von dem nichts sagen.“ „Wenn ich etwas mache, dann richtig.“
  • Hunger: Selbstachtung, Würde und die Bestätigung des eigenen Wertes. Beim überheblichen Stolzen kommt der Wunsch nach Überlegenheit hinzu.
  • Trigger: Eine Leistung oder das Erreichte. Eine Situation, in der sein Selbstwert berührt wird. Das kann eine Herausforderung sein, bei der er seine Fähigkeiten beweisen möchte, oder eine Kränkung, bei der er sich herabgesetzt fühlt. Besonders empfindlich reagiert der Stolze darauf, wenn seine Leistungen missachtet oder seine Fähigkeiten angezweifelt werden.
  • Mimik: Ein kleines Lächeln.
  • Haltung: Kopf erhoben, Brust geweitet, ehrlich ohne Falschheit.
  • Beschreibung: Der Stolz ist eine Haltung.
Die Haltung. Das ist eine Haltung. Kopf erhoben. Brust geweitet. Ehrlich ohne Falschheit.
Worauf. Man ist stolz auf eine Leistung oder auf das Erreichte. Und man ist mit sich im Reinen.
Der Moment. Aber eigentlich zeigt es sich in dem Moment, weil alles gut ist.
Anders als Arroganz. Man hat eine hohe Meinung von sich selbst. Anders als Arroganz macht man andere nicht kleiner.
Zwei Varianten. Es gibt zwei Varianten von Stolz. Eine ist nicht arrogant. Eine tut sich mit Arroganz zusammen.
Dankbar. Man ist dankbar und ist auch anderen wohlgesonnen. Glück. Fülle. Sonnenschein.
Nicht feindlich. Dazu muss man nicht feindlich sein. Nicht auf andere herabblicken.
Atmung. Viele Dämonen haben auch mit der Atmung zu tun. Der Stolz hat eine ruhige, gleichmäßige und tiefe Atmung. Während etwa der Büßer das Gegenteil ist und eine flache und unglückliche Atmung hat mit seiner gebeugten Haltung.
Der Stolze. Der Stolze will sich selbst achten können. Er misst seinen eigenen Wert an seinen Leistungen, Fähigkeiten, Überzeugungen oder seiner Herkunft. Sein Stolz entsteht aus der Vorstellung: „Ich bin jemand, und das lasse ich mir nicht nehmen.“
Ursprung und Motiv. Stolz entsteht, wenn ein Mensch etwas an sich selbst als wertvoll empfindet und diesen Wert bewahren möchte. Das kann eine selbst erbrachte Leistung sein, eine überwundene Schwierigkeit, eine besondere Fähigkeit oder die Zugehörigkeit zu einer angesehenen Gemeinschaft. Der entscheidende Unterschied zur Eitelkeit: Der Stolze braucht nicht unbedingt Bewunderung. Er braucht einen Grund, sich selbst zu achten. Allerdings gibt es zwei sehr unterschiedliche Ausprägungen.
  • Leistungsstolz: „Ich habe etwas Schwieriges geschafft.“ Er motiviert zu Anstrengung, Ausdauer und hohen Ansprüchen.
  • Überheblichkeitsstolz: „Ich bin mehr wert als andere.“ Er verlangt Rang, Vorrang und Unterordnung.
In der Psychologie entspricht das ungefähr der Unterscheidung zwischen authentic pride und hubristic pride (Tracy und Robins).
Handlungsweise. Der Stolze will seinen Ansprüchen gerecht werden. Er kann außerordentlich gewissenhaft, ausdauernd und zuverlässig sein. Lieber nimmt er Schwierigkeiten auf sich, als sich selbst zu enttäuschen. Doch Stolz kann auch zur Falle werden. Er weigert sich, um Hilfe zu bitten, obwohl er sie braucht. Er gesteht einen Fehler nicht ein, weil er darin eine Erniedrigung sieht. Er lässt sich lieber schaden, als nachzugeben. Sein eigener Anspruch wird zu seinem Gefängnis.
Was er fühlt. Wenn er seinen Ansprüchen gerecht wird, empfindet er Befriedigung, Stärke und Selbstachtung. Wird sein Stolz verletzt, kann er Scham, Wut, Trotz oder Verachtung empfinden. Besonders interessant ist, dass er selbst ein berechtigtes Zugeständnis als Niederlage erleben kann.
Seine Schwäche. Der Stolze kann seinen eigenen Wert nicht immer von seiner Stellung oder seinen Leistungen trennen. Dann wird jeder Fehler zur Kränkung und jede Kritik zum Angriff auf seine Person. Er kann sogar etwas zerstören, das ihm wichtig ist, nur um seinen Stolz nicht aufgeben zu müssen.
Wie man ihn beeinflusst. Den Stolzen öffentlich zu demütigen, ist meistens kontraproduktiv. Er wird versuchen, seine Würde zu verteidigen, selbst wenn ihm das schadet. Er ist eher erreichbar, wenn er einen Fehler korrigieren kann, ohne seine gesamte Selbstachtung zu verlieren. Man kann außerdem an seinen eigenen Anspruch appellieren: „Gerade weil du so viel Wert auf deine Arbeit legst, solltest du diesen Fehler korrigieren.“
Stolz und Eitelkeit. Stolz und Eitelkeit können sich sogar widersprechen. Der Eitle möchte bewundert werden und passt sich dafür möglicherweise seinem Publikum an. Der Stolze kann gerade die Bewunderung ablehnen, wenn er sich dafür verbiegen müsste. Der Eitle fragt: „Was denken die anderen über mich?“ Der Stolze fragt: „Was würde ich über mich selbst denken?“ Das macht den Stolz zu einem besonders interessanten Wesen: Er kann sowohl eine Quelle großer Charakterstärke als auch eine Ursache verhängnisvoller Unnachgiebigkeit sein.
Von mir: Belege. Tracy und Robins (2004, Psychological Science 15(3), 194–197) fanden in drei Experimenten einen erkennbaren Ausdruck des Stolzes: kleines Lächeln, Kopf leicht zurückgelegt, sichtbar geweitete Haltung, Arme über dem Kopf oder Hände in den Hüften (nach dem Abstract). Das deckt sich mit „Kopf erhoben, Brust geweitet“. Dieselben Autoren (2007, Journal of Personality and Social Psychology 92(3), 506–525) unterscheiden zwei Seiten des Stolzes, authentisch und hybrid („hubristic“), mit verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen (nach dem Abstract).
Von mir: Beispiele. Der Handwerker, der nach der Abnahme vor seinem fertigen Werk steht. Die Mutter bei der Abschlussfeier ihres Kindes. Die Mannschaft nach dem Pokalgewinn.

Rückgrat

  • Stammbaum: von Stolz · zu –
  • Spruch: „Das tue ich nicht.“ „Dazu stehe ich.“ „Da mache ich nicht mit.“ „Ich sage, was ich denke.“
  • Hunger: Bei sich bleiben, auch unter Druck, und sich nicht verbiegen.
  • Trigger: Druck, etwas Unrechtes zu tun, zu schweigen oder nachzugeben, durch einen Befehl, den Chef oder die Gruppe.
  • Mimik: Ein ruhiger, gerader Blick.
  • Haltung: Aufrecht, die Schultern zurück, die Füße fest.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Das Rückgrat bleibt bei dem, was er für richtig hält, auch wenn es ihn etwas kostet.
Von mir: Der Name. Das Wort ist körperlich gemeint. Wer Rückgrat hat, steht aufrecht. Wer keines hat, knickt ein, bückt sich und buckelt. Der Stolz ist die Haltung, das Rückgrat ist das Tun gegen Widerstand: Der Stolze fragt „Was würde ich über mich selbst denken?“, und das Rückgrat handelt danach.
Von mir: Beispiele. Der Angestellte, der sich weigert, eine Rechnung zu fälschen, obwohl der Chef es verlangt. Der Schüler, der nicht mitlacht, wenn einer gemobbt wird. Der Zeuge, der trotz Drohung aussagt. In allen drei Fällen kostet es etwas, und das Rückgrat zahlt.
Von mir: Wo es kippt. Wird der eigene Anspruch zum Gefängnis, wird aus dem Rückgrat Sturheit: Es gibt auch dann nicht nach, wenn es im Unrecht ist. Das ist der Teil des Stolzes, der sich weigert, um Hilfe zu bitten oder einen Fehler zuzugeben.

Triumph

  • Stammbaum: von Sieg · zu Amok, Feierlich
  • Spruch: „Wer lacht jetzt?“ „Hab ich's dir nicht gesagt?“ „Da hast du's!“ „Gewonnen!“
  • Hunger: Den Sieg auskosten und dem Besiegten zeigen, wer gewonnen hat.
  • Trigger: Der Sieg über jemanden, der einen kleingemacht, angezweifelt oder abgeschrieben hat, besonders vor Zuschauern.
  • Mimik: Ein breites, strahlendes Siegerlächeln.
  • Haltung: Die Arme oder eine Faust nach oben, die Brust weit, der Blick auf den Besiegten.
  • Bannung: offen.
  • Zum Amok bringt er das Hochgefühl der Geltung.
  • Beschreibung: Der Triumph ist der Sieg, der dem Besiegten gezeigt wird.
Wozu er da ist. Es geht vor allem um zwei Dinge. Erstens: die eigene Überlegenheit zur Schau stellen. Zweitens: den Gegner demütigen und vor einem weiteren Kampf abschrecken. Auch andere Gegner abschrecken. Aus diesem Grund macht der so eine Show daraus.
Von mir: Sieg und Triumph. Der Sieg ist das Hochgefühl des Gewinnens und kann ohne Gegner auskommen: Wer ein Gerät zum Laufen bringt, jubelt und hüpft. Der Triumph braucht den Besiegten und meist Zuschauer. Der Stürmer, der nach dem Tor vor die Kurve der gegnerischen Fans rennt, triumphiert. Der Stolz ist still und mit sich im Reinen, der Triumph ist laut und zeigt.
Von mir: Rang, Belohnung, Gruppe, Preis. Der Triumph klärt den Rang, sodass es weniger Kämpfe braucht. Das Hochgefühl belohnt, sodass man den nächsten Kampf wieder will. Ein gemeinsamer Sieg verbindet die eigene Seite, wie der Torjubel im Stadion. Der Preis: Wer den Gegner demütigt, macht sich einen Feind, der auf Rache sinnt. Deshalb zeigen manche Sieger Großmut und helfen dem Gegner auf. Auch das ist eine Show, nur für andere Zuschauer.
Die Show aus Begeisterung. Bei Käfigkämpfen, etwa der Frauen im Fliegengewicht, zeigen die Siegerinnen Triumph. Sie hüpfen, machen Gesten, zeigen die Faust und steigen auf den Zaun. Das ist eindeutig eine Show, aber aus Begeisterung, nicht gespielt. Trotzdem ist es üblich, dass die Kontrahentinnen sich umarmen, so sehr die eine die andere auch brutal abgelascht hat. Da ist Achtung, und der Zweck ist in diesem Fall nicht die Demütigung, sondern das Feiern der eigenen Überlegenheit.
Festlich. Triumph hat etwas Festliches. Die Triumphzüge bei den Römern waren ein Fest.
Von mir: Der Triumphzug. Der Name kommt aus dem alten Rom: Der siegreiche Feldherr zog mit seinen Truppen, der Beute und den Gefangenen durch die Stadt. Der Sieg wurde der Stadt und den Besiegten vorgeführt.
Von mir: Wo es kippt. Der Triumph macht übermütig. Wer nur noch gewinnt, hält sich für unverwundbar und unterschätzt die nächste Gefahr. Wird er ein Dauerzustand, trägt er die Geltung bis zum Größenwahn weiter, und das ist der Anteil, der in den Amok eingeht.

Mut

  • Stammbaum: von Sieg, Wüterich · zu –
  • Spruch: „Ich mach das.“ „Los jetzt!“ „Einer muss es tun.“ „Das schaffe ich.“
  • Hunger: Es tun, obwohl die Angst da ist, weil das Ziel wichtiger ist als die Gefahr.
  • Trigger: Eine Gefahr oder Hürde, vor der andere zögern: der Sprung ins kalte Wasser, ein Mensch in Not, ein schwieriges Gespräch.
  • Gegendämon: Angst. Wer mutig ist, hat in diesem Moment die Angst überstimmt.
  • Mimik: Ein fester Blick, die Kiefer zusammengebissen.
  • Haltung: Aufrecht, ein Schritt nach vorn, die Schultern gestrafft.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Der Mut handelt trotz der Angst.
Vom Sieg. Es kommt vom Sieg. Der glaubt nämlich, es zu schaffen, und stellt sich das vor, weil er eine Erinnerung an Erfolge hat. Wer immer scheitert, wird mutlos.
Die Motive. Es kann verschiedene Motive haben, für die man Mut aufbringt.
Von mir: Angst ist dabei. Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Wer keine Angst hat, braucht keinen Mut. Der Mut ist da, wenn die Angst spricht und er trotzdem handelt.
Von mir: Die Wut im Mut. Beim Mutigen steckt oft Angriffsenergie mit drin. Wer sich über eine Ungerechtigkeit ärgert, traut sich plötzlich, dem Chef zu widersprechen. Lerner und Keltner (2001, Journal of Personality and Social Psychology 81(1), 146–159) fanden, dass Ärger risikofreudiger und optimistischer macht, Angst dagegen vorsichtiger. Auch „sich Mut antrinken“ und der „Mut der Verzweiflung“ gehen in diese Richtung.
Von mir: Wofür man Mut aufbringt. Das Ziel, das wichtiger ist als die Gefahr, kommt aus wechselnden Quellen: aus der Fürsorge, wenn jemand ein Kind aus dem Wasser holt, aus dem Gerechtigkeitssinn, wenn jemand dazwischengeht, oder aus dem Ehrgeiz, wenn jemand sich etwas Schwieriges vornimmt. Deshalb steht keine dieser Quellen als fester Elternteil im Stammbaum.
Von mir: Atmung. Vor dem Sprung atmet der Mutige tief ein, hält die Luft kurz und geht los. Das ist das Gegenteil der Angst, die den Atem flach macht und anhält.
Von mir: Abgrenzung. Der Mut tut es einmal, wenn es darauf ankommt. Das Rückgrat bleibt dabei, auch wenn es dauert. Der Held wird danach als Held gesehen, der Mut selbst macht noch kein Aufhebens.
Von mir: Beispiele. Das Kind, das zum ersten Mal vom Zehnmeterbrett springt. Der Ersthelfer, der am Unfallwagen die Tür aufreißt. Die Frau, die in der Besprechung die Frage stellt, die alle denken.

Held

  • Stammbaum: von Sieg · zu Gelassen
  • Beschreibung:

Gelassen

  • Stammbaum: von Held, Beschwichtiger · zu Egal, Weitfeld-Umblick, Bestätiger
  • Beschreibung:

Egal

  • Stammbaum: von Gelassen · zu –
  • Beschreibung:

Weitfeld-Umblick

  • Stammbaum: von Gelassen · zu –
  • Beschreibung:

Bestätiger

  • Stammbaum: von Gelassen · zu –
  • Beschreibung:

Empörung

  • Stammbaum: von Lästerer · zu –
  • Spruch: „Das geht gar nicht!“ „Wie kann man nur!“ „Unerhört!“ „Das muss man sich mal vorstellen!“
  • Hunger: Das eigene Recht und die Regel bestätigt zu sehen, öffentlich, vor anderen.
  • Trigger: Ein Regelverstoß, den andere sehen: das Vordrängeln, die laute Musik im Zug, der Hundehaufen auf dem Gehweg, die Nachricht über einen Skandal.
  • Gegendämon: Gelassen
  • Mimik: Zusammengezogene Brauen, offener Mund, Kopfschütteln.
  • Haltung: Brust vorgestreckt, der Blick sucht Zeugen, die Hände gehen zum Gegenstand der Empörung hin.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Die Empörung ist die Wut über einen Verstoß, der andere trifft oder die Regel selbst. Sie schaut zu und urteilt.
Von mir: Vom Lästerer. Der Lästerer redet schlecht über Abwesende, und die Empörung nimmt ihm die Rolle ab: Sie redet laut über das Verhalten, und die Zuhörer sollen zustimmen. Beide brauchen Publikum, die Empörung hat dazu das gute Gewissen. Sie fühlt sich im Recht, deshalb darf sie alles sagen.
Von mir: Wut und Empörung. Die Wut richtet sich auf den, der einem selbst etwas getan hat. Die Empörung richtet sich auf den, der gegen eine Regel verstoßen hat, auch wenn er einem nichts getan hat. Wer im Zug laut telefoniert, schadet dem Empörten kaum, und er ist trotzdem empört.
Von mir: Die Gemeinschaft. Empörung sucht die Zustimmung. „Das ist doch unmöglich, oder?“ ist eine Frage, die eine Antwort braucht. Wer sie bekommt, fühlt sich bestätigt, und die Gruppe hat sich dabei wieder ihrer Regeln versichert. Das ist ihr Nutzen: Die Empörung hält Regeln am Leben, die niemand durchsetzen kann, weil keiner zuständig ist.
Von mir: Körper. Die Wut steigt in Gesicht und Hals, die Atmung wird flach und schnell, die Stimme steigt. Dazu gehört der Ekel: Die Empörung verzieht den Mund und rümpft die Nase, als sei das Verhalten etwas Verdorbenes.
Von mir: Online. Im Internet bekommt die Empörung ihr Publikum rund um die Uhr. Ein Satz, ein Foto, ein Ausschnitt genügt, und tausende urteilen, ohne die Sache zu kennen. Die Empörung ist billig, weil sie nichts kostet, und lohnend, weil sie Zustimmung bringt.
Von mir: Ohne Zeugen. Die Empörung braucht ein Publikum, aber es kann gedacht sein. Wer allein im Auto sitzt und über den Fahrer vor sich schimpft, hat keinen Zuhörer. Er spricht zu dem Fahrer, der ihn nicht hört, oder zu einem Richter im Kopf, der ihm recht gibt. Der Unterschied zum Ärger: Der Ärger sagt „der hält mich auf“, die Empörung sagt „so fährt man nicht“. Wer die Regel in sich hat, ärgert sich nicht nur, er empört sich.
Von mir: Überlegenheit. Wer sich empört, stellt sich über den, der gegen die Regel verstoßen hat. „Ich würde das nie tun“ steckt in jedem „Wie kann man nur“. Darin liegt ein Gewinn: Man ist im Recht, man ist besser, und das fühlt sich gut an, auch wenn man sich dabei ärgert. Darum kann die Empörung mit Ärger und Unlust zusammengehen und trotzdem etwas Angenehmes haben.
Von mir: Wo es kippt. Die Empörung kann Unrecht sichtbar machen, das sonst keiner anspricht. Sie kippt, wenn sie zum Dauerzustand wird. Dann sucht sie nach Anlässen, wird zur Gewohnheit und zur Lust, und der Anlass wird austauschbar.

Perfektionist

  • Stammbaum: von – · zu Streber
  • Varianten: Misstrauischer
  • Woher der Perfektionist stammt, ist offen. Nicht zu verwechseln mit dem Fehlerfürchter.
  • Hunger: Vortrefflichkeit.
  • Beschreibung: Der Perfektionist ordnet Gegenstände rechtwinklig an, ohne Drang nach Anerkennung. Er stammt aus dem Streben nach Vortrefflichkeit, und das auch nicht wegen Geltung: Dadurch kann man Grenzen überschreiten und Neues schaffen. Er ist ein Teil des Strebers, nicht umgekehrt. Der Perfektionismus ist ihm nicht unangenehm. Schwierig wird es, weil andere nicht dieselben strengen Maßstäbe haben; darum schreibt er seine Maßstäbe auf, damit andere auf seinem Niveau arbeiten können.
Die Beatles nahmen für A Day in the Life (1967) ein Orchester von rund 40 Musikern auf, das vom tiefsten zum höchsten Ton aufstieg, jeder in seinem eigenen Tempo. Am Ende schlugen sie auf mehreren Klavieren gleichzeitig einen einzigen Akkord an und ließen ihn ausklingen, bis nichts mehr zu hören war. Niemand hatte das verlangt.
Die Psychologie unterscheidet zwei Arten (Joachim Stoeber und Kathleen Otto, 2006): das perfektionistische Streben, das mit Erfolg, Kreativität und Zufriedenheit einhergeht, und die perfektionistische Sorge, die Angst vor Fehlern und vor dem Urteil der anderen. Das erste ist der Perfektionist, das zweite der Fehlerfürchter.

Feierlich

  • Stammbaum: von Jubel, Triumph · zu –
  • Spruch: „Heute wird gefeiert!“ „Das muss gefeiert werden!“ „Auf das Wohl von …!“ „Prost!“
  • Hunger: Ein erreichtes Ziel oder einen besonderen Tag gemeinsam feiern und eine Pause von den Pflichten machen.
  • Trigger: Ein erreichtes Ziel oder ein Sieg, ein besonderes Datum oder Ereignis: Geburtstag, Hochzeit, Abschluss, Einweihung.
  • Mimik: Ein offenes, strahlendes Lächeln.
  • Haltung: Locker und ausgelassen, bei formalen Anlässen aufrecht und gemessen.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Der Feierliche feiert.
Ein erreichtes Ziel. Man feiert ein erreichtes Ziel, einen Sieg, und macht daraus eine Show. Das ist eine Form von Triumph.
Besondere Tage. Wobei ein besonderes Datum und Ereignis auch gefeiert wird: Geburtstag, Hochzeit.
Ausgelassen. Und man darf ausgelassen sein und albern. Es ist eine Pause von den üblichen Pflichten.
Von mir: Der formale Ernst. Das Feiern hat auch eine ernste Form: die Siegerehrung mit der Hymne, der Einzug des Brautpaares, die Überreichung eines Diploms. Das Hochgefühl ist dasselbe, aber es wird in Ordnung gefasst.
Von mir: Beispiele für die Pause. Der Karneval, in dem die üblichen Rollen und Regeln ruhen. Die Geburtstagsfeier mit Spielen. Silvester um Mitternacht. Die Feier nach einer bestandenen Prüfung.
Von mir: Wozu es da ist. Das Feiern hebt einen Moment aus dem Alltag heraus. Die Gruppe bestätigt sich dabei, und die Pause von den Pflichten macht Kraft für die nächsten frei.

Troll

  • Stammbaum: von Häme, Piesacker, Neid, Täuscher · zu –
  • Varianten: Unverschämter
  • Steckbrief-Entwurf auf GitLab.
  • Hunger: die Freude am Ärger der anderen.
  • Trigger: das Glück oder die Ruhe eines anderen, das einem das eigene Unglück zeigt.
  • Bannung: „Don't feed the troll“, füttere den Troll nicht (siehe Bannung).
  • Beschreibung: Was den Troll ausmacht, ist seine Methode. Statt in der Sache vorwärts zu kommen, bauscht er unwichtige Sachen auf, auf dass die anderen darauf einsteigen. Das englische Wort sagt es: „Trolling“ ist das Schleppangeln. Man zieht einen Köder hinter dem Boot her und wartet, bis einer anbeißt. Der Troll meint nicht, was er sagt; er tut ernst, fragt scheinbar unschuldig nach, spielt den Empörten. Judith Donath vom MIT hat das Trollen schon 1999 als Täuschungsspiel beschrieben, das von der vorgetäuschten Aufrichtigkeit lebt. Ohne Täuschung beißt keiner an.
Was ein Troll denkt. Die Journalistin Lindy West wurde jahrelang im Netz beschimpft. Ein Troll legte sogar ein Konto unter dem Namen ihres kurz zuvor gestorbenen Vaters an. Später meldete er sich bei ihr und entschuldigte sich, und 2015 sprach sie mit ihm in der Radiosendung This American Life. Er sagte, er wisse selbst nicht genau, warum er es getan habe: „I think my anger towards you stems from your happiness with your own being. It offended me because it served to highlight my unhappiness with my own self.“ („Ich glaube, meine Wut auf dich kommt daher, dass du mit dir selbst glücklich bist. Das hat mich gekränkt, weil es mir zeigte, wie unglücklich ich mit mir selbst bin.“) Er erzählte, wie sehr er sich für seinen Körper schämte, und dass selbstbewusste Frauen ihn verunsichert hatten.
Darin liegen zwei Schichten. Oben die Freude: Die Trolle selbst nennen ihren Lohn „lulz“, das Lachen über die Aufregung der anderen (Whitney Phillips, This Is Why We Can't Have Nice Things, 2015). Erin Buckels, Paul Trapnell und Delroy Paulhus fanden 2014 den Sadismus als stärksten Zug der Trolle, die Freude daran, dass ein anderer leidet („Trolls just want to have fun“). Darunter der Neid: Das Glück des anderen zeigt einem das eigene Unglück.
Ansteckung. Justin Cheng und Kollegen haben 2017 untersucht, ob gewöhnliche Menschen zu Trollen werden („Anyone Can Become a Troll“). Ein Teil der Versuchspersonen bekam schlechte Laune durch ein unlösbares Quiz, ein Teil sah am Anfang einer Diskussion schon Troll-Beiträge. Mit guter Laune und ohne Troll-Beiträge waren 35 Prozent der Beiträge trollig, mit schlechter Laune und Troll-Beiträgen 68 Prozent. In 16 Millionen Kommentaren auf CNN.com trollten die Leute am meisten spät nachts und montags. Die Gegenwart eines Dämons beschwört ihn in anderen herauf.
Der Unverschämte. Eine Variante des Trolls ist der Unverschämte, bei Theophrast Βδελυρία: „Impudence is easy to define; it is conduct that is obtrusively offensive.“ Er beleidigt anständige Frauen im Vorübergehen und klatscht im Theater, wenn alle aufgehört haben. Wenn es still ist, steht er auf und übergibt sich, damit sich alle nach ihm umdrehen. Dem, der gerade einen Prozess verloren hat, gratuliert er beim Verlassen des Gerichts. Anders als der Troll legt er keinen Köder, er ist offen laut. Neben dem Ärger der anderen steckt die Geltung dahinter: Wer laut ist, bekommt Aufmerksamkeit, auch wenn sie negativ ist. Das Netz belohnt es mit Likes und Reichweite (Brady u. a. 2021). Der berechnende Ragebait, das Jugendwort 2026, ist die kalte Taktik dazu, ohne den Dämon. Ob dahinter auch die Lust am Spektakel oder der Freiheitsbeweis steckt, ist offen.