Wesen 1: Raubtier – Wüterich: Unterschied zwischen den Versionen

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K (Verachtung: Beschreibung, Felder, Von mir mit Belegen und Beispielen)
K (Verachtung: Die Folgen, Was die Folgen bewirken)
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:'''Die Ehre schützen.''' Das Ganze hat also die Funktion, die Ehre gegen Missbrauch zu schützen. Zum Beispiel ist Vergeltung ein elementarer Teil von ehrenvollem Verhalten, im Guten und im Bösen. Deshalb wird der Schmarotzer mit Verachtung gestraft. Das hat die Funktion, dass sich Leute an die Regeln halten.
:'''Die Ehre schützen.''' Das Ganze hat also die Funktion, die Ehre gegen Missbrauch zu schützen. Zum Beispiel ist Vergeltung ein elementarer Teil von ehrenvollem Verhalten, im Guten und im Bösen. Deshalb wird der Schmarotzer mit Verachtung gestraft. Das hat die Funktion, dass sich Leute an die Regeln halten.
:'''Wer die Maßstäbe erfüllen soll.''' Allerdings ist das auch von der geltenden Sitte abhängig und davon, wer die Maßstäbe erfüllen soll. Kinder werden zum Beispiel nicht gleich mit Verachtung gestraft. Und Ritter erwarten Ehre nicht von Bauern. Ganovenehre gilt nur für die eigene Gruppe der Ganoven. Ein Dieb beklaut nicht seine Kumpel. Die Maßstäbe der elitären Gruppe gelten nur für die Gruppe. Bei Soldaten ist es eine Schande, wenn der Kamerad vor dem Feind flieht und seine Kameraden im Stich lässt. Wenn Zivilisten fliehen, trifft sie keine Verachtung.
:'''Wer die Maßstäbe erfüllen soll.''' Allerdings ist das auch von der geltenden Sitte abhängig und davon, wer die Maßstäbe erfüllen soll. Kinder werden zum Beispiel nicht gleich mit Verachtung gestraft. Und Ritter erwarten Ehre nicht von Bauern. Ganovenehre gilt nur für die eigene Gruppe der Ganoven. Ein Dieb beklaut nicht seine Kumpel. Die Maßstäbe der elitären Gruppe gelten nur für die Gruppe. Bei Soldaten ist es eine Schande, wenn der Kamerad vor dem Feind flieht und seine Kameraden im Stich lässt. Wenn Zivilisten fliehen, trifft sie keine Verachtung.
:'''Die Folgen.''' Verachtung hat ja auch Konsequenzen: Ausschluss aus der Gruppe, böse Blicke, Entzug von Vertrauen und Privilegien.
:Von mir: '''Der Kern.''' Verachtung sagt: Du bist minderwertig und meiner Achtung nicht würdig. Aristoteles schreibt in der ''Rhetorik'' (II 2): „You feel contempt for what you consider unimportant.“ Wer jemanden fürchte, verachte ihn nicht; man traut dem Verachteten weder Schaden noch Nutzen zu. Anders als der Zorn will die Verachtung den anderen nicht zurechtweisen, sie lehnt ihn ab.
:Von mir: '''Der Kern.''' Verachtung sagt: Du bist minderwertig und meiner Achtung nicht würdig. Aristoteles schreibt in der ''Rhetorik'' (II 2): „You feel contempt for what you consider unimportant.“ Wer jemanden fürchte, verachte ihn nicht; man traut dem Verachteten weder Schaden noch Nutzen zu. Anders als der Zorn will die Verachtung den anderen nicht zurechtweisen, sie lehnt ihn ab.
:Von mir: '''Beat them or ban them.''' Fischer und Roseman (2007, ''Beat them or ban them'') unterscheiden die beiden Gefühle nach ihrer Funktion: Zorn will den anderen angreifen, Verachtung will ihn aus der Gemeinschaft ausschließen. Verachtung straft also durch Entzug der Achtung. Ich kenne die Arbeit nur nach Titel und Zusammenfassung.
:Von mir: '''Beat them or ban them.''' Fischer und Roseman (2007, ''Beat them or ban them'') unterscheiden die beiden Gefühle nach ihrer Funktion: Zorn will den anderen angreifen, Verachtung will ihn aus der Gemeinschaft ausschließen. Verachtung straft also durch Entzug der Achtung. Ich kenne die Arbeit nur nach Titel und Zusammenfassung.
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:Von mir: '''Vergeltung und Ehre.''' Nisbett und Cohen (1996, ''Culture of Honor'') beschreiben Ehrenkulturen, etwa bei Hirten, in denen Vergeltung nötig ist, um nicht als schwach zu gelten und angreifbar zu werden. Das ist der böse Teil. Den guten Teil kenne ich nicht belegt; naheliegend ist der [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Dank|Dank]], das ist meine Folgerung.
:Von mir: '''Vergeltung und Ehre.''' Nisbett und Cohen (1996, ''Culture of Honor'') beschreiben Ehrenkulturen, etwa bei Hirten, in denen Vergeltung nötig ist, um nicht als schwach zu gelten und angreifbar zu werden. Das ist der böse Teil. Den guten Teil kenne ich nicht belegt; naheliegend ist der [[Wesen 2: Raubtier – Vampir#Dank|Dank]], das ist meine Folgerung.
:Von mir: '''Beispiele für die Grenzen der Maßstäbe.''' (1) Die russische Unterwelt hatte einen Kodex, die „Vorovskoy Zakon“ der „Diebe im Gesetz“. Eine Regel ist, Versprechen an Mitdiebe nicht zu brechen (History Extra; Wikipedia „Thief in law“). Diego Gambetta (''Codes of the Underworld'', 2009) beschreibt solche Kodizes als Antwort auf das Misstrauen unter Kriminellen. (2) Shils und Janowitz (1948, ''Cohesion and Disintegration in the Wehrmacht'') fanden, dass deutsche Soldaten vor allem für die Gruppe der unmittelbaren Kameraden weiterkämpften. Dort hängt die Ehre; dass der Kamerad, der flieht, Schande trifft, ist meine Folgerung. (3) Costa Concordia 2012: Kapitän Francesco Schettino verließ das Schiff, als noch Passagiere an Bord waren. Ein Offizier der Küstenwache rief ihm zu: „Vada a bordo, cazzo!“ Er wurde zu 16 Jahren Haft verurteilt, wegen fahrlässiger Tötung und Verlassens des Schiffs (Wikipedia „Francesco Schettino“). Die Passagiere, die sich retteten, hat niemand verachtet; der Maßstab gilt für den, dessen Rolle ihn verlangt. (4) Das Duell war ständisch. Genugtuung gab man nur dem Satisfaktionsfähigen, dem Standesgleichen (Ute Frevert, ''Ehrenmänner'', 1991).
:Von mir: '''Beispiele für die Grenzen der Maßstäbe.''' (1) Die russische Unterwelt hatte einen Kodex, die „Vorovskoy Zakon“ der „Diebe im Gesetz“. Eine Regel ist, Versprechen an Mitdiebe nicht zu brechen (History Extra; Wikipedia „Thief in law“). Diego Gambetta (''Codes of the Underworld'', 2009) beschreibt solche Kodizes als Antwort auf das Misstrauen unter Kriminellen. (2) Shils und Janowitz (1948, ''Cohesion and Disintegration in the Wehrmacht'') fanden, dass deutsche Soldaten vor allem für die Gruppe der unmittelbaren Kameraden weiterkämpften. Dort hängt die Ehre; dass der Kamerad, der flieht, Schande trifft, ist meine Folgerung. (3) Costa Concordia 2012: Kapitän Francesco Schettino verließ das Schiff, als noch Passagiere an Bord waren. Ein Offizier der Küstenwache rief ihm zu: „Vada a bordo, cazzo!“ Er wurde zu 16 Jahren Haft verurteilt, wegen fahrlässiger Tötung und Verlassens des Schiffs (Wikipedia „Francesco Schettino“). Die Passagiere, die sich retteten, hat niemand verachtet; der Maßstab gilt für den, dessen Rolle ihn verlangt. (4) Das Duell war ständisch. Genugtuung gab man nur dem Satisfaktionsfähigen, dem Standesgleichen (Ute Frevert, ''Ehrenmänner'', 1991).
:Von mir: '''Was die Folgen bewirken.''' (1) Ausschluss tut weh: Eisenberger, Lieberman und Williams (2003, Science) ließen Versuchspersonen in einem Ballspiel am Bildschirm ausschließen. Dabei war der vordere Gyrus cinguli (ACC) aktiver, der auch bei körperlichem Schmerz anspricht, und die Aktivität hing mit dem berichteten Leid zusammen. (2) Blicke: Wesselmann, Cardoso, Slater und Williams (2012, Psychological Science) fanden, dass es schon wehtut, wenn man „wie Luft“ angesehen wird, also der Blick durch einen hindurchgeht. Sie nehmen dafür den deutschen Ausdruck „wie Luft behandeln“ als Bild. Der böse Blick ist das Gegenstück: Er sagt dem anderen, dass man ihn bemerkt und ablehnt. (3) Die Wirkung auf die Regeln: Maier-Rigaud, Martinsson und Staffiero (2010) fanden in einem Spiel um ein Gemeinschaftsgut, dass die Möglichkeit, Mitspieler auszuschließen, die Beiträge erhöht. Das stützt, dass die Verachtung die Gruppe an die Regeln bindet. (4) Entzug von Privilegien: Bei der öffentlichen Degradierung von Alfred Dreyfus am 5. Januar 1895 in Paris wurden ihm die Abzeichen abgerissen und der Degen zerbrochen (Wikipedia „Dreyfus affair“). Das ist der Entzug des Rangs und der Ehre in einem Akt. Dreyfus war unschuldig, der Fall zeigt also auch, wie die Verachtung der Menge täuschen kann.
:Von mir: '''Die Ehe.''' John Gottman beobachtete über Jahrzehnte Paare. Nach dem Gottman Institute ist Verachtung (Augenrollen, Spott, Herabsetzung) das stärkste Anzeichen für eine Trennung. Das Institut ist die Quelle, nicht die Originalstudie.
:Von mir: '''Die Ehe.''' John Gottman beobachtete über Jahrzehnte Paare. Nach dem Gottman Institute ist Verachtung (Augenrollen, Spott, Herabsetzung) das stärkste Anzeichen für eine Trennung. Das Institut ist die Quelle, nicht die Originalstudie.
:Von mir: '''Die Mimik.''' Ekman und Friesen (1986) und Matsumoto (1992) fanden, dass der einseitig angehobene und angespannte Mundwinkel in den untersuchten Kulturen als Verachtung erkannt wurde. Andere Ausdrücke, etwa die gehobene Oberlippe, wurden weniger einig erkannt. Ich kenne die Arbeiten aus den Zusammenfassungen.
:Von mir: '''Die Mimik.''' Ekman und Friesen (1986) und Matsumoto (1992) fanden, dass der einseitig angehobene und angespannte Mundwinkel in den untersuchten Kulturen als Verachtung erkannt wurde. Andere Ausdrücke, etwa die gehobene Oberlippe, wurden weniger einig erkannt. Ich kenne die Arbeiten aus den Zusammenfassungen.

Version vom 27. Oktober 2026, 08:55 Uhr

Sammlung der Wesen, Raubtier und die Linie des Wüterichs (Werwolf).

Raubtier – Wüterich · Wesen 2: Raubtier – Vampir · Wesen 3: Beutetier · Wesen 4: Leib, Nest und Lust · Wesen 5: Noch ohne Ort

  • Die Wesen sind in starker Ausprägung beschrieben; die meisten sind in allen Menschen vorhanden oder abrufbar (siehe Grundlagen).

Raubtier

  • Stammbaum: von HOMO · zu Jagdtrieb, Wüterich, Vampir, Achtung, Geltung
  • Beschreibung:

Jagdtrieb

  • Stammbaum: von Raubtier · zu Stammesbruder, Amok, Rache, Krieger
  • Zum Stammesbruder bringt er die gemeinsame Jagd auf Minderheiten, zum Amok die Entschlossenheit, das kalte Zielen.
  • Hunger: Verfolgen, stellen und fangen. Nicht das Fressen, sondern die Beute.
  • Trigger: Etwas, das flieht oder sich schnell bewegt. Ein Ball, ein Radfahrer, ein Jogger, die Maus. Wer wegläuft, wird gejagt. Was still liegt, zieht ihn nicht.
  • Bannung: Die Beute ist gefangen, oder sie ist entkommen und nicht mehr zu sehen. Oder etwas Stärkeres ruft ihn ab.
  • Mimik: Der Blick ist starr auf die Beute gerichtet, ohne zu blinzeln. Der Mund ist geschlossen, das Gesicht ruhig. Der Jäger schweigt.
  • Haltung: Der Körper ist tief und angespannt, die Schritte sind leise. Er pirscht und wartet.
  • Beschreibung:
Auch ohne Hunger. Die satte Katze jagt trotzdem die Maus, und der Hund rennt dem Ball nach, ohne dass er Hunger hat. Das Fressen und das Jagen sind getrennte Triebe. In der Verhaltensforschung gilt der Beutefang als eigene Kette: Orten, Fixieren, Anschleichen, Hetzen, Packen, Töten.
Beim Menschen. Die Sprache verrät den Dämon: auf der Jagd nach dem Rekord, eine Fährte aufnehmen, Witterung aufnehmen, dranbleiben, Beute machen, jemanden zur Strecke bringen. Der Detektiv, der Schnäppchenjäger, der Kopfgeldjäger und der Karrierist, der ein Ziel hetzt, handeln aus demselben Antrieb.
Das gefährlichste Raubtier. In Sapiens steht, dass der Mensch, egal wohin er gekommen ist, innerhalb kurzer Zeit einen großen Teil der Tiere ausgerottet hat, vor allem die über 50 Kilo. Auf Inseln und auf Kontinenten. Der Mensch ist das gefährlichste Raubtier auf der Erde. Das Muster ist der Beweis. Wenn eine Art in einem Jahrtausend ausstirbt, die es vorher Millionen Jahre gab, dann ist das plötzlich.
Von mir: Harari belegt in seinen Anmerkungen (Referenzseite): Zur Zeit der kognitiven Revolution gab es etwa 200 Gattungen großer Landsäugetiere über 50 Kilo (Quelle: Barnosky u. a. 2004, Science 306). Als Beispiele nennt er Madagaskar, die Pazifikinseln (Polynesier, ab etwa 1500 v. Chr.), die Moas in Neuseeland und die Mammuts auf der Wrangelinsel. Ich kenne diese Belege nur als Quellenangaben, nicht im Volltext. Australien: Van der Kaars u. a. (2017, Nature Communications) schreiben, dass dort 85 % der großen Säugetierarten kurz nach 50.000 Jahren vor heute ausstarben, etwa zur Zeit der ersten Menschen. Ihr Bohrkern zeigt den Zusammenbruch zwischen 45.000 und 43.100 Jahren vor heute, innerhalb von 4.000 Jahren nach der Ankunft des Menschen (um 47.000). Sie folgern, das Klima sei als Hauptursache ausgeschlossen und der Mensch beteiligt. Als Megafauna gelten dort Tiere über 44 Kilo. Es gibt keine Fundplätze, an denen Megafauna in großer Zahl erlegt wurde. Die Autoren erklären das mit „imperceptible overkill“: Schon geringe Jagd, etwa ein Jungtier pro Person und Jahrzehnt, könnte eine Art in wenigen hundert Jahren auslöschen, weil große Tiere sich langsam vermehren. Weltweit: Sandom u. a. (2014, Proceedings of the Royal Society B) fanden, dass die Schwere des Aussterbens eng an die Verbreitung des Menschen gebunden ist und höchstens in Eurasien schwach an das Klima; ich kenne nur die Zusammenfassung. Gegenposition: Die Ursache ist in der Fachwelt nicht einhellig. Die Quellen von van der Kaars nennen Klima (Cooper u. a. 2015, Holarktis), Mensch und eine Mischung aus beidem (Metcalf u. a. 2016, Patagonien). Das Australian Museum nennt auf seiner Seite „environmental and ecological factors“ als wahrscheinliche Ursache. Den Satz „gefährlichstes Raubtier auf der Erde“ habe ich nicht belegt.
Von mir: Das Argument ausgearbeitet. Wo der Mensch neu auftaucht, sterben die großen Tiere aus, und zwar unabhängig vom jeweiligen Klima: in Australien vor rund 47.000 Jahren, auf den Pazifikinseln, auf Madagaskar, in Neuseeland. Wenn dieselbe Folge in so verschiedenen Klimaten eintritt, bleibt als gemeinsamer Faktor der Mensch. Das ist ein Beweis für den Menschen als Ursache. Für den Jagdtrieb als Triebkraft folgt daraus noch nichts. Der Jagdtrieb erklärt, warum der Mensch auch ohne Hunger jagt und die Beute nicht nur nach Bedarf nimmt. Das passt zu den Absätzen „Auch ohne Hunger“ und „Trophäen“. Einwände:
1. Der Befund braucht den Trieb nicht. Nach van der Kaars u. a. (2017) genügt geringe Jagd aus bloßem Nahrungsbedarf, weil große Tiere sich langsam vermehren. Der Jagdtrieb bleibt eine zusätzliche Annahme.
2. „Plötzlich“ gilt im Verhältnis zur Dauer der Arten. Größere Säugetierarten bestehen nach Prothero (2014) im Mittel etwa 2,3 bis 4,3 Millionen Jahre (nach der Zusammenfassung), nach Mace (1998) Säugetiere insgesamt 1 bis 2 Millionen. Ein Aussterben binnen Jahrtausenden ist dagegen sehr schnell. Als „Blitzkrieg“ innerhalb weniger Generationen gilt es nicht: Svenning u. a. (2024, Cambridge Prisms: Extinction) nennen die „Blitzkrieg“-Version für unzureichend, Rückgänge und Aussterben zogen sich über viele Jahrtausende hin. Dieselbe Übersicht sieht wenig Rückhalt für einen großen Einfluss des Klimas und starken, wachsenden Rückhalt für den Menschen als Hauptursache, mit Hinweisen auf einen Beginn schon bei Vorläufern des Homo sapiens.
3. „Überall, wohin er kam“ trifft Afrika schwächer. Dort entstand der Mensch, und es blieb mehr Megafauna übrig, nach Svenning u. a. gingen aber auch dort Arten verloren. Eine Erklärung ist, dass die Tiere mit den Hominiden mitentwickelt waren, Beleg dafür ist das nicht.
4. Ob Männer aus Prestige jagen, ist umstritten. Hawkes (1990, 1991) vertritt, dass Männer jagen, um Aufmerksamkeit und Partnerchancen zu gewinnen („show-off“). Smith (2004) nennt für viele Jäger- und Sammlergesellschaften Hinweise auf höheres Ansehen und mehr Nachkommen erfolgreicher Jäger. Wood (2006) testete das bei den Hadza und fand eher Versorgung als Prestige. Ich kenne nur Zusammenfassungen.
Mein Fazit: Das Muster belegt den Menschen als Ursache. Dass der Jagdtrieb dahintersteckt, ist plausibel, aber nicht belegt.
Sport. Bei Hunderennen jagen die dem Kaninchen nach. Viele Sportarten sind deshalb interessant, weil sie den Jagdtrieb befriedigen. Basketball. Fußball. Da wird das Tor gejagt. Und jagen im Rudel hat auch Tradition.
Belege. Der Zoologe Desmond Morris beschreibt Fußball als rituelle Jagd: Die Spieler sind die Jäger, der Ball ist die Waffe, das Tor ist die Beute (The Soccer Tribe, 1981). Beim Hunderennen ist das Kaninchen eine Attrappe, die Owen Patrick Smith erfand; die Bahnrennen begannen 1919 in Kalifornien. Ortega y Gasset schrieb: „Man jagt nicht, um zu töten. Man tötet, um gejagt zu haben.“
Kultur. In einer Dokumentation über Schwarze Löcher sagt ein mathematischer Physiker, der mit Hawking zusammengearbeitet und selbst Beiträge geleistet hat, er denke ständig über das Informationsparadoxon nach, selbst beim Zähneputzen. Das war ein Profi. Es ist nicht nur Neugierde. In derselben Dokumentation haben mehr als 200 Physiker jahrelang das erste Foto eines Schwarzen Lochs gejagt. Die Jagd selbst ist das Spannende.
Rudel. Der Regisseur Peter Galison wollte zeigen, wie sehr Wissenschaft Gemeinschaftsarbeit ist und nicht das Werk eines einzelnen Genies. Das ist die Jagd im Rudel: viele Teleskope auf allen Kontinenten, die gleichzeitig auf dieselbe Beute zielen.
Trophäen. Und übrigens gibt es dann auch Trophäen. Eine Trophäe war ursprünglich die Beute. Dann zumindest ein Teil davon. Später eine symbolische Ersatzbeute. Im Sport gibt es Pokale und Medaillen. Der Nobelpreis ist auch eine Trophäe. Oder die Fields-Medaille. Oder es gibt Preise. Und woanders den Oscar. Und im Beruf die Urkunde und den Titel.
Beispiele. Das Geweih an der Wand des Jägers. Der Pokal des Siegers. Das Foto neben dem erlegten Fisch. Das Wort kommt vom griechischen „tropaion“: Nach einer gewonnenen Schlacht stellten die Griechen am Ort der Wende, wo der Feind floh, einen Pfahl oder Baum mit seiner erbeuteten Rüstung auf. Die Trophäe zeigt, dass die Jagd gelungen ist, auch denen, die nicht dabei waren.
Wer flieht, wird gejagt. Kinder jagen dem nach, der wegläuft oder weint. Das Mobbing lebt von dem, der sich wehrt, aber nicht entkommen kann. Hier liegt die Verbindung zum Stammesbruder: Die Gruppe jagt gemeinsam das Opfer.
Die Jagd selbst. Seine Lust liegt nicht allein im Besitz der Beute, sondern bereits in der Jagd selbst: im Suchen, Anschleichen, Verfolgen, Überlisten und schließlich im Zugriff.
Der Weg zur Beute ist selbst eine Belohnung.
Nach dem Fang. Der Jagdtrieb ist nicht mit dem Hunger nach der Beute identisch.
Man kann etwas jagen, das man gar nicht besonders haben möchte.
Das erklärt beispielsweise, warum manche Menschen mit großer Leidenschaft Dinge suchen, sammeln oder ersteigern und nach dem Erwerb rasch das Interesse verlieren.
Die eigentliche Befriedigung lag im Jagen.
Der Jagdtrieb besteht auch nach der Erlangung der Beute fort und sucht das nächste Ziel.
Jagdtrieb und Krieger. Hier liegt eine wichtige Unterscheidung.
Der Krieger sucht den Kampf und die Bewährung an einem Gegner.
Der Jäger sucht die Beute und den erfolgreichen Zugriff.
Der Krieger kann einen starken Gegner bevorzugen, weil dessen Überwindung seinen Sieg wertvoll macht.
Der Jäger bevorzugt möglicherweise eine schwierige Beute, weil ihre Erlegung oder ihr Fang besondere Geschicklichkeit erfordert.
Aber er muss keinen ebenbürtigen Gegner haben. Die Beute kann schwächer sein und versuchen zu fliehen.
Der Krieger will siegen. Der Jäger will erbeuten.
Forschung und Fehlersuche. Ein Wissenschaftler kann von einem ungelösten Problem regelrecht besessen sein. Er verfolgt Hinweise, prüft Spuren und sucht nach einem verborgenen Zusammenhang.
Ein Techniker bei der Fehlersuche erlebt etwas Ähnliches: Jeder Messwert liefert einen neuen Hinweis. Eine falsche Vermutung führt auf eine andere Spur. Schließlich ist der Fehler gefunden.
Dabei kann der Augenblick des Entdeckens ein ausgesprochenes Hochgefühl auslösen.
Entgleisung. Der Jagdtrieb wird zum Stalker, wenn die Beute ein Mensch ist, der nicht fliehen darf. Er wird zur Rache, wenn er das Urteil vom Zorn bekommt, und zum Amok, wenn die Wut in seine Bahn gerät.

Wüterich

  • Steckbrief: Wüterich
  • Stammbaum: von Raubtier · zu Zorn, Choleriker, Schmach, Amok, Drohender, Krieger
  • Namen der Familie: Grimm, Beiß
  • Beschreibung: Die Wut packt einen. Die Vernunft wird ignoriert, und man tut extreme Dinge, die sonst gebannt sind: Gewalt ausüben oder verbal verletzen. Das entspricht dem Dämon. Er ist heftig und hat im Augenblick der Wut die ganze Macht, er lässt keine anderen Dämonen ans Steuer. Wut ist mehr Abwehr und spontane Reaktion.
Der Zaum. Manche haben gelernt, den Dämon im Zaum zu halten, weshalb sich die Wut nicht gleich in Gewalt entlädt. Andere sind ungebremst, weil sie keine Strafe fürchten oder bisher davongekommen sind. Der Zaum greift vor dem Ausbruch, denn im Augenblick der Wut hat nur der Dämon das Steuer. Entweder war ein anderer Dämon schneller (siehe Wer zuerst kommt), oder die Haltung ist so geübt, dass die Wut gar nicht erst in die Gewalt gerät.
Respekt. Das ist allgemeines Revierverhalten: Der Ranghöhere wird nicht angegriffen. Es sei denn, man will ihn ernsthaft vom Thron stoßen. Bei Menschen heißt das Respekt. Respekt heißt es auch, wenn man Unterlegene nicht angreift.
Wen die Wut trifft. Dann schlagen sie ihre Frau. Wäre die Wut wirklich blind, träfe sie auch den Chef. Meistens trifft sie den, der sich nicht wehren kann. Bei Gewalt in Beziehungen unterscheidet Michael Johnson (2008) die Gewalt aus der Eskalation eines Streits, situational couple violence, von der Gewalt als Teil eines allgemeinen Musters von Kontrolle, intimate terrorism. Bei der zweiten bricht nicht Wut aus, sondern Herrschaft, und die Wut dient als Kleid.
Was man damit tut. Natürlich heißt nicht erlaubt. Auch wenn die Wut natürlich ist, kommt es darauf an, was man damit tut. Wer sie an Frauen oder Wehrlosen auslässt, begeht eine Untat, und dass die Wut hier als natürlich beschrieben ist, rechtfertigt nichts. Wut kann auch Schwache gegen Angreifer schützen: Die Mutter, die sich zwischen ihr Kind und den Angreifer wirft, handelt aus Wut.

Zorn

  • Stammbaum: von Wüterich, Gerechtigkeitssinn · zu Verachtung, Ärger, Eifersucht, Rache, Hass
  • Beschreibung: Zorn ist Wut, die strafen will, und zwar aus Gerechtigkeit. Die Wut allein wehrt ab und entlädt sich spontan. Im Zorn kommt ein Urteil dazu: Mir ist Unrecht geschehen, du hast es getan, und du sollst dafür büßen. Darum richtet sich Zorn gegen einen bestimmten Menschen und lässt sich nicht an irgendwem auslassen. Schon Aristoteles bestimmt ihn so (Rhetorik II.2): das Streben nach sichtbarer Vergeltung für eine sichtbare Geringschätzung. Der Sprachgebrauch sagt dasselbe. Man spricht vom gerechten und heiligen Zorn, vom Zorn Gottes und vom Volkszorn, aber nicht von gerechter Wut.
Wut und Zorn. Die Wörterbücher unterscheiden beide nicht einheitlich, manche behandeln Wut als gesteigerten Zorn. Hier gilt die Unterscheidung, wie man die Wörter im Alltag gebraucht: Wut ist Abwehr, Zorn ist Wut mit Strafwunsch.
Der Dämon im Recht. Der Zorn hält sich fast immer für im Recht. Er trägt die Gerechtigkeit wie ein Kleid, und seine Ladung kommt vom Wüterich. Darum kann er auch irren, und auch der gerechte Zorn bleibt Zorn.
Was man damit tut. Zorn über echtes Unrecht kann berechtigt sein. Aber ein Urteil im Kopf macht niemanden zum Richter. Wer straft, weil er sich im Recht fühlt, ist trotzdem ein Rächer. Natürlich heißt nicht erlaubt.

Ärger

  • Stammbaum: von Zorn · zu Groll
  • Beschreibung:

Groll

  • Stammbaum: von Ärger · zu Amok, Verbittert
  • Varianten: Misstrauen
  • Trigger: eine wiederholte Demütigung durch jemanden, der Geltung und Autorität hat. Man muss ihn nicht mögen, aber er zählt. Unwichtige Leute erzeugen keinen Groll.
  • Hunger: eine Antwort von genau diesem Menschen: Anerkennung, Wiedergutmachung, eine Erwiderung. Von jemand anderem nützt sie nichts.
  • Bannung: aushungern, also die Szene nicht mehr durchspielen. Der Dämon wehrt sich genau dagegen, denn das Wiederholen ist seine Mahlzeit. Oder der Gegendämon kommt: die Dankbarkeit. Sie lässt sich nicht befehlen; man kann ihr nur den Boden bereiten, etwa indem man sich konkret erinnert, was man bekommen hat. Kommt sie, verdrängt sie den Groll (siehe Bannung).
  • Gegendämon: Dankbarkeit (siehe Dank). Beide sind Spiegelbilder. Beide leben von der Erinnerung an das, was ein anderer einem getan hat. Der Groll zählt, was man nicht bekommen hat, die Dankbarkeit zählt, was man bekommen hat. Darum können sie nicht zugleich herrschen: Wer dankbar an jemanden denkt, kann ihm in diesem Moment nicht grollen.
  • Beschreibung: Der Groll ist eine Besessenheit. Man weiß, dass er einem schadet, und legt ihn trotzdem nicht ab. Man müsste nur auf seinen Anspruch verzichten, aber das hat mit Vernunft nichts zu tun; die Vernunft erreicht ihn nicht. Er bindet den Gekränkten an den, der ihn gekränkt hat, denn nur dieser eine könnte ihn freisprechen. Darum kann der Groll sogar neben einer hohen Meinung von diesem Menschen bestehen.
Die Sprache weiß es: Man hegt einen Groll, wie man eine Pflanze hegt. Man gießt ihn jeden Tag.
Der Dämon wird gefüttert. Auch wenn der Groll toxisch ist und dem Menschen schadet, der Dämon hat etwas davon. Nachts geht man die Szene wieder durch, hält die Rede, die man nie halten wird, und malt sich aus, wie der andere endlich begreift. Jede Wiederholung ist eine Mahlzeit. Was dem Menschen schadet, nährt den Dämon. Dazu passt ein Versuch von Dominique de Quervain (Zürich, 2004): Wer einen Betrüger bestrafen darf, bei dem springt im Hirnscanner das Belohnungszentrum an. Abrechnung schmeckt.
Der Groll sucht sich Futter. Wenn der Groll erst einmal stark ist, wird das Ziel zuweilen gar nicht mehr entscheidend. Er reagiert auch auf andere Trigger, auf Unbeteiligte, auf Kleinigkeiten. Ein Mann wird jahrelang von seinem Chef gedemütigt und fährt dann den Kellner an, weil der Kaffee kalt ist. Der Kellner hat nichts getan; der kalte Kaffee hat nur die Tür geöffnet. Das zeigt wieder, dass der Groll ein selbstständig handelndes Wesen ist. Im Labor gemessen haben das Brad Bushman und Kollegen (2005, „Chewing on it can chew you up“): Die Versuchspersonen wurden gekränkt; ein Teil sollte danach über die Kränkung nachgrübeln, der andere wurde abgelenkt. Als dann ein ganz anderer Mensch einen kleinen Fehler machte, reagierten die Grübler auf diesen Unbeteiligten deutlich aggressiver. Das Wiederholen füttert den Groll, und der gefütterte Groll springt auf andere Trigger an.
Der Anlass in der Phantasie. Auch Tiere vergessen eine Kränkung nicht. Der Biologe John Marzluff hat in Seattle Krähen gefangen und dabei eine bestimmte Maske getragen. Jahre später beschimpften die Krähen jeden, der diese Maske trug, und auch junge Krähen, die nie gefangen worden waren, machten mit. Aber die Krähe braucht die Maske vor sich. Ohne den Anlass gibt es keinen Ausbruch. Der Mensch braucht die Maske nicht mehr. Er ruft den Anlass selbst herbei, nachts im Bett, ohne dass der andere da ist. Tiere reagieren auf den unmittelbaren Anlass, der Mensch hat den unmittelbaren Anlass in die Phantasie verlegt. Darum ist der Groll erst durch die Vergangenheit möglich, durch die innere Stimme, die ständig erzählt, wer man ist und in welchem Kontext. Siehe auch Grundlagen.
Zwei Bilder: Michael Kohlhaas wurde von einem Junker gedemütigt, von einem Mann mit Macht und Stand. Ein Bauer, der ihm die Pferde verdorben hätte, hätte ihn nicht über Jahre umgetrieben. Edmond Dantès im Grafen von Monte Christo (Dumas, 1844) sitzt vierzehn Jahre unschuldig im Kerker und baut danach sein ganzes Leben um die Abrechnung mit genau den Männern, die inzwischen Ansehen und Macht haben. Der Groll hat ihn reich und mächtig gemacht, aber nicht frei.
Erzeugt wird der Groll durch Demütigung von jemandem, der zählt. Aber wenn er einmal da ist, richtet er sich auch gegen Unbedeutende. Er ist ein Dämon und sucht sich selbst Gründe und Anlässe. Daraus wird das Misstrauen.

Amok

  • Stammbaum: von Wüterich, Groll, Gerechtigkeitssinn, Jagdtrieb, Triumph · zu –
  • Trigger: eine letzte Kränkung nach langer Kränkung: eine Zurückweisung, eine Kündigung, ein Scheitern.
  • Bannung: offen.
  • Entgleisung: Amok ist selbst eine Entgleisung: Wut, die in die Bahn der Jagd geraten ist.
  • Beschreibung:

Man sollte naiv glauben, dass es Wut ist. Aber Wut entlädt sich spontan. Der Hauptteil ist Wut, aber da kommt noch jahrelanger Groll hinzu wegen der Ungerechtigkeit. Außerdem ist Amok entschlossen zu verletzen, und das ist der unmittelbare Zustand bei der Tat, während Wut aggressiv ist, aber meist nicht angreift. Amok hat also neben der Wut noch weitere Eltern. Amokläufer haben ein Hochgefühl der Geltung und des Triumphs.

Heiße und kalte Aggression: Die Wut ist laut, spontan, sie droht und entlädt sich. Der kläffende Hund am Zaun beißt meistens nicht. Die Jagd ist leise, geplant und zielgerichtet. Die Katze, die einem Vogel nachschleicht, faucht nicht. John Flynn hat in den 1960er-Jahren an Katzen gezeigt, dass das zwei verschiedene Programme an verschiedenen Stellen im Gehirn sind: An der einen Stelle gereizt, machte die Katze einen Buckel, fauchte und schlug wild um sich. An einer anderen Stelle ganz in der Nähe schlich sie lautlos auf eine Ratte zu und biss gezielt zu.

Die fünf Eltern:

  • Wüterich: der Hauptteil, der Brennstoff.
  • Groll: die jahrelang gesammelte Kränkung. Der Groll hält die Wut am Glimmen, statt sie zu entladen.
  • Gerechtigkeitssinn: „Mir steht etwas zu, und es wurde mir genommen.“ Der Soziologe Michael Kimmel fand bei Amokläufern immer wieder dieses Gefühl des gekränkten Anspruchs.
  • Jagdtrieb: die Entschlossenheit, das Planen, das kalte Zielen.
  • Triumph: das Hochgefühl der Geltung, der große Auftritt. Wer sich jahrelang klein und übergangen fühlte, ist für einen Tag Herr über Leben und Tod. Die beiden Täter von Columbine haben vorher Videos aufgenommen, in denen sie sich ausmalten, wie berühmt sie werden. Der Kriminologe Adam Lankford fand, dass Täter, die ausdrücklich berühmt werden wollten, im Durchschnitt mehr Menschen getötet und verletzt haben. Auch der eigene Tod, der oft eingeplant ist, gehört zu diesem letzten Auftritt.

Kein plötzliches Ausrasten: Fast alle Täter haben ihre Tat über Wochen oder Monate geplant. Viele haben vorher Andeutungen gemacht, in Heften, in Chats, gegenüber Mitschülern. Die Polizei nennt das „Leaking“. Darin liegt die Möglichkeit, rechtzeitig einzugreifen.

Ansteckung: Viele Täter haben frühere Täter verehrt und nachgeahmt. Columbine 1999 wurde zum Vorbild für Dutzende. Darum fordern viele Fachleute, Namen und Gesichter der Täter in den Medien nicht zu zeigen.

Das Wort kommt aus dem Malaiischen, „amuk“. Europäische Reisende beschrieben im 17. und 18. Jahrhundert Männer auf Java und der Malaiischen Halbinsel, die nach einer schweren Kränkung oder einem Verlust mit dem Dolch losliefen und töteten, bis man sie selbst tötete.

Choleriker

  • Stammbaum: von Wüterich · zu –
  • Beschreibung:

Schmach

  • Stammbaum: von Wüterich · zu Scham, Verlegener, Zynisch
  • Beschreibung:

Scham

  • Stammbaum: von Schmach · zu Büßer
  • Trigger: ein Angriff von einem, gegen den man sich nicht wehren kann. Die Scham ist erlernt, durch Beschämung.
  • Beschreibung: Die Scham ist eine Reaktion auf einen Angriff. Ein Vater sagt zu seiner Tochter, die sich mit ihrem Freund trifft: „Du Schlampe.“ Das erzeugt Wut, Revierverteidigung. Aber gegen den mächtigen Vater kann sich die Wut nicht richten. Sie wird mit viel Mühe gebremst, und dann ist nicht einmal erlaubt, Gedanken gegen den Vater zu haben. Also richtet sie sich nach innen, und dort knallt sie ungebremst.
Die Haltung des Unterlegenen. Der Psychologe Paul Gilbert beschreibt die Scham als Unterwerfung: Kopf runter, Blick weg, sich klein machen. Das ist dieselbe Haltung, die ein Hund oder ein Affe zeigt, der einen Rangkampf verloren hat. Sie sagt dem Stärkeren: Ich greife nicht an, hör auf. Dacher Keltner hat gezeigt, dass das wirkt: Wer rot wird und den Blick senkt, wird von anderen milder behandelt.
Der Fehlschluss. Aus dieser körperlichen Reaktion wird dann auch noch konstruiert, was für eine Schuld die Tochter auf sich geladen hat. Die Niederlage und Wehrlosigkeit werden als Beweis genommen, dass sie im Unrecht ist. In Wahrheit beweisen sie nur ihre Unterlegenheit gegen die Übermacht von Vater und Tradition. Am Ende glaubt sie es selbst.
Scham und Gewissen. Die Scham braucht den Angreifer, das Gewissen nicht. Das schlechte Gewissen ist die nach innen gewendete Grausamkeit und stammt vom Vampir. Es beißt auch ohne Angriff.

Büßer

  • Steckbrief: Büßer
  • Stammbaum: von Scham · zu Fehlerfürchter, Pedant
  • Beschreibung: Der Büßer ist die dauerhafte Reaktion, die Scham, die nicht mehr weggeht. Der Angreifer muss gar nicht mehr da sein; der Büßer trägt ihn in sich und hält den Kopf ständig unten, für alle Fälle. Er trägt Schuld, die Sünde. Kopf nach unten, gebeugt. Im Steckbrief heißt es: „Er wurde zu oft geprügelt.“ Und: „Wer sich selbst schlägt, wird nicht mehr geschlagen.“ Er kommt dem Schläger zuvor.
Bei Tieren. Martin Seligman und Steven Maier gaben Hunden 1967 elektrische Schläge, denen sie nicht entkommen konnten. Danach kamen die Hunde in eine Box, aus der sie mit einem Sprung über eine niedrige Wand hätten fliehen können. Sie versuchten es nicht. Sie legten sich hin, winselten und ließen die Schläge über sich ergehen. Seligman nannte das „erlernte Hilflosigkeit“. Robert Sapolsky hat in Kenia jahrelang Paviane beobachtet: Die rangniedrigen Tiere gehen gebeugt, weichen jedem Blick aus und haben ständig erhöhte Stresshormone. Der Körper bleibt in der Haltung des Verlierers, auch wenn gerade niemand angreift.
Der Unterschied zur Scham. Bei der Scham schließt man aus der Niederlage auf eine Tat. Beim Büßer ist dieser Schluss fest geworden. Er kann an einer bestimmten Schuld tragen oder an einer unbestimmten. Bei der unbestimmten fühlt er sich schuldig, ohne zu wissen wofür; die Schuld hängt an keiner Tat mehr, sie ist einfach da. Er denkt: „Ich bin schlecht.“ Das ist das Urteil des Angreifers, das er übernommen hat. Im Film Jenseits von Eden (1955, nach John Steinbeck) spielt James Dean den Sohn Cal, der glaubt, er sei von Grund auf schlecht, und sein Bruder Aron sei gut.

Fehlerfürchter

  • Stammbaum: von Büßer · zu Formal
  • Nicht zu verwechseln mit dem Perfektionisten: zwei völlig unterschiedliche Motive und Stimmungen.
  • Hunger: die Strafe vermeiden, der Bloßstellung entgehen.
  • Trigger: ein Fehler, und der Blick der anderen darauf.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung: Der Fehlerfürchter kontrolliert jede Kleinigkeit aus Angst, damit es kein anderer tun kann. Es geht ihm nicht um das Werk, sondern um die Strafe. Im Steckbrief des Büßers heißt es: „Wer sich selbst schlägt, wird nicht mehr geschlagen.“ Wenn einem ein Fehler peinlich ist und man sich sofort entschuldigt, ist der Fehlerfürchter vorgetreten. Paul Hewitt und Gordon Flett haben diese Form 1991 beschrieben und „sozial vorgeschrieben“ genannt: der Glaube, dass die anderen Vollkommenheit verlangen und jeden Fehler bestrafen oder bloßstellen.
Als Erziehungsmittel. Das wird in unserer Kultur als Erziehungsmittel eingesetzt. Das ist grundfalsch: Es hemmt nur. Man muss Fehler machen, man muss Erfahrung haben. Dazu passt die Forschung: Nina Keith und Michael Frese haben 2008 viele Versuche zum „Fehlermanagement-Training“ ausgewertet, bei dem die Lernenden ausdrücklich ermutigt werden, Fehler zu machen. Sie konnten das Gelernte danach besser auf neue Aufgaben übertragen als Lernende, die man vor Fehlern bewahrt hatte. Amy Edmondson fand 1996 in Krankenhäusern, dass gerade die besten Stationen die meisten Fehler meldeten. Sie machten nicht mehr Fehler, sie trauten sich, sie zuzugeben.
Der ausführende Roboter. Wer für Fehler bestraft wird, hört auf, eigene Erfahrungen zu machen. Er wird passiv und lernt nicht mehr, wie er sollte, denn man kann nicht nur anwenden, was einem eingetrichtert wird. Eigene Erfahrung hält die Dämonen aktiv, sie ist die Spontanität, die sie brauchen. Ohne sie wird man zum ausführenden Roboter, und dabei gehen Lust und Seele verloren. Die Selbstbestimmungstheorie (Deci und Ryan) beschreibt dasselbe: Menschen brauchen Autonomie, das Erleben, Urheber des eigenen Handelns zu sein, dazu Kompetenz und Eingebundenheit, und kontrollierende Umgebungen schwächen die innere Motivation. Im Engagement Index 2025 von Gallup haben in Deutschland nur 10 Prozent der Beschäftigten eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber, und Gallup sieht in den Führungskräften den zentralen Hebel dafür. Der Kreis schließt sich: Wer gemeckert bekam, wird als Chef oder Elternteil leicht selbst zum Mecker.
Der Weg zur Regel. Man macht einen Fehler und wird beschämt. Das will man dann vermeiden und handelt streng nach Regeln. Wer nach Vorschrift handelt, kann nicht beschämt werden: „Ich habe nur meine Vorschrift befolgt.“ So wird aus dem Fehlerfürchter der Formal.

Verachtung

  • Steckbrief: Verachtung
  • Stammbaum: von Ekel, Zorn · zu Hohn, Zynisch, Arroganz, Spötter, Häme, Hass
  • Spruch: „Pfff.“ „Nicht der Rede wert.“ „Was für ein Versager.“ „Mit dem rede ich nicht.“
  • Hunger: Den anderen als unwürdig ablehnen und sich von ihm abgrenzen.
  • Trigger: Jemand verstößt gegen die eigenen sittlichen Maßstäbe: ein Schmarotzer, ein Feigling, jemand ohne Anstand und Haltung. Jemand erscheint schwach, dumm oder ungepflegt. Jemand behauptet etwas, das man für Unsinn hält. Man muss dabei selbst nichts wollen.
  • Bannung: offen.
  • Mimik: Ein Mundwinkel ist einseitig angespannt und leicht gehoben. Dazu der Blick von oben herab, die Augen verdrehen, die Nase gerümpft.
  • Haltung: Der Kopf ist zurückgelegt, der Körper abgewandt. Man schaut an dem anderen vorbei oder über ihn hinweg.
  • Beschreibung:
Der Unwürdige. Man will den anderen nicht herabsetzen. Man erkennt ihn als unter einem. Man sieht ihn als unwürdig und lehnt ihn ab. Vor allem auch, wenn er gegen die eigenen sittlichen Maßstäbe verstößt.
Die Ehre schützen. Das Ganze hat also die Funktion, die Ehre gegen Missbrauch zu schützen. Zum Beispiel ist Vergeltung ein elementarer Teil von ehrenvollem Verhalten, im Guten und im Bösen. Deshalb wird der Schmarotzer mit Verachtung gestraft. Das hat die Funktion, dass sich Leute an die Regeln halten.
Wer die Maßstäbe erfüllen soll. Allerdings ist das auch von der geltenden Sitte abhängig und davon, wer die Maßstäbe erfüllen soll. Kinder werden zum Beispiel nicht gleich mit Verachtung gestraft. Und Ritter erwarten Ehre nicht von Bauern. Ganovenehre gilt nur für die eigene Gruppe der Ganoven. Ein Dieb beklaut nicht seine Kumpel. Die Maßstäbe der elitären Gruppe gelten nur für die Gruppe. Bei Soldaten ist es eine Schande, wenn der Kamerad vor dem Feind flieht und seine Kameraden im Stich lässt. Wenn Zivilisten fliehen, trifft sie keine Verachtung.
Die Folgen. Verachtung hat ja auch Konsequenzen: Ausschluss aus der Gruppe, böse Blicke, Entzug von Vertrauen und Privilegien.
Von mir: Der Kern. Verachtung sagt: Du bist minderwertig und meiner Achtung nicht würdig. Aristoteles schreibt in der Rhetorik (II 2): „You feel contempt for what you consider unimportant.“ Wer jemanden fürchte, verachte ihn nicht; man traut dem Verachteten weder Schaden noch Nutzen zu. Anders als der Zorn will die Verachtung den anderen nicht zurechtweisen, sie lehnt ihn ab.
Von mir: Beat them or ban them. Fischer und Roseman (2007, Beat them or ban them) unterscheiden die beiden Gefühle nach ihrer Funktion: Zorn will den anderen angreifen, Verachtung will ihn aus der Gemeinschaft ausschließen. Verachtung straft also durch Entzug der Achtung. Ich kenne die Arbeit nur nach Titel und Zusammenfassung.
Von mir: Die Gemeinschaft. Rozin, Lowery, Imada und Haidt (1999, The CAD triad hypothesis) ordnen drei Gefühle drei moralischen Bereichen zu: Verachtung dem Verstoß gegen die Regeln der Gemeinschaft (Pflicht, Rang, Respekt), Zorn dem Verstoß gegen die Autonomie (Schaden, Rechte) und Ekel dem Verstoß gegen die Reinheit.
Von mir: Schmarotzer. Fehr und Gächter (2002, Altruistic punishment in humans, Nature) zeigten, dass Menschen Trittbrettfahrer bestrafen, auch wenn es sie selbst etwas kostet und ihnen nichts einbringt, und dass die Zusammenarbeit dadurch stabil bleibt. Das stützt die Funktion, die Regeln zu schützen. Dort wird aktiv bestraft; die Verachtung bestraft durch Entzug der Achtung, beides kommt vor.
Von mir: Vergeltung und Ehre. Nisbett und Cohen (1996, Culture of Honor) beschreiben Ehrenkulturen, etwa bei Hirten, in denen Vergeltung nötig ist, um nicht als schwach zu gelten und angreifbar zu werden. Das ist der böse Teil. Den guten Teil kenne ich nicht belegt; naheliegend ist der Dank, das ist meine Folgerung.
Von mir: Beispiele für die Grenzen der Maßstäbe. (1) Die russische Unterwelt hatte einen Kodex, die „Vorovskoy Zakon“ der „Diebe im Gesetz“. Eine Regel ist, Versprechen an Mitdiebe nicht zu brechen (History Extra; Wikipedia „Thief in law“). Diego Gambetta (Codes of the Underworld, 2009) beschreibt solche Kodizes als Antwort auf das Misstrauen unter Kriminellen. (2) Shils und Janowitz (1948, Cohesion and Disintegration in the Wehrmacht) fanden, dass deutsche Soldaten vor allem für die Gruppe der unmittelbaren Kameraden weiterkämpften. Dort hängt die Ehre; dass der Kamerad, der flieht, Schande trifft, ist meine Folgerung. (3) Costa Concordia 2012: Kapitän Francesco Schettino verließ das Schiff, als noch Passagiere an Bord waren. Ein Offizier der Küstenwache rief ihm zu: „Vada a bordo, cazzo!“ Er wurde zu 16 Jahren Haft verurteilt, wegen fahrlässiger Tötung und Verlassens des Schiffs (Wikipedia „Francesco Schettino“). Die Passagiere, die sich retteten, hat niemand verachtet; der Maßstab gilt für den, dessen Rolle ihn verlangt. (4) Das Duell war ständisch. Genugtuung gab man nur dem Satisfaktionsfähigen, dem Standesgleichen (Ute Frevert, Ehrenmänner, 1991).
Von mir: Was die Folgen bewirken. (1) Ausschluss tut weh: Eisenberger, Lieberman und Williams (2003, Science) ließen Versuchspersonen in einem Ballspiel am Bildschirm ausschließen. Dabei war der vordere Gyrus cinguli (ACC) aktiver, der auch bei körperlichem Schmerz anspricht, und die Aktivität hing mit dem berichteten Leid zusammen. (2) Blicke: Wesselmann, Cardoso, Slater und Williams (2012, Psychological Science) fanden, dass es schon wehtut, wenn man „wie Luft“ angesehen wird, also der Blick durch einen hindurchgeht. Sie nehmen dafür den deutschen Ausdruck „wie Luft behandeln“ als Bild. Der böse Blick ist das Gegenstück: Er sagt dem anderen, dass man ihn bemerkt und ablehnt. (3) Die Wirkung auf die Regeln: Maier-Rigaud, Martinsson und Staffiero (2010) fanden in einem Spiel um ein Gemeinschaftsgut, dass die Möglichkeit, Mitspieler auszuschließen, die Beiträge erhöht. Das stützt, dass die Verachtung die Gruppe an die Regeln bindet. (4) Entzug von Privilegien: Bei der öffentlichen Degradierung von Alfred Dreyfus am 5. Januar 1895 in Paris wurden ihm die Abzeichen abgerissen und der Degen zerbrochen (Wikipedia „Dreyfus affair“). Das ist der Entzug des Rangs und der Ehre in einem Akt. Dreyfus war unschuldig, der Fall zeigt also auch, wie die Verachtung der Menge täuschen kann.
Von mir: Die Ehe. John Gottman beobachtete über Jahrzehnte Paare. Nach dem Gottman Institute ist Verachtung (Augenrollen, Spott, Herabsetzung) das stärkste Anzeichen für eine Trennung. Das Institut ist die Quelle, nicht die Originalstudie.
Von mir: Die Mimik. Ekman und Friesen (1986) und Matsumoto (1992) fanden, dass der einseitig angehobene und angespannte Mundwinkel in den untersuchten Kulturen als Verachtung erkannt wurde. Andere Ausdrücke, etwa die gehobene Oberlippe, wurden weniger einig erkannt. Ich kenne die Arbeiten aus den Zusammenfassungen.

Hohn

  • Stammbaum: von Verachtung · zu –
  • Beschreibung:

Zynisch

  • Stammbaum: von Verachtung, Schmach · zu –
  • Beschreibung:

Arroganz

  • Stammbaum: von Verachtung, Geltung · zu –
  • Hunger: Sich über andere zu stellen, ohne ihren Beifall dafür zu brauchen.
  • Trigger: Eine Gelegenheit, die angebliche oder eingebildete Überlegenheit auszuleben. Er muss nichts wollen. Zuweilen ist die Überlegenheit echt. Vor Menschen mit höherem Status ist der Arrogante eher nicht arrogant. Status gibt es auf verschiedenen Gebieten: Geld, Macht, Fähigkeiten, Schönheit, alles, was Status und Rang verleiht.
  • Bannung: Bei anderen, indem man ihm die Gelegenheit nimmt: das Verhalten benennen („Du kannst mir widersprechen, aber du brauchst mich dabei nicht abzuwerten“), nicht auf den Wettbewerb einsteigen, Konsequenzen durchsetzen und die Herabsetzung nicht belohnen, durch Lachen oder Zustimmung. Dass er sich vor dem Chef anders verhält, zeigt, dass andere Dämonen ihn zügeln können, wenn ihm Folgen drohen (Zaum). Das ist kein Bann: Wenn er nach oben oder vor dem Stärkeren nicht arrogant ist, bleibt der Hunger. Das ist allgemein üblich: Der Wüterich greift auch keinen Sumo-Ringer an. Bei sich selbst: Von alleine kommt keine Einsicht. Nur durch Zwang: eine ordentliche Ansage von einer Autorität, andere nicht schlecht zu behandeln, und die üblichen Strafen, Ausschluss aus der Gruppe, Entzug von Vorteilen.
  • Beschreibung: Der Arrogante schaut auf andere herab und weiß ihre Vorzüge nicht zu schätzen, ihre Fähigkeiten, ihr Aussehen, ihre Stellung. Er hält sich für etwas Besonderes. Das kann auf Tatsachen beruhen, auf Schönheit oder Stellung, aber das ist irrelevant. Manche sind arrogant, die meisten nicht. Es gibt Chefs, die dem Handwerker einen Kaffee bringen. Mit der Stellung hat es also nicht primär zu tun, und es gibt auch Menschen, die ohne jede Rechtfertigung arrogant sind.
Bei Theophrast. Er heißt dort Ὑπερηφανία: „Pompousness is contempt for everybody save one’s self.“ Wer ein dringendes Anliegen hat, den bestellt er zu seinem Spaziergang nach dem Essen. Hat er einen Gefallen getan, erinnert er daran. Auf der Straße grüßt er niemanden und senkt die Augen. Vor einem Besuch schickt er einen Boten. In Briefen schreibt er nicht „Du würdest mir einen Gefallen tun“, sondern „Ich will, dass das getan wird“ und „Sofort!“
Nach oben duckt er sich. Der Arrogante tritt nach unten und duckt sich nach oben. Van Quaquebeke und Gerpott beschreiben Vorgesetzte, die den Chefs schmeicheln und die Mitarbeiter unter Druck setzen, aus Streben nach Status („Kiss up, kick down“).
Fünf Antriebe. Die Arroganz hat mehrere Antriebe, einzeln oder zusammen:
  • Rang: Sie will in der Rangordnung höher stehen.
  • Genuss: Das Gefühl, anderen überlegen zu sein, belohnt sie.
  • Macht: Sie will bestimmen, wer recht hat und wessen Meinung zählt.
  • Gewohnheit: Was Anerkennung, Aufmerksamkeit oder Unterordnung einbringt, setzt sich fest. Bleiben Folgen aus, ändert sich nichts.
  • Schutz: Sie wehrt Angriffe auf das Selbstbild ab, auch die Scham.
Sie setzt weder Unsicherheit noch Minderwertigkeitsgefühl voraus.
Zwei Arten Stolz. Tracy und Robins (2007) trennen den echten Stolz, der mit Leistung und Selbstachtung zusammenhängt, vom hubristischen, der mit Narzissmus verbunden ist, mit Aggression, Feindseligkeit und Beziehungskonflikten. Die Arroganz gehört zum zweiten.

Spötter

  • Stammbaum: von Verachtung, Kobold · zu –
  • Beschreibung:

Häme

  • Stammbaum: von Verachtung, Piesacker · zu Troll
  • Beschreibung:

Drohender

  • Stammbaum: von Wüterich · zu –
  • Beschreibung:

Krieger

  • Stammbaum: von Wüterich, Jagdtrieb, Perfektionist · zu Beschützer
  • Hunger: Der Kampf und die Herausforderung, Widerstände zu überwinden, in Etappen. Jede Etappe endet mit einem Sieg.
  • Trigger: Ein Angriff auf einen selbst oder auf die Seinen: Kinder, Nest, Revier. Der Konkurrent im Beruf, der Nebenbuhler.
  • Bannung: Der Gegner ist geschlagen, geflohen oder hat sich ergeben. Oder der Plan geht nicht mehr auf, dann Rückzug.
  • Mimik: Ernst, der Kiefer fest, der Blick unbeweglich auf das Ziel. Keine Wut im Gesicht, eher Kälte.
  • Haltung: Aufrecht, die Schultern zurück, das Kinn leicht gehoben, ein fester Stand, ruhige Bewegungen.
  • Beschreibung:
Der Krieg. Man führt tatsächlich einen Krieg bei einem Angriff. Gegen den Konkurrenten im Beruf. Gegen den Nebenbuhler. Das ist ein verbreiteter Typus.
Zwei Kriterien. Beim Krieger gibt es zwei Kriterien dafür, was ein Sieg ist. Beim Fußball foulen die, wenn keiner hinsieht. Beim Snooker korrigiert der Spieler den Schiedsrichter, wenn der den Ball wieder hinlegt. Zu seinem eigenen Nachteil. Dem einen geht es nur ums Gewinnen. Dem anderen um den verdienten Sieg. Dabei geht es um Ehre. Auch ohne Publikum.
Ehre. Der Unterschied ist Ehre. Und Ehre war ursprünglich der Ruf vor Publikum. Später auch ohne äußeres Publikum. Nur vor sich selbst. Er will beweisen, dass er besser ist. Das gibt Selbstbewusstsein und Hochgefühl. Beide sind dasselbe Wesen. Nur das Kriterium ist anders, was ein Sieg bedeutet. Geltung durch Sieg. Oder Geltung durch ehrliche Überlegenheit.
Wer bremst. Den einen bremst der Schiedsrichter von außen, den anderen die Ehre von innen. Die Ehre ist nach innen gewanderte Geltung: Er hat das Publikum verinnerlicht, so wie der Beschwichtiger der nach innen gewanderte Tröster ist.
Vom Wüterich unterschieden. Der Wüterich reagiert im Affekt und hat im Augenblick der Wut die ganze Macht. Der Krieger ist diszipliniert, geht mit Plan vor und ist effektiv. Er ist auf das Ziel fixiert.
Heiß und kalt. Die Psychologie unterscheidet reaktive und proaktive Aggression (Dodge und Coie 1987). Reaktiv ist die Antwort auf einen Reiz, heiß und schnell. Proaktiv ist Aggression als Mittel für ein Ziel, kalt und geplant. Der Wüterich ist die reaktive, der Krieger die proaktive.
Vorbereitung. Der Krieger kämpft nicht sofort. Er klärt zuerst, wer der Gegner ist, was er kann und wo er schwach ist. Im Beruf sammelt er Informationen über den Konkurrenten, bevor er etwas sagt. Er wartet auf den richtigen Moment, den der Wüterich nie abwartet.
Er holt, wen er braucht. Er setzt andere Dämonen für seine Zwecke ein. Der Krieger holt auch ihm fremde Dämonen als Werkzeug: den Moralist. Freundlichkeit als List. Oder zum Beispiel den Kobold als Waffe. Spott.
Beispiele. Der Moralist hält dem Gegner vor, was sich gehört, und setzt ihn vor den anderen ins Unrecht, ohne selbst die Hand zu heben. Die Freundlichkeit lächelt, lädt zum Kaffee ein und erfährt dabei, was später gebraucht wird. Das ist die Kriegslist, die alte Heere kannten, zum Beispiel das Trojanische Pferd. Der Spott des Kobolds trifft den Gegner an seiner schwachen Stelle, und die anderen lachen mit. Wer vor den anderen lächerlich gemacht wird, kämpft schlechter.
Wenn der Krieg gewonnen ist. Er ist verwirrt, wenn der Krieg gewonnen ist ohne weiteren Gegner, und sucht eine neue Herausforderung.
Die vierzehn Achttausender. Jede Spitze ist eine Etappe mit einem Sieg, dann kommt der nächste Berg. Reinhold Messner war am 16. Oktober 1986 der Erste auf allen vierzehn Achttausendern, ohne zusätzlichen Sauerstoff (Wikipedia, Global Summit Guide). Jerzy Kukuczka war 1987 der Zweite. Nirmal Purja stieg 2019 in 189 Tagen auf alle vierzehn, Kristin Harila und Tenjen Lama Sherpa 2023 in 92 Tagen (ExpedReview). Das ist kein Affekt, sondern Plan und Vorbereitung.
Achill, Hektor, Odysseus. Die Ilias beginnt mit dem Zorn des Achill, und er schleift Hektors Leiche. Hektor kämpft für seine Stadt, nachdem er sich von Frau und Kind verabschiedet hat. Auf Odysseus geht die List mit dem Trojanischen Pferd zurück. Achill ist der Wüterich, Hektor der Krieger mit dem Beschützer, Odysseus der Krieger mit der List.
Ali vor dem Kampf. Vor dem Kampf gegen Sonny Liston 1964 nannte Cassius Clay, der spätere Muhammad Ali, den Weltmeister einen „big ugly bear“ und rief beim Wiegen: „Someone is going to die at ringside tonight!“ Ein Arzt maß seinen Puls mit 120 Schlägen pro Minute. Das war Spott und Auftritt in einem (Wikipedia, Press Herald, Miami Herald).
Für wen er kämpft. Shils und Janowitz (1948) fanden bei der Wehrmacht, dass die Soldaten vor allem für ihre kleine Gruppe kämpften und nicht für Ideologie. Der Krieger kämpft selten für sich allein, sondern für die Seinen. Hier schließt der Beschützer an.
Was ihn antreibt. Der Krieger will nicht einfach nur gewinnen. Er will sich im Kampf bewähren.
Ein Sieg über einen schwachen Gegner befriedigt ihn weniger als ein schwer errungener Sieg über einen ebenbürtigen oder überlegenen Gegner.
Deshalb kann er seinen Gegner sogar bewundern. Dessen Stärke steigert den Wert des eigenen Sieges.
Er unterscheidet sich damit vom Groben, der seine Überlegenheit gern an Schwächeren demonstriert. Der Krieger sucht die Herausforderung, nicht notwendig ein wehrloses Opfer.
Sein Stolz gründet auf dem, was er geleistet und überwunden hat.
Seine Erlebniswelt. Wenn der Krieger erwacht, verändert sich die Welt.
Schwierigkeiten erscheinen ihm nicht mehr als lästige Hindernisse, sondern als Herausforderungen. Gefahr kann ihn beleben. Er empfindet Entschlossenheit, Kampfeslust und die Bereitschaft, Schmerzen und Entbehrungen hinzunehmen.
Seine Aufmerksamkeit richtet sich auf Gegner, Kräfteverhältnisse, Schwachstellen und Handlungsmöglichkeiten.
Er denkt weniger darüber nach, wie unangenehm eine Situation ist, sondern darüber, wie er sie bestehen kann.
Typische Gedanken, als sinngemäße Beispiele und nicht als belegte Zitate:
  • „Jetzt erst recht!“
  • „So leicht gebe ich nicht auf.“
  • „Der ist gut. An dem muss ich mich messen.“
  • „Das wird schwer. Umso besser.“
  • „Ich lasse mich nicht einschüchtern.“
  • „Ich will wissen, was ich kann.“
Krieger, Wüterich und Beschützer. Diese drei Typen können gemeinsam auftreten, haben aber unterschiedliche Motive.
Der Wüterich will angreifen, weil ihn etwas reizt oder verletzt.
Der Beschützer kämpft, weil jemand in Gefahr ist.
Der Krieger kämpft, weil er sich einer Herausforderung stellen und darin bewähren will.
Der Krieger muss deshalb nicht wütend sein. Er kann sogar ausgesprochen ruhig, konzentriert und beherrscht handeln.
Und der Beschützer kann den Krieger beschwören: Die Bedrohung eines geliebten Menschen wird dann zur Herausforderung, die er unbedingt bestehen will.
Ehre und Revier. Das Revier des Kriegers besteht nicht nur aus einem Gebiet, das er verteidigt. Es umfasst auch seine Stellung, seine Fähigkeiten und seine Selbstachtung.
Eine Niederlage kann er hinnehmen, wenn er ehrenhaft gekämpft hat. Eine Demütigung dagegen kann ihn schwer treffen.
Seine Ehre hängt daran, dass er sich als mutig, zuverlässig und kampffähig erlebt.
Dabei gibt es zwei unterschiedliche Entwicklungen:
Der selbstsichere Krieger kennt seine Stärke und muss sie nicht ständig vorführen.
Der unsichere Krieger fühlt sich dauernd herausgefordert. Jede Kritik wird zum Angriff auf seine Ehre, jede Meinungsverschiedenheit zum Machtkampf.
Dann droht der Krieger unter die Herrschaft von Geltung, Stolz oder Wut zu geraten.
Der Krieger im Frieden. Der Krieger braucht keinen Krieg.
Er kann sich im Sport, in schwierigen handwerklichen Aufgaben, in der Forschung, bei Expeditionen oder im Einsatz gegen Ungerechtigkeit entfalten.
Entscheidend ist, dass es etwas zu überwinden gibt.
Ein Wissenschaftler, der jahrelang an einem schwierigen Problem arbeitet, kann den Krieger ebenso erleben wie ein Bergsteiger vor einer gefährlichen Route.
Dabei kann sich der Krieger mit Neugier, Ehrgeiz, Schöpferkraft oder Gerechtigkeitssinn verbinden.
Seine Schattenseite. Der Krieger kann süchtig nach Auseinandersetzungen werden.
Dann sucht er Gegner, obwohl es keine Notwendigkeit zum Kampf gibt. Frieden erscheint ihm langweilig, Nachgeben als Schwäche und Zusammenarbeit als Unterwerfung.
Er kann Konflikte verschärfen, nur um seine Kräfte zu spüren.
Besonders gefährlich wird die Verbindung mit Geltung und Herrschsucht. Dann geht es nicht mehr um Bewährung, sondern darum, andere zu besiegen und zu beherrschen.
Der Gegner wird vom geschätzten Herausforderer zum Feind, der vernichtet werden soll.
Meisterschaft. Die höchste Entwicklung des Kriegers besteht nicht darin, jeden Kampf zu gewinnen, sondern selbst entscheiden zu können, welcher Kampf es wert ist, geführt zu werden.
Ein erfahrener Krieger muss nicht auf jede Provokation reagieren. Er kann eine Herausforderung ablehnen, ohne sich feige zu fühlen.
Er besitzt die Kraft zum Kampf, aber auch die Freiheit, sie nicht einzusetzen.
Der Krieger liebt nicht das Leiden. Er liebt die Bewährung, für die er Leiden in Kauf nimmt.
Entgleisung. Der Krieger ohne Gegner erfindet einen. Er sucht im Betrieb Streit, wo keiner ist, oder macht aus einem Kollegen einen Feind. Soldaten, die nach Hause kommen, finden den Frieden oft schwer.
Mit dem Beschützer. Er arbeitet mit dem Beschützer zusammen. Wo es um die Seinen geht, kämpft er auch gegen stärkere Feinde (siehe Beschützer).

Rache

  • Stammbaum: von Zorn, Jagdtrieb · zu –
  • Beschreibung: Rache ist vollführter Zorn. Der Zorn will strafen, die Rache straft. Dazu braucht es ein Motiv: ein Unrecht, das jemand getan hat, und der Wille, es zu vergelten. Rache ist deshalb nicht spontan wie die Wut. Sie kann Jahre warten, plant und trifft genau den, der es getan hat.
Der Graf von Monte Christo. Edmond Dantès wird verraten und verbringt vierzehn Jahre im Gefängnis. Als er herauskommt, zahlt er jedem seiner Verräter heim, was ihm angetan wurde, und das mit Geduld, Verkleidung und Geld. Das ist keine Wut. Die Wut hätte ihn im Kerker verzehrt. Der Roman hat die Rache zum Stoff, weil sie ein langer, kalter Weg ist.
Heiße und kalte Aggression. Hier zeigt sich der Unterschied, der bei Wüterich und Amok schon steht: Wut entlädt sich laut und sofort, Rache zielt leise. Der Zorn gibt ihr das Urteil, der Jagdtrieb die Ausdauer.
Danach. Zorn ist langwierig, und wer an die Umsetzung glaubt, bekommt daraus einen Sinn. Nach dem Vollzug ist der Sinn weg, und mancher weiß mit seinem Leben nichts mehr anzufangen. Die anderen Dämonen schweigen dann, so wie sie es all die Jahre gelernt haben (siehe Wenn der Dämon sein Ziel verliert).
Was man damit tut. Natürlich heißt nicht erlaubt. Auch die gerechteste Rache bleibt Selbstjustiz, und der Rächer wird selbst zum Täter. Auch Dumas lässt seinen Grafen am Ende zweifeln, ob er zu weit gegangen ist.

Hass

  • Stammbaum: von Zorn, Verachtung, Ekel, Angst · zu –
  • Spruch: „Solche Leute sind das Letzte.“ „Der hat nichts anderes verdient.“ „Ohne diese Menschen wäre die Welt besser.“ „Ich werde dem niemals verzeihen.“ „Es geschieht ihm recht.“
  • Hunger: Dass das verhasste Objekt verschwindet, bestraft, gedemütigt oder seiner Macht beraubt wird.
  • Trigger: Der Anblick der Person oder der Gruppe. Ihr Name, ihre Stimme, ihr Foto. Ihr Erfolg, den der Hassende als eigene Niederlage erlebt. Eine neue Kränkung oder die Erinnerung an die alte. Eine wirkliche oder eingebildete Bedrohung. Bei einer Gruppe: die Hetze der Demagogen, Nachrichten über einzelne Vorfälle, ihre Zeichen und Symbole.
  • Bannung: Bei sich selbst durch Bedenken. Sie hemmen das Handeln, aber das Wollen bleibt. Bei Gruppen senkt persönlicher Kontakt die Vorurteile (Pettigrew und Tropp 2006, 515 Studien). Ob das auch den Hass selbst bannt, ist offen. Siehe Bannung.
  • Mimik: Verachtung, Ekel, Ärger oder Zorn passen. Dazu kann eine Spur Angst kommen: die Brauen gehoben und zusammengezogen, die Augen weit, die Lippen gespannt. Beim kalten Hass kann das Gesicht ganz unbewegt sein.
  • Haltung: Bei heißem Hass ist der Körper angespannt, der Kiefer mahlt, die Fäuste sind geballt. Bei kaltem Hass ist er ruhig und beherrscht.
  • Beschreibung: Hass ist eine anhaltende, feindselige Haltung gegenüber einem Menschen oder einer Gruppe, deren Existenz, Eigenschaften oder Verhalten als unerträglich, bedrohlich oder verwerflich empfunden werden. Anders als Wut, die meist auf ein konkretes Ereignis reagiert, richtet sich Hass gegen die Person selbst.
Das Motiv. Der Hassende will nicht unbedingt etwas besitzen oder erreichen. Er will, dass das verhasste Objekt verschwindet, bestraft, gedemütigt oder seiner Macht beraubt wird. Dahinter können unterschiedliche Motive stehen:
  • Rache: Der andere soll für erlittenes Unrecht bezahlen.
  • Bedrohungsabwehr: Der andere wird als Gefahr für die eigene Person, Gruppe oder Lebensordnung betrachtet.
  • Neid und Kränkung: Der andere verkörpert etwas, das man selbst nicht besitzt oder das den eigenen Selbstwert verletzt.
  • Moralische Verurteilung: Der andere wird als grundsätzlich böse oder verwerflich angesehen.
  • Gruppenzugehörigkeit: Gemeinsamer Hass schafft Zusammenhalt und ein Gefühl der Überlegenheit.
Was der Hassende fühlt. Hass kann mit Zorn, Ekel, Verachtung und Abscheu verbunden sein. Er kann aber auch erstaunlich kalt sein. Der Hassende muss nicht ständig wütend sein. Er kann ruhig und überlegt handeln und trotzdem die Vernichtung seines Gegners wünschen. Besonders interessant: Hass kann Befriedigung erzeugen. Wenn dem Verhassten etwas Schlechtes widerfährt, empfindet der Hassende möglicherweise Freude, Genugtuung oder Erleichterung.
Was der Hassende sagt. Die Aussagen (siehe Spruch) zeigen eine wichtige Eigenschaft: Der Hassende betrachtet das Leiden des anderen nicht mehr unbedingt als etwas Schlechtes.
Hass, Wut und Verachtung.
Gefühl Innerer Kern
Wut Du hast etwas getan, das ich nicht akzeptiere.
Verachtung Du bist minderwertig und meiner Achtung nicht würdig.
Hass Du bist etwas, das ich nicht ertragen will.
Rachsucht Du sollst für das bezahlen, was du getan hast.
Warum Hass so lange anhält. Hass kann sich selbst stabilisieren. Der Hassende interpretiert neue Informationen über den Gegner bevorzugt negativ. Gute Handlungen werden als Heuchelei abgewertet, schlechte als Bestätigung seines Urteils betrachtet. Dadurch entsteht ein Kreislauf: Der Hass liefert die Begründung für sich selbst.
Der entscheidende psychologische Punkt. Hass benötigt nicht zwingend Angst, Minderwertigkeitsgefühle oder persönliche Verletzungen. Ein Mensch kann hassen, weil er gelernt hat, bestimmte Menschen als Feinde zu betrachten, weil er daraus soziale Anerkennung gewinnt oder weil ihm ihre Bestrafung Freude bereitet. Hass ist deshalb nicht immer eine unkontrollierte Emotion. Er kann auch eine bewusst gepflegte Haltung sein. Die gefährlichste Entwicklung beginnt dort, wo der Hassende das Leiden des anderen nicht nur hinnimmt, sondern als gerecht und wünschenswert betrachtet.
Hass auf eine Person. Man kann eine Person hassen. Ursache ist eine zugefügte Verletzung. Da ist gewiss die Bereitschaft, dieser Person Schaden zuzufügen, und die Phantasie darüber.
Wie Hass auf eine Person entsteht. Hass auf eine bestimmte Person hat eine Entstehungsgeschichte. Er entsteht nicht grundlos, auch wenn die Gründe auf Irrtümern beruhen können. Entscheidend ist, was der andere für den Hassenden bedeutet.
  • Verletzung: Die Person hat ihm etwas angetan, das er nicht verzeihen kann. Aus Wut wird dauerhafte Feindschaft.
  • Demütigung: Die Person hat seinen Selbstwert oder sein Ansehen beschädigt. Ihre bloße Anwesenheit erinnert ihn daran.
  • Neid: Die Person besitzt etwas, das er selbst begehrt. Ihr Erfolg wird als eigene Niederlage erlebt.
  • Verrat: Die Person hat Vertrauen zerstört. Gerade aus großer Zuneigung kann besonders intensiver Hass entstehen.
  • Bedrohung: Die Person gefährdet etwas, das ihm wichtig ist: seine Sicherheit, seine Stellung, seine Beziehungen oder seine Überzeugungen.
  • Moralische Empörung: Die Person hat etwas getan, das seinen grundlegenden Wertvorstellungen widerspricht. Dazu muss er nicht selbst betroffen sein.
Von der Handlung zum Menschen. Dabei gibt es einen wichtigen psychologischen Mechanismus: Am Anfang steht häufig die Ablehnung einer Handlung. Später wird daraus die Ablehnung des ganzen Menschen. Aus „Was du getan hast, ist unverzeihlich“ wird „Du bist unverzeihlich“. Und damit verändert sich etwas Grundlegendes: Selbst wenn die ursprüngliche Ursache verschwindet, kann der Hass bestehen bleiben. Der Hassende braucht dann nicht mehr jedes Mal einen neuen Grund. Die Person selbst ist zum Auslöser geworden. Das erklärt auch, weshalb sich Hass manchmal über Jahrzehnte hält, obwohl die Beteiligten längst keinen Kontakt mehr haben. Der Grund, aus dem Hass ursprünglich entsteht, ist nicht unbedingt derselbe Grund, aus dem er aufrechterhalten wird.
Das Wollen. Man will dem Schaden zufügen, den man hasst. Es kann aber durch Bedenken verhindert werden. Aber das Wollen ist da.
Hass auf eine Gruppe. Man kann auch eine Gruppe hassen. Das ist im Prinzip der feindliche Stamm, der einen bedroht und verteufelt wird. Das wird von Demagogen benutzt. Die Gruppe wird entmenschlicht und vogelfrei. Da sind dann auch unmenschliche Maßnahmen erlaubt. Die nationalsozialistische Propaganda behauptete über die Juden, sinngemäß: „Sie wollen die Weltherrschaft. Sie haben den Krieg aus Geldgier angezettelt. Sie verderben das Blut.“ Es gibt genügend Beispiele dafür, wie Demagogen eine Gruppe verteufeln, die man dann hassen kann.
Aus einer Verletzung wird Gruppenhass. Kriegsgefangene wurden auf offenen Wagen transportiert, an Bahnhöfen angespuckt und geschlagen. Ein Zeitzeuge berichtete außerdem, dass von Brücken Steine auf die offenen Wagen geworfen wurden. Wer das erlebt hat, hasst danach nicht nur die Täter, sondern das ganze Volk, dem sie angehören.
Der Feind für die Anhänger. Es geht nicht einmal darum, ob die Demagogen die andere Gruppe hassen. Das ist nicht immer der Fall. Sie brauchen eine Gruppe, die ihre Anhänger hassen können. Deshalb wird diese Gruppe als Bedrohung dargestellt, auch wenn sie keine ist. Illegale zum Beispiel begehen weniger Verbrechen.
Die Spur Angst. Ich glaube, da ist auch eine Spur Angst dabei, aus der erlebten Verletzung oder der eingebildeten Bedrohung. Demagogen stellen die fremde Gruppe auch immer als Gefahr oder Bedrohung dar.
Von mir: Die Sätze der Propaganda. Die Sätze über die Juden sind sinngemäß wiedergegeben und belegt: In Mein Kampf steht das „Streben nach der Weltherrschaft des jüdischen Volkes“ (S. 750f.); dort stehen auch „Blutvergiftung“ und „Blutschande“. Goebbels schrieb am 16. November 1941 unter dem Titel „Die Juden sind schuld!“, sie hätten diesen Krieg angezettelt und lenkten ihn (englische Übersetzung im German Propaganda Archive, Calvin University). Hitler sprach am 30. Januar 1939 im Reichstag vom „internationalen Finanzjudentum“ (United States Holocaust Memorial Museum, Yad Vashem). Das Wort „Geldgier“ habe ich in diesen Texten nicht gefunden; gemeint ist es in der Formel vom „Finanzjudentum“ und in der Rede von der „finanziellen Herrschaft“. Die „Protokolle der Weisen von Zion“, die dieselbe Weltverschwörung behaupten, sind eine Fälschung (United States Holocaust Memorial Museum). Die „Blutschande“ wurde 1935 in den Nürnberger Gesetzen zum Straftatbestand (Deutsches Historisches Museum).
Von mir: Weitere Beispiele aus der Geschichte. Die Stoffe wechseln, das Muster bleibt. (1) 1348/49, während der Pest, beschuldigte man die Juden, die Brunnen vergiftet zu haben. Am 14. Februar 1349 wurden in Straßburg etwa 2000 Juden öffentlich verbrannt (Jewish Currents, „The Plague and the Jews of Strasbourg“; Wikipedia „Strasbourg massacre“). (2) Am 27. Dezember 1929 kündigte Stalin die „Liquidierung der Kulaken als Klasse“ an. Der Begriff „Kulak“ war willkürlich und dehnbar; er traf auch Mittelbauern, Widerständige und Geistliche, Millionen wurden deportiert (Seventeen Moments in Soviet History, Michigan State University; Sciences Po, „Dekulakisation as mass violence“). (3) 1882 verbot der Chinese Exclusion Act als erstes US-Gesetz die Einwanderung wegen der Herkunft allein (PBS NewsHour). Die Workingmen's Party des Denis Kearney machte die chinesischen Arbeiter für die niedrigen Löhne verantwortlich. (4) In Ruanda nannten das Radio RTLM und die Zeitschrift Kangura die Tutsi „Inyenzi“, Kakerlaken; das UN-Tribunal für Ruanda verurteilte 2003 Verantwortliche beider Medien (Media-Fall, ICTR). (5) 1942 ordnete Präsident Roosevelt mit der Executive Order 9066 an, Japanischstämmige in den USA in Lager zu bringen. Die Untersuchungskommission des Kongresses nannte 1983 als Ursachen „race prejudice, war hysteria and a failure of political leadership“ (Densho). (6) Gegen die Rohingya in Myanmar sagten UN-Ermittler 2018, Facebook habe bei der Hetze eine Rolle gespielt (Reuters, 12. März 2018). (7) Für die Gefangenentransporte: Der Historiker Fabien Théofilakis dokumentiert, dass deutsche Kriegsgefangene in Frankreich bei Transporten angespuckt und geschlagen wurden (Deutsche Welle 2020).
Von mir: Der eine Feind. Dass Demagogen eine Gruppe als gemeinsamen Feind brauchen, schreibt Hitler selbst als Rat zur Taktik. Es gehöre zur „Kunst aller wahrhaft großen Volksführer“, die Aufmerksamkeit des Volkes „immer auf einen einzigen Gegner zu konzentrieren“, und zur „Genialität eines großen Führers, selbst auseinanderliegende Gegner immer als nur zu einer Kategorie gehörend erscheinen zu lassen“. Der Grund: Sähe die Masse viele Feinde, stelle sich „die Objektivität“ ein und mit ihr der „Zweifel am eigenen Rechte“ (Mein Kampf, Band 1, S. 129 der geprüften Ausgabe). Das belegt das Kalkül. Ob ein Demagoge selbst hasst, lässt sich aus Texten nicht feststellen. Hitler hasste nach allem, was er schrieb. Belegbar ist nur, dass der Hass als Mittel beschrieben und eingesetzt wird. Ein Satz, man müsse die Juden erfinden, wenn es sie nicht gäbe, wird Hitler oft zugeschrieben; ich habe keine Quelle dafür gefunden und nehme ihn deshalb nicht auf.
Von mir: Ein heutiges Beispiel: die USA. Donald Trump sagte im Dezember 2023, Einwanderer „poison the blood of our country“ (Reuters, 16. Dezember 2023); gefragt, ob er wisse, dass Hitler Ähnliches sagte, erklärte er laut NBC, er habe das nicht gewusst. Am 16. März 2024 sagte er in Ohio über Migranten, die Verbrechen begangen haben: „They're not people, in my opinion“ (New York Times). 2018 nannte er MS-13-Mitglieder „animals“ (Reuters; Politico). Die Politik: Im März 2025 schob die Regierung Venezolaner auf Grundlage des Alien Enemies Act in das Gefängnis CECOT in El Salvador ab. Der Supreme Court entschied am 7. April 2025 (Trump v. J.G.G.), dass die Betroffenen vorher benachrichtigt werden und Rechtsmittel einlegen können müssen. Zur Haft ohne Anhörung über eine Kaution: Neun Berufungsgerichte hielten das für rechtswidrig, das 5. Berufungsgericht entschied am 23. Oktober 2026 das Gegenteil (Reuters); der Supreme Court will die Frage klären (Washington Post, 1. Oktober 2026). „Ohne Verfahren“ stimmt also nicht ganz: Abschiebeverfahren laufen. Der Streit betrifft die Haft ohne Anhörung. Zu den Zahlen: Laut Bloomberg (9. April 2025) hatten etwa 90 % der nach CECOT Abgeschobenen keine Vorstrafe in den USA; laut Cato (23. Dezember 2025) hatten 16 % irgendeine Verurteilung. Laut TRAC haben etwa 70 % der ICE-Inhaftierten keine Verurteilung. „Keine Vorstrafe in den USA“ heißt nicht „keine Straftat“; bei 67 Venezolanern lagen laufende Verfahren vor (Connectas). Ob die Politik Hass ist oder Rechtsdurchsetzung, entscheidet kein Zitat; die Zahlen zeigen, dass die Darstellung der Gruppe als Gefahr und die Datenlage auseinanderfallen.
Von mir: Verbrechen und Herkunft. Zur Behauptung „Illegale begehen weniger Verbrechen“: Light, He und Robey (2020, PNAS) werteten Festnahmen aus Texas aus. Illegal Eingewanderte hatten deutlich niedrigere Festnahmeraten für schwere Straftaten als gebürtige US-Bürger und legal Eingewanderte. Ousey und Kubrin (2018) fassten 51 Studien zusammen: Zwischen Einwanderung und Kriminalität besteht im Durchschnitt ein leicht negativer, sehr schwacher Zusammenhang, mit Unterschieden zwischen den Studien. Einschränkung: Die Texas-Daten betreffen einen Bundesstaat und zählen Festnahmen, nicht Taten; die Meta-Analyse betrifft Einwanderer insgesamt. Gegenstudien habe ich nicht geprüft.
Von mir: Bedrohung und Hass. Riek, Mania und Gaertner (2006) fassten die Forschung zur wahrgenommenen Bedrohung durch Fremdgruppen zusammen, darunter Bedrohung der Sicherheit und der Werte sowie Angst im Kontakt. Der Zusammenhang mit negativen Einstellungen ist in dieser Forschung die Regel (aus dem Gedächtnis, Zahlen nicht geprüft). Die Beispiele oben zeigen die Gruppe jedes Mal als Bedrohung. Ob es nie anders ist, lässt sich mit Beispielen nicht beweisen.
Von mir: Was die Forschung zum Hass sagt. Aristoteles trennt in der Rhetorik (II 4) Zorn und Hass: Zorn richtet sich auf Einzelne, Hass auch auf Klassen von Menschen („der Dieb“, „der Denunziant“). Zorn wird durch Zeit geheilt, Hass nicht. Der Zornige will, dass der andere Schmerz empfindet; der Hassende will ihm Schaden zufügen und hätte ihn lieber nicht mehr da. Hass kann auch ohne eine zugefügte Kränkung entstehen. Fischer, Halperin, Canetti und Jasini (2018, Emotion Review) fassen die Forschung so zusammen: Hass beruht auf einer stabil negativen Einschätzung von Personen oder Gruppen, gilt mehr dem, was sie sind, als dem, was sie tun, und will das Ziel beseitigen. Er breitet sich besonders in Konflikten zwischen Gruppen aus und wirkt für die Hassenden beruhigend. Daraus folgt (meine Folgerung): Eine Gruppe lässt sich mit Hass gut binden, auch wenn ihr Verhalten ihn nicht rechtfertigt. Zeki und Romaya (2008) fanden bei 17 Versuchspersonen beim Betrachten eines gehassten Menschen Aktivität im Putamen, in der Insula und in Stirnhirnbereichen, einen „Hass-Schaltkreis“. Haslam (2006) unterscheidet zwei Formen der Entmenschlichung; sie erleichtert Gewalt, verursacht sie aber nicht allein. Dagegen wirkt Kontakt: Pettigrew und Tropp (2006) werteten 515 Studien mit 713 Stichproben aus, Kontakt zwischen Gruppen senkt Vorurteile.
Warum nicht der Vampir. Der Vampir ist nämlich eine Kraft, selbstgewiss und entschlossen ohne Zweifel. Der ist nicht laut. Während eine hassende Menge laut, aggressiv und wütend ist. Ich mache die Bedrohung, echt oder eingebildet, als elementaren Faktor aus. Das ist eine Reaktion. Wut ist eine Reaktion. Während der Vampir keine Reaktion ist, sondern Entschlossenheit pur.
Von mir: Die Zuordnung. Hass stand zuerst beim Vampir und hängt jetzt an Zorn, Verachtung, Ekel und Angst, den Gefühlen aus der Mimik. Aristoteles trennt Zorn und Hass (Zorn heilt mit der Zeit, Hass nicht), Hass ist also ein Abkömmling des Zorns, aber nicht Zorn. Der kalte, planende Hass, etwa des Demagogen, der den Feind kalkuliert einsetzt, ähnelt dem Vampir; ob er ein eigener Zweig ist, bleibt offen. Eine weitere offene Frage: Aristoteles meint, dem Hassenden sei das Leiden des anderen gleichgültig; Cikara und Fiske (2011) fanden bei verachteten und beneideten Fremdgruppen dagegen Freude am Unglück, auch körperlich messbar (Gesichtsmuskeln).

Grober

  • Stammbaum: von Wüterich, Gerechtigkeitssinn, Geltung · zu –
  • Hunger: die Geltung.
  • Trigger: ein Schwächerer, der ihm im Weg steht. Das reizt ihn, sich mit vulgärer Grobheit durchzusetzen.
  • Bannung: Bei anderen: Die Grobheit darf sich nicht lohnen. Nicht in seinen Kampf einsteigen und nicht zurückbeleidigen. Eine klare Grenze setzen, kurz und ruhig, und sie durchsetzen: das Gespräch beenden, die Zusammenarbeit unterbrechen, eine zuständige Stelle einschalten. Eine Grenze, die nie durchgesetzt wird, lernt er als bedeutungslos kennen. Was bei wem hilft: beim Unbeherrschten Abstand und Abkühlung, beim Selbstgerechten dieselben Regeln für alle, beim Manipulativen Dokumentation und Zeugen, beim Einschüchternden Geschlossenheit und Schutz der Betroffenen, beim Geltungssüchtigen keine Bühne und keine Unterordnung. Ihn selbst zu demütigen setzt nur den Kreislauf fort. Der Hebel liegt oft bei denen, die seine Grobheit dulden und belohnen. In Schulprogrammen gegen Mobbing sank das Mobbing um etwa 20 bis 23 %, vor allem mit konsequenten Maßnahmen (Ttofi und Farrington 2011). Bei sich selbst: Von alleine kommt kaum Einsicht, denn die Grobheit belohnt ihn und Belehrung kommt bei ihm nicht an. Nur durch Zwang: eine klare Ansage von einer Autorität, spürbare Folgen, Ausschluss aus der Gruppe, Entzug von Vorteilen. Ausnahme ist der Unbeherrschte, der sich hinterher schämen und seinen Ausbruch bereuen kann.
  • Beschreibung: Der Grobe ist ein Bully, der immer glaubt, im Recht zu sein, und gegen Belehrung unempfindlich ist. Er ist auch grob gegen andere. Der Typus ist weit verbreitet. Der Grobe ist oft nicht sehr einsichtig, die Forschung findet aber auch kluge Bullys, die ihre Fähigkeiten zur Manipulation einsetzen (Sutton u. a. 1999). Wer in anderen schneller Feindseligkeit sieht, hält seinen Gegenschlag für gerecht: Die Forschung nennt das feindselige Absichtsunterstellung, und sie hängt mit aggressivem Verhalten zusammen (de Castro u. a. 2002). Belehrung kommt bei ihm nicht an, denn ihm fehlt die Scham, die einen Fehler zum Fehler macht. Er ist der Gegenpol zum Fehlerfürchter.
Bei Theophrast. Er heißt dort Ἀπόνοια: „Roughness is coarse conduct, whether in word or act.“ Er schwört leichtfertig, ist unempfindlich gegen Beleidigung und teilt sie gern aus, „a sort of town bully, obscene in manner, ready for anything and everything“. Er führt eine Rotte von Nichtstuern, leiht ihnen Geld auf Zinsen und holt sich bei Bäckern und Fischhändlern seinen Tribut. Er ist ständig vor Gericht und sitzt öfter im Gefängnis als zu Hause.
Die Demütigung darunter. Das Motiv des Groben ist der Wille zur Geltung. Ursprünglich kommt er wohl aus Demütigung. Aktuell fühlt er sie nicht mehr, die Grobheit hat sich als Verhalten durchgesetzt. Sie kommt plötzlich hervor, wenn ihm ein Stärkerer begegnet, gegen den seine Methode nicht ankommt. Das ist wieder die Methode, die wahren Motive zu erkennen: Der Dämon zeigt sich heftig, wenn er auf Widerstand trifft oder sein Revier betreten wird, und dann wird der Grobe wütend. Gilligan hält Scham für die tödlichste Emotion und sieht Gewalt aus einem Kreislauf von Scham und Selbsthass entstehen. Nach Baumeister, Smart und Boden (1996) hängt Gewalt nicht mit hohem Selbstwert zusammen, sondern mit einem aufgeblasenen, bestätigungsbedürftigen Selbstbild, das leicht gekränkt ist.
Fünf Arten. Der Grobe ist nicht immer derselbe. Man unterscheidet, was seine Grobheit bewirken soll:
  • Der Unbeherrschte will Ärger entladen. Er schimpft im Moment der Erregung, bereut es hinterher vielleicht und tut es beim nächsten Anlass wieder.
  • Der Selbstgerechte will seinen Anspruch durchsetzen, weil er im Recht zu sein glaubt. Ein Kollege macht einen Fehler. Er darf den Fehler feststellen, meint aber, ihn auch vor anderen abkanzeln zu dürfen.
  • Der Manipulative setzt die Grobheit als Machtmittel ein. Er dosiert sie, weiß, wen er angreifen kann, und tut danach, als sei nichts geschehen.
  • Der Einschüchternde will Widerstand verhindern, bevor er entsteht. Oft genügt seine Reputation.
  • Der Geltungssüchtige will Überlegenheit demonstrieren. Ihm genügt es, einen anderen zurechtzuweisen oder bloßzustellen.
Die Arten schließen einander nicht aus.

Verlegener

  • Stammbaum: von Schmach · zu –
  • Beschreibung:

Formal

  • Stammbaum: von Fehlerfürchter · zu Zwerg/Gelehrter, Prediger, Paragraph
  • Entgleisung: der Passierschein A38. Die Vorschrift wird zum Selbstzweck, man wird von Schalter zu Schalter geschickt, und die Sache, um die es ging, ist vergessen.
  • Trigger: eine Abweichung von der Regel, ein falsch ausgefülltes Formular, ein Fall, für den es keine Vorschrift gibt.
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung:

Ein Bürokrat oder Jurist, aber auch wie ein Streber. Schlaubi Schlumpf mit Brille und Zeigefinger: „Papa Schlumpf hat aber gesagt …“

Hunger: im Recht sein, durch die Regel, nicht durch die Sache. Wer sich genau an die Vorschrift hält, dem kann niemand etwas vorwerfen.

Herkunft: vom Büßer. Der Büßer trägt die Schuld. Der Formal hat eine Lösung gefunden: Ich halte jede Regel ein, also bin ich nie schuld. Ein Büßer, der sich hinter Paragraphen verschanzt hat.

Kennzeichen:

  • Der Beamte hinter dem Schalter: „Da könnte ja jeder kommen.“ Das Formular ist falsch ausgefüllt, also kein Stempel, egal worum es geht.
  • Der Passierschein A38 bei Asterix: Asterix und Obelix werden im Amtsgebäude von Schalter zu Schalter geschickt, und jeder verlangt einen anderen Schein.
  • Freispruch wegen eines Formfehlers. Die Form siegt über die Sache.

Formal und Streber: Der Streber will der Beste sein, die Eins, das Lob vom Lehrer. Der Formal will nicht der Beste sein, sondern korrekt. Schlaubi ist beides.

Übergang zum Zwerg: „Papa Schlumpf hat gesagt“ ist dasselbe wie „Wie schon Einstein zeigte“. Der Formal beruft sich auf die Regel, der Zwerg auf das Zitat. Nicht ich urteile, die Autorität urteilt.

Kinder: Paragraph (der Jurist), Prediger (die Moral als Vorschrift), über ihn der Pädagoge (die Regel für Kinder), und der Zwerg.

Prediger

  • Stammbaum: von Formal · zu Moralist, Pädagoge
  • Hunger: Dass die anderen ihr Verhalten ändern. Im Recht sein durch die Regel, die er verkündet.
  • Trigger: Eine Zuhörerschaft. Ein Anlass, an den sich die Regel anknüpfen lässt, wie ein Fest, ein Unglück oder ein Verstoß.
  • Bannung: offen.
  • Mimik: Ernst und milde zugleich, der Kopf leicht geneigt, der Blick geht über die Köpfe hinweg.
  • Haltung: Erhöht, auf der Kanzel oder dem Podium. Die Hände sind gefaltet oder die Arme ausgebreitet, ein Finger ist erhoben.
  • Beschreibung:
Herkunft. Der Formal hält jede Regel ein, damit er nie schuld ist. Der Prediger geht einen Schritt weiter: Er will, dass alle sie einhalten. Die Regel gilt nicht mehr nur für ihn.
Von oben. Der Prediger spricht zu allen und über allen. Die Kanzel ist die Haltung selbst, sie ist erhöht. Das Wort „von oben herab“ ist wörtlich gemeint.
Dem Dozent ähnlich. Vielleicht ist ihr Verhalten auch nur zufällig ähnlich. Das Motiv ist ganz anders. Der Dozent will, dass der andere etwas weiß, weil ihn das Thema packt. Der Prediger will, dass die anderen ihr Verhalten ändern.
Sprüche.
  • Man sollte …
  • Jeder sollte …
  • Früher gab es das nicht.
  • Wer A sagt, muss auch B sagen.
Vom Moralisten unterschieden. Der Prediger spricht zur Gruppe über die Regel, der Moralist zielt auf einen einzelnen Menschen und urteilt über ihn. Der Pädagoge richtet die Regel an Kinder.
Wasser predigen und Wein trinken. Das Sprichwort sagt, was bei ihm schiefgeht: Er verlangt von anderen, was er selbst nicht tut. Hier liegt die Verbindung zum Heuchler (noch ohne Ort).

Pädagoge

  • Stammbaum: von Prediger · zu –
  • Hunger: Dass das Kind wird, wie es sein soll.
  • Trigger: Ein Kind macht einen Fehler oder tut etwas, das sich nicht gehört. Auch ein Erwachsener, den man wie ein Kind sieht.
  • Bannung: Das Kind gehorcht. Oder es wird älter und wehrt sich: Trotz, Pubertät, Auszug.
  • Mimik: Die Augenbrauen sind hoch, der Kopf leicht geneigt, der Blick prüfend, oft über die Brille.
  • Haltung: Die Hand an der Hüfte, der Oberkörper vorgebeugt, der Zeigefinger erhoben. Oder in die Hocke gegangen auf Augenhöhe des Kindes.
  • Beschreibung:
Herkunft. Der Prediger spricht zu allen. Der Pädagoge richtet dieselbe Regel an Kinder, und das hat Folgen: Das Kind kann sich nicht entziehen. Der Pädagoge hat die Macht, es zu belehren, zu loben und zu strafen.
Sprüche.
  • Wie sagt man?
  • Sag danke!
  • Das lernst du noch.
  • Wenn du groß bist, verstehst du das.
  • Ich sage das nur zu deinem Besten.
  • Ich zähle bis drei.
Vom Beschützer unterschieden. Der Beschützer will das Kind vor Gefahr bewahren. Der Pädagoge will sein Verhalten formen. Beim Beschützer steht die Überbehütung (alles vorkauen und vorschreiben). Beim Pädagogen entspricht dem die Bevormundung.
Entgleisung. Der Pädagoge behandelt Erwachsene wie Kinder. Der Kollege erklärt dem anderen, „wie man das macht“, und der Partner wird erzogen. Wer so behandelt wird, empfindet es als herablassend.

Paragraph

  • Steckbrief: Paragraph
  • Stammbaum: von Formal · zu –
  • Beschreibung:

Gerechtigkeitssinn

  • Stammbaum: von – · zu Zorn, Amok
  • Verwandt: Rache, Groll, Neid, Moralist.
  • Entgleisung: der Verfolger und Rechthaber. Im Extrem der gekränkte Anspruch des Amokläufers.
  • Trigger: „Der andere hat mehr bekommen.“ Zwei Kapuzineraffen bekommen für dieselbe Aufgabe ein Stück Gurke und sind zufrieden. Dann bekommt einer eine Weintraube. Der andere, der weiter Gurke bekommt, wirft sie dem Forscher ins Gesicht und rüttelt am Gitter (Brosnan und de Waal, 2003).
  • Bannung: offen.
  • Beschreibung:

„Mir steht etwas zu.“ Die Welt hat ihm nicht gegeben oder weggenommen, was ihm zusteht. Andere dagegen haben es bekommen. Das ist ungerecht. In der Folge Hass, Wut, Rache, auch wegen der Demütigung.

Michael Kohlhaas (Kleist, nach einem wirklichen Fall aus dem 16. Jahrhundert): Einem Pferdehändler werden zwei Pferde unrechtmäßig abgenommen und zuschanden geritten. Er will nur sein Recht. Am Ende hat er Wittenberg angezündet und wird hingerichtet. Kleist nennt ihn im ersten Satz „einen der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“. Kohlhaas bekommt seine Pferde am Ende zurück, wohlgenährt, und es nützt nichts mehr.

Der gekränkte Anspruch: Der Soziologe Michael Kimmel hat Amokläufer untersucht und fand immer wieder dasselbe Gefühl: Mir stand etwas zu, eine Frau, eine Stelle, Achtung, und die Welt hat es mir verweigert. Andere haben es bekommen, die es weniger verdient haben. Er nennt das „aggrieved entitlement“. Die Kette: Gerechtigkeitssinn → Kränkung und Demütigung → Groll → Hass, Wut, Rache.

In der Politik: Trump spielt auf diesem Klavier bei seinen Anhängern. Im März 2023 sagte er: „Für die, denen Unrecht getan und die verraten wurden: Ich bin eure Vergeltung.“ Die Politikwissenschaftlerin Katherine Cramer fand auf dem Land in Wisconsin das Gefühl, die Städte bekämen Geld, Aufmerksamkeit und Respekt, und man selbst werde übergangen, und nannte ihr Buch „The Politics of Resentment“. Auf demselben Klavier spielt auch, wer gegen „das eine Prozent“ wettert, das sich alles nimmt. Das Gefühl ist dasselbe, verschieden ist nur, wem die Schuld gegeben wird.

Im Recht: Darum kann dieser Dämon so entfesselt handeln: Er ist im Recht. Scham, Mitleid und Hemmung sind die Gegenspieler der Grausamkeit, aber sie wirken nur, solange der Täter weiß, dass er Unrecht tut. Fühlt er sich im Recht, haben sie keinen Ansatzpunkt. Das gute Gewissen ist der Passierschein. Der Anthropologe Alan Fiske und der Psychologe Tage Rai haben 2014 das Buch Virtuous Violence veröffentlicht, „Tugendhafte Gewalt“. Ihr Befund: Der größte Teil der Gewalt wird nicht gegen die eigene Moral verübt, sondern aus ihr heraus, als Blutrache, Ehrenmord, Strafe, Krieg und Lynchjustiz. Die Täter sind überzeugt, das Richtige zu tun. Roy Baumeister kam schon 1997 in Evil zum selben Schluss: Wer Böses tut, hält sich fast nie für böse, sondern meist für das Opfer oder für den Rächer.

Beim Lynchmord an Jesse Washington in Waco 1916 wirkten drei Dämonen zusammen: Der Gerechtigkeitssinn gab das Recht, der Stammesbruder die Meute und die Häme die Freude. Keiner allein hätte das gekonnt. Auf den Postkarten hält sich keiner der lachenden Menschen für einen Unmenschen (siehe Bannung).