Wesen 5: Noch ohne Ort: Unterschied zwischen den Versionen
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* Beschreibung: Dem Flegel fehlt die Form. Umgangsformen sind anerzogen, oder es gibt eine Veranlagung, sie sich selbst anzueignen. Er hat sie nie gelernt. Das Fehlen ist kein Motiv, aber der Typus ist verbreitet. Dazu muss etwas da sein, das sich gegen Belehrung wehrt und abschottet. | |||
:'''Bei Theophrast.''' Er heißt dort Ἀγροικία: „Boorishness is ignorance of good form.“ Der Bauer in der Stadt trinkt starken Wein und geht dann in die Volksversammlung, spricht laut und trägt Stiefel, die zu groß sind. Er staunt über einen Ochsen oder eine Ziege, nascht aus der Speisekammer und trinkt den Wein unverdünnt. In der Stadt fragt er jeden Vorübergehenden nach dem Preis für Häute und Speck und singt im Bad. | |||
:'''Der Blick von oben.''' Wer die Form gelernt hat, trägt sie als Gespenst bei sich. Die Mutter hat einem beigebracht, beim Essen nicht den Ellbogen und Unterarm vor dem Teller aufzustützen: Wir sind keine Bauern. Wenn man es bei anderen sieht, steht das Gespenst daneben und sagt: Was für ein Pöbel. Die komplizierten Umgangsformen von Adel und Queen, Sitte und Etikette, sind die Steigerung davon. | |||
:'''Das Wort.''' Flegel hieß ursprünglich das Werkzeug zum Dreschen. Im 16. Jahrhundert wurde daraus der „Bauer, Grobian“, später „Mensch ohne Takt und Manieren, Lümmel“ (Pfeifer). | |||
:'''Offen.''' Was sich in ihm gegen Belehrung wehrt, ist ungeklärt. Naheliegend sind der Stammesbruder, der die eigene Art verteidigt, und der Trotz gegen das Herabsehen. Die Belehrung ist nicht der Trigger des Flegels, denn ein Trigger weckt einen Dämon, der Hunger hat. Sie kann aber den Trotz wecken. | |||
== Trotz == | == Trotz == | ||
Version vom 21. Oktober 2026, 14:54 Uhr
Sammlung der Wesen, Wesen, die noch keinen Ort im Stammbaum haben.
Wesen 1: Raubtier – Wüterich · Wesen 2: Raubtier – Vampir · Wesen 3: Beutetier · Wesen 4: Leib, Nest und Lust · Noch ohne Ort
- Die Wesen sind in starker Ausprägung beschrieben; die meisten sind in allen Menschen vorhanden oder abrufbar (siehe Grundlagen).
Heuchler
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Beschreibung:
Nachtragender
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Beschreibung:
Spendabel
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Beschreibung:
Kamerad
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Beschreibung:
Mitleid
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Beschreibung:
Narzist
- Dasselbe Wesen wie die Hexe, eine andere Ausprägung. Die Hexe legt die Betonung auf die Behexung von anderen, der Narzist mehr auf: Ich muss im Mittelpunkt stehen.
- Beschreibung: siehe Hexe.
Vasall
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Verwandt: Narzist, Geltung
- Hunger: Teilhabe an der Macht.
- Gegenspieler: die Souveränität (siehe Schmarotzer).
- Beschreibung:
Er schmeichelt nicht, weil er bewundert, sondern weil er an der Macht teilhaben will. Er lobt immer nach oben. Er folgt nur so lange, wie die Macht da ist. Das unterscheidet ihn vom Fan, der den Menschen selbst verehrt, und von Wuff Wuff, der um Anerkennung für sich selbst bettelt. Der Vasall gibt Anerkennung und bekommt Macht dafür.
- Am Hof. Der Senator Lindsey Graham nannte Donald Trump im Februar 2016 „a kook“, „crazy“ und „unfit for office“. Im Mai 2016 schrieb er: „If we nominate Trump, we will get destroyed.......and we will deserve it.“ Nach der Wahl wurde er einer von Trumps treuesten Verbündeten.
- Theophrast hat ihn um 319 vor Christus als den Schmeichler beschrieben: Er geht mit seinem Gönner spazieren und sagt: „Sieh nur, wie die Leute dich anschauen!“ Er zupft ihm einen Fussel vom Mantel. Wenn der Gönner spricht, bringt er die anderen zum Schweigen und ruft als Erster „Bravo!“. Über einen abgestandenen Witz lacht er, bis er sich den Ärmel in den Mund stopft. Kauft der Gönner Schuhe, sagt er: „Der Fuß ist schöner als der Schuh.“
- Nietzsche nennt unter dem, was die vornehme Art verachtet, „der bettelnde Schmeichler“ (Jenseits von Gut und Böse 260).
Schmarotzer
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Verwandt: Lästerer, Täuscher, Geltung
- Hunger: Geltung, und den eigenen Vorteil.
- Gegenspieler: die Souveränität. Ehre, Aufrichtigkeit, Wahrheit, direkt sein. Über andere lästert man nicht, außer über das, was wirklich falsch ist (siehe Achtung, Stolz). Nietzsche zählt zu dem, was die vornehme Art verachtet, „der bettelnde Schmeichler, vor Allem der Lügner“, und: „"Wir Wahrhaftigen" - so nannten sich im alten Griechenland die Adeligen.“ (Jenseits von Gut und Böse 260.)
- Beschreibung:
Er nimmt und gibt nicht. Man gibt ihm, aber wenn man selbst etwas will, passiert nichts. Dazu lästert er über andere, die gerade nicht anwesend sind. Beides gehört zusammen.
Dahinter steht das Bedürfnis nach Geltung. Er weiß eigentlich, dass er nicht so gut ist, und das schmerzt. Diese Minderwertigkeitsgefühle muss er ausblenden, durch Lügen. Indem er andere kleiner macht, steht er selbst größer da. In der Gruppe kommt kaum jemand mit ihm aus, und keiner mag ihn.
- Theophrast hat ihn um 319 vor Christus in den Charakteren beschrieben, als den Unverschämten: Er bestiehlt einen Mann und kommt dann wieder, um sich bei ihm Geld zu leihen. Er nimmt Freunde ins Theater mit, zahlt seinen Anteil nicht und bringt am nächsten Tag noch seine Kinder und deren Lehrer mit. Er leiht sich beim Nachbarn Gerste und verlangt, dass man sie ihm nach Hause bringt. Auch bei Theophrast gehört das Lästern dazu: Er beschreibt einen, der Leuten ins Gesicht schmeichelt, über die er hinter ihrem Rücken herzieht, und bei dem die Geschäfte immer dann schlecht laufen, wenn ein Freund etwas leihen will.
Eingeschnappt
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Beschreibung:
Drama Queen/Heulsuse
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Beschreibung:
Flegel
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Verwandt: Stammesbruder, Trotz, Grober
- Hunger: offen.
- Trigger: offen.
- Bannung: offen.
- Beschreibung: Dem Flegel fehlt die Form. Umgangsformen sind anerzogen, oder es gibt eine Veranlagung, sie sich selbst anzueignen. Er hat sie nie gelernt. Das Fehlen ist kein Motiv, aber der Typus ist verbreitet. Dazu muss etwas da sein, das sich gegen Belehrung wehrt und abschottet.
- Bei Theophrast. Er heißt dort Ἀγροικία: „Boorishness is ignorance of good form.“ Der Bauer in der Stadt trinkt starken Wein und geht dann in die Volksversammlung, spricht laut und trägt Stiefel, die zu groß sind. Er staunt über einen Ochsen oder eine Ziege, nascht aus der Speisekammer und trinkt den Wein unverdünnt. In der Stadt fragt er jeden Vorübergehenden nach dem Preis für Häute und Speck und singt im Bad.
- Der Blick von oben. Wer die Form gelernt hat, trägt sie als Gespenst bei sich. Die Mutter hat einem beigebracht, beim Essen nicht den Ellbogen und Unterarm vor dem Teller aufzustützen: Wir sind keine Bauern. Wenn man es bei anderen sieht, steht das Gespenst daneben und sagt: Was für ein Pöbel. Die komplizierten Umgangsformen von Adel und Queen, Sitte und Etikette, sind die Steigerung davon.
- Das Wort. Flegel hieß ursprünglich das Werkzeug zum Dreschen. Im 16. Jahrhundert wurde daraus der „Bauer, Grobian“, später „Mensch ohne Takt und Manieren, Lümmel“ (Pfeifer).
- Offen. Was sich in ihm gegen Belehrung wehrt, ist ungeklärt. Naheliegend sind der Stammesbruder, der die eigene Art verteidigt, und der Trotz gegen das Herabsehen. Die Belehrung ist nicht der Trigger des Flegels, denn ein Trigger weckt einen Dämon, der Hunger hat. Sie kann aber den Trotz wecken.
Trotz
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Der Trotz hat seine eigene Dynamik.
- Verwandt: Verachtung, Rache
- Trigger: Druck, ein Befehl, oder unterschätzt werden: „Das schaffst du nie.“
- Bannung: offen.
- Beschreibung:
Das Kind stampft mit dem Fuß auf und sagt: „Jetzt erst recht.“ Je mehr man es drängt, desto fester steht es.
Der Trotz sagt: „Euch zeige ich es.“ Er bettelt nicht um Anerkennung wie Wuff Wuff. Er will das Weltbild derer umwerfen, die sich überlegen fühlen, ohne verstanden zu haben.
- Schopenhauer legte seine Vorlesung in Berlin absichtlich auf dieselbe Stunde wie Hegel. Zu Hegel kamen zweihundert Studenten, zu ihm fast keiner. Er schrieb trotzdem weiter, jahrzehntelang ohne Leser.
- Wegener: Die Geologen lachten über seine wandernden Kontinente. Er hielt fest. Dreißig Jahre nach seinem Tod bewies die Plattentektonik, dass er recht hatte.
Menschenfreund
- Stammbaum: noch ohne Ort
- Gemeint ist der soziale Menschenfreund.
- Verwandt: Beschützer, Tröster, Mitleid. Zu unterscheiden vom Moralisten.
- Entgleisung: das Helfersyndrom im engen Sinn. Es braucht den Hilflosen, um sich wertvoll zu fühlen, und wird unruhig, wenn der andere selbständig wird. Selten.
- Trigger: jemand in Not, ein Hilferuf.
- Bannung: offen.
- Beschreibung:
Gütige Menschenfreunde, die ungelogen Menschen Gutes tun wollen. Es gibt viele Ärzte und Pfleger, die es glücklich macht, anderen zu helfen.
Hunger: einem anderen helfen. Sättigung: Der Patient geht gesund nach Hause, und er freut sich.
Angelegt: Ein Erwachsener hängt Wäsche auf, lässt eine Klammer fallen und greift vergeblich danach. Ein anderthalbjähriges Kind krabbelt hin, hebt die Klammer auf und gibt sie ihm, ohne dass jemand es bittet oder lobt. Und in einem Versuch bekamen Leute morgens Geld, die einen sollten es für sich ausgeben, die anderen für jemand anderen. Am Abend waren die glücklicher, die es verschenkt hatten.
Henry Dunant geriet 1859 als Geschäftsreisender in die Schlacht von Solferino. Auf dem Schlachtfeld lagen Zehntausende Verwundete. Er organisierte Frauen aus den Dörfern, die sie versorgten, Freund und Feind gleich: „Tutti fratelli“, alle sind Brüder. Daraus wurde das Rote Kreuz. Dunant verarmte darüber und lebte zuletzt vergessen in einem Altersheim in der Schweiz. Dort erfuhr er, dass er 1901 den ersten Friedensnobelpreis bekam.
Drei verschiedene Wesen:
- Der Moralist braucht einen Schuldigen. Gibt es keinen, sucht er einen. Er stammt über Folterer, Piesacker und Hexe vom Vampir ab. Nietzsche: „Misstraut Allen, in welchen der Trieb zu strafen mächtig ist!“
- Der Menschenfreund braucht einen, der Hilfe braucht. Gibt es keinen, ist er zufrieden.
- Das Helfersyndrom im engen Sinn braucht den Hilflosen, um sich wertvoll zu fühlen. Wird der andere selbständig, wird es unruhig (Wolfgang Schmidbauer, Die hilflosen Helfer, 1977). Eine seltene Entgleisung des Menschenfreunds, wie der Messi beim Sammler.
Prüfstein: Was tut er, wenn niemand schuldig ist und niemand Hilfe braucht?